6. Oktober 2006
2. Todd-AO-70mm-Filmfestival
„50 Jahre Todd-AO“ hieß es vergangenes Jahr und nach dem großen Erfolg des zugehörigen „70mm-Filmfestivals“ in der Karlsruher Schauburg gab es vom 6. bis 8. Oktober 2006 eine neue Auflage jenes Festivals, das ganz dem Königsformat des Films gewidmet ist.
Die Schauburg ist eines der letzten Filmtheater in Europa, das über die aufwendige Todd-AO-Technik verfügt und deshalb noch in der Lage ist, 70mm-Filme auf die speziell gekrümmte 120-Grad-Panorama-Leinwand zu projizieren. Benannt ist das Format nach dem 1958 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Filmproduzenten Michael Todd, der das 70mm-System samt dem zugehörigen DP70-Projektor einst für die Filmtechnikfirma American Optical entwickelte.
Neben einer besseren Bild- und Tonqualität liegt der Reiz auch darin, die Werke in jenem Format zu schauen, in dem sie ursprünglich gedreht und gezeigt worden sind. Einige wenige Filme aus dem Festivalprogramm, die auf 35mm gedreht wurden – namentlich „Terminator 2″ und „Titanic“ – sind als so genannte Blow-Ups zu sehen, bei denen die Negative auf 70mm-Prints umkopiert wurden.
Agenten sterben einsam
„Broadsword ruft Danny Boy.“ Längst ist der Funkspruch an die englische Geheimdienstzentrale auf der Insel zur geflügelten Redewendung geworden. Er entstammt der Rolle von Richard Burton aus „Where Eagles Dare“ von 1968, der in Deutschland unter dem Titel „Agenten sterben einsam“ angelaufen ist. Die Handlung des Films ist indes 24 Jahre früher angesiedelt, am Ende des Zweiten Weltkriegs nämlich, unmittelbar vor dem D-Day. Nach einer Vorlage von Thriller-Autor Alistair MacLean mischt Burton als souveräner Gruppenführer gemeinsam mit Clint Eastwood als schweigsame rechte Hand die Nazis auf und jagt über 157 Minuten den Bodycount kontinuierlich nach oben.
Ziel ihrer beider Mission ist die Befreiung des amerikanischen Generals George Carnaby (Robert Beatty) aus einer Festung in den Alpen, dicht hinter den deutschen Linien. Über Bayern abgeschossen, transportiert ihn die Wehrmacht in ein schwer befestigtes Schloss, wo er über die bevorstehende Invasion der Amerikaner verhört wird. Um zu verhindern, dass der General wichtige Informationen preisgeben kann, soll ihn das Geheimkommando rechtzeitig aus der Gefangenschaft holen. Der englischen Einheit als Elitekämpfer zugeteilt ist der amerikanische Leutnant Morris Schaffer (Clint Eastwood). Doch aus dem Auftrag wird ein Himmelfahrtskommando: Nachdem der Trupp über den nächtlichen Alpen abgesprungen ist, kommen mehrere Mitglieder unter mysteriösen Umständen ums Leben. Smith und Schaffer gelingt es dennoch, in die bestens behütete Festung einzudringen, und dort enthüllt der Major sein eigentliches Vorhaben: Man vermutet eine Gruppe deutscher Spione innerhalb des britischen Geheimdienstes. Der Abschuss war fingiert, um die Verräter beim MI6 ausfindig zu machen. Carnaby entpuppt sich obendrein als amerikanischer Schauspieler, der dem echten General zum Verwechseln ähnlich sieht. Der Gruppe gelingt nach wilden Schießereien die Flucht aus dem Schloss, auf dem Flug zurück nach England kann Smith seinem Vorgesetzten Wyatt Turner (Patrick Wymark) den Namen des deutschen Top-Spions preisgeben. Doch dessen Name ist dem Cornel weitaus geläufiger als ihm lieb sein kann.
Ein anderer Name war im Hollywood der 60er Jahre weit mehr als nur geläufig und für eine Hand voll Dollar gab er sich schon lange nicht mehr her. Es brauchte einiges an Gage, um einen Clint Eastwood, der zu jener Zeit zu den populärsten Action-Heroen des Kinos zählte und an Hauptrollen gewöhnt war, das zweite Glied schmackhaft zu machen. 800.000 US-Dollar sollten denn aber auch der Argumente genug sein. Eastwood besticht zwar mit unerschütterlich cooler Präsenz – im Mittelpunkt stehen sollte jedoch ein anderer Hollywood-Star: Richard Burton, dessen Karriere dank einiger Flops einen kleinen Knick erlitten hatte. Filmproduzent Elliott Kastner hatte diesen wieder glatt zu bügeln und betraute Alistair MacLean, der 1961 mit dem epischen Weltkriegsabenteuer „Die Kanonen von Navarone“ auf einen globalen Erfolg verweisen konnte, ein geeignetes Drehbuch aufzusetzen, das wenig später zum Roman umgeschrieben ein weiterer Kassenschlager wurde.
Gewiefte Alliierte gegen depperte Nazis. Brian G. Hutton pflegt in seinem „Agenten sterben einsam“ so manche Spionage- und andere Klischees, einige wenige werden bewusst gebrochen, viele aber auch geradezu genüsslich überdehnt. Dennoch glückte dem Regie-Oldtimer dank straffen Erzählstils, atmosphärischer Dichte, stimmiger Kameraführung einhergehend mit fließender Schnittarbeit ein spannend inszenierter Agentenfilm mit hohem Unterhaltungswert. Daran haben auch die Schauplätze mit ihren schneeverwehten Wipfeln großen Anteil. Anstelle der bayerischen Alpen darf das österreichische Hochland herhalten, Schloss Adler ist im wahren Leben die etwa 40 Kilometer südlich von Salzburg gelegene Festung Hohenwerfen. Und handwerklich betrachtet blickt man auf 157 Minuten leinwandgewordene Perfektion, die bis heute von ihrem attraktiven Schauwert zehren kann. Insbesondere Burton legt seine Rolle geschickt aus, nährt immerzu Zweifel im Zuschauer, auf wessen Seite sein Protagonist nun eigentlich steht. Der Beobachter des Doppelagentenspiels hält sich derweil lieber an den schweigsamen Eastwood, dessen Integrität zu keiner Zeit zur Debatte steht.
Getragen durch die dynamische Filmmusik von Ron Goodwin wissen gerade die Actionsequenzen zu überzeugen. Man denke etwa an die legendäre, schwindelerregende Szene, in welcher Burton mit einem Soldaten auf der Seilbahn-Gondel ein modernes Duell austrägt, das schließlich in einer rund 20-minütigen Verfolgungsjagd gipfelt; oder Eastwoods wilde Motorradfahrt im Schneegestöber. Action wie sie heutzutage wohl nur eine Jerry Bruckheimer-Produktion zustande brächte. Doch auch „Agenten sterben einsam“ hat seine Momente, in denen er mehr ist als ein simpel gestrickter Agententhriller. Zwar werden der Krieg und seine Folgen bisweilen arg verharmlost, gar romantisiert; hie und da vermag es das Werk jedoch tatsächlich, auch die wenig angenehmen Dinge solch blutiger Auseinandersetzungen herauszustreichen.
Die wenigen Skriptschwächen übersieht man angesichts derart grandioser Action doch nur zu gerne. „Agenten sterben einsam“ agiert ohne Netz und doppelten Boden und ist mit dieser Konsequenz zu einem zeitlosen Stück Film geworden, das an Spannung nur schwer zu toppen ist. Agenten mögen im echten Leben einsam sterben, auf der Leinwand indes ist ihnen das Publikum gewiss.
