12. Juli 2006

Poseidon

Ein sin­ken­der Luxus­li­ner und eine Story mit Tief­gang — welch tref­fend schö­nes Bild! Im Falle der „Oscar“-gekrönten „Höl­len­fahrt der Posei­don“ mit Gene Hack­man konnte man die­ses Wort­spiel noch bemü­hen. Für Wolf­gang Peter­sens Ver­sion der Schiffs­ka­ta­stro­phe hin­ge­gen, die kein Remake sei, wie der Regis­seur betont, son­dern ledig­lich von den 70ern inspi­riert, sind beide glatt abge­sof­fen — glaubt man den Kri­ti­ken aus Übersee.

Irgendwo auf dem Nord­at­lan­tik schip­pert die „Posei­don“ dem neuen Jahr ent­ge­gen; im pracht­vol­len Ball­saal spielt eine Band um die anbe­tungs­wür­dige Fer­gie von den Black Eyed Peas ihre Ver­sion von „Auld Lang Syne“ als auf der Brü­cke eine über 50 Meter hohe Mons­ter­welle erblickt wird. Zum Rea­gie­ren ist es längst zu spät; sie erfasst das ton­nen­schwere Schiff, bringt es bin­nen von Sekun­den zum Ken­tern. Im noch intak­ten Ball­saal indes haben einige 100 Men­schen über­lebt — nur befin­den sie sich jetzt weit unter­halb der Was­ser­li­nie: unten ist oben und oben ist unten. Der Kapi­tän besteht dar­auf zusam­men­zu­blei­ben bis Ret­tungs­mann­schaf­ten ein­tref­fen, doch Profi-​​Zocker Dylan Johns (Josh Lucas) nimmt sein Schick­sal lie­ber selbst in die Hand und will sich mit einer Gruppe (unter ande­rem Richard Drey­fuss, Emmy Ros­sum und Kurt Rus­sell) bis nach oben durchschlagen.

Ein Kata­stro­phen­klas­si­ker ver­kommt zum klas­si­schen Katastrophenfilm

Das Nass ist sein fil­mi­sches Ele­ment. Und lässt man den jüngs­ten Land­gang ein­mal außen vor und nimmt Peter­sens Zu-​​Wasser-​​Filme als Maß­stab, sind die nicht eben bes­ten Kri­ti­ken ein Stück weit nach­voll­zieh­bar. Der Star war die Mann­schaft, „Das Boot“ bis heute schlicht uner­reicht; „Der Sturm“ bot immer­hin noch einen auf, näm­lich den titel­ge­ben­den — und die „Posei­don“? Weder noch. Die sicher nicht eben bil­lig auf­ge­türmte Rie­sen­welle ist zwar ein effekt­vol­ler Hin­ku­cker, aber sie ist auch ein ziem­lich kur­zes Ver­gnü­gen. Ein Sekun­den­spek­ta­kel, das die­sen Film nicht zu tra­gen ver­mag, da müsste in Folge schon mehr kom­men. Tut es aber nicht.

Zu Beginn bemüht sich Peter­sen zwar (wenn auch reich­lich schein­hei­lig) seine Haupt­cha­rak­tere für den Zuschauer nach­zu­zeich­nen, legt dann aber nach ein paar lieb­los gehusch­ten Stri­chen viel zu flugs den Pin­sel zur Seite um Tempo zu machen. Genehm und wie denn auch anders bei gerade mal 99 Minu­ten Spiel­zeit? Der­art kon­zept­los wer­den seine Akteure denn im wei­te­ren Film zurück­zu­las­sen. Wo das Ori­gi­nal (das man guten Gewis­sens als sol­ches benen­nen darf, denn die Par­al­le­len sind über und über­deut­lich) mit kon­se­quen­tem 70er-​​Jahre-​​Hollywood-​​Style agiert, schwappt das Remake in farb­lo­sen Kata­stro­phen­kli­schees hin und her — ein Kata­stro­phen­klas­si­ker ver­kommt zum klas­si­schen Katastrophenfilm.

Zwi­schen Ori­gi­na­len und Katastrophenklischees

Bis hier­her könnte trotz­dem alles noch eini­ger­ma­ßen funk­tio­nie­ren. Fehlte es nicht zu guter Letzt trotz eini­ger weni­ger beklem­men­der Sze­nen (etwa jene mit dem ertrin­ken­den Kurt Rus­sell, der Atem­zug um Atem­zug Was­ser in seine Lun­gen pumpt und qual­voll ablebt) schlicht am Über­ra­schen­den, am Neuen. Peter­sen ist mut­los, wagt fast nichts, spu(e)lt sein halb­gar abge­kup­fer­tes Skript her­un­ter und Kön­ner wie Rus­sell oder Drey­fuss bewäl­ti­gen ihre Rol­len im Halb­schlaf bis man schließ­lich für einen Kata­stro­phen­film die­sen Aus­ma­ßes viel zu früh das ret­tende Ufer erreicht.

Für Tief­gang sorgt zwar ein­zig die „Posei­don“ als sol­che, aber glatt abge­sof­fen? Nein, trotz aller Lecks kann man Peter­sens Remake doch zumin­dest unter­halt­same Kurz­weil in eigent­lich jedem erdenk­li­chen Sinn des Wor­tes attes­tie­ren. Eine Bord­karte zu lösen muss also trotz aller Abers kein Feh­ler sein — vor­aus­ge­setzt man hat neben einer Tüte Pop­corn und dem Becher Coke auch die rich­tige Erwar­tungs­hal­tung mit in den Kino­saal gebracht.