Ex-Steffi Karlsruhe„Wer kämpft kann ver­lie­ren, wer nicht kämpft, hat schon ver­lo­ren.“ Danke Bert für diese nicht nur in lin­ken Krei­sen und seit ges­tern vor­nehm­lich dort wie­der gern stra­pa­zierte Parole. Karls­ruhe hat für Amt­lich­keit gesorgt und die Ver­gan­gen­heits­form ist Gegen­wart für die Stef­fia­ner, wel­che erst viel, viel zu spät die Zei­chen der Zeit erkannt und für ihre Sache wirk­lich zu kämp­fen begon­nen haben.

Wobei Kampf in einer moder­nen Medi­en­de­mo­kra­tie — das sei ein­ge­räumt — nun mal nicht unbe­dingt etwas mit tät­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu tun haben muss. So oder so, die Bewoh­ner der Ex-​​Steffi haben ihre Behau­sung ver­lo­ren. Ein her­ber Ver­lust für Karls­ruhe; (noch) nüch­tern festgestellt.

Mit all­dem kon­form gehen, was da in Ste­pha­nien– und Schwarz­wald­straße die ver­gan­ge­nen 16 Jahre vor sich ging, muss man sicher­lich nicht — ganz gleich ob tief­schwarz oder Links­au­ßen. Nur zu gerne schießt der Theo­re­ti­ker übers Ziel hin­aus und der Akti­vist tut’s ihm ohne Skru­pel gleich. Aber bleibt Stef­fia­nern wie lin­ken Sym­pa­thi­san­ten und sons­ti­gen Befür­wor­tern des alter­na­ti­ven Karls­ru­her Wohn­pro­jekts doch zugute zu hal­ten, dass Min­der­hei­ten nun­mal auch mit über­zo­gen kon­trä­ren (Lebens-)Haltungen zutage tre­ten müs­sen, wol­len sie denn über­haupt wahr­ge­nom­men werden.

Ein her­ber Ver­lust, der schmerzt

Und wer nun auf­schreit, ob dies nun etwa eine Legi­ti­ma­tion für sämt­li­che Geg­ner unse­rer schön­be­schau­li­chen Demo­kra­tie dar­stel­len solle, hat schlicht noch nichts ver­stan­den. Wel­che Gefahr ter­ro­ri­siert uns denn heute noch von links? Die phy­si­sche Gewalt und die wirk­li­che Bedro­hung eines fried­li­chen Mit­ein­an­ders kommt aus dem gegen­über­lie­gen­den Lager. Hier muss end­lich mit Nach­druck und Steu­er­gel­dern poli­tisch ange­setzt wer­den. Dass das, was die noto­ri­schen roten Welt­ver­bes­se­rer in gar nicht sel­ten unglaub­li­cher Bor­niert­heit teil­weise ein­for­dern, am Ende der Königs­weg ebenso nicht sein kann, steht außer Frage; tut aber — lie­bes Volk, mal Hand aufs Herz — längst kei­nem mehr wirk­lich weh.

Die­ser Ver­lust hin­ge­gen schmerzt. Die Szene — und nicht nur diese — ver­liert nach dem Auto­no­men Zen­trum Hei­del­berg ein wei­te­res Herz­stück, poli­tisch wie kul­tu­rell. Aber warum wurde die Suche nach Alter­na­ti­ven nicht frü­her und mit mehr Vehe­menz for­ciert? Es ist frei­lich obso­let, dies heute zu fra­gen; zu fra­gen, warum erst fünf nach zwölf end­lich Bewe­gung in die Ange­le­gen­heit gekom­men ist, die Stadt in Per­son von Sozi­al­bür­ger­meis­ter Harald Den­ecken nach den (wohl­ge­merkt von Steffi-​​Seiten) abge­bro­che­nen Ver­hand­lun­gen nicht viel frü­her wie­der kon­sul­tiert wurde.

Der Bruch zwi­schen Haus und Szene — Anfang vom Ende?

Fest­zu­hal­ten bleibt auch: Nur gemein­sam ist man stark, und wer es sich im eige­nen Lager (zumin­dest zeit­wei­lig) ver­scherzt, steht ganz schnell auf ver­lo­re­nem Pos­ten. Mag es noch so hoch­gra­dig albern erschei­nen, wenn der Ver­ein Selbst­be­stimmt Leben allzu hehre kul­tu­relle Ansprü­che in der Fächer­stadt gel­tend machen möchte, zu fei­ern ver­stand man es in der Ex-​​Steffi! Doch immer mehr wurde nur noch mit­ge­fei­ert statt selbst zu laden, nur noch mit­de­mons­triert statt selbst anzu­mel­den. Die größ­ten, finan­zi­ell erschwing­lichs­ten und mit sub­jek­ti­vem Ver­laub auch bes­ten Par­tys der ver­gan­ge­nen zwei Jahre wie etwa die „Ein­heiz­feier“ waren meist von der Roten Antifa Karls­ruhe (RAK) respek­tive der ihr nach­fol­gen­den Orga­ni­sier­ten Lin­ken initiiert.