Baraka
Was beseelt die Menschheit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft? Was treibt ihn Tag für Tag und Jahr für Jahr an und um? Regisseur Ron Fricke ist mit seinem Team und einer computerges
teuerten 70mm-Todd-AO-Kamera durch die Welt gereist, um eine filmische Antwort auf diese nicht ganz einfachen Fragen zu finden. In vierzehnmonatiger Arbeit entstanden ist ein 96-minütiger Bilderflug über die Erde, der immer mal wieder Halt macht, um mit den Lebewesen in aller Welt zu verweilen und sie ein kurzes Stück ihres Weges zu begleiten: Etwa einen Affen, der im Wasser eines Bergsees sitzend, zu meditieren scheint; buddhistische Mönche, die sich dem Gebet hingeben, Hunderte von Kerzen entzünden; australische Ureinwohner, die ihre Jahrtausende alten Riten zelebrieren; Menschenmassen, die aus den U-Bahnschächten Tokios quellen, durch New Yorker Straßenschluchten irren oder den Müll der Millionenmetropole Kalkutta durchwühlen; Frauen in Katmandu, die des Morgens ihre Götzenbilder schmücken; ein hinduistischer Mönch, der seine Mantras murmelt; orthodoxe Juden an der Klagemauer in Jerusalem; Urvölker, die sich ihre Gesichter bemalen und im Tanz Mutter Erde huldigen. Und die Landschaften ziehen vorüber. Wüsten, Berge, Krater, das Meer, die Sterne – ein einziger Bilderreigen.
„Zum Geheimnis des Lebens und zum Geist der Natur“ will Ron Fricke den Zuschauer mit seinem „Baraka“ führen, der nicht als Dokumentarfilm im gewohnten Gewandt, sondern als assoziativer, teils auch sehr meditativer Sinnesrausch daherkommt. Somit gibt es auch keine vordergründige Handlung. Fricke reiht Landschafts- und Menschenaufnahmen aneinander, begleitet von einer Mischung aus sphärisch-hypnotischer und ethnologisch-adaptiver Musik. Der Titel des Films ist ein Wort aus der Sufi-Sprache und heißt übersetzt in etwa: Atem des Lebens. Den hat Fricke in Tansania, China, Brasilien, Japan, Kuwait, Kambodscha, Iran, Nepal und 16 weiteren Ländern auf sechs Kontinenten eingefangen und die Puzzleteile zu einer grandiosen Doku vereint, die in ihrer Machart stark an die Qatsi-Trilogie von Godfrey Reggio und seinem bekanntesten, weil besten Vertreter „Koyaanisqatsi“ aus dem Jahre 1983 erinnert. Ohne beschreibende oder erklärende Worte zu Hilfe zu nehmen wird der Kontrast zwischen Mensch und Natur allein mit visuellen und atmosphärisch-akustischen Ausdrucksmitteln abgebildet und kommentiert, so lautet das hehre Konzept von Filmen dieser Machart.
Ohne sich all zu sehr in seinem Sujet zu verlieren, gelingt es Fricke mit seiner Kombination aus Naturaufnahmen und kulturellen Beobachtungen Strukturen offen zu legen, die unserem von Zivilisation und Alltagsstress umnebelten Bewusstsein für gewöhnlich gänzlich verborgen bleiben. Ein bedachter Kameraschwenk verbindet Zeitrafferaufnahmen, welche die besondere Schönheit und Komplexität von Mondphasen oder Wolkenformationen zum Ausdruck bringen. Das sind Bilder voll Poesie und Szenen, die ebenso zu faszinieren verstehen wie die rein dokumentarischen Momentaufnahmen; etwa wenn Fricke den Zuschauer mit den beklemmenden Lebensverhältnissen in den südamerikanischen Slums konfrontiert.
Die offensichtliche Verwandtschaft zwischen „Baraka“ und der „Qatsi“-Trilogie kommt derweil nicht von ungefähr: Schon bei „Koyaanisqatsi“ führte Ron Fricke die Kamera und tat sich als Co-Autor hervor, doch wirkt von einer technischen Warte aus betrachtet „Baraka“ vielleicht sogar noch einen Tick ausgereifter als sein großes Vorbild. Ein bildgewaltiger cineastischer Trip zu den Naturschönheiten, den Kulturen und Religionen, aber auch Zivilisationssünden unserer Erde. Die Bilder atemberaubend, die Klänge berauschend, eine schier überwältigende Pracht an Eindrücken, ein Kinoerlebnis! Da bleibt nur noch mit offenen Augen wie Ohren im Atem inne zu halten – nur sollte man ob der betörenden Augenblicke nicht vergessen, dem Filmtitel gebührend gelegentlich auch mal wieder ganz tief Luft zu holen.
Cleopatra
Es ist ein Name, den gar nicht wenige ägyptische Regentinnen aus der Dynastie der Ptolemäer trugen: Kleopatra. Beinahe ebenso zahlreich sind die Verfilmungen, doch beziehen diese sich allesamt auf eine ganz bestimmte unter ihnen: Kleopatra, die siebte nämlich, Geliebte von Gaius Julius Cäsar und nicht umsonst auch „Die Große“ genannt. Nicht weniger groß und bedeutend ist die Verfilmung ihres Lebens aus dem Jahre 1963 mit Elizabeth Taylor in der Titelrolle. Die Hauptdarstellerin nährte sich stetig und damit auch die Regenbogenpresse: Die Dreharbeiten kamen immer wieder ins Stocken. Angesichts des Nervenkrieges um diese Großproduktion dürfte so manch antike Schlacht in den Schatten gestellt worden sein.
Er hingegen hat schon zahllose tapfer geschlagen. Doch auch ein großer Feldherr kann einmal erliegen ohne deshalb gleich verloren zu haben. So wie Julius Cäsar (Rex Harrison): Der verfällt im Jahre 48 vor Christus in Alexandria den Verführungskünsten der schönen wie klugen Cleopatra, die damit nicht nur den Familienstreit um den Thron von Ägypten für sich entscheidet, Jahre später zieht sie mit beider Sohn auch noch in Rom ein. Nach Cäsars jähem Ende tröstet sich die Pharaonin schnell und macht den ungestümen Markus Antonius (Richard Burton) zu ihrem Liebhaber. Der müsste zwar aus politischen Gründen die Schwester Octavians (Roddy McDowall) heiraten, aber an Cleopatras verführerischen Argumenten zerschellt die Staatsräson. Antonius indes nimmt sie zur zweiten Frau, was ihm die rachsüchtigen Truppen Octavians beschert. Am Ende verliert Antonius nicht nur die Seeschlacht von Actium sondern auch sein Leben; Octavian behält das seine, erobert obendrein Ägypten und Cleopatra geht mit ihren beiden getreuesten Dienerinnen in den Freitod.
Der Größenwahn des römischen Imperiums schien regelrecht abzufärben. Bis heute gilt Liz Taylors triumphaler Einzug in Rom als eine der prunkvollsten aber auch teuersten Szenen der Filmgeschichte – ein Mammutfilm in jeglicher Hinsicht: Über vier Stunden Laufzeit, mehrjährige Dreharbeiten und damit verbundene Kosten von 44 Millionen Dollar, die auch Jahre später trotz Erfolg an den Kinokassen noch nicht ausgeglichen waren, machen „Cleopatra“ inflationsbereinigt zum teuersten Film der Geschichte. Die Produktion trieb den Verleih 20th Century Fox beinahe in den Ruin. Vornehmlich durch Krankheit und Starallüren der Hauptdarstellerin mussten die Dreharbeiten immer wieder über Monate unterbrochen werden: Nicht genug, dass Beauty Liz immer wieder mit ihren Pfunden zu kämpfen hatte, zog sie sich während der Dreharbeiten eine lebensgefährliche Lungenentzündung zu und konnte nur knapp vor dem Erstickungstod bewahrt werden. Auch im Film gut zu sehen ist jene Narbe des Luftröhrenschnitts, der ihr damals das Leben gerettet hat.
