Cars
Was haben wir doch noch für große Augen gemacht, als der erste völlig computeranimierte Spielfilm in die Kinos kam und mit dem Schlagwort CGI einzig bläßliche PC-Nerds etwas anfangen konnten. Elf Jahre und unzählige Effekte nachdem die "Toy Story" erzählt wurde, sind die Prozessoren immer kleiner und leistungsfähiger geworden; Animationsfilme immer wuchtiger und längst Programm. Und jener aus dem Hause Pixar hat zusammen mit den Dreamworks Studios in den vergangenen Jahren so ziemlich alles abgegrast, was zu Lande, zu Wasser und in der Luft kreucht und fleucht. Nun schickt man also Automobile mit menschlichen Zügen ins Rennen. Und Pixar gibt fürs erste die Pole Position ab.In einer wunderbaren Welt, wo Tankstellen Restaurants, Reifenhandlungen Schuhgeschäfte und Werkstätten Body Shops sind, dreht sich alles um Lightning McQueen (gesprochen von Daniel Brühl). Ein Teufelskerl von Rennwagen mit völlig überdrehtem Ego und ebensolchen Ambitionen: Er steht kurz davor, Newcomer-Champion des großen "Piston-Cups" zu werden. Schon fast am Ziel seiner Träume angekommen, verschlägt es ihn auf dem Weg zum entscheidenden Rennen unfreiwillig ins Wüstennest Radiator Springs, wo er einer illustren Ansammlung von Vierrädern begegnet, die so gar nichts mit den Turboflitzern seiner Machart und Weltanschauung zu tun haben.
Momentchen mal, diese Rahmenhandlung kennen wir doch: Arroganten, erfolgreichen Großstädter verschlägt es auf dem Weg Richtung Ruhm und Reichtum in ein verschlafenes Nest im Nirgendwo, wo ihn bodenständige Bewohner die wirklich wichtigen Dinge des Lebens lehren - hello Mister Michael J. Fox alias "Doc Hollywood". Der ideenreiche Funkenflug, den wir sonst von Pixar-Filmen gewohnt sind, ist das aber beileibe nicht. Arg einfallslos spult Regisseur und "Toy Story"-Macher John Lasseter die üblichen und viel zu oft gesehenen Handlungsstandards ab; das am PC gerenderte, blitzende Chrom wird den Zuschauer schon blenden.
Und blendend gelungen sind sie wirklich, Akteure wie Drumherum: Detailtiefe und Realitätstreue der Animationen erreichen eine neue, eine fotorealistische Güte. Panorama-Aufnahmen weiter, unberührter Natur, in denen man sich erstmals richtiggehend verlieren kann. Doch vornehmlich ist das Wesentliche, das Herüberretten menschlicher Charakterzüge auf Automodelle geglückt: Die Vorzeige-Animationsschmiede - einst Partner, mittlerweile vollständig vom Giganten Disney geschluckt - eröffnet ein Panoptikum aus liebevoll aufgemachten "Figuren". Und einer über alle maßen konventionellen Geschichte. Immerhin wird erst gar nicht der Versuch gestartet, diese von Motoren angetriebene Welt in ihren zwangsläufigen Widersprüchen zu erklären. So flattern statt Fliegen kleine, beflügelte VW-Käfer von Kuhfladen zu Kuhfladen, die wiederum von Traktoren stammen, dem "Cars"-Äquivalent zu einfältigen Weidekühen.Auf der Zielgeraden wird noch einmal merklich aufgedreht
Schaut man jedoch einmal unter die Haube, kommen die "Einwohner" von Radiator Springs leider kaum über ihren angedachten Stereotyp hinaus, sind aber dennoch hochgradig putzig, schrullig und süß animiert! Maßgeblich dafür ist auch der Kniff, die Augen nicht wie bei "Herbie" und Konsorten üblich anstelle der Scheinwerfer zu platzieren, sondern an der Windschutzscheibe. Für was wäre auch sonst der gesamte Fahrgastraum da, wenn es doch keine Fahrgäste gibt?
"Cars" punktet hier klar gegenüber dem ebenso pragmatisch betitelten und thematisch ähnlich angesiedelten "Robots"; auch was die prominenten Stimmgeber anbelangt. Mehr oder minder gut machen ihre Sache Rick Kavanian, Nadja Tiller, Friedrich Schönfelder, Franzi van Almsick, Mario Barth, Oliver Kalkofe, Christian Tramitz sowie die einschlägigen Gastsprecher Nikki Lauda (von dem wir nun wissen, warum er Rennfahrer und eben nicht Synchronsprecher geworden ist), Christian Danner, Heiko Wasser, das Ehepaar Schumacher (Michael mit einem Sekundenauftritt als Ferrari und Cora als das doppelte Boxenluder) samt Mika Häkkinen.Während "Cars" über weite Strecken und gerade im Vergleich mit dem Vorgänger "The Incredibles" ein unglaublich lahmes Tempo vorlegt - gerade so als fände man den dritten Gang nicht, obwohl doch längst 100 erlaubt sind - dreht man auf der Zielgeraden noch einmal merklich auf; versteht es sogar noch, sein bis dahin recht unbeteiligtes Publikum schließlich und endlich doch ein wenig zu (be-)rühren. Und wer's immer noch nicht gelernt hat, dass es gerade bei Animationsfilmen ein Lohnendes sein kann, den gesamten Abspann über sich ergehen zu lassen, verpasst den spaßigsten Moment, wenn die "Cars"-Helden im Autokino Pixar-Filme schauen. Die "Monster AG" alias Sulley und Mike als "Cars"-Verschnitt - das ist wahre Gag-Kultur!
Leider macht schon der obligatorische Vorfilm "Die Einmannband" viel zu sehr auf Moralischen und mit dieser Gesamtleistung nach 116 Runden-Minuten gibt Pixar die Pole Position zumindest fürs erste ab (im Spätsommer 2007 schickt man dann "Ratatouille" ins Rennen); von ganz oben auf dem Treppchen der Animationsfilm-Sommersaison lässt "Ab durch die Hecke" die Champagnerkorken knallen, eine Stufe weiter unten winkt "Ice Age 2" und dem drittplatzierten "Cars" geht es wohl wie der immer wieder viel zu schnell in Vergessenheit geratenen Alltagsweisheit, die er zu vermitteln versucht: Die Überholspur zu nehmen, ist nicht das Wichtigste im Leben.Labels: Kino

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