Es war ein­mal im Land von Kai­ser Franz und Prinz Poldi, da lebte ein selt­sam Völk­chen; geach­tet für seine Tugen­den, den Fleiß frei­lich, Pünkt­lich­keit und Dis­zi­plin. Aber geliebt? Lange nicht mehr. Zeit, dass sich was dreht. Dann kam König Fuß­ball und mit ihm die Welt, zu Gast bei Freun­den. Und es war Som­mer, ein hei­ßer; und es war schwarz, rot und es war geil. Deutsch­land, einig Fuß­ball­land. Nichts ist mehr wie es mal war. „Ein Som­mer­mär­chen“. Sönke Wort­mann ist stets dabei. Seine Doku­men­ta­tion aber nie wirk­lich mittendrin.

„Stutt­gart ist viel schö­ner als Ber­lin, schö­ner als Ber­lin, schö­ner als Ber­lin!“ So skandierten’s die Mas­sen am 8. Juli jenes denk­wür­di­gen Som­mers 2006 im Schwa­ben­land und anderswo. Und sie hat­ten recht. Aus­nahms­weise mal. Wimps And Posers Leave The Hall! Die baden-​​württembergische Lan­des­haupt­stadt war wie aus­ge­wech­selt; so leben­dig, so bunt, so aus­ge­gli­chen und so fröh­lich, wie viel­leicht noch nie — und wohl auch nim­mer mehr. Das eigent­li­che Finale nur noch Nebensache.

Kar­ne­val in Stuggi, Fan-​​Fest, Aus­nah­me­zu­stand und nicht nur dort. Kol­lek­ti­ver Freu­den­tau­mel von Ham­burg bis nach Mün­chen und schier über­schäu­mende Begeis­te­rung. Was wir alleine nicht schaf­fen, das schaf­fen wir dann zusam­men: Das Volk mit dem Herz in der Hand und dem Fähn­chen auf dem Dach, ja so stimm­ten sie alle ein. Und das nur, weil ein paar Klins­män­ner auch ohne die höchste Spiel­kul­tur und nicht gerade fili­gran, aber dafür mit Lei­den­schaft im und Team­geist am Bein zu Werke gin­gen. Was war das denn, bit­te­schön? Der End­punkt eines lan­gen Weges aus der Krise und aus der Depres­sion? Die­ser Weg wird wirk­lich kein (so) leich­ter sein. Aber schau’n mer mal.

König Fuß­ball macht selbst im Kino keine Ausnahme

Die meis­ten Tref­fer erzielt, näm­lich 14, die meis­ten Schüsse abge­ge­ben, näm­lich 113, den bes­ten Tor­schüt­zen des Tur­niers, näm­lich Miros­lav Klose — doch das Wun­der von Ber­lin, es blieb aus. Denn nur einer hält ihn fest, so ist das nun ein­mal. Sonst hätte Sönke Wort­mann den Titel sei­nes ers­ten Fuß­ball­films nur gering­fü­gig zu ändern brau­chen. „Hel­den 06″, wie im gleich­na­mi­gen Lego-​​Animationsfilm pro­phe­zeit, wur­den sie den­noch. Immer­hin, der Titel „Welt­meis­ter der Her­zen“ gehört uns, die Hin­ter­hand Jür­gen Klins­mann und auf dem Mas­ter­plan stan­den weit mehr als nur die Namen von Ayala und Este­ban Cam­bi­asso. Wort­mann lüf­tet in sei­ner WM-​​Doku „Deutsch­land. Ein Som­mer­mär­chen“ auch die­ses Geheim­nis um den mys­te­riö­sen Zet­tel und seine Blei­stift­no­ti­zen, wel­chen Tor­wart Jens Leh­mann vor dem Elf­me­ter­schie­ßen gegen Argen­ti­nien zuge­steckt bekam.

Eigent­lich kurios: Sel­ten dürfte ein Kino­start mit der­ar­ti­ger Span­nung erwar­tet wor­den sein, bei dem doch ein jeder schon sein Ende kennt. Aber so isser er halt, der Fuß­ball. Er hat sei­nen eige­nen Gesetze, da macht er selbst im Kino keine Aus­nahme. Denn Mil­lio­nen haben mit ihrer Natio­nal­mann­schaft gefie­bert, aber kei­ner war näher dran als Sönke Wort­mann. Und jetzt dür­fen wir’s also end­lich auch alle sein und die WM noch ein­mal von vorn erle­ben. Das Ban­gen, die Freude und die Ent­täu­schung. Eins und zwei und drei und — so dach­ten wir.