Die ver­kauf­ten Getränke jedoch flos­sen in Form har­ter Euros ins Haus­sä­ckel der Ex-​​Steffi. Dank­bar ange­nom­men. Doch immer sel­te­ner wurde diese Art der Soli­da­ri­tät. Es macht sich bei den ein­ge­fleisch­ten Anhän­gern der Ex-​​Steffi Frust breit, wenn einer der größ­ten Mit­strei­ter zum Allein­un­ter­hal­ter wird, wie zum Jah­res­wech­sel 2002 etwa, als die dama­lige RAK eine Silvester-​​Demo pro Ex-​​Steffi ins Leben ruft und kei­ner aus dem Haus es für not­wen­dig befin­det, Prä­senz zu zei­gen. Nur ein Bei­spiel unter vie­len, aber für nicht wenige der Bruch zwi­schen Haus und Szene.

Doch die meis­ten derer, die zu den Beset­zern aus Stephanienstraßen-​​Zeiten gehör­ten, ver­lie­ßen ihr Her­zens­pro­jekt ohne­hin im Spät­som­mer 2003. Schon damals war die Situa­tion ähn­lich pre­kär wie in die­sem Früh­jahr, eine Räu­mungs­klage mit allen zer­stö­re­ri­schen Kon­se­quen­zen wahr­schein­lich. Man einigte sich wider Erwar­ten vor dem Land­ge­richt: Ver­län­ge­rung bis 31. Januar 2006. Und was ist seit­her pas­siert? Nicht mehr viel. Oder sagen wir: schlicht zu wenig. Dass so lange fast nichts vor­an­ging in Sachen Suche nach einem Ersatz­ob­jekt, spricht Bände.

Ein quietsch­bun­ter Son­nen­strahl im Stadt­fä­cher verglimmt

Man genoss zwi­schen damals und heute — ein wenig zuge­spitzt for­mu­liert, aber die Wahr­heit in Sicht­weite — über weite Stre­cken nur noch das güns­tige Leben, bekam poli­tisch (und man möge es dem ein oder ande­ren unter­stel­len: auch sonst) nicht mehr son­der­lich viel auf die Reihe; wenn­gleich — und auch das muss end­lich ein­mal gesagt wer­den — bei wei­tem nicht nur „Assis“ und „Zecken“, wie so gerne von der ach so libe­ra­len Gesell­schaft vor­schnell gepö­belt wird, in den teil­weise sehr schick her­ge­rich­te­ten Mau­ern der eins­ti­gen Bahn­hofs­kan­tine leb­ten und ver­kehr­ten. Es ist schon erstaun­lich und lei­der nur allzu typisch (deutsch?), dass gerade jener Schlag Bür­ger, der noch nie einen Fuß über die Steffi-​​Schwelle gesetzt hat, am ehes­ten wet­tert und heuer am lau­tes­ten jubiliert.

Doch dazu besteht kei­ner­lei Anlass. Keine Ex-​​Steffi — das heißt eine ent­schei­dende Anlauf­stelle weni­ger für poli­ti­sche Grup­pen, vor­bei mit Volks­kü­che und Info­la­den, weni­ger Kon­zerte und Par­tys abseits des Main­stream — ein quietsch­bun­ter Son­nen­strahl im Stadt­fä­cher ver­glimmt. Ohne Not. Der Mythos Time-​​Park auf dem „Filet­stück der Stadt“ ist alles andere als eine Frage der Zeit, und doch steht der Abriss­bag­ger schon bereit.

Ob er inmit­ten der Karls­ru­her Kul­tur­oase noch viel Arbeit zu ver­rich­ten hat, darf indes bezwei­felt wer­den. Denn die Bau­sub­stanz des Objekts Schwarz­wald­straße 79 ist mehr als bedenk­lich. Da wur­den über die Jahre unge­ach­tet aller Sta­tik fröh­lich Räume erwei­tert, Zwi­schen­wände ein­ge­ris­sen, dass einem ob so man­cher Schief­lage bei gro­ßen Fes­ti­vi­tä­ten und meh­re­ren 100 Besu­chern schon Angst und Bange um Leib und Leben wer­den konnte.

Die Poli­tik bedau­ert — und geht zur Tages­ord­nung über

Doch nur zu all­ge­gen­wär­tig ist die Ver­gan­gen­heits­form hin­term Haupt­bahn­hof. Wer kämpft kann ver­lie­ren, aber wer zu spät in die Gänge kommt, den bestraft nun­mal die Stadt­ver­wal­tung. Aus den roten und grü­nen Lagern im Rat­haus bleibt der Ex-​​Steffi wohl nicht mehr als ein kur­zes „Bedau­ern der Ent­wick­lun­gen“. Die Tages­ord­nung wird schon bald wie­der rufen.

Aber es ist mit­nich­ten der rich­tige Zeit­punkt für Was-​​wäre-​​wenn-​​Diskussionen und schon gar nicht für neun­mal­kluge Bes­ser­wis­se­rei oder Schuld­zu­wei­sun­gen im Nach­hin­ein. Die Ex-​​Steffi ist geräumt, und das ist ein her­ber Ver­lust: für die Szene, für Karls­ruhe, für die Region, für die Men­schen. Denn linke Sub­kul­tur hat ihre Daseins­be­rech­ti­gung — in der Kuß­maul­straße oder sonstwo. Daran ändert auch eine amt­li­che Räu­mung nichts.