1. September 2006
Pale — „Brother. Sister. Bores!“
Mit einem Post Scriptum und den Worten „Schön, wenn zwei Sachen aus Aachen es schaffen, im Jahr 2006 erstklassig zu werden!“ beendet Thees Uhlmann seine hauseigene Lobeshymne auf die jüngste Grand Hotel-Verpflichtung. Die Hoteliers aus der Elbstadt werden ja seit jeher assoziiert mit den ganz großen Gefühlswelten; da finden sich die gesignten Pale in guter Gesellschaft wieder. Das im Rahmen dieser Allianz produzierte „Brother. Sister. Bores! A Beat Manifesto“ (Grand Hotel van Cleef/Indigo) ist nicht nur ihr erstes Album nach längerer Auszeit, sondern unter Umständen auch das vielleicht hittigste seit Labelgründung. Aber was versteht eigentlich Thees Uhlmann von Fußball?
Das ambitionierte Emo-Rock-Konzeptalbum „Razzmatazz“ markiert den Anfang. Zwei Jahre später kündigt sich mit „How To Survive Chance“ mehr oder minder deutlich ein Umbruch an, und jetzt erstrahlt eine saftig grüne Wiese. „Brother. Sister. Bores!“, ein Indie-Kracher, der Neubeginn. Denn Pale zelebrieren endgültig den großen Pop, mit Streichern, Background-Gesang, Klavier und beatlesken Melodien. Stets schön tanzbar groovt man sich durchs „Beat Manifesto“, erinnert in seinen ruhigeren Momenten an Großtaten von Blackfield oder den Dissociatives, scheut nach wie vor nicht die üppige Instrumentierung — wie es sich eben gehört, wenn ordentlich abgefeiert werden soll.
Dabei ist der Anfang der Platte eigentlich das Ende des Abends. Eine Pianomelodie, eine Stimme, ein Beat und ein Refrain von ungeahnter Grazie: „I Am About To Lose My Mind!“. Und hat man eben emotional bei Pale angedockt, funkt das Elektrophon dazwischen und der Fünfer beginnt abzugehen. Wachgeküsst! „Another Man On The Dancefloor. He Sweats. That’s Me.“ Yeah, das könnte eine richtig geile Nacht werden: „You Wanna Be So Good“ läutet den Anfang der großen Pop-Party ein.
Und wenn die ertanzte Dame der Wahl nicht ganz unwillig ist, halten Pale auch hier die passenden Stücke Musik parat: „Sister. You Are About To Break Out“, Streicheruntermalung für die nötige Schwere und Eleganz zu salbungsvollmundig gesungenen Zeilen. Immer noch alleine? Ach! Die Egoluft ablassen und „Forever“ mitnehmen, ein Song zum Reinkuscheln. Wer braucht da noch einen Tanzpartner? Zumal der bei Nummern wie „Gal. Why Don’t You Adore Me?“ oder „I Am A Ghost“ ohnehin nur den Bewegungsradius einengen würde. „Keep On. Bad Bird“, da geht was; Kopf, Herz und Bein, eine Einheit.
„A Clash At The Nightclub“ ist bereits an dritter Stelle des Albums die Nummer, bei der sogar 36-jährige Männer, die von Haus aus gar nicht tanzen können, das Bier mit einem leicht wehmütigen Abschiedsschluck zur Seite gestellt haben. Was der Pegel noch nicht hergibt, füllt der Sound. Locker. Lecker. Vollrausch!
Anstoßen möchte man mit dem Grand Hotel-Personal. Und vorsichtig nachhaken, wie sie es immer wieder schaffen, Ausnahme-Bands vom Schlage Death Cab For Cutie, Maritime oder eben Pale auf die gute Seite zu lotsen. Sie würden es doch nicht verraten. Aber man muss ja nicht immer und alles hinterfragen und so werden wir fürs erste auch nicht erfahren, ob Herr Uhlmann nun etwas von Fußball versteht.
Musikalisch darf man sich dagegen ganz weit aus dem Hinterhoffenster lehnen. Den Kopf auf die Hände gestützt, den Rausschmeißer „(Look, They Call You) Believer“ im Ohr zergehen lassen, an nichts denken. Nur ein wohliger Gedankennachsatz lässt sich dann doch partout nicht unterdrücken: Schön, dass immerhin eine Sache aus Aachen auch weiterhin ganz oben mitspielen wird.
