Universität Hohenheim„Are Web­logs Jour­na­lism?“ wird auf poyn​te​ron​line​.org, einem ame­ri­ka­ni­schen Journalismus-​​Portal, gefragt und die Ant­wort selbst gege­ben: „Wrong ques­tion. […] Can Jour­na­lists be Web­log­gers is the more import­ant ques­tion.“ Schließ­lich ver­dankt die neue Online-​​Publikations– und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form Web­log ihren Durch­bruch ursprüng­lich einer neuen Art von Bürger-​​Journalismus, ent­stan­den als Reak­tion auf ver­meint­li­che Mediendefizite.

„Don’t hate the media, become the media“, wie es der Musi­ker Jello Biafra for­mu­lierte. Und den­noch ver­schwim­men die Gren­zen zuse­hends: Web­logs wer­den von immer mehr tra­di­tio­nel­len Mas­sen­me­dien, vor­nehm­lich aus dem Print­sek­tor, ins Online-​​Angebot inte­griert: Ange­fan­gen im Jahr 2003 bei der Wochen­zei­tung „Die Zeit“, wel­che als ers­tes deutsch­spra­chi­ges Medium zu Blog­gen begann, bis zur Tages­zei­tung „Taz“, die im zwei­ten Halb­jahr 2006 ihren Internet-​​Auftritt um ein Weblog-​​Angebot erwei­tert hat.

Prag­ma­tisch gese­hen sind Jour­na­lis­ten also Blog­ger, sobald sie die neue Publi­ka­ti­ons­form ein­set­zen. Eine Inte­gra­tion in redak­tio­nelle Web­sites des blo­ßen Trends wegen wird dem Phä­no­men aber nicht gerecht. Ber­gen Web­logs doch das Poten­zial, fest­ge­fah­rene Struk­tu­ren im Online-​​Journalismus auf­zu­bre­chen und sich der eigent­li­chen Stär­ken des Web zu besin­nen: einer offe­nen Anwen­dung des Hyper­text­prin­zips und dem Gene­rie­ren von vir­tu­el­len Gemeinschaften.

Denn die Sites der tra­di­tio­nel­len Mas­sen­me­dien sind im Laufe der ers­ten Dekade Online-​​Journalismus „zu Inseln gewor­den, zu klas­si­schen Medi­en­pro­duk­ten, die sich dadurch aus­zeich­nen, dass sie in sich geschlos­sen sind“ und diese Prak­tik pro­du­ziert per­ma­nent „Fremd­kör­per […], die bei all ihrer Pro­ble­ma­tik schon irgend­wie funk­tio­nie­ren, letzt­lich aber immer ent­behr­lich sind“, wie der Wis­sen­schafts­jour­na­list Chris­tian Eig­ner fest­stellt. Die Inte­gra­tion von Web­logs in die Sites eta­blier­ter Medien könnte den Anfang der Abkehr von Insel-​​Produkt-​​Logik und tra­di­tio­nel­lem Rol­len­ver­ständ­nis eines Jour­na­lis­ten im Netz bedeu­ten; weg vom ein­sei­tig beleh­ren­den Frontal-​​Journalismus hin zum ver­stärk­ten Dia­log mit dem User wie ihn Neu­ber­ger ein­for­dert und hin zu jener ver­lo­ren gegan­ge­nen Offen­heit des Hyper­text­prin­zips, wel­ches heute meist nur noch dazu dient, die jewei­li­gen Sei­ten des eige­nen Medi­ums zu verbinden.

