14. September 2006
Das Parfum — Die Geschichte eines Mörders
Du riechst so gut. Zu gut. Es gibt Werke der Weltliteratur, die sind von einer derart exquisiten Duftnote, dass sie viele ihrer Leser für ungreifbar halten. Und dann kommt doch irgendwann irgendein Regisseur samt Produzent und vergreift sich seines Lebenswerkes Willen an dem Stoff. Und hernach der Aufschrei: „Geht nicht und wie kann man nur, weil unverfilmbar!“ Doch zeichnet es nicht gerade jene Filmemacher aus, die das Wagnis eingehen, es dennoch zu versuchen?
Peter Jackson wurde für das seine mit Academy-Gold aufgewogen und auch wenn es sich bei „Das Parfum“ nur um eine europäische Großproduktion handelt — die Skepsis ist in etwa dieselbe. Was Wunder, ist doch das Erstlingswerk des medienscheuen Patrick Süskind aus dem Jahr 1985 nach Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ der erfolgreichste in deutscher Sprache verfasste Roman der Nachkriegszeit, wurde in 45 weitere übersetzt; es existiert sogar eine Ausgabe in Latein.
Sein Hauptakteur Jean-Baptiste Grenouille (Ben Whishaw) ist besessen von dem Wahn, menschliches Aroma zu konservieren. In jungen Jahren zu Zeiten des vorrevolutionären Frankreich bemerkt er, dass er einen äußerst ausgeprägten Geruchssinn zu seinen Gaben zählen darf; da beginnt der Außenseiter eine Lehre beim Parfumeur Baldini, den Dustin Hoffman umweht von einem Hauch bestem „Tootsie“ spielt. Rasch überflügelt Grenouille seinen Lehrmeister in der Kunst des Duftmischens, doch mutiert Berufung zu Obsession, und die lässt ihn schnell an den Rand der Gesellschaft gleiten: Grenouille meuchelt junge Frauen, um daraus schließlich „Das Parfum“ zu kreieren.
Mit einer Aura zwischen Unschuld und Abgründigkeit
Die grobe Rahmenhandlung von Patrick Süskinds Weltbestseller ist eine bekannte. Und die Verfilmung von Produzent Bernd Eichinger unter Tom Tykwers Regie kann es ihm ein gutes Stück weit gleichtun — großes deutsch-internationales Kino, getragen von Hauptdarsteller Ben Whishaw. Und an ihm werden sich die Lese-Geister scheiden. In deren Köpfen sind im Rahmen des Geschilderten nämlich unzählige Jean-Baptiste Grenouilles geboren worden; jeder von ihnen unter dem stinkigen Mief des Pariser Fischmarkts und doch jeder ein kleines bisschen anders als der andere.
Wo sich manch einer nur den jungen Depardieu oder einen De Niro vorstellen kann, verkörpert der vom Theater stammende Whishaw das neue, immer leicht daneben anmutende H&M-Schönheitsideal eines ästhetisch-hässlichen, dürren, zwielichtigen Meuchlers zwischen Naivität und Wahnsinn. Allen recht machen kann man es nicht, dieser Roman müsste erst noch verfilmt werden. Doch gibt Wishaw dem Serienmörder mit seiner Aura aus teils schon gelangweilter Unschuld, Amoralität und Abgründigkeit ein von Tragik und Traurigkeit umwehtes Gesicht; einem leeren Gefäß gleich, das gefüllt werden muss mit Wissen und Erkenntnis, stets unter dem manischen Zwang, das abscheulich-faszinierende Werk zu vollenden.
Zu umschiffen galt es auch eine andere Klippe, die aus dem Gewässer der Romanverfilmungen spitz, zerklüftet und steil hervorragt: „Die Geschichte eines Mörders“ ist wie so viele andere auch im Passiv geschrieben, Grenouille kommt selten bis gar nicht zu Wort. Im Kino aber muss er reden. Tykwer stellt ihm vor allem zu Filmbeginn einen Off-Erzähler zur Seite: Otto Sander, eine uns sehr wohl vertraute Stimme, liest oft ganze Passagen romangetreu vor. Eine den Ursprung der Geschichte dezent unterstreichende Finte, die beinahe schon den Eindruck eines bebilderten Hörbuchs weckt. Und die Berliner Philharmoniker sorgen mit ihren Kompositionen zusätzlich für opulent-stimmungsvolle Untermalung. Dazu gesellen sich neben eindrucksvoll schmutzigen (CGI-)Kulissen und den eingangs bereits Erwähnten weitere Schauspielgrößen wie Alan Rickman und in kleinen und noch kleineren Rollen Jessica Schwarz, Corinna Harfouch oder Karoline Herfurth als Mirabellen-Mädchen.
Von der Crux, einen Film über Gerüche zu drehen
Beinahe sechs Jahre liegen nun zwischen der Zusage Süskinds, der lange zauderte, an Bernd Eichinger, Deutschlands erfolgreichsten Film– und Fernsehproduzenten. Gemeinsam mit Regisseur Tom Tykwer, seit seinem weltweiten Erfolg mit dem frechen Episodenfilm „Lola rennt“, international be– und geachtet, stand man nun vor der großen Crux, einen Film über Gerüche zu drehen; und die Sinne dabei doch lediglich mit visuellen und auditiven Mitteln ansprechen zu können. Das scheint beinahe so aussichtslos wie Grenouilles makaberes Ansinnen, menschliches Aroma zu konservieren.
Doch macht man allein diese Messlatte zum Maßstab, dann darf die Skepsis zur Gänze beiseite geschoben und anerkennungsvoll applaudiert werden. Es entsteht tatsächlich jene Atmosphäre, die Süskind mit bloßen Worten in unsere Köpfe zu projizieren verstand. Mithilfe nasaler Nahaufnahmen, dem stellenweisen Sichtbarmachen der Gerüche durch entsprechende Beleuchtung wie man es etwa von Nebelwerfern auf Konzerten kennt, und schwungvollen Kamerafahrten von Geruchsobjekt zu Geruchsobjekt wird der zentrale, unsichtbare Hauptakteur des „Pafums“ für das Publikum sicht– und erlebbar gemacht.
Es gibt Werke der Filmkunst, die sind von einer derart exquisiten Duftnote, dass sie viele Zuschauer für unangreifbar halten. „Das Parfum“ gehört vielleicht nicht unbedingt dazu. Vergib uns dennoch unsere Skepsis. Gut schaust aus, richtig gut! Bist ein Erlebnis für sämtliche Sinne — beinahe jedenfalls.
