16. November 2006

Das Leben der Anderen

Schon wie­der Ost­al­gie? Och ne, dat will doch kei­ner (mehr) haben. Und wenn doch, dann lie­gen „Son­nen­al­lee“, „Good Bye, Lenin!“, „Klein­rup­pin Fore­ver“ und „NVA“ in jeder gut sor­tier­ten Video­thek des Ver­trau­ens. Nun ver­hält es sich beim „Film­preis“-ver­edel­ten Debüt des bis­he­ri­gen Kurz­fil­me­ma­chers Flo­rian Hen­ckel von Don­ners­marck ein ganz klei­nes biss­chen anders: Schluss is mit lus­tig! Wohl kein Film hat sich bis dato in die­ser Deut­lich­keit mit dem All­tag im Über­wa­chungs­staate aus­ein­an­der gesetzt wie „Das Leben der Ande­ren“ (Buena Vista Home Enter­tain­ment).

Und dafür erhielt das Drama gleich sie­ben „Deut­sche Film­preise“: Beste männ­li­che Haupt– und Neben­rolle, Regie, Dreh­buch, Sze­nen­bild, Kamera und Bild­ge­stal­tung — und oder kurz: „Bes­ter Film“ des Jah­res. Und viel­leicht sogar noch mehr als das: Da die­ses Jahr nach „Der Unter­gang“ und „Sophie Scholl“ kein Third Reich-​​Blockbuster in den deut­schen Lan­den pro­du­ziert wurde, darf zur Abwechs­lung mal die andere Seite der hie­si­gen, unrühm­li­chen Geschichst­schrei­bung ihr „Oscar“-Glück ver­su­chen — ohne süh­nige Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung hat der deut­sche Film inter­na­tio­nal wohl lei­der keine Chance. Eine von Ger­man Films beru­fene Fach­jury wählte jeden­falls „Das Leben der Ande­ren“ als bes­tes nicht-​​englischsprachiges Werk aus; die Aca­demy Of Motion Pic­ture Arts And Sci­en­ces wird ihre end­gül­ti­gen Nomi­nie­run­gen der fünf inter­na­tio­na­len Kan­di­da­ten für den Auslands-​​„Oscar“ am 23. Januar bekannt­ge­ben. Die Gold­jun­gen gibt’s dann einen Monat spä­ter, am 25. Februar.

Doch zurück über den gro­ßen Teich und par­al­lel ein wenig am Rad der Zeit gedreht: Fünf Jahre vor ihrem Ende sichert die DDR noch ihren Macht­an­spruch dank eines Sys­tems aus Ein­schüch­te­rung und Angst durch immer­wäh­rende Kon­trolle. Als der lini­en­treue Stasi-​​Hauptmann und Ver­hör­spe­zia­list Gerd Wies­ler (Ulrich Mühe) auf den Dra­ma­ti­ker Georg Drey­man (Sebas­tian Koch) samt Lebens­ge­fähr­tin (Mar­tina Gedeck) ange­setzt wird, ver­spricht er sich davon den Kar­rie­re­schub schlecht­hin. Doch das Ein­tau­chen ins „Leben der Ande­ren“, in Liebe, Lite­ra­tur, freies Den­ken und Reden macht dem Spit­zel mehr und mehr die Arm­se­lig­keit sei­nes eige­nen Daseins bewusst.

Von Don­ners­marck zeigt mit visu­el­ler Wucht, dass eben jene Mecha­nis­men, wel­che die DDR über vier Jahr­zehnte auf­recht­er­hal­ten haben, letzt­lich zu ihrem Sturz füh­ren muss­ten. Über 137 Minu­ten folgt er sei­nen Figu­ren in ihrem ver­zwei­fel­ten Bemü­hen, einem regle­men­tier­ten Leben im tota­li­tä­ren Sys­tem doch noch einen letz­ten Hauch von Würde abzu­ge­win­nen. Des Stasi-​​Mannes Wan­del vom Sau­lus zum Pau­lus erscheint dabei voll­kom­men unglaubwürdig.

Und doch kann dies die Güte des Fil­mes nicht schmä­lern, so gese­hen kann man den ein­gängs erwähn­ten Juro­ren nur bei­pflich­ten. Von Don­ners­marck lie­fert ein dank inten­si­ven Recher­chie­rens in Archi­ven, bei His­to­ri­kern und Zeit­zeu­gen mit gro­ßer Wahr­haf­tig­keit beleg­tes Stück deut­scher Geschichte. Und end­lich, end­lich mal Ost­al­gie von ihrer wirk­li­chen, weni­ger wit­zi­gen Seite.