Microphone Mafia - "Testa Nera"„Ven­detta Con­ti­nua“ haben sie uns gelobt und ihr Kampf geht doch noch wei­ter. Bei­nahe drei lange Jahre lie­ßen die Mafiosi aus dem Nord-​​Osten der Dom­stadt ihre Anhän­ger dar­ben. Seit kur­zem ist nun ihr fünf­tes Album „Testa Nera“ (Al Dente Recordz/​Alive) zu haben. Ein Neun-​​Track-​​HipHop-​​Hammer aus Köl­le­for­nia — Abschieds­gruß der Micro­phone Mafia?

Irgend­ein schlauer Rock­mu­si­ker — es soll Pete Town­s­hend von The Who gewe­sen sein — hat ein­mal gesagt: „90 Pro­zent dei­ner Kar­riere besteht aus War­ten.“ Kutlu Yurtse­ven zitiert ihn gut und gerne. Und wer beim War­ten auch noch gegen den Strom schwimmt, bekommt im Hai­fisch­be­cken des Music-​​Biz meist über­haupt keine Gele­gen­heit, die Scheine aus dem Was­ser zu fischen. Obgleich seine Köl­ner Mafia mit den Firma–Unter­neh­mern Def Ben­ski und Tat­waffe kol­la­bo­riert hat und von den Szene-​​Urvätern Anar­chist Aca­demy um Han­nes Loh gefea­tured wurde, stand „Die Farbe des Gel­des“ bei den Teil­zeit­mu­si­kern nie im Vor­der­grund. Son­dern Sound, so „Heiß wie die Hölle“.

Und die Schwarz­köpfe knüp­fen genau dort an, wo sie vor drei Jah­ren die Pause-​​Taste gedrückt haben, feu­ern den Album-​​Kracher gleich zu Beginn ab: Ange­rei­chert mit Film­zi­ta­ten aus Troy Duf­fys „Der blu­tige Pfad Got­tes“ ver­dankt die pum­pende HipHop-​​Hymne „Immer noch“ ihre Genia­li­tät und Ein­gän­gig­keit den tra­gen­den Cyber Pipes.

Der Titel des neuen Albums ist ita­lie­nisch, heißt über­setzt „Schwarz­kopf“ und steht für­Men­schen, die sagen, was sie glau­ben und den­ken. Das haben die Emcees Rossi, Kutlu und DJ Ra aka Önder als einer der ältes­ten HipHop-​​Acts des Lan­des seit jeher getan; Rap-​​Methusalem, gegrün­det 1989, Sprach­rohr der Migran­ten­kin­der, das Mic als Mega­phon; im Sechs­spra­chen­takt aus (zu Anfang) Eng­lisch, Ita­lie­nisch, Tür­kisch, dann Deutsch und Kölsch, in ste­ter Gegen­wehr, auf Mul­ti­kulti redu­ziert zu blei­ben, trot­zen die ver­blie­be­nen Drei Ein­falt und Ein­falls­lo­sig­keit des tumb-​​populären Sprechgesang-​​Genres.

Selbst aus dem in schier unüber­schau­ba­ren Varia­tio­nen auf­ge­leg­ten „Bella Ciao“ kann die Mafia noch unge­kannte Klasse her­aus­kit­zeln, das alte Par­ti­sa­nen­lied ver­schmilzt mit ihren Rhy­mes zum auf­be­gehr­li­chen Schrei nach Frei­heit. Und auch in Sachen Sam­ples bleibt die Köl­ner Mafia ein­zig­ar­tig: Waren beim 2002er Release „Infer­na­lia“ noch tibe­ta­ni­sche Blä­ser im Ein­satz, tanzt man nun zu rumä­ni­scher Zir­kus­mu­sik und frei­lich fin­den sich auch auf „Testa Nera“ wie­der mas­sig tür­ki­sche und nea­po­li­ta­ni­sche Einflüsse.

Es endet im Wech­sel­bad der Gefühle: Kaum sind sie „Wie­der da“ folgt schon bedroh­lich der „Abschied“. Ein letz­ter Track als Dank ans treue Publi­kum und auf­hö­ren, wenn’s am schöns­ten ist? Fällt der Vor­hang nach „Testa Nera“ gar für immer? Kön­nen wir bald nur­mehr zurück­bli­cken auf all die Taten der Paten? Auf „Denk­mal“, „Ven­detta Con­ti­nua“, „Her mit dem schö­nen Leben“, „Nie­mand kann uns stop­pen“ — und nicht zu ver­ges­sen den „Einheizfeier“-Soundtrack aus Höhner-​​Feder „Wann jeiht d’r Him­mel wid­der op“?

Nichts ist schlim­mer, als unge­wiss zu sein. Und glei­cher­ma­ßen nichts trös­ten­der als die Hoff­nung. Genährt durch die eine erhel­lende Text­zeile „Jedes letzte Album sorgt dafür, dass es nicht das letzte ist.“ Wei­ter­kämp­fen Micro­phone Mafia — grade, wenn’s am schöns­ten ist.