Kante - "Die Tiere sind unruhig"„Die Tiere sind unru­hig, die Kin­der ner­vös. Der Him­mel ist fle­ckig, die Wol­ken mons­trös. Ein Sturm ist im Kom­men, es könnte jeden Moment pas­sie­ren.“ Und was Wun­der bei einer Band, die weit mehr ist als die Summe die­ser vier Attri­bute. Nun sind sie mit ihrem neuen Song samt Platte und einem Cover mit unzwei­fel­haf­tem Revolution-​​Schick auf dem Markt: Die Ham­bur­ger Indie-​​Perfektionisten von Kante.

Und der nur wenige Tage alte Neu­ling „Die Tiere sind unru­hig“ (Labels/​EMI) ent­hält wie­der­mal wenig Stü­cke; sie­ben an der Zahl, doch die sind alle­samt gleich wie­der­mal zwi­schen sechs und zehn for­ma­tra­dioun­taug­li­che Minu­ten lang. So ist’s recht. Nach dem durch­dach­ten, teils wie­der jaz­zig ver­bla­se­nen, aber mit „War­mer Abend“, „Im Inne­ren der Stadt“ und dem famo­sem Titeltrack bestück­ten Vor­gän­ger „Zombi“ hiel­ten wir im Atem inne. So klingt Musikgeschichte.

Und jetzt tief Luft holen, denn Kante schei­nen etwas abge­rückt vom über­kan­di­del­ten „Diese Platte muss ein Meis­ter­werk für die Ewig­keit werden“-Gedanken, der sich gerade in der Han­se­stadt mög­li­cher­weise einer gewis­sen Beliebt­heit erfreut; und bewe­gen sich den­noch im deutsch­spra­chi­gen Bereich wei­ter­hin in ihrer ganz eige­nen Liga. Wer kann es sich schon leis­ten, ein musi­ka­li­sches Meis­ter­werk wie „Am Rand der Nacht“ ein­zig auf Vinyl­sin­gle mit exklu­si­ver B-​​Seite zu ver­öf­fent­li­chen? Aber das wis­sen wir schon seit dem 97er Werk „Zwi­schen den Orten“, das uns neben viel instru­men­ta­lem Leer­lauf auch den Momente für die Ewig­keit mit Namen „Tou­risme“ geschenkt hat. Kante gelin­gen sol­che Stü­cke, so scheint’s, „Im Vorbeigehen“.

2006 nun bricht man nicht nur mit dem Trep­pen­witz, dass alle Alben bis­lang ein „Z“ zu Anfang tra­gen hat­ten. Es ist Rockat­ti­tüde ange­sagt! Und der neue „Schwe­den­sound“ steht den Indie-​​Musikern nicht schlecht, da denke man nur an den Gigan­ten „Die Summe der ein­zel­nen Teile“ zurück. Gemischt hat solch groß­ar­tig arran­gierte, viel­schich­tige Sound­col­la­gen wie den titel­ge­ben­den (ein tol­ler Pop­song kurz vorm gro­ßen Knall mit New Order-​​ähnlichen Gitar­ren­har­mo­nien gen Ende) oder auch das chicago-​​jazzige „Die größte Party der Geschichte“ (hier wer­den die Her­ren Musi­ker vors Welt­ge­richt gela­den, aber man kommt zu spät, „weil die Weg­be­schrei­bung scheiße war“) näm­lich Schwede Michael Ilbert, der sonst Bands wie die Kai­ser Chiefs, The Hives oder The Hel­la­c­op­ters produziert.

Da schwingt denn dann auch mit einem Male so ein Hauch Queens Of The Sto­neage mit bei „Ich hab’s gese­hen“ (Herrn Thies­sens Hor­ror­vi­sion mit Blick mit­ten hin­ein ins Herz der Fins­ter­nis) und „Nichts geht ver­lo­ren“; ein hei­ßes Stück Sex, aber gepfleg­ten. Man nimmt sich Zeit fürs Vor­spiel und war­tet bis auch der Part­ner vor Genuss auf­schreit und (zum Ende) kommt. Kante paa­ren dazu ihre scha­ben­den Stoner-​​Gitarren mit hym­ni­schen Strei­cher­wän­den — ein epi­sches Klang­er­leb­nis! Dann der Stil­bruch bei „Ducks And Daws“; jetzt wird’s wie­der zutiefst jaz­zig samt 70er-​​Jahre-​​Filmmusik-​​Anleihen. Ein Track, der mit Blä­sern, Bon­gos und Piano noch am ehes­ten an ihre frü­hen Tage erin­nert. Auch das sind Kante, waren sie schon immer. Doch „Die Hitze dau­ert an“, trös­tende Ver­söh­nung am Ende.

Ja, sie haben es ein­fach immer mal wie­der, dann aber hallo; die­ses Gespür für ent­waff­nend schöne Melo­dien, ver­steckt in Lie­dern, die man nur noch als Kom­po­si­tio­nen beti­teln sollte. Und wie schein­bar leicht es Peter Thies­sen (Gesang, Gitarre), Felix Mül­ler (Gitarre und neu­er­dings sogar Rap!), Sebas­tian Vogel (Schlag­zeug), Tho­mas Leboeg (Tas­ten) und dem Neuen am Bass, Flo­rian Dürrmann, doch zu jeder Zeit fällt, mit ihrer Lyrik Bil­der vor das geis­tige Auge des Hörers zu pro­ji­zie­ren. Dabei sind sie so unru­hig, ner­vös, fle­ckig und mons­trös wie in ihren Songs besun­gen; so wirr, stark, sen­si­bel, elek­tri­sie­rend und tief­grün­dig zugleich, wie es sonst hier­zu­land nur­mehr den Grand Hotel van Cleef-​​Formationen um die Vor­zei­ge­trup­pen Tomte und Kett­car attes­tiert wer­den kann.

Eines sind sie jedoch im Gegen­satz zu den bei­den genann­ten Ham­bur­ger For­ma­tio­nen gar nicht sel­ten defi­ni­tiv auch: ein wenig „Zweilicht„ig näm­lich, text­lich ver­kopft und musi­ka­lisch zutiefst avant­gar­dis­tisch. Denn sie leben von einem Glau­ben, der unse­rer Gegen­wart vor­aus­eilt. Ob sie die Zukunft wie­der in ihre pop­pige „Zombi“-Welt zurück­führt? Ist das vor­lie­gende Stück Musik am Ende nur eine Inte­rims­platte? Jeden­falls set­zen Kante mit „Die Tiere sind unru­hig“ Maß­stäbe, nicht nur bezo­gen auf ihr eige­nes Schaf­fen. Die­ses Album ist weit mehr als die Summe der bis­he­ri­gen drei Teile. „Ein Sturm ist im Kom­men, es könnte jeden Moment pas­sie­ren.“ Ganz ohne Zwei­fel — er ist längst da.