Obendrein sorgte ihre heiße Affäre mit Filmpartner Richard Burton für so manche weitere Schlagzeile, doch es wurde weit mehr daraus: Ein Jahr nach Abschluss der Dreharbeiten, am 15. März 1964, machte sie ihn sogar zum fünften ihrer insgesamt acht Ehemänner. Nummer drei war übrigens kein Geringerer als der 1958 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommene Filmproduzent Michael Todd, nach dem das für die Filmtechnikfirma American Optical entwickelte Todd-AO-70mm-System mit dem zugehörigen DP70-Projektor benannt ist.
Auch „Cleopatra“ wurde einst im Königsformat des Films gedreht und ist nun – nachdem man das ursprünglich sechsstündige Ausstattungsopus seinerzeit auf die lange Zeit kursierende, stark gekürzte Kinoversion von 220 Minuten gestaucht hatte – wieder um 20 Minuten erweitert. Mit opulenter Ausstattung, makellosen Darstellern und pointierten Dialogen gewann Joseph L. Mankiewiczs Werk 1964 denn auch vier „Oscars“ (Kamera, Ausstattung, Kostüme, visuelle Effekte) und wurde für fünf weitere Academy Awards nominiert; neben der Kategorie „Bester Film“ stand auch Rex Harrison als „Bester männlicher Hauptdarsteller“ zur Wahl. Seine Gegenüber indessen kam auch ohne Nominierung genügend zur Geltung. Aller Eskapaden zum Trotz hat Dame Elizabeth Taylor das Filmbild der leidenschaftlichen ägyptischen Pharaonin geprägt wie keine Zweite; damit ihre „Cleopatra“ auf den Klassiker-Thron des intelligenten Monumentalfilms gehievt. Und uns hat man wieder einmal gelehrt, dass Geschichte zwar auf dem Schlachtfeld geschrieben, die Politik aber immer noch im Schlafzimmer gemacht wird.
Grand Prix
Es soll Menschen geben, die für ein Formel 1-Rennen jedes noch so bedeutende Fußballspiel wegzappen. Der Kampf Maschine gegen Maschine, Mann gegen Mann im Rausch der Geschwindigkeit hat denn auch etwas zutiefst Heroisches – das birgt auch immens viel an cineastischem Potenzial. Und welches Autorennen könnte für einen Kinofilm spannender sein als der „Große Preis von Monaco“ mit seinem traditionellen Stadtkurs quer durch Monte Carlo? Den wählte John Frankenheimer, der dank großartiger Filme schon einsame Runden im Movie-Circus drehte, mit seinen Projekten aber ebenso oft auch im Kiesbett gelandet ist, denn auch für seinen ganz persönlichen „Grand Prix“. Vier geradezu prototypisch konzipierte Rennfahrer aus England, Frankreich, Italien und den USA lassen im Kampf um die Weltmeisterschaft auf europäischen Rennplätzen die Motoren heulen. Das war 1966 und wie fast alle seine großen Erfolge filmte er das Rennfahrerdrama in Frankreich, mit 21 Kameras parallel.
Es beginnt mit einer annähernd 20-minütigen Sequenz, zu sehen gibt’s spektakuläre Rennszenen en masse und der Zuschauer erhält ausgiebig Gelegenheit, die Akteure kennen zu lernen. Als da wären der erfolgsverwöhnte Ferrari-Pilot Jean-Pierre Sarti (Yves Montand), Scott Stoddard (Brian Bredford), der den Triumphen seines tödlich verunglückten Bruders Roger hinterherfährt, und dessen Team-Kollege Pete Aron (James Garner), welcher seit seinem Weggang von Ferrari die Champagner-Platzierungen stets vor sich wähnt. Und es passiert, was passieren muss: Aron überholt und drängt Stoddard von der Piste. Während ersterer den Vorfall unbeschadet übersteht, bezahlt Stoddard das waghalsige Manöver beinahe mit dem Leben und muss schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden. Für ihren gemeinsamen Teamchef Grund genug, Aron die Papiere in die Hand zu drücken. Der hat dann auch zunächst seine liebe Müh, ein neues Engagement bei einem Rennstall zu finden – bis sich der japanische Firmenchef Izo Yamura (Toshiro Mifune) für den Geschassten zu interessieren beginnt. Dessen Team ist bislang nicht der Rede wert, was fehlt ist ein echter Champion. Und Aron will es noch einmal wissen; kann sowohl die nächsten beiden Rennen als auch das Herz von Stoddards vernachlässigter Frau Pat (Jessica Walter) gewinnen. Stoddard selbst gelingen nach seiner Gesundung mehrere Rennsiege und so wird der einstige Kollege zum schärfsten Konkurrenten im Kampf um den WM-Titel. Die Fehde entwickelte sich zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen, der finale Lauf in Monza muss die Entscheidung bringen.
Automobile Verfolgungsjagden auf der Leinwand sind – wie es Altmeister Alfred Hitchcock einst zu sagen pflegte – der „definitive Ausdruck des filmischen Mediums“ und aus seiner Vorliebe für schnelle Autos hat ein John Frankenheimer nie groß Hehl gemacht. So wird dem Rennsport-Fanatiker auch nur zu gerne nachgesagt, dieses Stilmittel in seinen Filmen des bloßen Selbstzwecks wegen einzusetzen; um sie als Autorennen zu inszenieren, wie etwa im Actionthriller „Ronin“, der dem 1930 geborenen Filmemacher Ende der 90er trotz teils mäßiger Kritiken ein unerwartetes Comeback bescherte bevor er im Jahr 2002 an den Folgen eines Schlaganfalls verstarb. Sein „Grand Prix“ gehört mit „French Connection 2″ und „Die den Hals riskieren“ zu seinen ganz großen Würfen – Pole-Position: Dreimal angetreten, ging das Rennfahrerdrama bei den „Oscars“ in allen Kategorien auch als erster über die Ziellinie: Schnitt, Ton und Toneffekte erklommen das oberste Treppchen.
Und seine große Hingabe zum Autosport-Genre wird in jedem Moment „Grand Prix“ manifest. Nicht umsonst werden auf dem Filmplakat Formel 1-Fahrer wie Graham Hill, Jim Clark oder Juan Manuel Fangio gezeigt, deren Teams sich nach anfänglicher Skepsis so angetan von Frankenheimers Vorhaben zeigten, dass mit ihnen in Nebenrollen auf Originalkursen in Monaco, Spa und Monza gedreht werden konnte. Hauptdarsteller James Garner indes ließ es sich angesichts der wahren Helden des Motorsports denn auch nicht nehmen, in seinen Szenen höchstselbst am Steuer zu sitzen.
Den Plot splittet der Regisseur in mehrere Nebenstränge auf und mit nahezu drei Stunden Laufzeit gibt er sich dafür jede Menge Spielraum. So hat etwa der verheiratete Sarti eine heftige Affäre mit Reporterin Lousie Frederickson (Eva Marie Saint). Von bleibenderer Erinnerung als die Handlung, die sich doch größtenteils um die amourösen Verfehlungen der Piloten rankt, sind die Aufnahmen der Rennen selbst. Sind doch vor allem anderen die von den Kameramännern um Lionel Lindon und John M. Stephens eingefangenen Bilder Garant dafür, dass „Grand Prix“ über die gesamten 179 Minuten stets mit hohen Drehzahlen läuft. Dabei glückten Bilder aus für damalige Verhältnisse ungewöhnlichsten Perspektiven, etwa mittels schwenkbarer Kamera direkt an der Radaufhängung.
