31. August 2006
Thank You For Smoking
„Come To Marlboro Country“, denn nur da gibt es Liberté und zwar toujours. Wir sind ihnen auf den Leim gegangen, allesamt. Wir, die tägliche unsere kleine Bestie zu füttern haben. Der vermeintliche Ausweg: Ein in mehr und minder kräftige Blautöne getauchtes Taschenbüchlein, dessen Deckel eine zerquetschte Kippenschachtel ziert. Die Faust als Sinnnbild des Triumphs. Ein Triumph des Verstandes. Schluss mit der Selbstversklavung! Endlich Liberté und zwar toujours — du schaffst es! Tschaka! Beinahe hätten wir zu Ende gelesen.
Und da liegt es nun. Verschlungen bis zu jenem Abend, da sich dieses unsägliche Kapitel auftat, dessen Titel so bedrohlich schien wie eine ganze Armada Teufelskrieger. „Die letzte Zigarette“. Und doch: „Der einzige Mensch, der Sie dazu bringen kann die nächste zu rauchen, sind Sie.“ Sagt Allen Carr, und der muss es ja besser wissen. Hat er doch Anfang der 90er mit „Endlich Nichtraucher!“ einen Bestseller gelandet hat.
Schön, doch selbst der „Easy Way“ ist ein so einfacher gar nicht. Dafür sitzt die kleine Bestie viel zu tief und giert viel zu oft nach nikotinhaltiger Nahrung. Wir wissen es ebenso besser, warum also rauchen wir weiter? Zwei Gründe kennt Carr: Nikotinsucht und Gehirnwäsche, und der letztere geht ersterem voraus. Dass das so war und bleibt, dafür sorgen Menschen wie der nicht nur optisch blendende Nick Naylor (Aaron Eckart), Lobbyist mit Demagogengabe oder kurz: versierter PR-Mann der Tabakindustrie.
Im Nebenjob Vizepräsident der fiktiven Academy Of Tobacco Studies verteidigt er die Rechte der Raucher und Zigarettenhersteller in der neo-puritanischen Welt. Und darin ist er gut: Naylor verschweigt die Wahrheit nicht, er filtert sie. Und zwar dergestalt, dass seine Talkshows-Gegner — seien sie aus dem Lager der Gesundheitsapostel oder längst lungenkrebskrank — seinen Verdrehungen erliegen und Naylor dank seiner rhetorischen Tricksereien am Ende auch noch sämtliche Sympathien einheimst. Er ist einer dieser Strahletypen aus der Schulzeit, die jedes Mädchen abbekommen haben; nur auf Crack. Selbst einen der letzten echten Cowboys, den dahinsiechenden „Marlboro Man“ (Sam Elliott), macht der Mann vom Fach mundtot.
Jeder Samson hat seine Delila
Doch sein härtester Gegenspieler ist nicht etwa der bieder-verkopfte Cheddarkäse-Verfechter Senator Finistirre (William H. Macy), der neben Warnhinweisen auch Totenkopfaufkleber auf den Zigarettenpackungen anbringen lassen möchte. Jeder Samson hat seine Delila. Neben dem stets prüfenden Blick seines Sohnes (Cameron Bright) ist’s eine Journalistin mit „Weltklassetitten“, verkörpert ausgerechnet von Tom Cruise-Betthupferl Katie Holmes, die dem Berufslügner Naylor (wenn da mal kein Wortspiel hinter steckt) beibringt, dass der Mensch noch eine andere Sucht in sich trägt, die das Gehirn zeitweilig ziemlich vernebeln kann.
Dieser Plot, erzählt aus der Naylorschen Ich-Perspektive, kommt mit Pointen daher, die so rabenschwarz getüncht sind wie die Lungenflügel eines 73-jährigen Kettenrauchers. Ein kleiner Film mit großer Satire auf die heutige PR-Kultur! Schließlich hat ein jeder irgendwie seine Hypothek abzubezahlen. Jason Reitman, Sohn des Komödienspezialisten Ivan Reitman, inszenierte ein zutiefst zynisches Kleinod mit Independent-Anstrich, basierend auf Christopher Buckleys hochgelobten und noch weitaus böseren Roman aus dem Jahr 1994. Und Buch wie Film führt nebenbei die gesamte (amerikanische) Anti-Raucher-Argumentation gallig ad absurdum. „Thank You For Smoking“ karikiert jedoch nicht nur das in den Staaten allgegenwärtige Gebotsschild, er lässt neben der Tabakindustrie auch den Rest der „Merchants Of Death Squad“ — namentlich die Alkohol– und Schusswaffenindustrie — nicht unbehelligt.
Einer der feurigsten Kinostarts der vergangenen Monate
Mit Maria Bello, Rob Lowe und Robert Duvall ist die Gesellschaftssatire bis in die Nebenrollen stark besetz; und Regisseur Reitman macht Tempo. Was im Laufe der äußerst kurzweiligen 92 Minuten stetig in eine zusammenhängende Handlung mündet, ist zu Anfang noch spritzig-rasante Aneinanderreihung überdrehter Einzelszenarien. Und die beziehen ihren Charme auch aus so manch unkonventioneller Verfremdung. „Eine Komödie, in der es nur so raucht?“ Vor brillanten Einfällen, ja. Doch was das eigentliche Beeindruckende ist: Es wird während des gesamten Films kein Glimmstengel inhaliert — und dennoch ist’s einer der feurigsten Kinostarts der vergangenen Monate! Ansichtssache? Mag sein. Aber das ist nunmal das schöne an Argumenten — ob man nun Allen Carr oder Nick Naylor heißt. Wer gut argumentiert, hat immer Recht.
