4. Januar 2007
Prestige — Meister der Magie
„Schauen Sie auch genau hin?“ Der Zuschauer tut jedenfalls nur zu gut daran, die Eröffnungsfrage von Meistermagier Cutter (Michael Caine) ganz genau zu nehmen. Denn mit „Prestige“ bringt Regisseur Christopher Nolan ein großartig erzähltes Stück Kino-Illusion an den Start, das weit mehr an Faszination bereit hält, als der ziemlich unglücklich gewählte Titel auf Anhieb würde vermuten lassen.
Was es mit diesem Prestige nun auf sich haben mag, dürfte außerhalb des Magischen Zirkels wohl nur den wenigsten geläufig sein. Immerhin löst sich dieses Mysterium gleich zu Beginn: Das Prestige ist der dritte Akt eines Zaubertricks. Ihm voraus geht das Versprechen, der erste Akt, in welchem der Magier seinen scheinbar gewöhnlichen Gegenstand präsentiert.
Der zweite Akt wird die Wende genannt, der Magier lässt den gewöhnlichen Gegenstand Außergewöhnliches vollbringen. Der Zuschauer sucht derweil (hoffentlich erfolglos) das Geheimnis zu ergründen. Deshalb gibt es den dritten Akt, das Prestige, den Höhepunkt, das Finale, die Krönung, um ihn in bloßes Erstaunen zu versetzen.
Auch „Meister der Magie“ folgt im Grunde diesem dreigeteilten Aufbau. Es beginnt gemäß der Romanvorlage von Christopher Priest im London der Jahrhundertwende; zu einer Zeit, in der Magier noch Berühmtheiten ersten Ranges sind. Robert Angier (Hugh Jackman) gibt mit unübersehbaren Ähnlichkeiten zu David Copperfield den schillernden Unterhaltungskünstler; sein Widerpart ist der ruppige Purist Alfred Borden (Christian Bale). Nicht minder begabt, mangelt es ihm jedoch am nötigen Stil, um seine kreativen Einfälle auf der Bühne gebührend umzusetzen.
Im ersten Akt sind die beiden Illusionisten noch befreundete Partner, doch als Angiers Frau und Assistentin (Piper Perabo) durch Bordens Verschulden vor Publikum ihr Leben lassen muss, werden sie zu erbitterten Feinden — ein jeder darauf versessen, den anderen zu übertrumpfen und nachhaltig zu schädigen.
Angiers neue Assistentin Olivia (Scarlett Johansson) erweist sich in Folge nur als scheinbarer Trumpf, doch mit Elektrizitätsentdecker Nikola Tesla (David Bowie) und der dank ihm perfektionierten Nummer des „Transportierten Mannes“ glaubt Angier, den verhassten Bordon endgültig auszustechen zu können.
Angier gegen Borden, Jackman gegen Bale, Wolverine gegen Batman, dazwischen ein dramaturgisch wirksamer Mix aus Besessenheit, Eifersucht, Verrat und falschen Fährten, der es dem Zuschauer schier unmöglich macht, dauerhaft Sympathie für einen der beiden Hauptprotagonisten zu entwickeln.
Nolan lässt in seiner viktorianischen Kriminalgeschichte zwei Männer im Gefolge eines Leonard Shelby — dem Rächer ohne Erinnerung aus „Memento“ — aufeinander los, die nicht nur ihrem Publikum, sondern immer mehr auch sich selbst etwas vormachen bis ihre Besessenheit schließlich die Oberhand gewinnt; eine beinahe klassische Tragödie zieht herauf, in der Obsession zwangsläufig zur Katastrophe führen muss. In einem durchweg stark aufspielenden Starensemble bleibt Scarlett Johansson ausnahmsweise auf ihren Schauwert reduziert — aber allein der ist bekanntlich nicht zu verachten.
Die längste Zeit der 130 Minuten gebührt dem zweiten Akt, der Wende; im steten Wissen, dass nichts so ist, wie es den Anschein hat, versuchen wir Nolan auf die Schliche zu kommen. Und es ist trotz so mancher Finte und der nicht-chronologisch aufgebauten, sich nach und nach vervollständigenden Handlung nicht ganz unmöglich, zumindest einen Teil seiner Plottricksereien zu erahnen.
Doch plumpsen selbst im Falle findiger Naturen beim Prestige von „Prestige“ noch genügend Karnickel aus dem Zylinder als dass Unterhaltungswert und Faszinationsfaktor Gefahr liefen, an Anziehungskraft zu verlieren. Also keine Bange Mister Cutter — beim ersten magischen Moment des jungen Kinojahres kann man gar nicht genau genug hinschauen.
