Stutt­gart — Die Dis­kus­sio­nen ums Kol­lek­tiv bewe­gen die­ser Tour­tage die Gemü­ter auf den Kon­zer­ten von Götz Wid­mann, der auf sei­nem aktu­el­len Album „Habt euch lieb“ in unge­wohn­tem Stile mit Band musi­ziert. Patrick Wurs­ter traf den Lie­der­ma­cher am Tag nach sei­nem „Karlsruhe-​​Urlaub“ im Stutt­gar­ter Musik­club Röhre. Ein Gespräch über den Aus­bruch, die ewige Liebe und fickende Tomaten.

???: Nach der Dop­pel­be­las­tung mit CD– und DVD-​​Produktion hast du das Tou­ren als Urlaub bezeich­net. Wie waren denn deine bei­den Feri­en­tage in Karls­ruhe?
Götz Wid­mann: Toll — zwei­mal vol­les Haus im Jubez! Ein paar Leute haben sich beklagt wegen der Bestuh­lung, die woll­ten lie­ber Party machen. Aber ich find das gut, wenn sich’s abwechselt.

???: …und die neue Platte ist ja ohne­hin etwas gedie­ge­ner. Ent­ge­gen dei­ner Ankün­di­gung in unse­rem letz­ten Gespräch, es würde auf dem „Zeit“-Nach­fol­ger wie­der rocki­ger wer­den, ist’s musi­ka­lisch noch ver­spiel­ter gera­ten. Götz Wid­mann und Band — Aus– oder Umbruch?
Wid­mann: Das war schon eher ein Aus­bre­chen. Ich muss mich ab und zu selbst über­ra­schen — damit’s span­nend bleibt!

???: Lang­weilt dich Hejananan­a­na­heija?
Wid­mann: Nein, abso­lut nicht. Das war ein­fach eine inter­es­sante künst­le­ri­sche Erfah­rung mit Band zu arbei­ten, mit ande­ren Leu­ten zusam­men zu arbei­ten; hat mir sehr gut getan. Es war aber auch ver­dammt viel Arbeit und ich könnte das schon des­halb nicht bei jeder Platte. Es kommt ganz sicher irgend­wann wie­der ein Album in der Art, aber beim nächs­ten mach ich’s mir ganz ein­fach: Das wird eine Live-​​CD und dann klingt’s wie­der so wie immer.

???: Wie kam es denn über­haupt zu der Idee für eine Band­pro­duk­tion?
Wid­mann: Das ist dem Suff ent­sprun­gen. Ich saß mit Heinz Ratz in ‚nem Hotel­zim­mer in Kas­sel, hatte zuvor Strom & Was­ser zum ers­ten Mal live mit Band gehört — und war total begeis­tert von dem Sound! Dann sagte ich mir: Das will ich auch haben.

???: Stil­bruch schreit da so man­cher — die Dis­kus­sio­nen ums Kol­lek­tiv sind auch auf dei­ner Web­site längst in vol­lem Gang…
Wid­mann: Es gibt eine gewisse Min­der­heit von Leu­ten, die mich unbe­dingt und aus­schließ­lich so hören wol­len, wie sie mich von den Kon­zer­ten ken­nen. Ich kann das in gewis­ser Weise auch ver­ste­hen, mir geht’s bei man­chen Künst­lern genauso. Aber da muss man ein­fach in dem Bewusst­sein, es ohne­hin nie allen recht machen zu kön­nen, das durch­zie­hen, was einen sel­ber glück­lich macht.

???: Schmerzt es dich trotz­dem, wenn ein Teil dei­ner Fans die neue Platte nie­der­macht — hin­ter der doch sicher allein auf­grund der vie­len Musi­ker noch weit mehr Auf­wand steckt als bei dei­nen ande­ren Pro­duk­tio­nen?
Wid­mann: Das war schon bit­ter… Meine Web­site ist wie ein Teil von mir und wenn dort auf mir her­um­ge­hackt wird, dann ist das fast wie ein kör­per­li­cher Schmerz. Es gab da einen Thread bei den Kom­men­ta­ren, in dem sich die Leute rich­tig aus­ge­kotzt haben. Der bru­talste Ham­mer kam aller­dings per Mail: „Götz du bist total scheiße und du wirst alt und schlecht.“ Da hatte ich dann schon ein paar Tage Schwie­rig­kei­ten mit, ging’s mir schlecht. Aber die meis­ten Zuschrif­ten waren ja posi­tiv. Die Leute muss­ten sich ein­fach erst daran gewöh­nen, dass es dies­mal ein ande­rer Sound ist.

???: In „Nüch­tern wer­den auf der Bühne“ reflek­tierst du mit gera­dezu ent­waff­nen­der Offen­heit dein eige­nes Künst­ler­da­sein und Ver­göt­zung durch die Fans. Trotz dei­ner iro­ni­sie­ren­den Sühne — eine Mes­sage an die Fans, dass du die „Weedman“-Ikone gar nicht sein willst?
Wid­mann: Es gibt schon Momente, in denen mir das auf den Wecker geht. Jeder Mensch möchte auf eine viel­schich­tige Art und Weise wahr­ge­nom­men wer­den und wenn’s zu ein­di­men­sio­nal ist, dann wird’s irgend­wann unan­ge­nehm. Das Lied beschreibt aber auch einen sehr kras­sen Moment: Ich hatte rich­tig hart zuge­schla­gen, drei oder vier Nächte durch­ge­sof­fen. Und an dem Abend wäre ich viel lie­ber im Bett geblie­ben statt auf der Bühne zu ste­hen. Das sind Momente, da wirst du von dei­nem Publi­kum fast erdrückt.

