2. November 2006

Borat

Satire ist eine Spott­dich­tung, die man­gel­hafte Tugend oder gesell­schaft­li­che Miss­stände anklagt.“ So lesen wir’s bei Wiki­pe­dia. Die kann man nun frei­lich komisch fin­den oder eben auch nicht. Und dabei sollte man’s doch bit­te­schön bewen­den las­sen. Aber nein, wir bewe­gen uns aus­schließ­lich zwi­schen Extre­men: Das Feuille­ton kommt mehr­heit­lich aus dem Lob­hu­deln nicht her­aus, wäh­rend manch Min­der­hei­ten­ver­tre­tung Sacha Baron Cohens wil­len­lose Mischung aus Folk­lore und Iro­nie mit Titel­held „Borat“ gleich als dis­kri­mi­nie­rend emp­fin­det; und so geht der Witz vor die Justiz.

Nach dem Lein­wand­aben­teuer sei­ner Kunst­fi­gur Ali G ist Bri­tan­ni­ens Bad-​​Taste-​​Komiker Num­ber One Sacha der rohe Baron Cohen also wie­der „in da House“, klebt sich einen Schnurr­bart an und reist im Auf­trag von Volk und Vater­land als kasa­chi­scher TV-​​Journalist Borat Sagdiyev nach „US und A“. Seine Mis­sion: Die Hei­mat mit Erkennt­nis­sen über die west­li­che Kul­tur zu befruch­ten. Sprich­wört­lich, denn Borats Ent­de­cker­trip wird zur roman­ti­schen Hel­den­reise: Er ver­liebt sich in „Baywatch“-Nixe Casey Jean „C.J.“ Par­ker alias Pamela Ander­son — eine der weni­gen Prot­ago­nis­ten, die wil­lent– und wis­sent­lich an Cohens Pro­jekt mit­ge­wirkt haben.

Wer Cohens „Ali G In Da House“ um sein Alter Ego des arg­lo­sen HipHop-​​Proleten im Kino gese­hen hat oder seine erfolg­rei­che Fern­seh­se­rie kennt, weiß frei­lich nur zu gut, was ihn da über 82 Kino­mi­nu­ten erwar­tet: Humor, den man mögen muss; bit­ter­böse, furcht­lose, dreiste und auf­rei­zend pro­vo­kante Nar­re­tei, umge­setzt in einer poli­tisch höchst unkor­rek­ten, anar­chi­schen Impro­vi­sa­ti­ons­ko­mö­die, die nicht nur das Kli­schee bis weit ins Gro­teske über­zeich­net, son­dern neben viel Scham­lo­sig­keit auch noch so manch schmerz­li­che Wahr­heit zutage fördert.

In Borats Wor­ten klingt das dann so: „Kul­tu­relle Ler­nung von Ame­rika um Bene­fiz für glor­rei­che Nation von Kasachs­tan zu machen.“ Apro­pos befruch­ten: Die Wer­be­trom­mel rührte Cohen in sei­ner Film­rolle Borat jüngst auch bei Ste­fan Raabs „TV Total“ und pries dem ProSieben-​​Lästermaul ohne Umschweife seine Schwes­ter an, immer­hin „Nummer-​​vier-​​Prostituierte von ganz Kasachs­tan“. Dort hat er sich nichts zu schul­den kom­men las­sen, was einen Gang vor den Kadi recht­fer­ti­gen würde. Im Borat-​​Interview mit „Welt​.de“ rühmte die Figur (und nicht etwa Baron Cohen selbst!) jedoch ein kasa­chi­sches Hotel, in dem es ein Gehege gebe, „wo Kin­der auf Eich­hörn­chen, Hunde und Zigeu­ner schie­ßen können“.

Für das Euro­päi­sche Zen­trum für Anti­zi­ga­nis­mus­for­schung ist da Schluss mit lus­tig. Der Ver­ein geht (sei­ner­seits?) in die Offen­sive bezieht sich dabei auch auf eine Szene, die im Film-​​Trailer auf der Web­site zu sehen war und im Film nach wie vor zu sehen ist: Dort erkun­digt sich der Titel­held beim Auto­ver­käu­fer, ob der Wagen Scha­den nehme, wenn er in eine Gruppe Zigeu­ner bret­tern würde und wie schnell er denn sein müsse, um die Men­schen auch wirk­lich tot zu fah­ren. Der Herr Ver­käu­fer gibt gedul­dig Aus­kunft. Abge­se­hen vom Auf­ruf zur Gewalt gegen Sinti und Roma sieht das Euro­päi­sche Zen­trum für Anti­zi­ga­nis­mus­for­schung auch den Begriff „Zigeu­ner“ wie­der gesell­schafts­fä­hig gemacht. Man hat gegen Cohen wie Ver­leih sowie gegen einige TV-​​Sender, die den Trai­ler aus­ge­strahlt haben, Klage wegen „volks­ver­het­zen­der Aus­sa­gen“ ein­ge­reicht. „Jagshemash!“

