22. Januar 2007
Des Liedermachers Bierband
Stuttgart — Die Diskussionen ums Kollektiv bewegen dieser Tourtage die Gemüter auf den Konzerten von Götz Widmann, der auf seinem aktuellen Album „Habt euch lieb“ in ungewohntem Stile mit Band musiziert. Patrick Wurster traf den Liedermacher am Tag nach seinem „Karlsruhe-Urlaub“ im Stuttgarter Musikclub Röhre. Ein Gespräch über den Ausbruch, die ewige Liebe und fickende Tomaten.
???: Nach der Doppelbelastung mit CD– und DVD-Produktion hast du das Touren als Urlaub bezeichnet. Wie waren denn deine beiden Ferientage in Karlsruhe?
Götz Widmann: Toll — zweimal volles Haus im Jubez! Ein paar Leute haben sich beklagt wegen der Bestuhlung, die wollten lieber Party machen. Aber ich find das gut, wenn sich’s abwechselt.
???: …und die neue Platte ist ja ohnehin etwas gediegener. Entgegen deiner Ankündigung in unserem letzten Gespräch, es würde auf dem „Zeit“-Nachfolger wieder rockiger werden, ist’s musikalisch noch verspielter geraten. Götz Widmann und Band — Aus– oder Umbruch?
Widmann: Das war schon eher ein Ausbrechen. Ich muss mich ab und zu selbst überraschen — damit’s spannend bleibt!
???: Langweilt dich Hejananananaheija?
Widmann: Nein, absolut nicht. Das war einfach eine interessante künstlerische Erfahrung mit Band zu arbeiten, mit anderen Leuten zusammen zu arbeiten; hat mir sehr gut getan. Es war aber auch verdammt viel Arbeit und ich könnte das schon deshalb nicht bei jeder Platte. Es kommt ganz sicher irgendwann wieder ein Album in der Art, aber beim nächsten mach ich’s mir ganz einfach: Das wird eine Live-CD und dann klingt’s wieder so wie immer.
???: Wie kam es denn überhaupt zu der Idee für eine Bandproduktion?
Widmann: Das ist dem Suff entsprungen. Ich saß mit Heinz Ratz in ‚nem Hotelzimmer in Kassel, hatte zuvor Strom & Wasser zum ersten Mal live mit Band gehört — und war total begeistert von dem Sound! Dann sagte ich mir: Das will ich auch haben.
???: Stilbruch schreit da so mancher — die Diskussionen ums Kollektiv sind auch auf deiner Website längst in vollem Gang…
Widmann: Es gibt eine gewisse Minderheit von Leuten, die mich unbedingt und ausschließlich so hören wollen, wie sie mich von den Konzerten kennen. Ich kann das in gewisser Weise auch verstehen, mir geht’s bei manchen Künstlern genauso. Aber da muss man einfach in dem Bewusstsein, es ohnehin nie allen recht machen zu können, das durchziehen, was einen selber glücklich macht.
???: Schmerzt es dich trotzdem, wenn ein Teil deiner Fans die neue Platte niedermacht — hinter der doch sicher allein aufgrund der vielen Musiker noch weit mehr Aufwand steckt als bei deinen anderen Produktionen?
Widmann: Das war schon bitter… Meine Website ist wie ein Teil von mir und wenn dort auf mir herumgehackt wird, dann ist das fast wie ein körperlicher Schmerz. Es gab da einen Thread bei den Kommentaren, in dem sich die Leute richtig ausgekotzt haben. Der brutalste Hammer kam allerdings per Mail: „Götz du bist total scheiße und du wirst alt und schlecht.“ Da hatte ich dann schon ein paar Tage Schwierigkeiten mit, ging’s mir schlecht. Aber die meisten Zuschriften waren ja positiv. Die Leute mussten sich einfach erst daran gewöhnen, dass es diesmal ein anderer Sound ist.
???: In „Nüchtern werden auf der Bühne“ reflektierst du mit geradezu entwaffnender Offenheit dein eigenes Künstlerdasein und Vergötzung durch die Fans. Trotz deiner ironisierenden Sühne — eine Message an die Fans, dass du die „Weedman“-Ikone gar nicht sein willst?
Widmann: Es gibt schon Momente, in denen mir das auf den Wecker geht. Jeder Mensch möchte auf eine vielschichtige Art und Weise wahrgenommen werden und wenn’s zu eindimensional ist, dann wird’s irgendwann unangenehm. Das Lied beschreibt aber auch einen sehr krassen Moment: Ich hatte richtig hart zugeschlagen, drei oder vier Nächte durchgesoffen. Und an dem Abend wäre ich viel lieber im Bett geblieben statt auf der Bühne zu stehen. Das sind Momente, da wirst du von deinem Publikum fast erdrückt.
