7. September 2006

Cars

Was haben wir doch noch für große Augen gemacht, als der erste völ­lig com­pu­ter­ani­mierte Spiel­film in die Kinos kam und mit dem Schlag­wort CGI ein­zig bläß­li­che PC-​​Nerds etwas anfan­gen konn­ten. Elf Jahre und unzäh­lige Effekte nach­dem die „Toy Story“ erzählt wurde, sind die Pro­zes­so­ren immer klei­ner und leis­tungs­fä­hi­ger gewor­den; Ani­ma­ti­ons­filme immer wuch­ti­ger und längst Pro­gramm. Und jener aus dem Hause Pixar hat zusam­men mit den Dream­works Stu­dios in den ver­gan­ge­nen Jah­ren so ziem­lich alles abge­grast, was zu Lande, zu Was­ser und in der Luft kreucht und fleucht. Nun schickt man also Auto­mo­bile mit mensch­li­chen Zügen ins Ren­nen. Und Pixar gibt fürs erste die Pole Posi­tion ab.

In einer wun­der­ba­ren Welt, wo Tank­stel­len Restau­rants, Rei­fen­hand­lun­gen Schuh­ge­schäfte und Werk­stät­ten Body Shops sind, dreht sich alles um Light­ning McQueen (gespro­chen von Daniel Brühl). Ein Teu­fels­kerl von Renn­wa­gen mit völ­lig über­dreh­tem Ego und eben­sol­chen Ambi­tio­nen: Er steht kurz davor, Newcomer-​​Champion des gro­ßen „Piston-​​Cups“ zu wer­den. Schon fast am Ziel sei­ner Träume ange­kom­men, ver­schlägt es ihn auf dem Weg zum ent­schei­den­den Ren­nen unfrei­wil­lig ins Wüs­ten­nest Radia­tor Springs, wo er einer illus­tren Ansamm­lung von Vier­rä­dern begeg­net, die so gar nichts mit den Tur­b­of­lit­zern sei­ner Mach­art und Welt­an­schau­ung zu tun haben.

Moment­chen mal, diese Rah­men­hand­lung ken­nen wir doch: Arro­gan­ten, erfolg­rei­chen Groß­städ­ter ver­schlägt es auf dem Weg Rich­tung Ruhm und Reich­tum in ein ver­schla­fe­nes Nest im Nir­gendwo, wo ihn boden­stän­dige Bewoh­ner die wirk­lich wich­ti­gen Dinge des Lebens leh­ren — hello Mis­ter Michael J. Fox alias „Doc Hol­ly­wood“. Der ide­en­rei­che Fun­ken­flug, den wir sonst von Pixar-​​Filmen gewohnt sind, ist das aber bei­leibe nicht. Arg ein­falls­los spult Regis­seur und „Toy Story“-Macher John Las­se­ter die übli­chen und viel zu oft gese­he­nen Hand­lungs­stan­dards ab; das am PC geren­derte, blit­zende Chrom wird den Zuschauer schon blenden.

Und blen­dend gelun­gen sind sie wirk­lich, Akteure wie Drum­herum: Detail­tiefe und Rea­li­tätstreue der Ani­ma­tio­nen errei­chen eine neue, eine foto­rea­lis­ti­sche Güte. Panorama-​​Aufnahmen wei­ter, unbe­rühr­ter Natur, in denen man sich erst­mals rich­tig­ge­hend ver­lie­ren kann. Doch vor­nehm­lich ist das Wesent­li­che, das Her­über­ret­ten mensch­li­cher Cha­rak­ter­züge auf Auto­mo­delle geglückt: Die Vorzeige-​​Animationsschmiede — einst Part­ner, mitt­ler­weile voll­stän­dig vom Gigan­ten Dis­ney geschluckt — eröff­net ein Pan­op­ti­kum aus lie­be­voll auf­ge­mach­ten „Figu­ren“. Und einer über alle maßen kon­ven­tio­nel­len Geschichte. Immer­hin wird erst gar nicht der Ver­such gestar­tet, diese von Moto­ren ange­trie­bene Welt in ihren zwangs­läu­fi­gen Wider­sprü­chen zu erklä­ren. So flat­tern statt Flie­gen kleine, beflü­gelte VW-​​Käfer von Kuh­fla­den zu Kuh­fla­den, die wie­derum von Trak­to­ren stam­men, dem „Cars“-Äquivalent zu ein­fäl­ti­gen Weidekühen.

