„Wür­den Sie ihren Namen ändern, nur weil Sie ihrem Nach­barn ein­mal vor die Tür geschis­sen haben?“ Ste­phan Weid­ner, Bas­ser, Vor­den­ker und –red­ner der Böh­sen Onkelz, nimmt auch als Erfolgs­mensch ganz gerne mal noch einen mund­voll dre­ckige Spra­che aus der Gosse. Da stört es auch nicht, dass sein Gast­ge­ber mit den über­ein­an­der­ge­schla­ge­nen Bei­nen Alfred Bio­lek heißt. Es herrscht ein rauer Ton auf dem Weg zum Rock-​​Diplom. Der Eti­ket­ten­schwin­del war nie ein Thema und zwölf Jahre nach die­sem Fern­seh­in­ter­view ist man end­lich akzep­tiert, aner­kannt, auf dem Höhe­punkt. Wie­der gehen die Onkelz den unpo­pu­lä­ren Weg. Der letzte Gruß mit dem Titel „Vaya con tioz“ (SPV) mar­kiert das Ende der umstrit­tens­ten deut­schen Rock­band. Denn Selbst­in­sze­nie­rung ist ihre Stärke.

„Gehasst, ver­dammt, ver­göt­tert“, ein Song und drei Worte, die eine 25-​​jährige Bandhis­to­rie tref­fen­der umreißt, als alle ande­ren Ver­su­che; seien sie nun von den Onkelz selbst pro­pa­giert oder von den pro­fes­sio­nel­len Lüg­nern, sprich den von Band­seite seit jeher (und das nicht immer zu Unrecht) ver­teu­fel­ten Jour­na­lis­ten, die oft­mals mit weit mehr als nur bor­nier­ter Bericht­er­stat­tung zu glän­zen verstanden.

Aber es wäre ja auch ein Wun­der gewe­sen, wenn aus­ge­rech­net die Onkelz — die sich und ihre Geschichte seit jeher und gerade auf den letz­ten, den rei­fe­ren Alben, so oft selbst the­ma­ti­siert, mys­ti­fi­ziert und ver­herr­licht haben, wie keine andere deut­sche Band — es im Laufe der Zeit nicht doch irgendwo getrof­fen hätte. Und hier liegt das eigent­li­che Pro­blem von Ste­phan Weid­ner, Kevin Rus­sell (Gesang), Mat­thias „Gonzo“ Röhr (Gitarre) und Peter „Pe“ Scho­row­sky (Schlag­zeug). Man gefällt sich auch ein gutes Stück weit in der Rolle des ewig Unverstandenen.

Dem letz­ten Stu­dio­al­bum „Adios“ aus dem Jahr 2004 folgte vor kur­zem die letzte Ver­öf­fent­li­chung: eine in edlen Leder­ein­band gehüllte, vier DVDs umfas­sende Doku­men­ta­tion mit 400 Minu­ten Mate­rial ihres Mega-​​Abschieds-​​Festivals auf dem Lau­sitz­ring. Und der Super­la­tiv ist durch­aus ange­bracht: Die größte Pro­duk­tion einer deut­schen Rock­band ever mit zwei Näch­ten vor 120.000 Leu­ten machen den Euro­speed­way zu einem ein­zi­gen „Onkelz­hau­sen“, wie es Gonzo auf der Einstiegs-​​DVD „Ers­ter Tag“ bezeichnet.

Zwölf Bands sup­por­te­ten die Onkelz im Juni 2005, dar­un­ter alte Tour­be­glei­ter wie Sub7even und Pro-​​Pain, In Extremo, J.B.O., D-​​A-​​D, Rose Tat­too, Child­ren Of Bodom, Motörhead und Machine Head; alle­samt aber mit nur einem Num­mer ihres jewei­li­gen Gigs zu sehen auf DVD vier, die dritte zeigt das 60-​​minütige „Making Of/​Behind The Sce­nes“, das einen prima Ein­druck von der durch­misch­ten, friedlich-​​ausgelassenen Fan­schar vermittelt.

