Die Welt war ihm noch nicht genug: 42 Mil­lio­nen Dol­lar Gage soll Vorzeige-​​Bond Pierce Brosnan gefor­dert haben — zuviel für die Pro­du­zen­ten Bar­bara Broc­coli und Michael G. Wil­son. Ent­zo­gen ward ihm die Lizenz zum Töten. Und wer war da in Folge nicht alles für die Rolle des Doppelnull-​​Agenten im Gespräch: Hugh Jack­man, Ewan McG­re­gor, Colin Far­rell, Eric Bana und Clive Owen. Doch der eine wollte nicht, der nächste durfte nicht und als sich abzeich­nete, wer da in Brosn­ans Fuß­stap­fen tritt, war die Auf­re­gung ebenso hell wie des­sen Haar. Nicht ohne Grund. „Dekon­struk­tion“ ist das trau­rige Credo, unter dem „Casino Royale“ heute in unsere Kinos kommt. Und mit ihm der Hauch des Todes.

Keine Miss Money­penny, kein Q und das bedeu­tet auch nahezu keine Ver­fol­gungs­jag­den in flot­ten Flit­zern (Bond fährt Ford) und schon gar keine aus­ge­klü­gel­ten Selbst­ver­tei­di­gungs­spie­le­reien. Das ist schade, aber es sind auch schon ganz andere „007“-Streifen ohne Vor­zim­mer­dame und den MI6-​​Tüftler aus­ge­kom­men — zumal die Roman­vor­lage jene bei­den Figu­ren ohne­hin ausspart.

„Back To The Roots“ lau­tete das Produzenten-​​Motto bei James Bonds ers­ter Mis­sion, die ihn zu Le Chif­fre (schön fies: Mads Mik­kel­sen) führt, einem Ban­kier und welt­weit ope­rie­ren­den Ter­ro­ris­ten. Um den Schur­ken zu stop­pen und das Terror-​​Netzwerk zu zer­schla­gen, muss Bond Le Chif­fre beim Poker­spiel im Casino Royale besie­gen, so dass die­ser her­nach von sei­ner Kund­schaft wegen Kapi­tal­ver­nich­tung gelyncht wird. Bond bekommt eine adrett-​​spießige Auf­pas­se­rin (schön schön: Eva Green) vom bri­ti­schen Schatz­amt an die mus­ku­löse Seite gestellt; damit beauf­tragt, das Ersparte der Regie­rung zu bewa­chen. Dass einer wie James Bond beide Gegen­spie­ler knackt, daran konn­ten wir uns 20 Filme lang gewöhnen.

Auch daran, dass die Bond-​​Girls mitt­ler­weile mehr kön­nen, als Bikini-​​Göttinen gleich in ihren makel­lo­sen Lei­bern tro­pi­schem Gewäs­ser zu ent­stei­gen. Bond machte Money­penny nach Jahr­zehn­ten des Dar­bens, Lech­zens, Ver­zeh­rens und Quen­gelns jüngst sogar mit sei­nem James bekannt und wenn der dreien Vorgesetzte(r) M zum Brie­fing ruft, gehört die raue Stimme mitt­ler­weile wie selbst­ver­ständ­lich Dame Judi Dench. Und es bleibt alles anders in der 21. Ver­fil­mung: Bond erhebt sich plötz­lich über die Geheim­dienst­ch­ef­fin und auch sein Gegen­über am Poker­tisch fällt ein wenig aus der Reihe.

Le Chif­fre ist kei­ner der übli­chen wahn­wit­zi­gen Über-​​Bösewichter mit Welt­er­obe­rungs– oder vernichtungs-​​Plänen. Mik­kel­sen ver­leiht dem gele­gent­lich aus dem Auge blu­ten­den Ban­kier eine sinistre, unheim­li­che und wir­kungs­volle Prä­senz. Bis­lang noch alles erfri­schend anders. Moder­ni­sie­rung und Tra­di­tion müs­sen sich schließ­lich nicht aus­schlie­ßen; im Gegen­teil, bei­des ist zu leis­ten, wenn man nur die Letz­tere auch ent­spre­chend achtet.

Doch was Regis­seur Mar­tin Camp­bell und sein neuer Haupt­dar­stel­ler aus dem Fran­chise gemacht haben, dürfte die Befürch­tun­gen vie­ler Skep­ti­ker noch über­tref­fen. Den Neu­an­fang mar­kiert bereits die tra­di­tio­nelle und äußerst gelun­gene Eröff­nungs­se­quenz (auch dank Chris Cor­nells blä­ser­ver­zierte Rock­num­mer „You Know My Name“) wie­der gewohnt inhalts­lee­ren Stil, wel­che mit dem Pis­to­len­schuss aufs Publi­kum aller­dings nicht beginnt, son­dern endet. In küh­len Schwarz-​​Weiß-​​Bildern begeht Sir James im Anschluss seine ers­ten bei­den Berufstö­tun­gen und die sich anschlie­ßende Ver­fol­gungs­jagd deu­tet bereits an, dass die­ser Bond nicht mit Ele­ganz würde geseg­net sein.