Doch Frankenheimer teilt nicht nur Handlung, sondern auch die Leinwand oftmals in mehrere Frames auf, um damit die Gleichzeitigkeit des dramatischen Geschehens zu vermitteln. Man rufe sich dazu nur den Filmbeginn und seine fantastische Sequenz mit dem Nebeneinander von Monaco als ruhiger Sonntag-Morgen-Stadt im Kontrast zur selben Lokalität als Rennstrecke in Erinnerung. Das hat wahrhaft Züge eines echten Kunstwerks! Teilweise aus dem Cockpit bei Originalgeschwindigkeit gedreht, findet sich der Zuschauer mitten drin in den rasanten Pistenduellen statt nur dabei; gerade so, als ob er selbst am Steuer säße. Tollkühne Männer in ihren rasenden Kisten, Drehzahlen am Limit, spektakuläre Bilder und persönliche Schicksale sorgen für packende Kinominuten; und vielleicht ja auch einen kleinen Moment des Innehaltens hernach. Die Überholspur zu nehmen ist bei weitem nicht das Wichtigste im Leben.
In einem fernen Land
Lieben und vor allen Dingen geliebt zu werden, vielleicht ist das der einzig wahre Motor allen menschlichen Strebens. Und gesetzt den Fall, diese These entspräche den Tatsachen – wie mag es da einem ergehen, der des Liebens fähig, selbst nicht geliebt wird, so sehr er sich auch mühen mag? Die Antwort ist naheliegend: bescheiden. So widerfährt es auch einem, wen
n nicht dem bestbetuchtesten, Protagonisten im weiten Hollywood. Sein Name: Tom Cruise. Seit Jahr und Tag strebt er nach Anerkennung seiner Kollegen. Wenngleich sie ihm den „Oscar“, welchem Cruise hinterherhechelt wie dem heiligen Gral, bislang versagt haben – Anerkennung, die genießt er längst. Aber lieben, das tun ihn die Wenigsten. Derzeit versucht Katie Holmes hinter das Mysterium des Klassenstrebers zu kommen; ein Unterfangen, das Penélope Cruz ebenso aufgegeben hat wie Nicole Kidman. Im Sommer 1989 standen die beiden für „Tage des Donners“ gemeinsam vor der Kamera und ein eben solcher durchfuhr die beiden während der Dreharbeiten in Daytona Beach: Tom Cruise trennte sich von Ehefrau Mimi Rogers, tat sich mit seiner Filmpartnerin zusammen und seit der Hochzeit am 24. Dezember 1990 samt nachfolgender Adoption zweier Kinder galt die Familie Cruise-Kidman als unzertrennlich. Nichtsdestotrotz zog er Weihnachten 2000 überraschend einen Schlussstrich unter die Liaison.
Zu Beginn der 90er, da war ihre Welt noch in Ordnung. Tom Cruise und Nicole Kidman standen unter Anweisung von Ron Howard, der im Frühjahr 2006 mit der Kinoadaption von Dan Browns „Sakrileg“ für weltweiten Wirbel gesorgt hat, am Set von „Far And Away“, der hierzulande unter dem Titel „In einem fernen Land“ in die Kinos kam. Er gibt darin den irischen Bauernburschen Joseph Donnelly, der sich zu Beginn der 1890er Jahre für des Vaters Tod am Großgrundbesitzer Christie (Robert Prosky) rächen will. Joseph begibt sich völlig unerfahren im Waffengebrauch mit einer alten Büchse im Gepäck zum Schloss der Christies, wo er sich fürs erste im Pferdestall verschanzt. Doch die Tochter des Hauses (Nicole Kidman) entdeckt den Eindringling, Joseph unternimmt einen letzten verzweifelten Versuch, deren Vater Daniel zu erschießen und verletzt sich dabei mit seiner eigenen Waffe. Der todgeweihte Großgrundbesitzer beschließt, den Attentäter zu verarzten, um ihn hernach wiedergenesen den Ordnungshütern zu übergeben. Seine snobistische Tochter Shannon indes zeigt mehr und mehr Interesse an dem adretten jungen Mann und auf einer Teeparty kommt es zum Eklat: Stephen (Thomas Gibson), Verwalter der Christies, aktueller Verehrer sowie künftiger Ehemann von Shannon, erscheint auf der Bildfläche und Joseph erkennt in ihm jenen Mann, der kurz zuvor noch das Haus seiner Familie niedergebrannt hatte. Doch zum angedachten Duell der beiden Männer kommt es nicht: Shannon flieht mit Joseph. Nicht aus lauter Rührseligkeit wohl gemerkt; sieht sie in ihm doch die Chance aufblitzen, sich ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: Auswandern in die Vereinigten Staaten. Da es Frauen zu jener Zeit nicht gestattet war, alleine zu reisen, fungiert Joseph bei der Überfahrt als Steigbügelhalter.
In Boston angekommen teilt man sich als Geschwister getarnt ein Zimmer in einer schäbigen Absteige und Shannon behandelt ihren Begleiter zunehmend herablassend. Der muss sich sein Geld hart als Profi-Boxer erkämpfen und der Dame aus besserem Hause fällt die Arbeit in der Hühnerfabrik sichtlich schwer. Eine Niederlage später endet die Karriere im Ring und so stehen Joseph und Shannon mitten im Winter ohne einen Cent in der Tasche auf der Straße. Und sie werden schon gesucht, denn mittlerweile ist auch der Christie-Clan samt Stephen nach Boston übergesiedelt, um die verlorene Tochter wieder zu finden.
Für seine Auswanderer-Saga konnte sich Regisseur Ron Howard, der gemeinsam mit Bob Dolman das Drehbuch ausarbeitete, lose an der Geschichte seiner eigenen Familie orientieren und mit dem damaligen Superstar-Ehepaar Tom Cruise und Nicole Kidman spannte er zwei attraktive Zugpferde vor sein prächtig anzusehendes Siedler-Epos, dessen 65mm-Format allerdings erst auf der entsprechenden Leinwand seine volle Wirkung entfalten kann: Irisches Landleben, die Erschließung des Westens, eine Milieustudie der Arbeiterschicht und die hohe Kunst des Boxsports vereint durch vitales Schauspiel und wundervolle Bilder sorgen über die 139 Minuten hinweg für beste Unterhaltung. Das Werk besticht jedoch zuvorderst durch seine wirklich gigantischen Landschaftsaufnahmen, welche die durchaus vorhanden Handlungs-Schwachpunkte sowie manch arg kitschig geratene Szene gut und gerne zu übertünchen verstehen. „Oscars“ gab’s zwar keine, dafür konnte der Film aber zwei Nominierungen für den „MTV Movie Award“ verbuchen. Etwas weniger rühmlich mutet es dagegen an, dass sich die irische Musikerin Enya mit dem Titelsong „Book Of Days“ als Anwärterin für den Spottpreis der „Goldenen Himbeere“ führen lassen musste. Auch unter finanziellen Gesichtspunkten und in Anbetracht der hochkarätigen Namen war „In einem fernen Land“ eher mäßig erfolgreich: US-Einspielergebnis und Produktionskosten hielten sich mit jeweils rund 60 Millionen Dollar so eben die Waage.