Die mit Blogs voll­zo­gene Rück­be­sin­nung auf das urei­genste Spe­zi­fi­kum des Web lässt ein Oszil­la­ti­ons­me­dium ent­ste­hen, „mit dem auch das Hyper­text­prin­zip neu bestimmt wird: Näm­lich nicht mehr als (wis­sen­schaft­li­cher) Modus, der nette Quer­ver­weise (und eine zahme Hyper­text­ua­li­tät) her­vor­bringt, son­dern als medi­en­pro­du­zie­rende Kraft, deren hyper­tex­t­u­elle Erzeug­nisse erste zufrie­den stel­lende Ant­wor­ten auf die Frage geben, was Medi­en­pro­duk­tion im Inter­net eigent­lich hei­ßen soll“, so Eig­ner. Durch die ein­her­ge­hende Ent­gren­zung von öffent­li­cher und inter­per­so­na­ler Kom­mu­ni­ka­tion ist das vor­mals stumme Publi­kum zu Zei­ten des Web 2.0 in den publi­zis­ti­schen Pro­zess ein­ge­bun­den: Die ehe­mals Pas­si­ven wer­den Aktive, Emp­fän­ger zu Teil­neh­mern, aus dem Abruf– wird ein Mit­mach­me­dium. Daher müsse sich Jour­na­lis­mus, so die Kern­these des ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­ten Dan Gill­mor, zwangs­läu­fig vom Vor­trags­mo­dell lösen und zum Gespräch werden.

Web­logs kön­nen den tra­di­tio­nel­len Mas­sen­me­dien im Netz nicht nur dabei hel­fen, mit die­sem Struk­tur­wan­del Schritt zu hal­ten. Denn das Medium ist mehr denn je die Bot­schaft. Das Wesent­li­che, das Gesell­schafts­ver­än­dernde eines Web­logs liegt in sei­ner Form begrün­det und weni­ger im über­mit­tel­ten Inhalt: Link­in­ten­sive Ein­träge und eine aus­ge­prägte Dia­loglas­tig­keit mit der web­site­über­grei­fen­den Mög­lich­keit zu kom­men­tie­ren, tra­gen in letz­ter Kon­se­quenz dem Community-​​Gedanken Rech­nung. Mit der Auf­nahme von Web­logs ins Port­fo­lio der tra­di­tio­nel­len Online-​​Medien ist der Spa­ten­stich zu „Glo­ba­len Dör­fern“ gesetzt, die trotz aller Offen­heit den User lang­fris­tig an die Publi­ka­tion bin­den kön­nen.

Ziele der Arbeit

Obwohl die Zahl der Web­logs welt­weit rasant zunimmt, wur­den im deutsch­spra­chi­gen Raum bis­her nur ver­ein­zelt wis­sen­schaft­li­che Abhand­lun­gen ver­öf­fent­licht. Die weni­gen Arbei­ten zum The­men­kom­plex Web­logs set­zen sich ent­we­der mit dem struk­tu­rel­len Wan­del von Öffent­lich­keit aus­ein­an­der (Fikisz 2004) oder machen aus der Akteur­s­per­spek­tive die Rol­len von Web­logs und Jour­na­lis­mus zum Unter­su­chungs­ge­gen­stand (Arm­borst 2006, Schmidt 2006).

Mit der Diplom­ar­beit „Web­logs im Online-​​Journalismus: Neue Poten­ziale durch Hyper­text­ua­li­tät und Community-​​Building“, geschrie­ben am Fach­ge­biet Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft und Jour­na­lis­tik der Uni­ver­si­tät Hohen­heim im Auf­bau­stu­di­en­gang Jour­na­lis­tik, wird unter Zusam­men­füh­rung von Jour­na­lis­tik, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft, Web-​​, und der noch jun­gen Weblog-​​Forschung gezeigt, dass redak­tio­nell geführte Web­logs mit ihren bei­den gro­ßen Stär­ken — einer offe­nen Anwen­dung des Hyper­text­prin­zips und dem Gene­rie­ren von vir­tu­el­len Gemein­schaf­ten — ideale Vor­aus­set­zun­gen bie­ten, um User zu bin­den. Somit kön­nen sie im Rah­men von Crossmedia-​​Strategien einen Bei­trag für die gesamte jewei­lige Online-​​Publikation leis­ten. Dar­über hin­aus pro­fi­tie­ren auch die blog­gen­den Jour­na­lis­ten — im Fol­gen­den Blo­ga­lis­ten genannt — in viel­fa­cher Weise von der neuen Publi­ka­ti­ons­form. Dazu müs­sen sich (online-)journalistische Berufs­ver­ständ­nisse an die neuen Gege­ben­hei­ten anpassen.