???: Auch auf dei­ner neuen DVD „Harm­los“ lässt du den Götz hin­ter Wid­mann zu Wort kom­men. War es nicht zuletzt des­halb ein Anlie­gen, dich jen­seits vom Kult als ganz und gar gewöhn­li­cher Mensch zu prä­sen­tie­ren?
Wid­mann: Mir ist es grund­sätz­lich lie­ber, wenn ich etwas mehr­di­men­sio­na­ler wahr­ge­nom­men werde und mein Bild bei den Leu­ten nicht auf die „Dro­gen“-CD beschränkt bleibt. Es hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren aber auch bei mir eine Ent­wick­lung statt­ge­fun­den. Ich bin zwar von mei­nem Kon­sum­ver­hal­ten immer noch der alte Götz Wid­mann, aber es geht nicht mehr immerzu nur um diese eine Sache. Es gibt dar­über hin­aus so viele andere schöne Dinge im Leben, die es wert sind, dass man sie thematisiert.

???: Du lässt dich von der Kamera sogar bis zum Grab dei­nes ver­stor­be­nen Kom­pa­gnons und Freun­des Kleinti Simon beglei­ten…
Wid­mann: Das war natür­lich der här­teste Moment von allen, am Grab von Kleinti. Aber der Hol­ger Bröm­mel, der den Film gedreht hat, war so oft dabei, dass ich ihn irgend­wann gar nicht mehr wahr­ge­nom­men habe — und plötz­lich ist die Kamera wie ein guter Freund.

???: Wie immer man nun zum neuen Sound steht — „Habt euch lieb“ hält was der Titel ver­spricht. Musi­ka­lisch wie text­lich ist’s doch sehr lieb­lich gera­ten. Eine bewusste Ein­sei­tig­keit?
Wid­mann: Ich emp­finde das über­haupt nicht ein­sei­tig. Es ist schon eine Pop-​​Platte, auf jeden Fall, und das war schon so ein biss­chen Absicht. Aber wenn du dir „Zivi­li­sa­tion“ oder „Nüch­tern wer­den auf der Bühne“ anhörst, das sind krasse Nummern!

???: Auf­fäl­lig ist aber, dass du dies­mal ver­gleichs­weise viel geschei­terte Bezie­hun­gen und das das Allein­sein besingst, dabei auch zuver­sicht­lich dem Neu­an­fang ent­ge­gen schaust. Das ist ja fast schon ein klei­ner „Habt mich lieb“-Zyklus…
Wid­mann: Rei­ner Zufall, es steckt kein Kon­zept dahin­ter. Ich muss mit den Lie­dern leben, die mir grade so ein­fal­len. Das sind auf „Habt euch lieb“ ein­fach Lie­der, die in einer Phase zwi­schen zwei Bezie­hun­gen ent­stan­den sind, wo’s mir eher schlecht ging. Da hat­ten sich im Laufe der Jahre rela­tiv viele Texte ange­sam­melt. Im ver­gan­ge­nen Jahr war ich dann extrem glück­lich ver­liebt und konnte mich end­lich den Auf­schrie­ben aus unglück­li­che­ren Lebens­ab­schnit­ten stel­len und die feh­len­den Melo­dien dazu komponieren.

???: Hast du das Cover-​​Motiv eigent­lich im Super­markt in der Gemü­se­aus­lage gefun­den oder selbst her­an­ge­züch­tet?
Wid­mann:Weder noch, die ficken­den Toma­ten hin­gen an mei­ner Wand. Das Motiv hat ein Freund von mir foto­gra­fiert, der ist eigent­lich Bild­hauer, hat aber einen Som­mer damit zuge­bracht haupt­säch­lich Bier zu trin­ken, Hasch zu rau­chen und Toma­ten zu züch­ten — und dar­aus stam­men auch diese bei­den wun­der­ba­ren Exem­plare. Die Foto­gra­fie hat mir dann so gut gefal­len, dass er mir irgend­wann einen groß­for­ma­ti­gen Abzug zum Geburts­tag geschenkt hat. Als ich wusste, dass meine neue CD „Habt euch lieb“ hei­ßen soll, hab ich ihn schließ­lich ange­ru­fen und gefragt, ob ich’s ver­wen­den darf — und er hat „ja“ gesagt.

???: Wirft man einen Blick auf die Scheibe selbst, dann fin­det man dort die männ­li­che Tomate vom Book­let wie­der, ein­sam und ver­ge­hend — Sym­bol für einen, der seit der Tren­nung von der Mut­ter sei­ner Toch­ter ewige Liebe für tra­gi­sche Uto­pie hält?
Wid­mann: Grund­sätz­lich halte ich es schon für mög­lich, dass man sich ein Leben lang gerne hat. Man kann so etwas natür­lich nicht pla­nen, aber mit mei­ner momen­ta­nen Freun­din kann ich es mir vor­stel­len, sehr, sehr lange zusam­men­zu­blei­ben. Alleine alt zu wer­den habe ich jeden­falls nicht vor; aber man sollte in diese Motive auch nicht unbe­dingt so furcht­bar viel hineininterpretieren.

???: Live spielst du in der Regel noch alles solo. Eine Band­tour soll aber in Pla­nung sein?
Wid­mann: Die Puris­ten kön­nen sich beru­hi­gen: Ich habe davon wie­der Abstand genom­men, weil mir das zu viel Orga­ni­sa­tion ist — ich bin ein­fach zu faul. Für die­ses Jahr habe ich mir nach dem Stress mit CD und DVD vor­ge­nom­men, viel weni­ger zu arbei­ten und da wäre eine Band­tour extrem kon­tra­pro­duk­tiv. Ich möchte zuhause in mei­nem Hof sit­zen und Songs schrei­ben — das ist für mich nach wie vor das Allerschönste.