???: Auch auf deiner neuen DVD „Harmlos“ lässt du den Götz hinter Widmann zu Wort kommen. War es nicht zuletzt deshalb ein Anliegen, dich jenseits vom Kult als ganz und gar gewöhnlicher Mensch zu präsentieren?
Widmann: Mir ist es grundsätzlich lieber, wenn ich etwas mehrdimensionaler wahrgenommen werde und mein Bild bei den Leuten nicht auf die „Drogen“-CD beschränkt bleibt. Es hat in den vergangenen Jahren aber auch bei mir eine Entwicklung stattgefunden. Ich bin zwar von meinem Konsumverhalten immer noch der alte Götz Widmann, aber es geht nicht mehr immerzu nur um diese eine Sache. Es gibt darüber hinaus so viele andere schöne Dinge im Leben, die es wert sind, dass man sie thematisiert.
???: Du lässt dich von der Kamera sogar bis zum Grab deines verstorbenen Kompagnons und Freundes Kleinti Simon begleiten…
Widmann: Das war natürlich der härteste Moment von allen, am Grab von Kleinti. Aber der Holger Brömmel, der den Film gedreht hat, war so oft dabei, dass ich ihn irgendwann gar nicht mehr wahrgenommen habe — und plötzlich ist die Kamera wie ein guter Freund.
???: Wie immer man nun zum neuen Sound steht — „Habt euch lieb“ hält was der Titel verspricht. Musikalisch wie textlich ist’s doch sehr lieblich geraten. Eine bewusste Einseitigkeit?
Widmann: Ich empfinde das überhaupt nicht einseitig. Es ist schon eine Pop-Platte, auf jeden Fall, und das war schon so ein bisschen Absicht. Aber wenn du dir „Zivilisation“ oder „Nüchtern werden auf der Bühne“ anhörst, das sind krasse Nummern!
???: Auffällig ist aber, dass du diesmal vergleichsweise viel gescheiterte Beziehungen und das das Alleinsein besingst, dabei auch zuversichtlich dem Neuanfang entgegen schaust. Das ist ja fast schon ein kleiner „Habt mich lieb“-Zyklus…
Widmann: Reiner Zufall, es steckt kein Konzept dahinter. Ich muss mit den Liedern leben, die mir grade so einfallen. Das sind auf „Habt euch lieb“ einfach Lieder, die in einer Phase zwischen zwei Beziehungen entstanden sind, wo’s mir eher schlecht ging. Da hatten sich im Laufe der Jahre relativ viele Texte angesammelt. Im vergangenen Jahr war ich dann extrem glücklich verliebt und konnte mich endlich den Aufschrieben aus unglücklicheren Lebensabschnitten stellen und die fehlenden Melodien dazu komponieren.
???: Hast du das Cover-Motiv eigentlich im Supermarkt in der Gemüseauslage gefunden oder selbst herangezüchtet?
Widmann:Weder noch, die fickenden Tomaten hingen an meiner Wand. Das Motiv hat ein Freund von mir fotografiert, der ist eigentlich Bildhauer, hat aber einen Sommer damit zugebracht hauptsächlich Bier zu trinken, Hasch zu rauchen und Tomaten zu züchten — und daraus stammen auch diese beiden wunderbaren Exemplare. Die Fotografie hat mir dann so gut gefallen, dass er mir irgendwann einen großformatigen Abzug zum Geburtstag geschenkt hat. Als ich wusste, dass meine neue CD „Habt euch lieb“ heißen soll, hab ich ihn schließlich angerufen und gefragt, ob ich’s verwenden darf — und er hat „ja“ gesagt.
???: Wirft man einen Blick auf die Scheibe selbst, dann findet man dort die männliche Tomate vom Booklet wieder, einsam und vergehend — Symbol für einen, der seit der Trennung von der Mutter seiner Tochter ewige Liebe für tragische Utopie hält?
Widmann: Grundsätzlich halte ich es schon für möglich, dass man sich ein Leben lang gerne hat. Man kann so etwas natürlich nicht planen, aber mit meiner momentanen Freundin kann ich es mir vorstellen, sehr, sehr lange zusammenzubleiben. Alleine alt zu werden habe ich jedenfalls nicht vor; aber man sollte in diese Motive auch nicht unbedingt so furchtbar viel hineininterpretieren.
???: Live spielst du in der Regel noch alles solo. Eine Bandtour soll aber in Planung sein?
Widmann: Die Puristen können sich beruhigen: Ich habe davon wieder Abstand genommen, weil mir das zu viel Organisation ist — ich bin einfach zu faul. Für dieses Jahr habe ich mir nach dem Stress mit CD und DVD vorgenommen, viel weniger zu arbeiten und da wäre eine Bandtour extrem kontraproduktiv. Ich möchte zuhause in meinem Hof sitzen und Songs schreiben — das ist für mich nach wie vor das Allerschönste.