Bis in die Kabine folgt der Regis­seur den WM-​​Helden mit sei­ner Pana­so­nic DVX 100, unter­stützt von Frank Griebe und den Kamera­kin­dern Poldi und Schweini; filmt Klin­sis flotte Anspra­chen („Die Polen ste­hen mit dem Rücken zur Wand“); sitzt auf der Bank, in der Kabine wie im Mann­schafts­bus; zeigt deren Rituale mit Audio-​​Prediger Nai­doo; wir beglei­ten ihn hin­un­ter in die Sta­di­on­ka­ta­kom­ben; sind dabei, wenn wie die Fri­seuse Miro Klose erklärt, warum es total wich­tig ist, einen Stamm­fri­seur zu haben; lin­sen Neu­ville bei der Doping­kon­trolle durch den Tür­spalt und sehen die Freu­den­fei­ern und auch die Ent­täu­schung nach dem ver­lo­re­nen Halb­fi­nale gegen den als Piz­za­lie­fe­rant geschmäh­ten Kon­tra­hen­ten Italien.

Für Regis­seur und Film hätte es eigent­lich bes­ser gar nicht lau­fen kön­nen. Im Schweden-​​Stil jeden Gege­ner zer­le­gen erfreut zwar die Mas­sen in Sta­dion, Bier­gar­ten, Kneipe und beim Public View­ing, aber im Kino braucht’s neben Emo­tio­nen auch Dra­ma­tik. Der Star ist aus­nahms­weise wirk­lich die Mann­schaft und der muss wie alle Lein­wand­hel­den zwi­schen­durch mal einen her­ben Dämp­fer hin­neh­men. Genau mit die­sem steigt Wort­mann denn auch ein, geht sodann einen Schritt zurück, um am Ende mit dem Spiel um Platz drei zwei vor­aus zu sein: Wir durch­le­ben die Vor­be­rei­tung, das Hin­fie­bern aufs Eröff­nungs­spiel und wenn wir unse­rer Elf im Münch­ner FIFA-​​Stadion durch den Kabi­nen­gang ins Freie fol­gen, ist es fast genau wie am 9. Juni. In schau­dern­der, vor­freu­di­ger Erwar­tung der Gän­se­haut und einem Anflug jenes unbe­schreib­li­chen Krib­belns, das sonst viel­leicht nur die ein­zig wahre schönste Neben­sa­che der Welt im mensch­li­chen Kör­per aus­zu­lö­sen vermag.

Und Wort­mann? Der kommt zu früh und behält auch noch die Socken an — nur um beim Bild zu blei­ben. Nun darf also auch ein jeder Mann erfah­ren, wie es ist, wenn’s nix gewe­sen ist: Keine Stadion-​​Atmo, ledig­lich ver­meint­lich stim­mungs­volle Musik ist gebo­ten, ein paar läp­pi­sche Zeit­lu­pen, und zwar von jedem Tor genau eine, keine Wie­der­ho­lun­gen. Und Abpfiff. Was war das denn, bit­te­schön? Aua, ein Foul am Zuschauer. Wir den­ken zurück an jene Momente, rufen uns die eige­nen Bil­der vor Augen und Ohren. Welch Wahn-​​sinn! Und jetzt das Ganze noch­mal mit Dolby Sourround-​​Unterstützung… Was hätte man hier mit ein­fachs­ten Mit­teln für Emo­tio­nen schü­ren kön­nen! Fin­ger weg vom Ton und lau­fen las­sen; jedes Tor ein­mal, zwei­mal, drei­mal. Aber ver­schenkt, denn knapp vor­bei ist auch daneben.

Mögen die Reg­ler wenigs­tens in den nach­fol­gen­den K.O.-Spielen etwas hoch­ge­zo­gen sein, die Bil­der ver­blas­sen. Es kommt nicht mehr viel rüber, von dem was ein­mal war. Wort­mann ver­passt es, die Geschichte der Spiele zu erzäh­len, ja die Spiele die Geschichte erzäh­len zu las­sen. Zen­trale Ereig­nisse wie der erste Tref­fer von Lahm im Eröff­nungs­spiel gegen Costa Rica, Neu­vil­les Sieg­tor gegen die Polen in letz­ter Minute nach Flanke von Odon­kor, oder jene Ecke, von der man nur allzu gut weiß, dass sie gleich zum alle Träume been­den­den 1:0 für Ita­lien füh­ren wird — sie kom­men zwar alle­samt vor, aber nicht in ihrer Trag­weite zur Geltung.