Und Tom Cruise? Der Hollywood-Beau befindet sich nach wie vor auf seiner ganz persönlichen „Mission Impossible“: Den Goldjungen der Academy hat er bis heute nicht entgegennehmen dürfen, auch nicht für sein aufwändig-imposantes Schwert-Epos „Last Samurai“ aus dem Jahre 2004. Aber er wird ganz sicher weiter danach streben, genau wie der japanische Kriegeradel nach Perfektion. Ein disziplinierter Kämpfer, das ist er. Doch Samurai bedeutet auch Diener – und vielleicht sollte Mister Cruise mehr erpicht darauf sein, seinem Publikum dienlich zu sein und etwas weniger seiner selbst. Denn wie hat es der „Stern“ Bezug nehmend auf seine Person in der ersten Ausgabe des Jahres 2004 so treffend formuliert: „Streber kommen sehr weit – geliebt werden sie nie.“
Meuterei auf der Bounty
Ihr Name könnte mit Wohltat, Spende, Güte oder gnädiger Gabe übersetzt werden. Schenkt man allerdings nicht Geschichts-, sondern dem Drehbuch zu Lewis Milestones berühmter Verfilmung Glauben, so war der Kapitän der HMS „Bounty“ das genaue Gegenteil der Gnade: Nicht eiserne Disziplin, ein sadistisches Terrorregiment führte Captain William Bligh (Trevor Howard) an Bord. Doch Hollywoods Filmemacher haben sich die Historie ein klein wenig zurechtgebogen, ist doch mittlerweile erwiesen, dass dieser nicht mehr oder weniger gestreng war als andere Schiffskapitäne seiner Zeit. Die amerikanische Autorin Caroline Alexander etwa hat vor gut zwei Jahren nach eingehenden Recherchen in Tage- und Logbüchern, Gerichtsprotokollen und Zeitungsartikeln eine Kurskorrektur vorgenommen: „Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty“ lautet der Untertitel und nimmt den historischen Geschehnissen ihren letzten Mythos. Die Matrosen kamen nach ihrem monatelangen Aufenthalt im Paradies schlicht nicht mehr mit dem rauen Seemannsleben zurecht. Anfang der 60er jedoch hält man sich noch an die einseitigeren, aber dramaturgisch weitaus effektvolleren Zeugenaussagen der Meuterer, diffamiert Bligh als grausamen Despoten der Meere und dreht mit dem Remake des Klassikers von 1935 ein weiteres Original.
1787 verlässt die „Bounty“ den Hafen von Portsmouth und der ehrgeizige Captain Bligh ist fest entschlossen, so schnell wie möglich sein Ziel Tahiti zu erreichen. Von dort soll er eine Ladung Brotbäume nach England bringen, eine der Süßkartoffel ähnelnde Frucht; als Ersatz für die Getreidelieferungen aus den nordamerikanischen Kolonien Englands, welche wegen des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges schon viel zu lange Zeit ausgeblieben waren. In den englischen Kolonien gibt es daraufhin mehrere Hungersnöte, denen zwischen den Jahren 1780 und 1787 mehr als 15.000 Menschen zum Opfer fallen, weshalb die Besitzer der Zuckerrohrplantagen King Georg III. um ein ständig verfügbares wie preiswertes Grundnahrungsmittel für ihre Sklaven ersuchen. Der willigt ein und betraut seine Admiralität mit einer ungewöhnlichen Expedition. Doch auf der Fregatte von Euer Gnaden gehört die neunschwänzige Katze – eine Riemenpeitsche mit neun geflochtenen Tau-Enden – bei den kleinsten Vergehen zum guten Ton, Bligh lässt Matrosen kielholen und den Haien zum Fraß vorwerfen.
Nach zehn langen Monaten endlich auf der paradiesischen Südpazifikinsel angekommen, ist die Pein jedoch schnell vergessen: Das Schiff liegt fünf Monate vor Anker, da Bligh Befehl hat, auf der Rückreise die Endeavour-Straße zu erforschen, dazu allerdings das Einsetzen des Ost-Monsuns abwarten muss. Für die 44 Mann starke Besatzung haben sich die Wochen der Entbehrung auf hoher See gelohnt; man verbringt glückliche Momente mit den wohlfeilen einheimischen Hula-Damen und der Erste Offizier und Schiffsführers Freund Leutnant Fletcher Christian (Marlon Brando) bandelt gar mit des Häuptlings Tochter (Tarita Teripaia) an. Die beiden wurden später übrigens auch im wahren Leben ein (Ehe-)Paar. Sein Begehren, die schöne Maimiti mitnehmen zu dürfen, wird von seinem Vorgesetzten allerdings mit Vehemenz verneint. Die „Bounty“ legt samt Brotfrucht im Laderaum wieder ab und des Käpt‘ns Lust am Quälen nimmt alsbald immer drastischere Ausmaße an: Bligh reduziert die tägliche Wasserration für seine Crew, damit er die Pflanzen wässern und von den Südseeinseln unbeschädigt zu den westindischen Kolonien Englands bringen kann.
Für die Mannschaft indes ist das Maß längst voll: Am 28. April 1789 kommt es zur Meuterei. Christian schwingt sich zum Rädelsführer auf, setzt Bligh mit 18 Getreuen, Sextant und Logbuch in einem Beiboot aus und überlässt alle miteinander ihrem Schicksal. Anschließend kehren die Meuterer zunächst nach Tahiti zurück. Zu ausgedünnt ist die Besatzung – und viel zu männlich. Nachdem sie auch die ihnen zugetanen Frauen an Bord genommen haben, steuert die Crew ihr eigentliches Ziel an, das jedoch auf keiner Seekarte verzeichnet ist: die Insel Pitcairn. Dort wähnt man sich sicher vor der zu erwartenden Verfolgung durch die britische Admiralität. Doch der Friede der Abtrünnigen, er währt nur für kurze Zeit.
Der Abenteuerfilm „Meuterei auf der Bounty“ aus dem Jahr 1962 ist die erste Farbverfilmung der historisch verbürgten Geschehnisse, die bereits zu dem von Frank Lloyd inszenierten Schwarzweiß-Klassiker inspirierten; seinerzeit mit Charles Laughton und Clark Gable in den Hauptrollen. Für den Regisseur des Remakes, Lewis Milestone, sollte es der letzte Spielfilm werden bevor er sich in den Folgejahren endgültig aus dem Geschäft zurückzog. Gedreht hatte er über zehn Monate an Originalschauplätzen auf Tahiti und Moorea in Französisch-Polynesien mit Einheimischen wie Laienstatisten. Unter anderem weil Marlon Brando als Co-Produzent das Budget immer weiter aufstockte, standen am Ende 19 Millionen US-Dollar Produktionskosten zu Buche, von denen die Hälfte allein in den Vereinigten Staaten wieder eingespielt werden konnte.
Über die Definition von Erfolg mag sich streiten lassen, der 178-Minüter gilt jedoch zu Recht auch heute noch als eines der optisch eindrucksvollsten Werke der 60er Jahre – auch ohne einen „Oscar“ gewonnen zu haben. Obgleich er bei der Verleihung 1963 neben der Kategorie „Bester Film“ in sieben weiteren nominiert war. Jene des „Besten männlichen Hauptdarstellers“ gehörte nicht dazu. Dabei besticht das Remake doch in erster Linie durch die überzeugende Besetzung der Besatzung; und vor allen anderen glänzt ein Goldjunge ganz besonderer Art: Nicht umsonst gilt der 2004 gestorbene Marlon Brando als vielleicht bedeutendster Charakterdarsteller des 20. Jahrhunderts – und als eines der letzten wahren Originale.
South Pacific
Auch wenn Mel Brooks mit „The Producers“ unlängst einen der meistgelobten Broadway-Hits auf die große Leinwand gewuchtet hat, sie sind etwas rarer geworden in den Kinoprogrammen dieser Tage. Die Blütezeit der Filmmusicals – sie liegt hinter uns. In den späten 1940er und 50er Jahren entwickelte sich das Genre noch zu einer mächtigen Unterhaltungsindustrie; und wurde hernach immer unpopulärer. Angetrieben von der Entwicklung des Tonfilms in den 30ern feierten seinerzeit viele Produktionen ihre großen Erfolge zuerst auf den Bühnen des Broadways, der bis zum heutigen Tag als Schmelztiegel unterschiedlichster Nationalitäten, Hautfarben, Konfessionen, Kulturen und sozialer Schichten gilt. So vermengten die ersten Musicals denn auch mannigfache Einflüsse: Swing und Jazz der Afroamerikaner, Revuen englischer Einwanderer und hinzu kam natürlich der gewichtige Einfluss der Operetten aus Wien und Paris. Je exotischer, pompöser und aufwändiger, desto eher war einer Produktion der Erfolg gewiss.
