Du riechst so gut. Zu gut. Es gibt Werke der Welt­li­te­ra­tur, die sind von einer der­art exqui­si­ten Duft­note, dass sie viele ihrer Leser für ungreif­bar hal­ten. Und dann kommt doch irgend­wann irgend­ein Regis­seur samt Pro­du­zent und ver­greift sich sei­nes Lebens­wer­kes Wil­len an dem Stoff. Und her­nach der Auf­schrei: „Geht nicht und wie kann man nur, weil unver­film­bar!“ Doch zeich­net es nicht gerade jene Fil­me­ma­cher aus, die das Wag­nis ein­ge­hen, es den­noch zu versuchen?

Peter Jack­son wurde für das seine mit Academy-​​Gold auf­ge­wo­gen und auch wenn es sich bei „Das Par­fum“ nur um eine euro­päi­sche Groß­pro­duk­tion han­delt — die Skep­sis ist in etwa die­selbe. Was Wun­der, ist doch das Erst­lings­werk des medi­en­scheuen Patrick Süs­kind aus dem Jahr 1985 nach Erich Maria Remar­ques „Im Wes­ten nichts Neues“ der erfolg­reichste in deut­scher Spra­che ver­fasste Roman der Nach­kriegs­zeit, wurde in 45 wei­tere über­setzt; es exis­tiert sogar eine Aus­gabe in Latein.

Sein Haupt­ak­teur Jean-​​Baptiste Gre­nouille (Ben Whis­haw) ist beses­sen von dem Wahn, mensch­li­ches Aroma zu kon­ser­vie­ren. In jun­gen Jah­ren zu Zei­ten des vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Frank­reich bemerkt er, dass er einen äußerst aus­ge­präg­ten Geruchs­sinn zu sei­nen Gaben zäh­len darf; da beginnt der Außen­sei­ter eine Lehre beim Par­fu­meur Bal­dini, den Dus­tin Hoff­man umweht von einem Hauch bes­tem „Toot­sie“ spielt. Rasch über­flü­gelt Gre­nouille sei­nen Lehr­meis­ter in der Kunst des Duft­mi­schens, doch mutiert Beru­fung zu Obses­sion, und die lässt ihn schnell an den Rand der Gesell­schaft glei­ten: Gre­nouille meu­chelt junge Frauen, um dar­aus schließ­lich „Das Par­fum“ zu kreieren.

Mit einer Aura zwi­schen Unschuld und Abgründigkeit

Die grobe Rah­men­hand­lung von Patrick Süs­kinds Welt­best­sel­ler ist eine bekannte. Und die Ver­fil­mung von Pro­du­zent Bernd Eichin­ger unter Tom Tykwers Regie kann es ihm ein gutes Stück weit gleich­tun — gro­ßes deutsch-​​internationales Kino, getra­gen von Haupt­dar­stel­ler Ben Whis­haw. Und an ihm wer­den sich die Lese-​​Geister schei­den. In deren Köp­fen sind im Rah­men des Geschil­der­ten näm­lich unzäh­lige Jean-​​Baptiste Gre­nouil­les gebo­ren wor­den; jeder von ihnen unter dem stin­ki­gen Mief des Pari­ser Fisch­markts und doch jeder ein klei­nes biss­chen anders als der andere.

Wo sich manch einer nur den jun­gen Depar­dieu oder einen De Niro vor­stel­len kann, ver­kör­pert der vom Thea­ter stam­mende Whis­haw das neue, immer leicht dane­ben anmu­tende H&M-Schönheitsideal eines ästhetisch-​​hässlichen, dür­ren, zwie­lich­ti­gen Meuch­lers zwi­schen Nai­vi­tät und Wahn­sinn. Allen recht machen kann man es nicht, die­ser Roman müsste erst noch ver­filmt wer­den. Doch gibt Wis­haw dem Seri­en­mör­der mit sei­ner Aura aus teils schon gelang­weil­ter Unschuld, Amo­ra­li­tät und Abgrün­dig­keit ein von Tra­gik und Trau­rig­keit umweh­tes Gesicht; einem lee­ren Gefäß gleich, das gefüllt wer­den muss mit Wis­sen und Erkennt­nis, stets unter dem mani­schen Zwang, das abscheulich-​​faszinierende Werk zu vollenden.