Mit­tels teil­stan­dar­di­sier­ter, leit­fa­den­ge­stütz­ter Exper­ten­in­ter­views mit Online-​​Redaktionsleitern und Jour­na­lis­ten in Deutsch­land ansäs­si­ger, über­re­gio­na­ler Print­me­dien, die bereits mit dem neuen For­mat in ihren Web-​​Angeboten arbei­ten („Die Welt“, „Die Zeit“, das „Han­dels­blatt“, die „Finan­cial Times Deutsch­land“, die „Frank­fur­ter Rund­schau“ und die „Süd­deut­sche Zei­tung“), ent­steht schließ­lich ein Stim­mungs­bild; die­ses zeigt sowohl die publi­zis­ti­schen Stra­te­gien und ver­folg­ten Motive der Weblog-​​Integration aus Sicht der ver­ant­wort­li­chen Redak­ti­ons­lei­ter als auch den prak­ti­schen Umgang der Blo­ga­lis­ten mit den Poten­zia­len der neuen Publikationsform.

Die Ein­zel­in­ter­views rich­te­ten sich an Blo­ga­lis­ten und Online-​​Redaktionsleiter in Deutsch­land ansäs­si­ger Zei­tungs­ver­lage, die in ihren Online-​​Auftritten mit dem For­mat des redak­tio­nel­len Web­logs arbei­ten. Zur Grund­ge­samt­heit gezählt wur­den deut­sche, über­re­gio­nale Tages– und Wochen­zei­tun­gen, die mit der neuen Publi­ka­ti­ons­form Web­log inner­halb ihrer Online-​​Angebote arbei­ten. Im Zuge der vor­lie­gen­den Unter­su­chung gal­ten als Blo­ga­lis­ten jene Jour­na­lis­ten aus Print– oder Online-​​Redaktionen, die neben ihrer eigent­li­chen jour­na­lis­ti­schen Tätig­keit ein redak­tio­nel­les Web­log im Online-​​Auftritt ihres Arbeit­ge­bers betreiben.

Fol­gende Online-​​Redaktionsleiter konn­ten als Inter­view­part­ner gewon­nen werden:

Julius End­ert
Online-​​Redaktionsleiter „Han­dels­blatt

Sebas­tian Holz­ap­fel
Online-​​Redaktionsleiter „Frank­fur­ter Rund­schau

Hel­mut Martin-​​Jung
Chef­re­dak­teur Online „Süd­deut­sche Zei­tung

Anton Notz
Redak­ti­ons­lei­ter Elec­tro­nic Media „Finan­cial Times Deutsch­land

Die befrag­ten Blo­ga­lis­ten waren:

Jochen Bitt­ner
Redak­teur „Die Zeit
Web­log „Beruf Ter­ro­rist

Bron­ski
Leser­kom­mu­ni­ka­tion „Frank­fur­ter Rund­schau
Web­log „Bron­ski — das FR-​​Blog

Oli­ver Haustein-​​Teßmer
Redak­teur „Welt​.de
Web­log „Die Gemeinde

Tho­mas Knüwer
Redak­teur „Han­dels­blatt
Web­log „Indis­kre­tion Ehren­sa­che

Auf­bau der Arbeit

Zu Beginn wer­den die Ent­wick­lun­gen der ers­ten Dekade Online-​​Journalismus nach­voll­zo­gen. Die von den Ver­la­gen ver­folg­ten Crossmedia-​​Strategien und die sich mit Eta­blie­rung des Web neu aus­rich­ten­den online-​​journalistischen Rol­len­bil­der geben die Rah­men­be­din­gun­gen für die Inte­gra­tion von Web­logs in die Web­sites der tra­di­tio­nel­len Medien vor.