Zunehmend ergaben sich die Songs in den Broadway-Musicals auch aus der Handlung heraus und führten deren Dramaturgie weiter, ohne sie wie bisher mit ihren Einlagen zu unterbrechen. In Folge löste sich das Genre allmählich von der bloßen Nummernshow; mehr und mehr thematisierte man auch Sozialkritisches und zumindest in vorsichtigen Ansätzen finden sich diese Tendenzen auch in „South Pacific“ wieder, in welchem sich eine amerikanische Krankenschwester während des Zweiten Weltkrieges auf einer exotischen Insel in einen französischen Plantagenbesitzer verliebt. Nach der Uraufführung am 7. April 1949 im Majestic Theatre zu New York wurde das Stück nahezu 2.000 Mal am Broadway gespielt und mit dem „Tony-Award“ als bestes seiner Kunstform ausgezeichnet.
Zwischen dem Musical-Nabel Broadway und Hollywood als Mittelpunkt der Filmproduktion fand bald ein reger Austausch statt. So wurden viele der Broadway-Erfolge verfilmt, genauso wie später unter umgekehrten Vorzeichen Filme als Musical-Vorlage dienen durften. Das neue Medium, welches es nun auch ermöglichte Ton und Bewegtbild zu vereinen, eröffnete dem Musical völlig neue Dimensionen der Entfaltung: Das Illusionstheater auf der Bühne wich realistischen Landschaftsbildern, rasche Szenenwechsel ohne lästige Umbaupausen waren ebenso realisierbar wie Nahaufnahmen, die dem Zuschauer erstmals das Gefühl vermittelten, in den vordersten Reihen des Theaters zu sitzen.
Unter diesen Vorzeichen stand im Jahre 1958 auch die Leinwandadaption von „South Pacific“, in welchem der smarte US-Leutnant Joseph Cable (John Kerr) das Briefing erhält, die Truppenbewegungen der Japaner auf einer kleinen Insel im Südpazifik auszukundschaften. Um seine Mission erfüllen zu können, benötigt er die Hilfe des alteingesessenen französischen Farmers Emile DeBeque (Rossano Brazzi), der schon seit vielen Jahren dort lebt. Doch DeBecque seinerseits hat Probleme ganz anderer Natur, denn er versucht verzweifelt, die Liebe der Marine-Krankenschwester Nellie (Mitzi Gaynor) zu gewinnen. Da Cable seinen Auftrag ohne DeBecque nicht zu Ende bringen kann, vertreibt er sich die Zeit auf der nahe gelegenen Insel Bali Ha‘i und lernt dort die hübsche Eingeborene Liat (France Nyen) kennen. Für die weibliche Hauptrolle der Krankenschwester Nellie waren zu jener Zeit Topstars wie Elizabeth Taylor, Doris Day oder Audrey Hepburn im Gespräch, letztendlich füllte aber Mitzi Gaynor den Part.
Im Vordergrund der äußerst farbenprächtigen Todd-AO-Verfilmung des gleichnamigen Broadway-Stückes, welches auf die Vorlage „Tales Of The South Pacific“ des Autors James Michener zurückgeht, steht zwar ganz klar die doppelte Romanze vor exotischem Hintergrund; zugleich widmet sich das Musical von Joshua Logan, Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II aber auch in milder Form dem Aufeinanderprall der Kulturen; bewegen sich doch die Liebenden im Bannkreis tief verwurzelter Rassenprobleme. Die damit einhergehenden 151 Minuten teils dramatischen Geschehens leben denn in erster Linie von ihrer Verquickung der Motive Menschlichkeit, Friedensliebe, Toleranz wie Sentimentalität; und die Kompositionen – sicherlich mit die besten von Rodgers und Hammerstein – machen „South Pacific“ schlicht unverwechselbar. Manch einer zählt Songs wie „Some Enchanted Evening“, „Bali Ha‘i“, „Happy Talk“, „This Nearly Was Mine“ und „Younger Than Springtime“ gar zu den schönsten des Musicals überhaupt. So muss es nicht verwundern, dass der einzige „Oscar“, den „South Pacific“ erhielt, aus einer die Akustik bewertenden Kategorie stammt. Und mag die Blütezeit der Filmmusicals auch hinter uns liegen, ihr süßer Duft hat über die Jahrzehnte nichts von seiner betörenden Note eingebüßt.
Spartacus
Als „notwendiges Übel“, so bezeichnete der 1999 gestorbene Filmemacher Stanley Kubrick seinen „Spartacus“, der bis heute mit Fug und Recht als einer der Bedeutendsten seines Genres gelten darf. Doch war es dem kommerziellen Erfolg eben jenes Monumentalwerkes zu verdanken, dass er sich als Regisseur etablieren und fortan seine eigenen cineastischen Visionen verwirklichen konnte: „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“, „2001: Odyssee im Weltraum“, die Verfilmung von Anthony Burgess‘ „A Clockwork Orange“ oder seine Spätwerke „Shining“, die Adaption des Romans von Stephen King, und natürlich das Antikriegs-Drama „Full Metal Jacket“. Eine Meinungsverschiedenheit zwischen „Spartacus“ Kirk Douglas, der als ausführender Produzent die Fäden zog, und dessen ursprünglich vorgesehenen Regisseur Anthony Mann hatte zur Folge, dass der damals noch relativ unbekannte 31-jährige Kubrick mit der Regie für den amerikanischen Sandalenfilm über den größten Sklavenaufstand der antiken Geschichte betraut wurde. Man kannte sich bereits, hatte 1957 gemeinsam den Antikriegsfilm „Wege zum Ruhm“ („Paths Of Glory“) gedreht. Die Hintergründe des dem Film zugrunde liegenden Sklavenaufstands aus dem Jahre 73 vor Christus sind historisch verbürgt, über den Heroen Spartacus selbst ist indes nur wenig bekannt, die Darstellung seines Lebens deshalb zu großen Teilen fiktiv. Vielmehr basiert die Handlung auf dem gleichnamigen Roman von Howard Fast, den Dalton Trumbo zum Drehbuch veredelte – unter Pseudonym, da er im Zuge der McCarthy-Ära und ihrer bis zur Hysterie gesteigerten Hatz nach Kommunisten auf der „Schwarzen Liste“ stand.
Doch er ließ sich nicht unterkriegen, ebenso wenig wie sein Hauptakteur, der thrakische Sklave und Gladiator Spartacus (Kirk Douglas), welcher in Folge die Sklaven Roms zum Kampf gegen ihre Unterdrücker führen und sich den schwer bewaffneten Legionen des Weltreichs stellen sollte. Beinahe wäre es soweit gar nicht gekommen, denn Spartacus findet sich zu Filmbeginn noch als Zwangsarbeiter im Steinbruch wieder, wo er wegen Aufruhrs zum Tode verurteilt wird. Gerade noch rechtzeitig kauft ihn der Römer Lentulus Batiatus (Peter Ustinov), bewahrt Spartacus somit vor der Hinrichtung und lässt ihn mit etlichen anderen vom tyrannischen wie sadistischen Marcellus (Charles McGraw) in seiner Gladiatorenschule ausbilden. Dort wird ihm Varinia (Jean Simmons) zugewiesen, Spartacus verweigert sich jedoch dem Befehl, ein Kind mit ihr zu zeugen. Vielmehr verliebt er sich unsterblich in die attraktive Sklavin. Dann kommt der römische Senator Marcus Licinius Crassus (Laurence Olivier) nach Capua, um Gladiatoren für die große Arena zu erwerben. Und weil der wissen möchte, wofür er sein Geld ausgibt und auf eindringlichen Wunsch des weiblichen Gefolges (Nina Foch und Joanna Barnes) müssen die Sklaven auf Leben und Tod vorkämpfen. Spartacus unterliegt seinem Freund Draba (Woody Strode), doch der verschont ihn und geht stattdessen auf Crassus los. Ein Speer beendet das Leben des Äthiopiers, doch ist es das Zeichen zum Aufstand für die bereits seit längerem rebellischen Gladiatoren: Als Marcellus Spartacus wenig später bis aufs Blut reizt und demütigt, ertränkt dieser den Peiniger im Suppentopf. Auch die anderen Gladiatoren begehren auf und können die Soldaten schließlich besiegen. Die Überlebenden fliehen und füllen ihre Reihen weiter auf, indem sie einerseits Besitzungen großer Sklavenhalter überfallen und obendrein großen Zulauf entflohener Sklaven erhalten. So sammelt sich bald ein Heer von mehr als 100.000 Mann um Spartacus; der spontane Gladiatorenausbruch erwächst zum dritten Sklavenkrieg, der auch als Spartacus-Aufstand in die Geschichtsbücher eingeht.
