Karls­ruhe — „Der rock­mu­si­ka­li­sche ‚Fest‘-Höhe­punkt“ war es für Orga­ni­sa­tor Rolf Fluh­rer und sein „schwie­rigs­tes Boo­king“ über­haupt: Skin zum Abschluss am Sonn­tag­abend. Zuvor hatte die Ber­li­ner Dancehall-​​Kapelle Cul­cha Can­dela den Hügel mäch­tig ange­heizt; doch der Gig 2006 schlecht­hin ging an ganz ande­rer Stelle über die Bühne.

Im Zelt näm­lich. Dort spielt um halb zehn „Uruguay’s Most Famous Ska-​​Rock-​​Band“, und seit Ska-​​P der Musik­ge­schichte ange­hört die Könige des Latin-​​Ska: La Vela Puerca. Nicht umsonst sup­por­te­ten sie die Ärzte auf deren „Unrockstar“-Tour, wäh­rend die acht­köp­fige For­ma­tion in Süd­ame­rika längst Super­star­sta­tus erlangt hat; man füllt dort gar ganze Fuß­ball­sta­dien. In Karls­ruhe ist es vor­erst noch ein Zelt, doch das kocht bin­nen Minuten.

Es sind die La Vela Puerca so eige­nen Ohr­wurm­num­mern wie „El Viejo“, „Sin Pala­bras“, „De Atar“ oder „El Huracán“, wel­che ihr impo­san­tes Spiel aus­zeich­nen. Reg­gae, Cum­bia, Rag­ga­muf­fin, rockige Riffs und Punk fin­den Ein­zug in eine Musik, die eine sti­lis­ti­sche Viel­sei­tig­keit offen­bart, so typisch gerade für latein­ame­ri­ka­ni­sche Ska-​​Bands. Und das zeigt, wie viel tie­fer man dort mit den Wur­zeln der eige­nen Musik­tra­di­tio­nen ver­bun­den ist; vor allem wie viel ehr­li­cher man mit Folk­lore umzu­ge­hen weiß.

Musi­ka­lisch steht das für kritisch-​​pessimistische Lied­zei­len, umge­ben von heiter-​​wildem Ska. Mit Wut und Sar­kas­mus packen die bei­den Sebas­tiáns Tey­sera und Ceb­reiro ihren Ärger über Unge­rech­tig­keit und Miss­stände in Text und schleu­dern sodann ihre Worte mit zutiefst ein­gän­gi­gen Rhyth­men und mas­sig Ener­gie gen Publi­kum; vor­ge­tra­gen mit zwei Gitar­ren, Bass, Saxo­phon, tra­gen­der Trom­pete und einer schier unglaub­li­chen Spiel­freude, schlicht beseelt von süd­ame­ri­ka­ni­schem Temperament!

Da sitzt jede Har­mo­nie der­art, dass sie nur noch als Voll­en­dung bezeich­net wer­den kann. Zwi­schen ruhi­gen, teil­weise fast roman­ti­schen Parts, und lau­tem, aggres­si­vem Ska ent­wi­ckeln sich jene Span­nun­gen, die ihre Musik so gran­dios macht. Diese aus­ge­reifte Gruppe hat Headliner-​​Format — auf jeden Fall sind sie ein ganz hei­ßer Anwär­ter auf einen Musik­büh­nen­platz beim „Fest“ 2007!

Cul­cha Can­dela ist der schon ver­gönnt; zu Gast „In Da City Where The Party Always Gonna Rock On Cul­cha, Inna Suns­hiny Wea­t­her Where People Come Toge­ther“. Ange­tan sein darf man von Show wie Unbe­schwert­heit, und zwi­schen der „Next Gene­ra­tion“ und dem Vorabend-​​Headliner Seeed ist nicht mehr all zu viel Platz.

Auch wenn sie längst nicht deren Pro­mi­nenz inne­ha­ben, ist diese Ber­li­ner Mischung aus Reg­gae, Dance­hall, Salsa, Hip­Hop und Ragga auf Deutsch, Eng­lisch, Spa­nisch und Patois unter­legt mit fet­ten Beats, bass­las­ti­gen dicke-​​Hose-​​Rhymes und kri­ti­schen Stim­men ein ech­ter Hügel-​​Bringer; und der viel­fach bekun­dete „Respect!“ darf nach knapp zwei Stun­den Kon­zert post­wen­dend retour geschickt werden.

Der Top-​​Act des Abends heißt aber — Musik hin, Show her — Skin. Die ehe­ma­lige Front­frau der Brit-​​Rocker Skunk Anan­sie legt einen Sonntagabend-​​Gig hin, der sich gewa­schen hat. Mal abge­se­hen davon, dass ihre eige­nen Num­mern die nötige Klasse haben, um die Hügel-​​Bevölkerung noch ein­mal so rich­tig in posi­tive Auf­ruhr zu ver­set­zen, zeigt die agile Rock­röhre, wie man (musi­ka­li­sche) Ver­gan­gen­heit erfolg­reich ver­ar­bei­tet. Natür­lich war­ten die „Fest“-Besucher sehn­lichst auch auf die frü­he­ren Hits, denn wo Skin drauf­steht, muss auch (ein biss­chen) Skunk Anan­sie drin sein.

Und wie ele­gant wird diese ja nie unheikle Ange­le­gen­heit dann gelöst: „Weak“ und „Hedo­nism“ kom­men akus­tisch und gerade ein­mal halb so schnell wie gewohnt. Kur­zer Gefühl­scheck: Beson­de­rer „Fest“-Moment — Gän­se­haut — Inne­hal­ten. Als die Lady dann auch noch ein kur­zes Bad in der Menge nimmt, ist der Berg wie­der ein­mal ein­ge­nom­men und begeis­tert von einer Künst­le­rin, die einen sou­ve­rä­nen Schluss­punkt unter ein in jeder Hin­sicht über­zeu­gen­des Drei-​​Tages-​​Programm der Musik­bühne setzt.

Den Blick nach vorn und wer weiß, viel­leicht haben wir einen Haupt­act des 23. „Fests“ schon im Klein­for­mat genie­ßen dür­fen: Vor den Hügel mit La Vela Puerca! Denn diese tolle Truppe hat sich ihr Musik­büh­nen­ti­cket mit unbeschwert-​​sympathischer Leich­tig­keit erspielt. Von der Zelt– auf die Haupt­bühne — die eben­falls spa­nisch sin­gen­den Ampa­ra­noia haben es vor­ge­macht. Zu Kon­kre­tem lässt sich Rolf Fluh­rer (noch) nicht hin­rei­ßen: „Wir tes­ten ja immer mal wie­der Bands auf der Zelt­bühne, um sie dann ein Jahr spä­ter even­tu­ell auf der Musik­bühne zu prä­sen­tie­ren.“ „Hoert, hoert“…