indiskretion ehrensache

angeschaut und abgehört von patrick wurster

16. November 2006

Das Leben der Anderen

Schon wieder Ostalgie? Och ne, dat will doch keiner (mehr) haben. Und wenn doch, dann liegen "Sonnenallee", "Good Bye, Lenin!", "Kleinruppin Forever" und "NVA" in jeder gut sortierten Videothek des Vertrauens. Nun verhält es sich beim "Filmpreis"-veredelten Debüt des bisherigen Kurzfilmemachers Florian Henckel von Donnersmarck ein ganz kleines bisschen anders: Schluss is mit lustig! Wohl kein Film hat sich bis dato in dieser Deutlichkeit mit dem Alltag im Überwachungsstaate auseinander gesetzt wie "Das Leben der Anderen" (Buena Vista Home Entertainment).

Und dafür erhielt das Drama gleich sieben "Deutsche Filmpreise": Beste männliche Haupt- und Nebenrolle, Regie, Drehbuch, Szenenbild, Kamera und Bildgestaltung - und oder kurz: "Bester Film" des Jahres. Und vielleicht sogar noch mehr als das: Da dieses Jahr nach "Der Untergang" und "Sophie Scholl" kein Third Reich-Blockbuster in den deutschen Landen produziert wurde, darf zur Abwechslung mal die andere Seite der hiesigen, unrühmlichen Geschichstschreibung ihr "Oscar"-Glück versuchen - ohne sühnige Vergangenheitsbewältigung hat der deutsche Film international wohl leider keine Chance. Eine von German Films berufene Fachjury wählte jedenfalls "Das Leben der Anderen" als bestes nicht-englischsprachiges Werk aus; die Academy Of Motion Picture Arts And Sciences wird ihre endgültigen Nominierungen der fünf internationalen Kandidaten für den Auslands-"Oscar" am 23. Januar bekanntgeben. Die Goldjungen gibt's dann einen Monat später, am 25. Februar.

Doch zurück über den großen Teich und parallel ein wenig am Rad der Zeit gedreht: Fünf Jahre vor ihrem Ende sichert die DDR noch ihren Machtanspruch dank eines Systems aus Einschüchterung und Angst durch immerwährende Kontrolle. Als der linientreue Stasi-Hauptmann und Verhörspezialist Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) auf den Dramatiker Georg Dreyman (Sebastian Koch) samt Lebensgefährtin (Martina Gedeck) angesetzt wird, verspricht er sich davon den Karriereschub schlechthin. Doch das Eintauchen ins "Leben der Anderen", in Liebe, Literatur, freies Denken und Reden macht dem Spitzel mehr und mehr die Armseligkeit seines eigenen Daseins bewusst.

Von Donnersmarck zeigt mit visueller Wucht, dass eben jene Mechanismen, welche die DDR über vier Jahrzehnte aufrechterhalten haben, letztlich zu ihrem Sturz führen mussten. Über 137 Minuten folgt er seinen Figuren in ihrem verzweifelten Bemühen, einem reglementierten Leben im totalitären System doch noch einen letzten Hauch von Würde abzugewinnen. Des Stasi-Mannes Wandel vom Saulus zum Paulus erscheint dabei vollkommen unglaubwürdig.

Und doch kann dies die Güte des Filmes nicht schmälern, so gesehen kann man den eingängs erwähnten Juroren nur beipflichten. Von Donnersmarck liefert ein dank intensiven Recherchierens in Archiven, bei Historikern und Zeitzeugen mit großer Wahrhaftigkeit belegtes Stück deutscher Geschichte. Und endlich, endlich mal Ostalgie von ihrer wirklichen, weniger witzigen Seite.

Labels: