Olli Schulz & der Hund Marie - "Warten auf den Bumerang"Wer war­ten kann, hat viel getan. Weiß jeden­falls ein deut­sches Sprich­wort. Das ken­nen aber viele längst nicht mehr und haben sich aus lau­ter Vor­freude Ollis ver­meint­lich neue Platte aus dem Netz gezo­gen. Den Bume­rang gab’s trotz­dem — in Form von wüs­ten Beschimp­fun­gen durch Schulz‘ Alter Ego Bibi McBen­son, der die Gunst der Stunde nut­zend sein eige­nes Album pro­mo­tet. Eine kom­plette Nonsens-​​Fake-​​CD für die „Raub­ko­pie­rer“ ein­zu­spie­len — cha­peau! Doch der wahre Fan harrt aus; bis zu neuen, zur drit­ten, zur dop­pel­ten. Es war das „War­ten auf den Bume­rang“ (Labels/​EMI).

Und zur Beloh­nung gibt’s ein wei­te­res wun­der­schö­nes Akustikgitarren-​​Pop-​​Album in deut­scher Spra­che? Auch. Und doch so viel mehr. Dass der Olli ein klu­ger Beob­ach­ter ist, mit gro­ßem Her­zen, der zwangs­läu­fi­gen Wut im Bauch und einem fei­nen Sinn für die absur­den Brü­che des All­tags, wuss­ten wir. Dass er dabei immer bes­ser wer­den würde — das haben wir zumin­dest geahnt.

Album Num­mer drei macht aus Olli einen Oli­ver und mit dem Singer/​Songwriter wächst auch seine Band: Neben Tomte–Gitar­rist Den­nis Becker wird die Beglei­tung nun mit einem fes­ten Tromm­ler (André Frahm) zur Kapelle auf­ge­stockt. Und die braucht offen­bar mehr Platz: Aus­ge­checkt hat man im Grand Hotel van Cleef und haust fortan neben den art­ver­wand­ten Indie-​​Kollegen von Kante beim Major Labels.

Der Schritt nach vorn hat sich schon beim Ver­gleich zwi­schen „Brichst du mir das Herz, dann brech ich dir die Beine“ und dem „Beigen Album“ ange­deu­tet; jetzt ist die Reife über­deut­lich zu hören. Bloße Ambi­tion greift um sich, dort wo einst die Akus­tik­gi­tarre ein­sam knarrte, wäh­rend Hund Marie aka Max Schrö­der alle mög­li­chen Instru­mente zu bear­bei­te­ten hatte. In den neuen Studio-​​Songs ist fast alles fah­rige und skiz­zen­hafte ver­schwun­den, der Un– ist end­gül­tig dem Tief­sinn gewi­chen, „War­ten auf den Bume­rang“ — das ist 37 Minu­ten reins­tes Musik-​​Destillat.

Zotige, unbe­schwerte Text­zei­len wird man ver­geb­lich suchen. Ganz am Ende lukt dann zwar doch noch ein ver­schmitz­ter Bub mit „Kleine Meise, gros­ses Herz“ um die Ecke, ansons­ten machen „Affen­bär“ und „Klappskalli“ nur­mehr den Gruß-​​Onkel: Adieu. Den Jux gibt’s aus­schließ­lich auf der „Limited Edi­tion“. Dort prä­sen­tiert sich Schulz auf der Bonus-​​EP solo mit Klampfe, spielt mehr als die Hälfte der Album-​​Songs ein wei­te­res Mal live, unplug­ged und anders, klopft wie gewohnt seine Sprü­che und hält mit dem „Vor­führef­fekt“ auch einen locker­leich­ten Bonus-​​Track parat; ganz so wie man den Sym­pa­thi­kus aus Ham­burg vom ers­ten Kon­zert­be­such an ken­nen, schät­zen und lie­ben gelernt hat.

Dabei ist die neue Ernst­haf­tig­keit so neu gar nicht, nur kon­se­quen­ter und weit­aus voll­mun­di­ger. Schulz, Hund Marie und der Rest vom Rudel beherr­schen das besun­gene Schei­tern in jeder Ton­lage; leise („Schritt für Schritt“) wie laut („Medi­zin“), avant­gar­dis­tisch mit viel­schich­ti­gen Streicher-​​Arrangements („Wenn das Leben dich beisst“), ja man pro­biert sich sogar an Elektro-​​Loops („Kei­ner hier bewegt sich“). Haben wir eben nicht noch mit Vehe­menz und wip­pen­dem Fuß zuge­stimmt: „Wenn die Music nicht so laut wär, dann wär sie auch nur halb so schön“? Wie ver­dammt recht der Schul­zens doch schon wie­der hat!

Oder auch nicht: Acht Tracks spä­ter flüs­tert er uns das mit zar­tem Frau­en­ge­sang ver­zierte „Armer Vater“. Und schaut ein Olli Schulz in den „Rück­spie­gel“, dann streift beim Piano-​​Intro ganz kurz ein Hauch Cold­play durch den Wagen, bevor der warme Schauer des Ver­stan­den­wer­dens Besitz ergreift. „War­ten auf den Bume­rang“ nimmt so man­che musi­ka­li­sche Abzwei­gung und Neben­straße, fin­det aber immer wie­der in die Spur. Das Ziel der Reise: Musik mit Seele.

Wenn wir uns also das nächste mal ob all der Sor­gen und Nöte win­selnd im eige­nen Weh­leid suh­len, soll­ten wir nicht nur dem Volks­mund ent­spre­chend viel tun, son­dern auch den Oli­ver Marc Schulz gele­gent­lich wie­der für uns sin­gen (und seine Band spie­len) las­sen. So für die Befind­lich­keit in der Zeit dazwi­schen. Könnte hel­fen. Irgend­wann kommt ganz bestimmt schon wie­der ein Moment, der bes­ser ist. Bume­rang, wir warten…