Und auch die Kasa­chen füh­len sich von die­sem „Lands­mann“ irgend­wie nicht so rich­tig gut ver­tre­ten. Das kann man einer­seits nach­voll­zie­hen, doch wit­tert die Regie­rung des zen­tral­asia­ti­schen Lan­des gleich eine poli­ti­sche Ver­schwö­rung. Albern. Denn Borat, zuge­ge­ben ein Schwein von einem Mann aus einem Land voll­kom­me­ner Rück­schritt­lich­keit, spricht nicht nur mit einem frei erfun­de­nen Akzent samt ein­ge­streu­tem, eben­falls fik­ti­ven kasa­chi­schen Voka­bu­lar; sein Kasachs­tan, das er dem Zuschauer sehr erhei­ternd zu Film­be­ginn samt Dorf­ver­ge­wal­ti­ger und besag­ter Schwes­ter vor­stellt, liegt im wah­ren Leben mit­ten in Rumä­nien. Man könnte frei­lich fra­gen, warum Cohen nicht gleich ein gänz­lich fik­ti­ves Land erschaf­fen hat. Und die Ant­wort liegt auf der Hand: Er will natür­lich pro­vo­zie­ren, schert sich nicht um „No Gos“. Und das ist sein gutes Recht.

Es wird wohl nicht mehr lange dau­ern, bis auch die ers­ten Anti­se­mi­tis­mus­vor­würfe laut wer­den. Dabei muss man Borats lächer­li­che Juden-​​Phobie, die mal als Asseln durchs Zim­mer wuselnd mit Geld­schei­nen bekämpft wer­den oder jene Szene, in der man zwei Pappmaché-​​Juden Pamplona-​​Stieren gleich durchs Dorf teibt, ebenso wie die pro­vo­kante Frage im Waf­fen­la­den nach der rich­ti­gen Wumme, um Juden zu erschie­ßen als das sehen, was sie sind: völ­lig über­zo­gene Satire. Und die sollte (fast) alles dür­fen; zumal, wenn sie ein­deu­tig als sol­che erkenn­bar ist. Aber in Ahn­leh­nung an den gro­ßen Sti­lis­ten Wolf Schnei­der: Zuschauer, die Iro­nie ver­ste­hen, sind rarer, als Fil­me­ma­cher, die sie anzu­wen­den wünschen.

Ange­sicht von trau­rig stim­men­den Erfolgs­ge­schich­ten tum­ber Blö­de­lei wie die „7 Zwerge“ könnte aller­dings schon bei­nahe ange­zwei­felt wer­den, ob der dumme Deut­sche auch wirk­lich weiß, dass man im wirk­li­chen Kasachs­tan eben nicht sei­ner Schwes­ter zur Begrü­ßung die Zunge in den Rachen steckt, seine Fäka­lien nach dem Gang aufs Ört­chen eben nicht in klei­nen Plas­tik­beu­teln zurück an den Ess­tisch bringt, den Käse nicht aus Tit­ten­milch her­stellt und sich des Mor­gens das Gesicht auch nicht unbe­dingt in der Klo­schüs­sel wäscht oder Scham­haar als Zah­lungs­mit­tel einsetzt.

Bedenkt man zu guter letzt, dass der Brite Cohen selbst jüdi­scher Abstam­mung ist, ent­larvt er sei­nen Borat ebenso wie die groß­teils unwis­send teil­neh­men­den (ame­ri­ka­ni­schen) Dar­stel­ler schlicht und ergrei­fend als bigotte Dumm­köpfe; en Detail als Ras­sis­ten, Homo­pho­bi­ker, Sexis­ten und Anti­se­mi­ten, für die der Rest der Welt sowieso nur dege­ne­rierte Pri­ma­ten sind. Er tut im Grunde nichts ande­res als Doku­fil­mer Michael Moore: Bloß­stel­len. Nur dass die­ser eben seine Gegen­über nicht mit einem fik­ti­ven Cha­rak­ter zusätz­lich ansta­chelt. Das nennt man dann echte Real­sa­tire. Doch Cohen ist Komi­ker und als einem sol­chen kann man ihm und sei­nem „Borat“ sicher so man­ches zum Vor­wurf machen: Scherze, die nicht immer und schon gar nicht für jeder­mann komisch sind zum Beispiel.

Oder Geschmack­lo­sig­keit; gip­felnd in jener Szene, als Borat samt schwar­zem Bal­ken über dem ver­meint­lich mächtig

en kasa­chi­schen Phal­lus und sein ekel­haft fet­ter Beglei­ter Aza­mat (Ken

Dav­i­tian), der ob sei­ner Lei­bes­fülle auch ohne aus aus­kommt, nackend auf dem Bett um die Selbst­be­frie­di­gungs­rechte an Pamela Ander­son rin­gen; und her­nach für eine halbe Minute in einer brech­reiz­för­den­den 69-​​Stellung ver­har­ren. Aber Min­der­hei­ten diskriminieren?

Noch­mal kurz nach­ge­schla­gen bei Wiki­pe­dia: „Dis­kri­mi­nie­rung ist die soziale Benach­tei­li­gung von Men­schen wegen grup­pen­spe­zi­fi­scher Merk­male.“ Viel­leicht soll­ten die Damen und Her­ren vom Euro­päi­schen Zen­trum für Anti­zi­ga­nis­mus­for­schung ein­mal etwas mehr über den latei­ni­schen Ursprung des Wor­tes nach­den­ken. Der heißt näm­lich kurz und knapp über­setzt „Unter­schei­dung“. Ergo: Humor ist, wenn man trotz­dem lacht. High Five!