12. Oktober 2006
Das kleine Arschloch und der alte Sack
„Ihr habt alle gefickt!“ Huch, harte Worte. Aber elf Jahre her. Heute wissen wir: Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht. Und die Zeiten sind noch mutiger geworden: „Die Satanisten vögeln Hühner, die Juden vögeln ohne Vorhaut, die Luden vögeln ohne zu bezahlen, und die Katholen werden schwanger ohne zu vögeln.“ Wenn jemand solch prekäres Gedankengut kundtut und von den bundesdeutschen Moralwächtern ungesühnt bleibt, was ist es dann? Es ist immer noch ein Arschloch, was sonst? Manchmal kehren sie eben wieder. Kaum der Mutter Kanal entschlüpft, heißt es auch schon „Sterben ist scheiße“. Das verrät uns der Untertitel. Das und noch ein kleines bisschen mehr.
Aber von vorn: Der Opa ist tot. Na, jedenfalls ist er nicht mehr da. Frau Mövenpick ebenso, doch die ist richtig tot und deshalb wird der Peppi — immer noch ohne Stammbaum und sehr zu dessen Leidwesen — vom Leih– zum Adoptivhund. Der Opa fährt derweil buchstäblich zur Hölle und die ist bei genauerer Betrachtung gar nicht mal so übel.
Kühle Drinks, angenehme 24 Grad Umgebungstemperatur, Dampfsaunen, nymphomanischen Krankenschwestern und Pornokanal sorgen dafür, dass beim alten Sack (gesprochen von Helge Schneider) keine Langeweile aufkommt. Solange sich sein Seniorenstift wieder regt, ist es für den notorisch nöligen Stinker völlig in Ordnung, tot zu sein. Schließlich ist Satan auch noch sein bester Freund. Was Wunder, sieht der doch seinem E(n)kel zum Verwechseln ähnlich.
Oberirdisch arbeitet der Herzensgute in Person des kleinen Arschlochs (Ilona Christina Schulz) derweil fieberhaft daran, Opa aus den Fängen des Leibhaftigen zu befreien; gelegentliche Störungen der Rosettenkünstler (Dirk Bach und Ralph Morgenstern), die in die Wohnung der dahingeschiedenen Frau Mövenpick ziehen möchten, inbegriffen. Klon-Experimente, Tierversuche, schwarze Messen — das kleine Arschloch lässt nichts unversucht, um den alten Sack wieder ins Leben zu rufen.
Walter Moers’ respektlos flegelhafte Comic-Kreation pfiff schon 1996 in seinem ersten Kinofilm mit großem Erfolg auf politische wie andere Korrektheiten. Die Inkarnation des nimmergutem Bengels, ein intellektuelles, bebrilltes Etwas, das man als väterlicher Erzeuger wohl am liebsten mit Vehemenz dahin zurückschieben möchte, wo es hergekommen ist. Obendrein noch sexsüchtig, sarkastisch, zynisch, bösartig und für den außerfamiliären Betrachter todkomisch. Apropos sterben: Das Leitmotiv der Fortsetzung ist so ziemlich das einzige, was der Film von Michael Schaack konsequent über die 79 Minuten durchhält. Aber der hat uns ja vor zwei Jahren schon mit „Derrick — Die Pflicht ruft!“ mehr gelangweilt als unterhalten.
Obgleich auch die wagemutige Idee durchgezogen wird, von Anbeginn zwei computeranimierte 3D-Flugenten mit Flugangst (Badesalz aka Henni Nachtsheim und Gerd Knebel) ganz skratlike als Running Gag in einen ansonsten zweidimensionalen Zeichentrick einzubauen. Witzig sind sie ab und an, lästig noch öfter („Mudder, nerv ned“) und wirken schon nach der ersten Sequenz ob ihrer schillernden CGI-Pracht wie zwei totale Fremdkörper im spartanischen Zeichenstil des Walter Moers. Aber gut, wenn die Animateure schon mal so drollige Kumpane hochgezogen haben, dann müssen die auch irgendwie (aus-)geschlachtet werden. Ein Vorfilm wäre wohl die bessere Wahl gewesen.
Überhaupt passt in diesem Sequel nicht viel zusammen; es sind allesamt in sich teils ganz gelungene Versatzstücke und auch das ist ja irgendwie schon wieder konsequent. Aber sicher nicht „Frecher, derber, besser“ wie uns die Promotion mal wieder Glauben machen will. Klar ist das Geschehen zutiefst tabu-, scham-, wie geschmacklos, homophob obendrein, ekelhaft und blasphemisch auf fast jede erdenkliche Art; und das teils auch richtig gut — aber eben nicht stimmig genug. Und daher muss man das PR-Dreigespann ganz klar mit „nein, nein und das schon gar nicht“ kontern.
Da werden (ausgerechnet!) Charaktere wie das schwule Nachbarspärchen ein-, aber nicht mehr ausgeführt; die Musik war auch schon mal sündiger; die Pointen treffender; der Leerlauf seltener; und das abrupte Ende macht die Sache dann auch in dieser Hinsicht schon fast wieder rund. Nein, manche Erfolgsgeschichten sollte man eben besser in Frieden im Video-Regal ruhen lassen, statt ihnen mit derlei halblebigen Kino-Auferstehungen den heil’gen Glanz von einst zu stehlen. Brösels „Werner“ kann ein Lied von pfeifen, aber ein beinhartes mit inzwischen drei (Kata-)Strophen.
Oh geh fott und hau wech den Scheiß! Immer und immer wieder der Rückgriff auf Altbewährtes. Warum lässt man nicht einmal ein anderes Schandmaul von Walter Moers die Leinwand, nun, erobern? Adolf, die alte Nazisau zum Beispiel: „Äch habe mät meinem jöngsten Boch ‚Der Bonker’ nächt nor zom drätten Male bitterbösen Humorrr bewiesen, sondärn mäch mät meinem Musikclip ärstmalig auch erfolgreich förs Bewägtbild beworben. Ond das Leitmotäv hätte för meine Tragikkomödiä än drei Akten auch nächt mähr geändert wärden müssen. Aber, nein Blondi, nein, wir kommen noch äns Kino — nein, wir kapitolieren noch lange nächt!“
So heißt es aber vorerst statt „Churchill, do schwanzlotschender Schweinehond! Do dräckige Sau!“ wiedermal „Heil Satanas Abraxas!“ Was der „Föhrer“ noch wusste… Jetzt wissens wir’s also auch: Sterben ist scheiße. Und manch Fortsetzung gemessen an ihrem Original ebenso — ’nen Jesus-Chip drauf und Mahlzeit! Im Falle von „Das kleine Arschloch und der alte Sack“ braucht man so mutig gar nicht zu sein, um diese Wahrheit auszusprechen.
