27. April 2006

Hostel

„Quen­tin Taran­tino prä­sen­tiert“. Das hat Gewicht im Geschäft mit den beweg­ten Bil­dern. Fast soviel wie einst in ande­ren Indus­trie­zwei­gen ein „Made In Ger­many“. Aber warum steht der Name des Man­nes für die beson­de­ren Kino­mo­mente nicht in der „Hostel“-Stablist? Ganz ein­fach: Weil er im Grunde fast nichts mit dem Scho­cker zu schaf­fen hat. Die­sem Eti­ket­ten­schwin­del und wei­te­ren PR-​​Lügen zum trotz lohnt den­noch ein Blick ins Innere des Schlachthauses.

Die Indus­trie und ihre Hel­fer ver­kau­fen uns für dumm. Es ist schon ein Dreis­tes jenen Namen, den nicht erst seit Bill’s Kill bekann­te­ren, fast fet­ter auf dem Kino­pla­kat pran­gen zu las­sen als den des Regis­seurs. Dabei hat Taran­tino noch nicht ein­mal mit­pro­du­ziert, geschweige denn insze­niert. Das war Eli Roth, „die Zukunft des Hor­ror­films“. Das wie­derum stammt tat­säch­lich von Taran­tino. Ist aber ebenso falsch. Wen­den wir uns also end­lich den Wahr­hei­ten zu.

Über die hohe Kunst des Quälens

Im Osten Euro­pas ist das Leben noch bil­lig. Nichts gibt es, das man mit Geld nicht kau­fen könnte. Die nach Aben­teuer gie­ren­den Ruck­sack­tou­ris­ten Pax­ton (Jay Her­n­an­dez), Josh (Derek Richard­son) und Oli (Eythor Gud­jons­son) müs­sen das schmerz­voll am eige­nen Leibe erfah­ren als sie schlecht bera­ten von Ams­ter­dam nach Bra­tis­lava rei­sen, um sich dort von wohl­fei­len Ludern ver­wöh­nen zu lassen.

Viel zu spät bemerkt das amerikanisch-​​isländische Trio, dass es mit dem Ein­che­cken im „Hos­tel“ zugleich sein Todes­ur­teil unter­schrie­ben hat. Die schein­bar Immer­lüs­ter­nen sind näm­lich in Wahr­heit bloße Lock­vö­gel, die ihre ahnungs­lo­sen Opfer mit fal­schen Ver­spre­chen ködern und direkt in die Arme bar­ba­ri­scher Schläch­ter trei­ben. Denn die Slo­wa­kei erfreut sich neben dem Sex einer wei­te­ren flo­rie­ren­den Körper-​​Subindustrie, wel­che sol­ven­ten Kun­den die hohe Kunst des Quä­lens feilbietet.

Tat­säch­lich dringt der Jung-​​Regisseur dabei in mensch­li­che Abgründe vor, die vie­les in den Schat­ten stel­len, was an Grau­sam­keit, Per­ver­sion und sons­ti­gem Ver­stö­ren­den bis­lang im Main­stream­kino gezeigt wurde; wenn­gleich ein­ge­fleischte Gen­re­fans den Hype vom angeb­lich bru­tals­ten Film, der je gedreht wurde, gemein­sam mit Lea­ther­face müde belä­cheln dür­fen. Gore? Gähn! Der anfäng­li­che Sex­kla­mauk kippt spät und für die zarte All­ge­mein­heit wohl den­noch recht hef­tig in ein sadis­ti­sches Ket­ten­sä­gen­ge­met­zel, das am Rande in guter Hor­ror­film­ma­nier noch bedingt auf Mora­li­schen macht: Der eine lässt’s eben im Bor­dell rich­ten, der nächste kauft sich das leben­dige Fleisch, um selbst Hand anzu­le­gen. Jedem die seine Befriedigung.

Gewal­tästhe­tik statt Pop­kul­tur und sprit­zi­gen Dialogen

Kranke Gesell­schaft. Dass es um jene nicht unbe­dingt gut bestellt ist, haben wir aber auch zuvor schon irgend­wie geahnt. Da ändert es auch nichts mehr, wenn die slo­wa­ki­sche Tou­ris­mus­be­hörde gegen den Film und seine wüste Dar­stel­lung von Land und Leu­ten pro­tes­tiert. Mit Recht, denn prü­gelnde Poli­zis­ten und ver­schro­bene Gestal­ten an jeder Ecke — wer will sich schon so dar­stel­len las­sen? Und wenn wir Deut­schen eigent­lich kei­nen Grund haben uns zu beschwe­ren, mag Regis­seur Roth (in der Ori­gi­nal­fas­sung) par­tout nicht ohne den Mengele-​​Verschnitt aus Bad Old Ger­many aus­kom­men. Oh Schläch­ter, mein schlech­ter… Der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land — und wird’s wohl auch immer bleiben.

Nein, hätte Quen­tin Taran­tino die­sen Film gedreht, das Ergeb­nis wäre ein ande­res, abge­fah­re­ne­res, bes­se­res. Am Dreh­buch mit­ge­ar­bei­tet haben soll er. So recht­fer­tigt sich näm­lich ein­zig seine „Prä­sen­ta­tion“. Allein das Feh­len von Pop­kul­turzi­ta­ten und intel­li­gen­ten Dia­lo­gen spre­chen aller­dings schon fast dafür, dass er wohl nur­mehr sei­nen Namen zu schnö­den Ver­mark­tungs­zwe­cken her­ge­ge­ben hat. Was (von ihm?) übrig bleibt, ist neben einem Hauch Revenge-​​Movie-​​Style zum Ende die bloße Gewal­tästhe­tik. Roh und blutig.