Billy Talent - "Billy Talent II"So wird das gespielt, denn „This Is How It Goes“! Mit unbän­di­ger Ener­gie, Wahnsinns-​​Harmonien und unge­bro­che­nem Wil­len zum Tempo peitsch­ten die Kana­dier Billy Talent vor drei Jah­ren durch ein Debüt, das als die bemer­kens­wer­teste Alternative-​​Punk-​​Scheibe der jün­ge­ren Zeit gel­ten darf. Sze­ne­über­grei­fen­der Lob­hu­del, Kon­sens­platte 2003. Schon vor Mona­ten spür­ten eif­rige Natu­ren die erste Demo­ver­sion namens „Red Flag“ im Netz auf — ein Heiß­ma­cher wie er bes­ser nicht sein könnte! Jetzt steht also seit kur­zem auch end­lich der liebe Rest von „Billy Talent II“ (Atlan­tic Records/​War­ner Music) in den Plattenläden.

Und es ist genau jener zutiefst har­mo­ni­sche Auf-​​die-​​Zwölf-​​Sound, der schon den Vor­gän­ger zur geball­ten Faust im Gehör­gang wer­den ließ: Kil­ler­me­lo­dien, Stakkato-​​Riffs, harte, hook­rei­che, tight arran­gierte Songs und doch immer leicht ange­schrägt, zu einer chro­nisch ver­schnupf­ten Stimme im zügel­lo­sen Wech­sel von wüs­tem, schril­lem Shouting und — na, nen­nen wir’s wohl­wol­lend Gesang. Und hier liegt der kleine Unter­schied: Dazu gewon­nen hat klar die Stimm­ge­walt von Sän­ger Ben­ja­min Kowa­le­wicz, der zu einem ech­ten Punkrock-​​Crooner gereift ist!

Denn er tut nun das, was einen Sän­ger aus­zeich­net: Er singt schlicht wesent­lich mehr als noch auf dem ers­ten Album. Dort war er vor­nehm­lich eines: Very, very angry! Jetzt passt er die rich­ti­gen Momente zum Aus­ras­ten ab. Auch wenn das Album wie der Vor­gän­ger nicht eine schwa­che Num­mer durch­schlep­pen muss, ist gestei­gerte Sou­ve­rä­ni­tät in Form noch fei­ner durch­for­mu­lier­ter Song­struk­tu­ren und Sound­lay­ers aus­zu­ma­chen, die bei­nahe schon am Art-​​Rock krat­zen: Das flott-​​eingängige „Per­fect World“ wird sei­nem titel­ge­ben­den Attri­but ziem­lich gerecht und doch bleibt die „Red Flag“ auch in leicht abge­schwäch­ter Album­fas­sung der Punkrock-​​Ohrwurm des WM-​​Sommers!

„Billy Talent II“ prägt eine über die zwölf Songs betrach­tet zutiefst aus­ge­wo­gene Balance zwi­schen ein­fa­chen, hart-​​düsteren Bre­chern („Devil In A Mid­night Mass“), melo­di­schen Ohr­wür­mern („Where Is The Line“) und kom­ple­xe­ren, mit­un­ter auch sehr offen­her­zi­gen, ver­letz­li­chen Songs („Sur­ren­der“). Was allen­falls ein wenig abgeht, ist die aller­letzte Bra­chi­al­ge­walt im Stile von „Voices Of Vio­lence“, und schon zur Jah­res­mitte darf man unken: Kon­sens­platte 2006.

Doch „Try Honesty“; und das fällt nicht leicht. Denn vom Insi­der­tipp haben sich Billy Talent, die übri­gens nach der Haupt­fi­gur aus dem Film „Hard Core Logo“ benannt sind, mit der römi­schen Zwei end­gül­tig ver­ab­schie­det. Der den pries­ter­li­chen Kin­des­miss­brauch the­ma­ti­sie­rende „Devil In A Mid­night Mass“ pre­digt samt auge­zeich­ne­tem Video längst in sämt­li­chen Musik­sen­dern; Kowa­le­wicz, Gitar­rist und Songwriter-​​Kopf Ian D’Sa, Bas­ser Jon Gallant und Schlag­zeu­ger Aaron Solo­wo­niuk sind auf dem Weg zum Everbody’s Dar­ling samt „Bravo“-Starschnitt. So ergeht’s im MTV-​​Zeitalter der eini­ger­ma­ßen mas­sen­taug­li­chen Maß­ar­beit, das ist nichts Neues und im leid­vol­len Geden­ken an Green Day. Denn auch „This Is How It Goes“.