Auf der Ziel­ge­ra­den wird noch ein­mal merk­lich aufgedreht

Schaut man jedoch ein­mal unter die Haube, kom­men die „Ein­woh­ner“ von Radia­tor Springs lei­der kaum über ihren ange­dach­ten Ste­reo­typ hin­aus, sind aber den­noch hoch­gra­dig put­zig, schrul­lig und süß ani­miert! Maß­geb­lich dafür ist auch der Kniff, die Augen nicht wie bei „Her­bie“ und Kon­sor­ten üblich anstelle der Schein­wer­fer zu plat­zie­ren, son­dern an der Wind­schutz­scheibe. Für was wäre auch sonst der gesamte Fahr­gast­raum da, wenn es doch keine Fahr­gäste gibt?

Cars“ punk­tet hier klar gegen­über dem ebenso prag­ma­tisch beti­tel­ten und the­ma­tisch ähn­lich ange­sie­del­ten „Robots“; auch was die pro­mi­nen­ten Stimm­ge­ber anbe­langt. Mehr oder min­der gut machen ihre Sache Rick Kava­nian, Nadja Til­ler, Fried­rich Schön­fel­der, Franzi van Alm­sick, Mario Barth, Oli­ver Kalk­ofe, Chris­tian Tramitz sowie die ein­schlä­gi­gen Gast­spre­cher Nikki Lauda (von dem wir nun wis­sen, warum er Renn­fah­rer und eben nicht Syn­chron­spre­cher gewor­den ist), Chris­tian Dan­ner, Heiko Was­ser, das Ehe­paar Schu­ma­cher (Michael mit einem Sekun­den­auf­tritt als Fer­rari und Cora als das dop­pelte Boxen­lu­der) samt Mika Häkkinen.

Wäh­rend „Cars“ über weite Stre­cken und gerade im Ver­gleich mit dem Vor­gän­ger „The Incredi­bles“ ein unglaub­lich lah­mes Tempo vor­legt — gerade so als fände man den drit­ten Gang nicht, obwohl doch längst 100 erlaubt sind — dreht man auf der Ziel­ge­ra­den noch ein­mal merk­lich auf; ver­steht es sogar noch, sein bis dahin recht unbe­tei­lig­tes Publi­kum schließ­lich und end­lich doch ein wenig zu (be-)rühren. Und wer’s immer noch nicht gelernt hat, dass es gerade bei Ani­ma­ti­ons­fil­men ein Loh­nen­des sein kann, den gesam­ten Abspann über sich erge­hen zu las­sen, ver­passt den spa­ßigs­ten Moment, wenn die „Cars“-Helden im Auto­kino Pixar-​​Filme schauen. Die „Mons­ter AG“ alias Sul­ley und Mike als „Cars“-Verschnitt — das ist wahre Gag-​​Kultur!

Lei­der macht schon der obli­ga­to­ri­sche Vor­film „Die Ein­mann­band“ viel zu sehr auf Mora­li­schen und mit die­ser Gesamt­leis­tung nach 116 Runden-​​Minuten gibt Pixar die Pole Posi­tion zumin­dest fürs erste ab (im Spät­som­mer 2007 schickt man dann „Rata­touille“ ins Ren­nen); von ganz oben auf dem Trepp­chen der Animationsfilm-​​Sommersaison lässt „Ab durch die Hecke“ die Cham­pa­gner­kor­ken knal­len, eine Stufe wei­ter unten winkt „Ice Age 2″ und dem dritt­plat­zier­ten „Cars“ geht es wohl wie der immer wie­der viel zu schnell in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen All­tags­weis­heit, die er zu ver­mit­teln ver­sucht: Die Über­hol­spur zu neh­men, ist nicht das Wich­tigste im Leben.