Schade eigent­lich. Das Kino­jahr 2006 hat noch nicht ein­mal rich­tig Halb­zeit, da soll es mit der Ver­fil­mung der hef­tig dis­ku­tier­ten Ver­schwö­rungs­ge­schichte „Sakri­leg“ sei­nen Höhe­punkt auch schon wie­der hin­ter sich gelas­sen haben. So will man uns jeden­falls glau­ben machen. Doch gott­sei­dank muss ein Bestseller-​​Roman wie jener von Dan Brown nicht zwangs­läu­fig ob der blo­ßen (aber, dies sei vor­weg­ge­nom­men, durch­aus gelun­ge­nen) Adap­tion sein cine­as­ti­sches Pen­dant gefun­den haben.

Schwä­chen kaschie­ren und aus Stär­ken maxi­ma­les Kapi­tal schla­gen, das ist die Auto­ren­ma­xime des Dan Brown. „Scharf anti-​​christlich, vol­ler Ver­leum­dun­gen, Belei­di­gun­gen und his­to­ri­scher sowie theo­lo­gi­scher Feh­ler in Bezug auf Jesus und das Evan­ge­lium“ nennt es die katho­li­sche Kir­che, wel­che sich mit die­sen unbe­dach­ten Aus­sa­gen unfrei­wil­lig zum bes­ten Pro­mo­ter der teils durch­aus schlüs­si­gen Ver­schwö­rungs­theo­rien auf­ge­schwun­gen hat.

Der ame­ri­ka­ni­sche „Sakrileg“-Regisseur Ron Howard zeigt sich in sei­ner Sicht auf den „Da Vinci Code“ indes weni­ger fas­zi­niert von der ach so ket­ze­ri­schen Behaup­tung, der ver­meint­li­che Sohn Got­tes, ein Mensch wie du und ich, hätte ein Kind gezeugt, und der Hei­lige Gral sei nicht etwa das Trink­ge­fäß, wel­ches ein Indiana Jones noch auf sei­nem bis­lang „Letz­ten Kreuz­zug“ ent­deckt hat, son­dern der Schoß von Maria Mag­da­lena. Viel­mehr sind’s die euro­päi­schen Schau­plätze, die in Form von Sets am und im Pari­ser Lou­vre oder der Temple Church zu Lon­don Ein­zug in die mil­lio­nen­schwere Hollywood-​​Produktion hal­ten dürfen.

Ron Howard nutzt das enorme Unterhaltungspotenzial

Der Zusam­men­hang zwi­schen katho­li­scher Kir­che und der sek­ten­ar­ti­gen Orga­ni­sa­tion Opus Dei wird zwar auch im Film als mehr oder min­der Tat­sa­che dar­ge­stellt, die Brown­sche Mis­sio­nie­rung des Rezi­pi­en­ten fällt jedoch ungleich schwä­cher aus. Howard nutzt im Grunde ledig­lich das enorme Unter­hal­tungs­po­ten­zial der Geschichte. Die ist ange­sichts der Hand­lungs­dichte im Grunde unver­film­bar und der Regis­seur lie­fert den Beleg. Selbst im Laufe von zwei­ein­halb Stun­den, die trotz eini­ger inhalt­li­cher Abwand­lun­gen den Roman in Stil wie Tempo eini­ger­ma­ßen adäquat wie­der­ge­ben, gelingt es nicht annä­hernd, des­sen Tiefe auch nur anzudeuten.

Wo Brown seine Geschichte noch über Sei­ten hin­weg mit (unab­ding­ba­ren) Details und Hin­ter­grün­den aus­schmückt (allen voran jene zum Ver­schwö­rungs­theo­rie tra­gen­den Geheim­bund Prieuré de Sion, von dem Brown hart­nä­ckig behaup­tet, er wäre im Jahr 1099 gegrün­det und nicht erst im 20. Jahr­hun­dert von einem fran­zö­si­schen Geschichts­fäl­scher erfun­den wor­den), klatscht Howard dem Zuschauer zweid­rei zunächst völ­lig inhalts­lose Stich­worte hin, die der im bes­ten Falle noch durch einen Fünf-​​Sätze-​​Crash-​​Kurs erläu­tert bekommt.

Die lite­ra­ri­sche Schatz­su­che als cine­as­ti­sche Schnitzeljagd

Wer nicht zu den 40 Mil­lio­nen gehört, die das Werk in Buch­form ver­schlun­gen haben oder sich zumin­dest einen reli­gi­ons­wis­sen­schaft­li­chen Lai­en­wis­sens rühmt, wird nur mit den aller­wich­tigs­ten Infor­ma­ti­ons­schnip­seln ver­sorgt und dürfte im Laufe des Code­kna­ckens um Leo­nardo Da Vin­cis berühmte Gemälde hie und da doch ein wenig rat­los zurück­blei­ben — wäh­rend die Geschichte ohne Unter­lass weiterrast.

Nur all zu ober­fläch­lich bleibt damit auch jene der Roman-​​Figuren, deren Hin­ter­grund ebenso not­dürf­tig wie zwangs­läu­fig in sekun­den­knappe, grau­blau ver­wa­schene Flash­backs ein­ge­floch­ten bleibt und die ihre zwei­fel­los vor­han­dene cha­ris­ma­ti­sche Anzie­hungs­kraft gar nicht sel­ten allein aus der erst­klas­si­gen und gut gewähl­ten Beset­zungs­liste bezie­hen — ange­fan­gen beim Harvard-​​Symbologen Robert Lang­don (Tom Hanks) und Polizei-​​Kryptografin Sophie Neveu (Audrey Tatou) als dem Inbe­griff der Keusch­heit mit einem auf Film­länge nur noch ner­vi­gem „fros­ö­sisch Okso“, die beide vom undurch­sich­ti­gen Inspek­tor Fache (Jean Reno) gejagt wer­den; Ian McKel­len als Roman-​​Schlüsselfigur Leigh Teabing über den Schwei­zer Bank­di­rek­tor André Ver­net (Jür­gen Proch­now) bis hin zu Opus Dei-​​Bischof Arin­ga­rosa (Alfred Molina) und sei­nem gött­lich Werk­zeug Paul Bet­tany in der beängs­ti­gend gespiel­ten Rolle des Mön­ches Silas.

Die lite­ra­ri­sche Schatz­su­che kommt am Ende über eine cine­as­ti­sche Schnit­zel­jagd nicht hin­aus und wir dür­fen uns den­noch in jeder Hin­sicht freuen: Zuvor­derst über das aber­ma­lige Kon­tra, wel­ches die gesell­schaft­lich legi­ti­mierte Sekte namens Kir­che erfährt, die über Jahr­hun­derte in Namen und Auf­trag des Herrn gemeu­chelt und gemor­det hat; und die 148 Minu­ten über­durch­schnitt­li­chen Kinothrill natür­lich, mit wohl­ge­merkt jeder Menge Luft nach oben. Wobei letz­te­rer viel­leicht der schönste Aspekt am „Da Vinci Code“ ist. Denn den heil­gen Gral auf der Lein­wand suchen wir nach wie vor, das Kino­jahr ist mit­nich­ten gelau­fen — und so schade ist das doch eigent­lich gar nicht.