25. August 2006
Microphone Mafia — „Testa Nera“
„Vendetta Continua“ haben sie uns gelobt und ihr Kampf geht doch noch weiter. Beinahe drei lange Jahre ließen die Mafiosi aus dem Nord-Osten der Domstadt ihre Anhänger darben. Seit kurzem ist nun ihr fünftes Album „Testa Nera“ (Al Dente Recordz/Alive) zu haben. Ein Neun-Track-HipHop-Hammer aus Köllefornia — Abschiedsgruß der Microphone Mafia?
Irgendein schlauer Rockmusiker — es soll Pete Townshend von The Who gewesen sein — hat einmal gesagt: „90 Prozent deiner Karriere besteht aus Warten.“ Kutlu Yurtseven zitiert ihn gut und gerne. Und wer beim Warten auch noch gegen den Strom schwimmt, bekommt im Haifischbecken des Music-Biz meist überhaupt keine Gelegenheit, die Scheine aus dem Wasser zu fischen. Obgleich seine Kölner Mafia mit den Firma–Unternehmern Def Benski und Tatwaffe kollaboriert hat und von den Szene-Urvätern Anarchist Academy um Hannes Loh gefeatured wurde, stand „Die Farbe des Geldes“ bei den Teilzeitmusikern nie im Vordergrund. Sondern Sound, so „Heiß wie die Hölle“.
Und die Schwarzköpfe knüpfen genau dort an, wo sie vor drei Jahren die Pause-Taste gedrückt haben, feuern den Album-Kracher gleich zu Beginn ab: Angereichert mit Filmzitaten aus Troy Duffys „Der blutige Pfad Gottes“ verdankt die pumpende HipHop-Hymne „Immer noch“ ihre Genialität und Eingängigkeit den tragenden Cyber Pipes.
Der Titel des neuen Albums ist italienisch, heißt übersetzt „Schwarzkopf“ und steht fürMenschen, die sagen, was sie glauben und denken. Das haben die Emcees Rossi, Kutlu und DJ Ra aka Önder als einer der ältesten HipHop-Acts des Landes seit jeher getan; Rap-Methusalem, gegründet 1989, Sprachrohr der Migrantenkinder, das Mic als Megaphon; im Sechssprachentakt aus (zu Anfang) Englisch, Italienisch, Türkisch, dann Deutsch und Kölsch, in steter Gegenwehr, auf Multikulti reduziert zu bleiben, trotzen die verbliebenen Drei Einfalt und Einfallslosigkeit des tumb-populären Sprechgesang-Genres.
Selbst aus dem in schier unüberschaubaren Variationen aufgelegten „Bella Ciao“ kann die Mafia noch ungekannte Klasse herauskitzeln, das alte Partisanenlied verschmilzt mit ihren Rhymes zum aufbegehrlichen Schrei nach Freiheit. Und auch in Sachen Samples bleibt die Kölner Mafia einzigartig: Waren beim 2002er Release „Infernalia“ noch tibetanische Bläser im Einsatz, tanzt man nun zu rumänischer Zirkusmusik und freilich finden sich auch auf „Testa Nera“ wieder massig türkische und neapolitanische Einflüsse.
Es endet im Wechselbad der Gefühle: Kaum sind sie „Wieder da“ folgt schon bedrohlich der „Abschied“. Ein letzter Track als Dank ans treue Publikum und aufhören, wenn’s am schönsten ist? Fällt der Vorhang nach „Testa Nera“ gar für immer? Können wir bald nurmehr zurückblicken auf all die Taten der Paten? Auf „Denkmal“, „Vendetta Continua“, „Her mit dem schönen Leben“, „Niemand kann uns stoppen“ — und nicht zu vergessen den „Einheizfeier“-Soundtrack aus Höhner-Feder „Wann jeiht d’r Himmel widder op“?
Nichts ist schlimmer, als ungewiss zu sein. Und gleichermaßen nichts tröstender als die Hoffnung. Genährt durch die eine erhellende Textzeile „Jedes letzte Album sorgt dafür, dass es nicht das letzte ist.“ Weiterkämpfen Microphone Mafia — grade, wenn’s am schönsten ist.
