11. Mai 2006
Helden 06
„Titan, Titan… Ohne Abwehr ist nix mit Titan.“ Nun ist die Abwehr bei der anstehenden Fußballweltmeisterschaft ohne Titanen und Mad Jens darf’s richten. Ob’s dennoch zum vierten Titel reicht? Schön wär’s — wenn’s denn so käme wie im Lego-Animationsfilm „Helden 06″ (Kurtsfilme/Eurovideo). Dort gelingt Michael Ballack und Kollegen am 9. Juli das Wunder von Ber(li)n. Auch mit Mitte 20 haben diese Buben den Spaß am Spiel nicht verloren. Und es kam, wie es eben manchmal kommen kann: Überraschungserfolg!
Vor gut zwei Jahren sorgten die beiden Oberderdinger Florian Plag und Martin Seibert und Kommilitone Ingo Steidl mit ihren Lego-„Helden von Bern“ für mächtig Furore im gesamten Bundesgebiet. Dies ebnete dem Kurzfilm schließlich den Weg in über 60 Kinos, wo der Lego-Boss samt Original-Kommentar von Herbert Zimmermann als Vorfilm zu Sönke Wortmanns „Wunder von Bern“ einlochen durfte. Aber genug der Retro, heuer geht der Blick in die (ganz nahe) Zukunft: Am Ende ihres Studiums an der Fachhochschule Offenburg kehrt das um Daniel Müller erweiterte Trio nun zurück zu den Anfängen und drehte als Diplomarbeit einen weiteren Bauklötzchen-Film-Kick um die „Helden 06″.
Dort müssen sich jene, die den Adler tragen, im vorweggenommenen WM-Finale mit einer Allstar-Mannschaft messen, welche der Welt beste Kicker in ihren Reihen weiß: Zinedine Zidane, David Beckham, Roberto Carlos, Edgar Davids, Gianluigi Buffon oder Ronaldinho zeigen unter Anleitung von Trainer Giovanni Trapattoni ihr ganzes Können auf dem grünen Lego-Rasen. Die gelb-kantige Mär vom vierten WM-Titel für Deutschland wurde einmal mehr mit viel Fingerspitzengefühl in aufwändiger Stop-Motion-Technik animiert.
Klick! Alle Mann in die nächste Einstellung. Klick! Und so weiter und so weiter. Eine Stunde „Drehzeit“ ergibt dabei etwa eine Sekunde Film, die wiederum aus sechs Bildern besteht. Und das aneinandergereihte Ergebnis hat das letzte Quäntchen Studenten-Projekt-Flair verloren: So ersetzt eine Spiegelreflex die Mini-DV, die Spielszenen sind diesmal veredelt durch imposante Kamerafahrten mittels Motion-Control-Roboter und das gesamte Lego-Stadion ist bis ins allerletzte Detail liebevoll ausgestaltet.
Aufgelockert wird der 15-minütige Kick durch den ein oder anderen ironischen Zwischenton von „Hurra Deutschland“-Stimmenimitator Hans-Jürgen Schupp. So etwa wenn Rudi Völler und Dutz-Freund Waldemar Hartmann gemeinsam ein Weizen heben, der Delling in der Halbzeit seinen Netzer foppt und umgekehrt, zu Heino und Boris Becker auf die VIP-Tribüne geschwenkt wird, Klinsi vor lauter Groll wieder mal in die Tonne treten muss oder DFB-Obersüffel Mayer-Vorfelder nicht nur vor Begeisterung übers Geschehen auf dem Platz vom Sitz kippt.
Und wo Lego nicht weiter weiß, wird improvisiert. So entstanden nicht nur farbige Spieler wie Gerald Asamoah und Ronaldinho, sondern auch der der wohlbeleibte Reiner Calmund; und mit ein wenig Knete an den richtigen Stellen kann man auch mal einen Flitzer übers Spielfeld schicken. Doch nicht überall wo die Masse im Film zum Einsatz kam, ist sie auch so gut zu sehen.
Mit Knet fixiert und hernach wieder herausretouchiert — so entstanden auch die richtig spektakulären Szenen des Films, wie Olli Kahns Flugeinlagen oder der siegbringende Fallrückzieher von Lukas Podolski. Ach ja, unser Titan… Bei den „Helden 06″ ist die Welt halt noch in Ordnung. Für die Weltmeisterschaft wenden wir uns am besten weniger wackligen Fußballphilosophien zu und hoffen schlicht, dass er’s seinem Legomann gleichtun möge. „Doppelpass alleine? Vergiß es!“ Richtig, liebster Poldi — Kick It Like Lego!
