Götz Widmann - "Habt euch lieb"Lie­der­ma­cher wer­den ist nicht schwer: A– und E-​​Moll sind flugs gegrif­fen, mit der Zeit noch G-​​Dur, C-​​Dur, D-​​Dur samt Siebener-​​Variationen erlernt, und dazu ein paar zotige Zei­len aus dem Leben. Lie­der­ma­cher sein dage­gen sehr. Denkt sich Götz Wid­mann des Nachts ein­sam in sei­ner Bon­ner Kom­po­nier­kü­che. Und bricht aus. Mehr und mehr offen­bar nicht län­ger Wil­lens, die auf­er­legte Beschrän­kung hin­zu­neh­men. Genug des „Hei­jananan­a­na­heija“. Eine Band soll her.

Schon auf sei­nem Vor­gän­geral­bum „Zeit“ sind die lei­sen Zwi­schen­töne lau­ter gewor­den, sowohl die text­li­chen und erst recht die musi­ka­li­schen; die Song­struk­tu­ren rafin­nier­ter, das Gitar­ren­spiel fili­gra­ner, weni­ger vor­aus­schau­bar und die Texte nach­denk­li­cher. Nun hat der Liedermaching-​​Rebell von einst den gewohn­ten Stil zumin­dest vor­über­ge­hend grund­re­vo­lu­tio­niert, singt viel vom Allein­sein und sucht die Gruppe: Nach lan­gen Jah­ren als Ein­mann­uni­ver­sum hat er mit „Habt euch lieb“ (Ahuga/​Alive) eine kom­plette Band­pro­duk­tion eingespielt.

Eine unge­kannte Dichte schafft das 14-​​köpfige Kol­lek­tiv um Wid­manns ver­traut ein­dring­li­ches Organ und seine Nylon­gi­tarre; dabei zugleich so neu, so anders, so gewöh­nungs­be­dürf­tig, so pas­send und so unan­ge­mes­sen klingt es, wenn neben in Sze­ne­krei­sen bes­tens bekann­ten Musiker-​​Kollegen wie Heinz Ratz und Pen­sen aka Strom & Was­ser, Rüdi­ger Bier­horst oder Janina auch noch Flü­gel, Flöte, Geige, Per­cus­sion (Jesse Gün­ther von den Bus­ters) und JBO-​​Gitarrist Veit Kut­zer zum Ein­satz kom­men. Klas­si­sche Liedermacher-​​Mucke? Dies­mal eher nicht.

Mit einem über­wie­gend war­men, aus­ge­klü­gel­ten Schmuse-​​Sound, dem man die Liebe zum Detail anhö­ren kann, zollt Wid­mann Grö­ßen wie Cohen, Dylan oder Rei­ser Hoch­ach­tung. Ent­ge­gen sei­ner Ankün­di­gung, es würde auf dem „Zeit“-Nachfolger wie­der rocki­ger wer­den, ist’s musi­ka­lisch noch ver­spiel­ter gera­ten. Der den­kende Mensch — und zu denen ist ein Götz Wid­mann ohne Umschweife hin­zu­zu­rech­nen — ändert nun mal seine Mei­nung von Zeit zu Zeit.

Der „Erguss von mei­nem Schwanz“ war von sei­nen Kon­zer­ten seit gerau­mer Zeit bekannt, steht aber stell­ver­tre­tend für eine auf Dauer bei­nahe schon über­trie­ben lieb­lich säu­selnde Platte in Dur. Seine Spra­che besitzt dage­gen die­selbe ehrlich-​​sympathische unver­krampfte Direkt­heit wie eh und je: Welch herr­li­cher Gedan­ken­gang beim „Bad­müll­ei­mer“ — die Ex zu ver­ges­sen, indem man sich all die dort ver­sam­mel­ten Ekel­haf­tig­kei­ten vor Augen führt!

Ebenso im Song von den „Kami­ka­ze­fraun“ — so viel Wahr­heit drin („durch­ge­knallt, gestört, psy­cho­tisch, alles andre find ich unero­tisch — total ver­rückt, ich will wis­sen wie die fickt“), da ist schlicht kein Platz mehr für über­trie­ben ambi­tio­nierte Instru­men­tie­rung. Wie’s auch klin­gen kann in Beglei­tung zeigt „Meine nächste große Liebe“ — ein sehr lei­ses Lied, aber rich­tig groß in Bild und Ton! Den Bogen über­spannt er am Ende dann doch noch: Das „Kos­mi­sche Kind“ ist doch eher ein komi­sches und passt mit sei­ner Lager­feu­er­ro­man­tik viel­leicht noch auf auf ein CVJM-​​Zeltlager, aber nicht auf ‚ne Götz Widmann-​​Platte.

Bei so viel süß­li­cher Har­mo­nie (und stel­len­weise bit­te­rer Melan­cho­lie) sind die bei­den sti­lis­ti­schen Abweich­ler auf „Habt euch lieb“ denn auch drin­gend nötig, um wenigs­tens für ein klei­nes biss­chen Dyna­mik zu sor­gen: Das sam­ple­ver­zierte, sich sto­isch hoch­ar­bei­tende „Zivi­li­sa­tion“ klingt tat­säch­lich wie der Sound­track einer rast­lo­sen High-​​Tech-​​Gesellschaft, getra­gen von sei­ner inne­ren Unruhe, immer kurz vorm Über­schwap­pen, bricht aber doch nie end­gül­tig aus. Der andere Wider­part hat aus­nahms­weise die Strom­gi­tarre umge­schnallt: „Nüch­tern wer­den auf der Bühne“. Der „Weed­man“ besingt einen ver­ka­ter­ten Auf­tritt, reflek­tiert dabei mit gera­dezu ent­waff­nen­der Offen­heit eige­nes Künst­ler­da­sein und sprich­wört­li­che Ver­göt­zung durch die Fans („der ganze blöde Kult ist meine eigne Schuld“).

Aus-​​, Um– oder gar Stil­bruch? Die Dis­kus­sio­nen ums Kol­lek­tiv sind auf Wid­manns Web­site längst in vol­lem Gang. Halb­lang. Denn Lie­der­ma­cher sein dage­gen sehr. Es ist nur legi­tim für einen eta­blier­ten Künst­ler, sich das Recht her­aus­zu­neh­men, auch mal etwas völ­lig ande­res als das von jeder­mann Erwar­tete abzu­lie­fern. Habt euch lieb. Und ihn ebenso ihr Puris­ten und Bewah­rer. Er wird’s auch euch sicher wie­der dan­ken. Spä­tes­tens auf der nächs­ten Platte.