Gunzi Heil - "Märchenstunden in 100 Sekunden"Es war ein­mal ein sem­mel­blon­der Narr, der wusst erst nicht, wie ihm geschah, als rasch beim Wort er wurd genom­men. Mit „Mär­chen­stun­den in 100 Sekun­den“ (Longblond Records) sollt er den Äther fül­len, auf dass die Leut vor Lachen brüllen.

Den Novem­ber des Jah­res 2005 hat manch einer auch als „Mär­chen­mo­nat“ in Erin­ne­rung behal­ten und die über­lie­fer­ten Radio-​​Versionen, damals aus­ge­strahlt auf Karls­ru­hes ver­bli­che­nem Lokal­sen­der Hit1, hat Musik­ka­ba­ret­tist Gunzi Heil auf sei­ner CD in Endlosklapp-​​Cover (hei­ter illus­triert von Pop­pets–Kom­pa­gnon Mar­cus Dürr) gehüllt.

Es beginnt bei­nah wie im PC-​​Quiz-​​Studio von „You Don’t Know Jack“, wenn All-​​Sprecher Gunzi in Per­so­nal­union Redak­teu­rin Helen und Kan­di­da­ten­be­treuer Coo­kie in die Tasche steckt und die ver­sam­melte Mär­chen­wald­mann­schaft auf die Plätze ruft. Schließ­lich hat man sich durch 22 Tracks voll Mär und Musik zu rei­men, und pro Titel ste­hen nur 100 Sekun­den zur Verfügung.

Da wird „Rot­käpp­chen“ zum hei­ßen Feger und bit­tet The Police um Hilfe; der­weil ret­tet Frau Holle Bernd das Brot vor dem Umluft­tod; „Der stand­hafte Zinn­sol­dat“ ist „In The Army Now“; „Rapun­zel“ hat „Die per­fekte Welle“; das Tisch­lein deckt zu Joe-​​Cocker-​​Gesang eine scharfe Table­dan­ce­rin, die mit ihrem Hams­ter auch noch Mehr­schwei­ne­reien macht; aus dem „Häß­li­chen Ent­lein“ wird doch noch Annet­ter Scha­van; Mar­cel Reich-​​Ranicki krit­telt an Frau­to­rin Row­ling und ihrem „Harry Pot­ter“ herum; Helge gibt „Das tap­fere Schnei­der­lein“; „Dorn­röß­chen“ sticht sich an Hans Rosen­thal; „Die Bre­mer Stadt­mu­si­kan­ten“ ver­le­ben bei den Söh­nen Mann­heims ihre Bies­ter­rente und die Beas­tie Girls sind bösen Schwes­tern vom „Aschen­put­tel“. Schließ­lich stellt man „Die sie­ben Geiß­lein“ und seien sie noch so glor­reich wegen Bei­hilfe zum Mord vor ein Fer­tig­ge­richt und der E-​​Bay-​​Butzemann alias rumpelstilzchen05 bekommt nicht das Babe, son­dern drei, zwei eins — keins.

Eine knappe Stunde „Tempo, Tempo!“ und Kol­lege Gunzi Heil tut wie ihm immer wie­der gehei­ßen, ent­frem­det die Erzäh­lun­gen — das Gros aus dem Fun­dus der Gebrü­der Grimm und Hans-​​Christian Ander­sen — frech-​​frivol, indem er quie­kend und quä­kend in alle erdenk­li­chen Cha­rak­tere schlüpft und die Klas­si­ker der­art mit (Pop-)Kulturgut aus allen (Werbe-)Jahrzehnten und zwei­zei­li­ger Wort­gau­ke­lei über­schüt­tet, dass er damit selbst Bully in die Parade fah­ren könnte. So wer­den aus den 100-​​Sekündern auf­wän­dig pro­du­zierte Mini­mär­chen­hör­spiele, die alle­samt ziel­si­cher auf ihre Schluss­pointe zura­sen. Ergo: So steht’s bei den Gebrü­dern Grimm. Oder eben Andersen.