In die seinen schrieb Stanley Kubrick die Verfilmung allerdings nie, betonte stets, er habe im Auftrag von Kirk Douglas gehandelt; wenngleich der langfristige Ruhm wohl nicht zuletzt von seinem Platz in eben jener Kubrick-Filmographie herrührt. Zu sehr sah er sich von Douglas in seiner künstlerischen Freiheit beschnitten. Ungeachtet dessen gilt das Plädoyer für moralische Integrität, Loyalität und den mutigen Einsatz zugunsten der persönlichen Freiheit als einer der besten Monumentalfilme überhaupt. Dass dies nicht ohne Pathos und Klischee zu inszenieren ist, versteht sich von selbst. Doch prägen auch und gerade die überwältigende Kampfszenen das Werk – allein sechs Wochen der 167-tägigen Dreharbeiten wurden von Kubrick darauf verwendet, die monumentalen Schlachten zu drehen, an denen annähernd 9.000 Statisten mitgewirkt haben. Auch die geschmackvolle Photographie und die bis zu den Nebenrollen großartig besetzten Schauspieler trugen dafür Sorge, dass „Spartacus“ im Jahr 1961 mit vier „Oscars“ bedacht wurde: Peter Ustinov krönte man zum „Besten männlichen Nebendarsteller“, obendrein gab es Goldjungen für Ausstattung Kamera und Kostümdesign. In den Kategorien „Beste Musik“ und „Bester Schnitt“ wurde „Spartacus“ nominiert, konnte sich aber nicht durchsetzen.
Apropos Cut: Erst im Jahr 1991 wurde korrigiert, was in den 60er Jahren noch dem Schnittraum zum Opfer fiel: Im Zuge der Restaurierung durch Robert A. Harris vervollständigte man den Film wieder mit den für seine Zeit zu prekären Szenen; unter anderem jene homoerotische im Badehaus, in welcher sich Laurence Olivier in seiner Rolle des Prätors Crassus am jungen Sklaven Antoninus alias Tony Curtis erregt und seine Bisexualität offenbart: „Ich mag Austern und Schnecken.“ Das Problem: Die Tonspur war in der Zwischenzeit unauffindbar geworden und so musste die Szene nachsynchronisiert werden. Olivier war allerdings zwei Jahre zuvor verstorben, weshalb Anthony Hopkins verpflichtet wurde, die Zeilen Crassus‘ zu lesen. Tony Curtis gab einmal mehr seinen Antoninus und damit präsentiert sich Kubricks einzige Auftragsarbeit seiner Karriere heute wieder genau so, wie man es dem Regisseur seinerzei
t zugestanden hat.
Terminator 2 – Judgment Day
„I’ll Be Back!“ Keine leere Versprechung, wie sich 2003 herausstellte. Zwölf Jahre nach dem „Judgment Day“ kehrt der „Terminator“ in Gestalt von Arnold Schwarzenegger doch tatsächlich wieder. James Cameron, Regisseur der ersten beiden Teile, konnte sich für das Projekt „Rebellion der Maschinen“ allerdings nicht mehr begeistern: „Hasta la vista, Baby!“ Und es war genau dieser flotte Spruch zur Verabschiedung, welcher zwölf Jahre zuvor endgültig für ein zweifaches „Hallo!“ auf der Hollywood-Bühne gesorgt hat. Denn die ersten beiden „Terminator“-Filme begründeten nicht nur die Karriere von Regisseur Cameron, sie ließen auch den Genredarsteller Schwarzenegger, einen bis dato als hohlen Muskelberg belächelten Ex-Bodybuilding-Champion, in seiner recht wortkargen Titelrolle endgültig zum Superstar der breiten Masse mutieren.
1984 gab der Österreicher zum ersten Mal den futuristischen Killer-Cyborg mit von menschlichem Gewebe umhüllten Metallskelett; von den Maschinenherrschern der Zukunft nackt wie man ihn schuf in die Gegenwart zurückgeschickt. Seine Mission: eine arglose Kellnerin mit Namen Sarah Connor (Linda Hamilton) zu eliminieren. Die wird nämlich in Bälde einen künftigen Widerstandskämpfer gebären – und das gilt es für die zukünftigen Regenten der Erde mit allen Mitteln zu verhindern. Der Terminator scheitert, weil sein Zielobjekt unerwartete Unterstützung erhält: Kyle Reese (Michael Biehn) eilt Sarah aus der Nachzeit zu Hilfe. Am Ende fällt der tapfere Soldat zwar der alles terminierenden Tötungsmaschine zum Opfer, doch Sarah steht ihre Frau, bringt den Terminator selbst zur Strecke und ihr von Kyle gezeugtes Kind zur Welt.
Sieben Jahre später schlägt dann im Kino der „Judgement Day“: Axel Rose und seine Gunners rocken auf dem Höhepunkt ihrer Karriere mit „You Could Be Mine“ den Soundtrack, und Cameron inszeniert als „Terminator“-Sequel eine leichte Variation des Originals; aber eben alles eine ganze Hausnummer größer und – was das Wesentliche ist – unter umgekehrten Vorzeichen: mit Arnie als Sympathieträger nämlich. Gleich zwei Terminatoren aus dem Jahr 2029 suchen nun nach dem mittlerweile 10-jährigen John Connor (Edward Furlong), zukünftiger Revolutionsführer und Maschinenbezwinger. Doch die beiden Männer aus Stahl haben gänzlich konträre Absichten. Die letzte Hoffnung der Menschheit ist eine gutartige Replik des allseits bekannten Terminators (Arnold Schwarzenegger), in die Gegenwart gebeamt von John Connor selbst, um sein zehnjähriges Ebenbild vor der High-Tech-Killermaschiene T-1000 (Robert Patrick) zu beschützen. Dieser soll zu Ende bringen, was der T-800 nicht geschafft hat. Der junge John und sein neuer Kumpane T-800 befreien Sarah (abermals gespielt von Linda Hamilton) aus der Nervenheilanstalt und entkommen im Laufe der 137 Minuten ein ums andere Mal nur knapp den Attacken des T-1000. Mit Hilfe des Computerfachmanns Dyson (Joe Morton), jenem Mann, der die Weltherrschaft ergreifenden Maschinen der Zukunft entwickeln wird, wollen sie den bevorstehenden atomaren Holocaust verhindern. Es endet in einem Showdown, wie er heroischer und dramatischer nicht sein könnte, denn der Prototyp des T-1000 ist Arnies Vorgängermodel in jeder Hinsicht überlegen.
Auch wenn Camerons Sequel aus dem Jahr 1991 inhaltlich wiederum nur wenig mehr als eine kompromisslose Verfolgungsjagd aufzubieten hat, kam sein „Terminator 2″ daher wie ein visionärer Action-Kracher aus dem nächsten Jahrtausend, der dem Science-Fiction-Genre folgerichtig einen ganz neuen Impuls verliehen hat: Indem der „Wagner der Stahlopern“ das immense Budget – es war der erste Film überhaupt, der sich mehr als 100 Millionen US-Dollar Produktionskosten rühmen konnte – hervorragend in wegweisende Spezialeffekte investierte, konnte er zu Beginn der 90er Maßstäbe im Popcornkino setzen. Fünf gleichzeitig beschäftigte Special Effects-Firmen zauberten ein Spektakel auf die Leinwand, wie es in dieser Form bislang noch nicht gesehen ward; allen voran die bei T-1000s Flüssigmetall-Effekten angewandte Technik des Computermorphing. Das begeisterte nicht nur das Publikum in aller Welt, sondern auch die Academy Of Motion Picture Arts And Sciences und die würdigte Camerons Feuerwerk der Effekte mit vier einschlägigen „Oscars“.
Als dessen eigentliche Leistung darf jedoch das Paradoxum gelten, einen martialischen Science-Fiction-Actionreißer mit einer unmissverständlichen pazifistischen Botschaft gedreht zu haben. Perfekt und extrem gradlinig inszeniert, birgt sein Film außerdem ein genreuntypisches Maß an Ironie, Gefühl und Schrecken. Für letzteren sorgen Camerons Projekte auf eine gewisse Art und Weise eigentlich immer: Sind sie doch vor allem auch berühmt-berüchtigt für ihre explodierenden Produktionskosten. Die haben sich allerdings in fast allen Fällen bezahlt gemacht: Seine Filme sind auch große kommerzielle Erfolge, die im Business in vielerlei Hinsicht lange ihresgleichen suchen müssen und die investierten Gelder um ein Vielfaches wieder einspielen. Da macht auch „Terminator 2″ keine Ausnahme; und Arnold Schwarzeneggers Schlacht ums Schicksal der Erde zum spektakulärsten Filmereignis seiner Zeit.
Titanic
Bis zum heutigen Tage ist kein Filmprojekt in Sicht, das James Camerons fabelhafter „Titanic“ das eiskalte Wasser reichen könnte. Der Film über das jähe Ende der viertägigen Jungfernfahrt des englischen Luxusliners machte ihn zwar nicht zum König der Welt, zum Hollywood-Krösus jedoch allemal. Gilt das Melodram doch bis heute als erfolgreichster Blockbuster aller Zeiten, mitsamt seiner elf „Oscars“, inklusive jenem für den „Besten Film“, die „Beste Regie“ sowie den „Besten Filmsong“, womit der seit 1959 bestehende Rekord von „Ben Hur“ eingestellt war. Gigantisch geradezu mutet das weltweite Einspielergebnis von über 1,8 Milliarden US-Dollar an, dem vergleichsweise lächerliche 250 Millionen an Produktionskosten gegenüberstehen. Allein in Deutschland lockte die Kreuzfahrt auf den Grund des Meeres mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen 18 Millionen Kinozuschauer.
Und Cameron setzt viel auf das Wirken seiner beiden Hauptakteure, versetzt den mythisch besetzten Stoff vom Untergang des vermeintlich unsinkbaren Passagierschiffes mit einer fiktiven Liebesgeschichte zwischen Lebenskünstler und Upper-Class-Girl. Am 10. April 1912 legt die „Titanic“ im Hafen von Southampton ab. Ihre Jungfernfahrt hat das Ziel New York und schenkt man den Gerüchten Glauben, so sollte dies auch die letzte Reise ihres Kapitäns Edward John Smith vor dessen Pensionierung werden. Seine finale wurde es dennoch – wenn auch auf tragische Weise. Zuvor kommt es inmitten der Weiten des Atlantischen Ozeans an Bord des größten und luxuriösesten Passagierschiffs aller Zeiten noch zur rührseligen Begegnung des unglücklichen Aristokratenmädchens Rose DeWitt Bukater (Kate Winslet) und des mittellosen Malers Jack Dawson (Leonardo DiCaprio). Doch die Liebe kennt bekanntlich kein Standesdünkel; die 17-jährige Amerikanerin vom Oberdeck, welche so sehr unter den gestrengen Regeln und Erwartungen der edwardianischen Gesellschaft leidet, und der freigesinnte Dritte-Klasse-Passagier knüpfen zarte Bande. Gerade noch rechtzeitig entfacht Jack ihre verloren gegangene Lust am Leben, indem er Rose Wege außerhalb des goldenen Käfigs gesellschaftlicher Konvention aufzeigt.
Als die „Titanic“ in jener schicksalhaften April-Nacht gegen 23.40 Uhr einen riesigen Eisberg rammt, bricht an Bord Panik aus. Der aufgeschlitzte Luxusliner füllt sich rasend schnell mit Wasser und beginnt im Nordatlantik zu versinken. Innerhalb von nur zwei Stunden und 40 Minuten ist alles vorbei. Nahezu in Realzeit begleitet Cameron die „Titanic“ auf ihren letzten Minuten nach der Kollision und zur gleichen Zeit eskaliert auch die sich zuspitzende Dreiecksgeschichte zwischen Rose, Jack und deren ebenfalls an Bord befindlichen Verlobten Cal Hockley (Billy Zane). Während mehr als 2.000 Menschen in Todesangst Platz in einem der wenigen Rettungsboote suchen und das Schiff sich immer mehr aufbäumt, um schließlich in zwei Teile zu zerbersten und unterzugehen, fechten Jack und der arrogante Hockley ein nicht weniger dramatisches Duell um Rose und das nackte Überleben aus. Bei Umgebungstemperaturen von nur zwei Grad Celsius hatten jene Passagiere, die sich nicht in einem der rettenden Boote wähnen konnten, nahezu keine Überlebenschance: 1.504 der 2.208 an Bord befindlichen Personen starben und der Untergang des Ozeandampfers, der bis zum heutigen Tag in über 3.800 Metern Tiefe ruht und rostet, ging als eine der großen Katastrophen der Seefahrt in die Geschichtsbücher ein.
Schon kurz nach Filmbeginn findet sich der Zuschauer in eben jenen Tiefen wieder, wo atemberaubende Aufnahmen vom Wrack des einstmals so majestätischen Schiffes für die standesgemäße Einstimmung sorgen. In den Überresten suchen Forscher nach dem „Herz des Ozeans“, einem sagenumwobenen, verschollenen Diamanten-Kollier, welches beim Untergang an Bord gewesen sein soll; fördern aber stattdessen die Geschichte der mittlerweile über 100 Jahre alten Rose DeWitt Bukater (Gloria Stuart) zutage, die das Unglück überlebt hat. Die abstrakten Koordinaten der Katastrophe erhalten somit von Anbeginn menschliches Antlitz. Auch wenn Cameron den Untergang des weltberühmten Schiffes für eine Spielfilmproduktion sehr detailgetreu wiedergibt, triumphiert in seinem Meisterwerk zu jeder Zeit Emotion über Effekt. Trotz dieser beinahe schon manischen Fixierung auf eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion, entstand im Ergebnis weit mehr als eine Mischung aus Liebes-, Kostüm- und Katastrophenfilm. Denn gerade die Lovestory glückt ihm trotz Céline Dion und dem Titelsong „My Heart Will Go On“ erfreulich klischeefrei. Cameron vermengt handwerkliche Perfektion und technologische Innovation mit einer dramaturgisch aufwändig erarbeiteten Story, die durchaus auch als ein filmisches Mahnmal für menschliches Versagen und die Fehlbarkeit des technologischen Fortschritts stehen darf. Die Details stimmig, die Illusion perfekt, der Kampf ums Lieben und Leben packender und spannender als alles andere, was 1997 produziert wurde. Die „Titanic“ sinkt ein weiteres Mal – ein Filmklassiker ist gehoben.
