Karls­ruhe — Wie viele Men­schen pas­sen eigent­lich auf eine 1,5 Kilo­me­ter lange und 300 Meter breite Flä­che? Mehr als man denkt. So viel steht fest. Wer ver­mag schon zu sagen, wel­che Unmenge sich am gest­ri­gen „Fest“-Samstag in die Günther-​​Klotz-​​Anlage gequetscht hat? Doch das mit gutem Grund: Head­li­ner Seeed, dazu als Appe­ti­zer den eng­li­schen Drum ‚n‘ Bass-​​Dreier Kos­heen. Ber­lin, Bris­tol und die Mas­sen, ver­eint im Bass, sor­gen für neue Super­la­tive in der „Fest“-Geschichte.

Rien ne va plus. Nichts geht mehr, weil mehr nicht geht. Um halb elf ent­schlie­ßen sich die „Fest“-Macher um Rolf Fluh­rer, die Tore am Haupt­ein­gang zu schlie­ßen. Die kri­ti­sche Masse ist längst erreicht, „die Sicher­heit der Besu­cher jedoch nicht gefähr­det“, wie beteu­ert wird. Doch schon lange Zeit vor­her deu­tet sich an: Die­ser „Fest“-Samstag wird ein denk­wür­di­ger wer­den. Der Grund dafür sind Seeed, das musi­ka­li­sche Ding der Stunde. Ihnen erging es 2003 ebenso wie vie­len, vie­len ande­ren Künst­lern — von New Model Army bis Faith­less — die auf der „Fest“-Musikbühne den ein­ma­li­gen Aus­blick auf einen mit Men­schen bepflanz­ten Hügel erle­ben durf­ten: Sie ver­ga­ßen ihn nimmermehr.

Diese Erin­ne­run­gen haben seit ges­tern eine neue, eine viel­leicht nicht für mög­lich geglaubte Qua­li­tät. Der Hügel bebt? Der Hügel lebt! Fast scheint er aus der Ent­fer­nung wie ein unde­fi­nier­ba­res, pul­sie­ren­des Etwas vom ande­ren Stern. Der „Bass, bäs­ser, am bäss­ten“ aus Ber­lin schafft diese Stim­mung, diese Atmo­sphäre, ein Gefühl der Ver­bun­den­heit; irgend­et­was sehr schwer zu grei­fen­des wabert da mit­samt dem Dampfhammer-​​Seeed-​​Sound durch die „Klotze“. Aber es ist da, spür­bar, die­ses innere Bro­deln, das nur ganz wenige Künst­ler freisetzen.

Zum „Auf­stehn“ muss da frei­lich nie­mand mehr ani­miert wer­den. „Shake Baby Shake“! Denn der Seeed-​​Sound ist Ganz­kör­per­mu­sik. Doch nicht nur in Sachen Büh­nen­per­for­mance ist das Top Of The Pops. Hügel und Rest­ge­lände neh­men Ener­gie wie Emo­tio­nen auf und reflek­tie­ren sie, einem Som­mer­son­nen­strahl gleich, der auf einen Spie­gel fällt: Er kann gar nicht anders.

Ange­fixt ist die Masse schon seit Stun­den. Vom vibrie­ren­den Bass aus Bris­tol näm­lich. Der hat zwar ein „e“ weni­ger, aber ver­gleicht man Erwar­tung und Ergeb­nis, dann sind Kos­heen viel­leicht die „Fest“-Überraschung bis dato. Ihr Anspruch: Drum ‚n‘ Bass in eine andere, offe­nere Rich­tung zu len­ken, mit Gesang zu ver­fei­nern, mit sou­li­gen Ele­men­ten und zuvor­derst dem Wil­len, ihre Musik auch live auf einer Bühne spie­len zu kön­nen. Und ihr Zugaben-​​Hit „Catch“ sagt alles — ein Kon­zept, das auch ges­tern Abend her­vor­ra­gend auf­ging. Maß­geb­li­chen Anteil daran hat Blick­fang Sian Evans, sweete wali­si­sche Front­frau in Optik wie Stimme.

Kos­heen kom­men natür­lich nicht von unge­fähr aus der ange­spro­che­nen eng­li­schen Uni­ver­si­täts– und Kul­tur­stadt. Schließ­lich war und ist dort das Epi­zen­trum der bri­ti­schen Elek­tro­nik­szene aus­zu­ma­chen, die aller­dings ver­stan­den hat, was künst­le­risch und kom­mer­zi­ell Erfolg­rei­ches pas­sie­ren kann, wenn sich Beats und Pop-​​Appeal gewinn­brin­gend ver­bin­den. Cola küsst Orange, Kos­heen schmie­gen sich ans „Fest“-Publikum und sind so idea­les Vor­spiel für die kapi­ta­len Platz­hir­sche aus Berlin.

Kett­car, Kos­heen — die „Fest“-Familie wächst lang­sam und bestän­dig. Apro­pos Fami­lie: Von zar­ten Ban­den hin zu fes­ten Bezie­hun­gen. Bis zu ihrem nächs­ten „Fest“-Gig wer­den hof­fent­lich auch Seeed mit­be­kom­men haben, dass sie ihr Karls­ru­her Publi­kum bes­ser nicht mit „Baden­ser“ anspre­chen soll­ten. Mal abge­se­hen von solch zu ver­nach­läs­si­gen­den Schön­heits­feh­lern: Erwar­tet hüb­sches Ding, die­ser Sams­tag super­la­tiv! Aber zu voll? Mag sein und trotz­dem: Voll „scho­enes“ „Das Fest“!