Ein wei­te­rer Abschnitt wid­met sich den bis­lang her­aus­ge­bil­de­ten web­spe­zi­fi­schen Dar­stel­lungs­for­men (Kapi­tel 2). Im Anschluss an diese Zusam­men­schau wird die neue Gegen­öf­fent­lich­keit Web­log ein­ge­führt. Einer Ein­ord­nung des Begriffs und sei­ner wesent­li­chen Funk­tio­na­li­tä­ten, ein­her­ge­hend mit einem his­to­ri­schen Abriss der Evo­lu­tion des For­ma­tes, folgt eine Abgren­zung der bei­den Selbst­ver­ständ­nisse Blog­ger und Jour­na­list, die aber auch Schnitt­men­gen zutage för­dert. Im Anschluss wer­den die bei­den maß­geb­li­chen Stär­ken von Web­logs her­aus­ge­ar­bei­tet: eine offene Anwen­dung des Hyper­text­prin­zips und der inter­ak­tive Dia­log mit dem User als Vor­aus­set­zun­gen für erfolg­rei­ches Communitiy-​​Building (Kapi­tel 3).

Nach einer Vor­stel­lung der in Deutsch­land ansäs­si­gen, über­re­gio­na­len Tages– und Wochen­zei­tun­gen, wel­che bereits mit dem neuen For­mat inner­halb ihrer Web-​​Angebote arbei­ten, wird unter­sucht, wo die neue Publi­ka­ti­ons­form Web­log inner­halb der jour­na­lis­ti­schen Gen­re­lehre ein­zu­ord­nen ist. Aus den bei­den Cha­rak­te­ris­tika Jour­na­list und Blog­ger lei­tet sich die Rol­len­aus­prä­gung des Blo­ga­lis­ten, des redak­tio­nell blog­gen­den Jour­na­lis­ten, ab. Einer Erör­te­rung der unmit­tel­ba­ren und mit­tel­ba­ren Effekte offe­ner Hyper­text­an­wen­dung im Zusam­men­spiel mit Community-​​Building auf die Ange­bote blog­gen­der Mas­sen­me­dien (Kapi­tel 4) schließt sich die empi­ri­sche Unter­su­chung an (Kapi­tel 5).

Inhalts­ver­zeich­nis

1 Ein­lei­tung
1.1 Kön­nen Jour­na­lis­ten Web­log­ger sein?
1.2 Ziele der Arbeit
1.3 Auf­bau der Arbeit

2 Eine Dekade Online-​​Journalismus
2.1 Das Medium war die Bot­schaft
2.2 Cross­me­dia als publi­zis­ti­sche Stra­te­gie
2.3 Eine Pro­fes­sion zwi­schen Schleu­sen­wär­ter und Rei­se­be­glei­ter
2.4 Vom Print­du­pli­kat zum Hypermedia-​​Patchwork

3 Web­logs — die neue Gegen­öf­fent­lich­keit
3.1 Am Anfang war das Tage­buch
3.2 We Blog! What Do We Do?
3.3 Zwei Schlüs­sel fürs glo­bale Dorf
3.3.1 Die Inkar­na­tion des Hyper­texts
3.3.2 Community-​​Building oder die soziale Rück­er­obe­rung des Netzes

4 Blog trifft Jour­na­lis­mus
4.1 Web­logs im Online-​​Angebot deut­scher Tages– und Wochen­zei­tun­gen
4.2 Zwi­schen Insel– und Oszil­la­ti­ons­me­dium
4.2.1 Das jour­na­lis­ti­sche Blog — ein neues Web-​​Genre?
4.2.2 Der Blo­ga­list
4.2.3 Leser-​​Blatt– via User-​​Blog-​​Bindung

5 Empi­ri­scher Teil
5.1 Forschungs-​​Design
5.1.1 Metho­dik
5.1.2 Aus­wahl der Inter­view­part­ner
5.2 Ergeb­nisse und Dis­kus­sion
5.2.1 Publi­zis­ti­sche Stra­te­gie
5.2.2 Web­logs als Publi­ka­ti­ons­or­gan
5.2.3 Web­logs als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­or­gan
5.2.4 Rol­len­ver­ständ­nisse
5.2.5 Web­logs als Bindungsinstrument

6 Fazit