Wort­mann ver­passt die Stim­mung dort, wo der Wahn­sinn sei­nen Ursprung weiß

Ähn­li­ches gilt für man­chen Prot­ago­nis­ten. Wort­mann lässt aus­schließ­lich Bil­der und Akteure spre

chen — da sind wir völ­lig d’accord — an Ori­en­tie­rungs­hil­fen bie­tet er Ein­blen­dun­gen von D

atum und Ort, aber Bauch­bin­den der Per­so­nen gibt es nicht. Den Jür­gen und den Jogi, ja die erken­nen wir frei­lich auch so; den Euro-​​Andi und sei­nen Gol­den G-​​Olli sowieso und unsere Eli­te­ki­cker hal­ten wir gleich­falls noch aus­ein­an­der. Aber wenn der Stab aus Fitness-​​Coaches, Psy­cho­lo­gen und Spiel­be­ob­ach­tern zu Wort kommt, kann man sich deren Funk­tion allen­falls noch müh­sam aus dem Gesag­ten herleiten.

Auch auf eine Ein­ord­nung der Ereig­nisse ver­zich­tet Wort­mann fast gänz­lich. Allen­falls darf der Bun­des­trai­ner a.D. ein paar State­ments los­wer­den, die einem Inter­view ent­stam­men, das Wort– mit Klins­mann im August in des­sen kali­for­ni­scher Hei­mat geführt hat. Er macht sonst aber auch vie­les rich­tig; zeigt eini­ges, aber nicht alles, wahrt Intim­sphä­ren. Und stel­len­weise hat er’s dann doch noch ein­ge­fan­gen, die Aus­ge­las­sen­heit auf den Stra­ßen, aller­or­ten; die win­ken­den Sol­da­ten, Poli­zis­ten, Frau Mer­kel, Ita­lie­ner und all die ande­ren Spiel­ver­der­ber. Geht ja auch fast gar nicht anders. Aber er ver­passt die Stim­mun­gen eben dort, wo der Wahn­sinn sei­nen Ursprung weiß: im Stadion.

Über­ei­lige Fer­tig­stel­lung oder über­wäl­ti­gende Erinnerungen?

100 Stun­den Film­ma­te­rial in drei Mona­ten sich­ten und schnei­den, da hieß es wohl Tempo machen bevor die Eupho­rie voll­ends abebbt und das letzte Fähn­lein von den Auto­dä­chern der Nation ver­schwun­den ist. Ob der Haupt­schwach­punkt von „Deutsch­land. Ein Som­mer­mär­chen“ am Ende der eili­gen Fer­tig­stel­lung geschul­det ist? Oder sind unsere Erin­ne­run­gen nur der­ma­ßen über­wäl­ti­gend, dass kein Mit­schnitt die­ser Welt auch nur annä­hernd an diese Momente her­an­kom­men kann? Mag sein; und welch ein Glück, dass wir alle­samt dabei waren. Denn Sönke Wort­manns Werk schafft es schlicht und ergrei­fend nicht, die extre­men Emo­tio­nen eigen­stän­dig wie­der auf­le­ben zu las­sen; Emo­tio­nen, die so hef­tig waren, dass sie die­ser Som­mer­tage ein gan­zes Land zu bewe­gen wussten.

Unter bös­wil­li­ger Aus­le­gung sind die 107 Minu­ten sogar nicht mehr als DVD-​​Bonusmaterial vom nicht zustande gekom­me­nen Spiel­film „Das Wun­der von Ber­lin“. Die bei­nah schon lieb­los abge­spul­ten Spiel­se­quen­zen sind nur das ganz große Manko einer nicht ganz makel­los auf­be­rei­te­ten Vier-​​Wochen-​​Dokumentation, die ein­fach nur dabei ist statt mit­ten­drin zu sein. Schade, denn so ein­fach wie es sich die Sport­freunde Stil­ler gemacht haben, ist die­ser cine­as­ti­sche Lat­ten­knal­ler nicht mehr zu ver­sen­ken. Für alle ande­ren darf nach wie vor gel­ten: Und am Kap der guten Hoff­nung pro­bie­ren wir’s nochmal!