Ganz genau zwei Gesichts­aus­drü­cke bemüht Craig im Laufe der 141 Minu­ten, je nach­dem ob sich sein Mis­ter Bond in weib­li­cher Gesell­schaft wähnt oder eben nicht. Dage­gen ist Bruce Wil­lis schon ein ech­tes Mimik-​​Wunder! Craigs Lippen-​​Geschürze wirkt aus­drucks­los debil, die Gesichts-​​Performance ein kla­rer Fall für Neun Live: Suchen Sie den Unter­schied! Doch ist die nicht vor­han­dene Mimik erst der Anfang vom Ende. Rich­tig lächer­lich wird’s, wenn der Herr Topa­gent und sein leicht deplat­zier­ter Sixpack-​​Body zum Sprint anset­zen und im Lauf­stil eines T-​​1000 dem Ziel­ob­jekt hin­ter­her­tip­peln als wähn­ten sie Stö­ckel­schuhe unter ihren Fuß­soh­len und die Kron­ju­we­len in den Achselhöhlen.

Apro­pos Kron­ju­we­len. Es ist nicht das erste Mal, dass 007s zweit­wich­tigste Waffe in Gefahr gerät; wir erin­nern uns gut an Gold­fin­gers gemächts­be­dro­hen­den Laser­strahl, und auch ein Pierce Brosnan durfte sich ja schon ein biss­chen fol­tern las­sen. Was Camp­bell in die­sem Zusam­men­hang meint zei­gen zu müs­sen, ist aller­dings schlicht Stil­bruch; scham– und char­me­los. Wer sich erwach­sene Män­ner beim Sackeln anschauen mag, geht zu Erkan und Ste­fan oder ins „Hostel“.

„Casino Royale“, das sind die klei­nen Merk­wür­dig­kei­ten und das große Schlimme in Lein­wand­form. Letz­te­res ist defi­ni­tiv er: Daniel Craig. Leben und ster­ben las­sen, na fein und gerne doch. Aber was hätte ein Clive Owen aus die­ser Rolle machen kön­nen… Craig dage­gen spielt sei­nen Bond mit der Aus­strah­lung eines Vor­schlag­ham­mers, eine bru­tale, eis­kalte Killer-​​Maschine, die nur seine Mis­sion kennt, ein Psy­cho­path ohne Gewis­sen, dafür mit Hang zum Sado­ma­so­chis­mus. Very Bri­tish ist das jeden­falls nicht mehr. Und sel­bi­ges gilt für den gesam­ten Film. Das I-​​Tüpfelchen der Dekon­struk­tion: Das nahezu voll­stän­dige Igno­rie­ren des klas­si­schen Bond-​​Themes.

Hinzu kom­men ärger­li­che Unstim­mig­kei­ten: Wie er wurde was er ist? Dafür wer­den denn aber ohne Umschweife SMS ver­schickt und zur Krö­nung des chro­no­lo­gi­schen Wirr­warrs sehnt sich M doch glatt den Kal­ten Krieg zurück. Als die „Bond“-Movies noch zu besag­ten Zei­ten spiel­ten, waren solch finstre Gesel­len wie jene Figur, die Daniel Craig abgibt, noch die rus­si­schen Kontrahenten-​​Handlanger eines Sean Con­nery oder Roger Moore. Nein, die­sem Bond hat man so ziem­lich alles genom­men, was die Reihe trotz action­las­ti­ger Epi­so­den Ende der 80er stets aus­ge­zeich­net hat: Einen ver­schmitz­ten, gerne auch leicht gelack­ten Smarty, einen Schön­ling mit Charme, der die Frauen wie magisch anzieht; ein­ge­bet­tet in Geschich­ten, die immer leicht vor­bei­schram­meln an der aller­letz­ten Glaubwürdigkeit.

„Casino Royale“ ist weiß Gott keine schlechte Par­tie, aber die­ser „Bond“ ist rea­lis­tisch, ist end­gül­tig ame­ri­ka­nisch, ist belie­big gewor­den. Statt geschüt­telt oder gerührt gibt’s nur noch scheiß­egal. Irgend­wie sinn­bild­lich. „Stirb an einem ande­ren Tag“? Für so man­chen Tra­di­tio­na­lis­ten könnte die­ser heute ange­bro­chen sein. Sein Name war Bond, James Bond.