Zu umschif­fen galt es auch eine andere Klippe, die aus dem Gewäs­ser der Roman­ver­fil­mun­gen spitz, zer­klüf­tet und steil her­vor­ragt: „Die Geschichte eines Mör­ders“ ist wie so viele andere auch im Pas­siv geschrie­ben, Gre­nouille kommt sel­ten bis gar nicht zu Wort. Im Kino aber muss er reden. Tykwer stellt ihm vor allem zu Film­be­ginn einen Off-​​Erzähler zur Seite: Otto San­der, eine uns sehr wohl ver­traute Stimme, liest oft ganze Pas­sa­gen roman­ge­treu vor. Eine den Ursprung der Geschichte dezent unter­strei­chende Finte, die bei­nahe schon den Ein­druck eines bebil­der­ten Hör­buchs weckt. Und die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker sor­gen mit ihren Kom­po­si­tio­nen zusätz­lich für opulent-​​stimmungsvolle Unter­ma­lung. Dazu gesel­len sich neben ein­drucks­voll schmut­zi­gen (CGI-)Kulissen und den ein­gangs bereits Erwähn­ten wei­tere Schau­spiel­grö­ßen wie Alan Rick­man und in klei­nen und noch klei­ne­ren Rol­len Jes­sica Schwarz, Corinna Har­fouch oder Karo­line Her­furth als Mirabellen-​​Mädchen.

Von der Crux, einen Film über Gerü­che zu drehen

Bei­nahe sechs Jahre lie­gen nun zwi­schen der Zusage Süs­kinds, der lange zau­derte, an Bernd Eichin­ger, Deutsch­lands erfolg­reichs­ten Film– und Fern­seh­pro­du­zen­ten. Gemein­sam mit Regis­seur Tom Tykwer, seit sei­nem welt­wei­ten Erfolg mit dem fre­chen Epi­so­den­film „Lola rennt“, inter­na­tio­nal be– und geach­tet, stand man nun vor der gro­ßen Crux, einen Film über Gerü­che zu dre­hen; und die Sinne dabei doch ledig­lich mit visu­el­len und audi­tiven Mit­teln anspre­chen zu kön­nen. Das scheint bei­nahe so aus­sichts­los wie Gre­nouil­les maka­be­res Ansin­nen, mensch­li­ches Aroma zu konservieren.

Doch macht man allein diese Mess­latte zum Maß­stab, dann darf die Skep­sis zur Gänze bei­seite gescho­ben und aner­ken­nungs­voll applau­diert wer­den. Es ent­steht tat­säch­lich jene Atmo­sphäre, die Süs­kind mit blo­ßen Wor­ten in unsere Köpfe zu pro­ji­zie­ren ver­stand. Mit­hilfe nasa­ler Nah­auf­nah­men, dem stel­len­wei­sen Sicht­bar­ma­chen der Gerü­che durch ent­spre­chende Beleuch­tung wie man es etwa von Nebel­wer­fern auf Kon­zer­ten kennt, und schwung­vol­len Kame­ra­fahr­ten von Geruchs­ob­jekt zu Geruchs­ob­jekt wird der zen­trale, unsicht­bare Haupt­ak­teur des „Pafums“ für das Publi­kum sicht– und erleb­bar gemacht.

Es gibt Werke der Film­kunst, die sind von einer der­art exqui­si­ten Duft­note, dass sie viele Zuschauer für unan­greif­bar hal­ten. „Das Par­fum“ gehört viel­leicht nicht unbe­dingt dazu. Ver­gib uns den­noch unsere Skep­sis. Gut schaust aus, rich­tig gut! Bist ein Erleb­nis für sämt­li­che Sinne — bei­nahe jedenfalls.