Hoch­klas­sig bestückte 72 Minu­ten im ers­ten Set

Nach einer knap­pen drei­vier­tel Stunde (mit State­ments von Band, Moses Pel­ham bis Lemmy Kil­mis­ter ange­füt­ter­ten) Vorfreuden-​​Doku über Auf­bau und Ankunft, Sound­check und dem Public Race auf dem Euro­speed­way ste­hen die Onkelz end­lich auf der Bühne. Das in Ahn­leh­nung an Sän­ger Kevins Dro­gen­bude in der Weber­straße beti­telte Instru­men­tal „28“ kün­digt den Ein­marsch der Rock­gi­gan­ten an und dann ist es soweit: Gleich zu Beginn gibt’s die Medi­en­schelte von anno ’90: „Tag ihr Lügner!“.

Es fol­gen hoch­klas­sig bestückte 72 Minu­ten des ers­ten Sets, das aus mehr oder min­der alten Onkelz-​​Liedern der Jahre ’85 bis ’92 besteht; dar­un­ter Hym­nen und Mitgröh­ler wie „Knei­pen­ter­ro­ris­ten“, „Heute trin­ken wir rich­tig“, „Mexico“, „Stunde des Sie­gers“, die Abgeh-​​Nummer „Ich lieb mich“, „Ein lan­ger Weg“, „Keine ist wie du“; zwei Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer und ein uneh­ren­haft Ent­las­se­ner spie­len das aus heu­ti­ger Onkelz-​​Sicht iro­ni­sche und von Kri­ti­ker­seite ach so miss­ver­stan­dene „Bom­ber­pi­lot“; man schwelgt in „Erin­ne­run­gen“, jenem Song, der musi­ka­lisch den Aus­stieg aus der Skinhead-​​Szene mar­kiert hat oder „Nenn mich wie du willst“, den Gute-​​Laune-​​Weidner mit den Wor­ten „für alle hirn­lo­sen Mit­läu­fer da drau­ßen“ ankündigt.

Nein, man kann den Onkelz kei­nes­falls vor­wer­fen, im Laufe der ein­zig­ar­ti­gen Kar­riere nicht über­deut­lich Stel­lung bezo­gen zu haben. Auf ihrer her­vor­ra­gend auf­ge­mach­ten wie infor­ma­ti­ven Web­site geht man (wie schon in der Band­bio­gra­fie „Danke für nichts“) selbst­kri­tisch und aus­führ­lich mit sich und der Ver­gan­gen­heit ins Gericht, belegt — gleich­falls in Wort, Ton und Bild — die Unge­rech­tig­keit und Igno­ranz, die ihnen über die Jahre zuteil wurde. Lange Zeit gab’s keine Kon­zerte in den Neu­fün­f­län­dern und Weid­ners „Arm hoch? Auf die Fresse!“-Bühnen-Action ist nicht erst seit „Live In Vienna“ legendär.

Top-​​Ten-​​Platzierungen und Dop­pel­mo­ral hoch zehn

Bei­spiele gibt es also zuhauf, man muss sie nur sehen wol­len. Doch gerade nach ihrer Medi­en­of­fen­sive Anfang der 90er sahen sich die Frank­fur­ter erst recht in die Ecke gedrängt. Aus­ge­löst durch die Top-​​Ten-​​Platzierung von „Hei­lige Lie­der“ und in Bezug auf die Onkelz hane­bü­che­nen „Rechtsrock“-Diskussionen in den viel­fach schlicht unin­for­mier­ten, nicht dif­fe­ren­zie­ren­den Medien nach den aus­län­der­feind­li­chen Über­grif­fen in Solin­gen, Mölln und Ros­tock, eilt Weid­ner von einem Rund­funk­in­ter­view zum nächs­ten. Viel­fach ver­geb­lich, die Jour­naille gräbt das nie ver­öf­fent­lichte Demo-​​Tape wie­der aus und treibt fröh­lich die böse Sau durchs Dorf.

Für die einen sind die Onkelz nach ihrem öffent­li­chen Los­sa­gen von brau­nem Gedan­ken­gut und Natio­nal­stolz als linke Ver­rä­ter gebrand­markt, die ande­ren wie­derum neh­men ihnen die Läu­te­rung nicht ab; allen voran, die Laden­kette WOM macht es der Gruppe zum Vor­wurf, mit dem Bei­be­hal­ten des Band­na­mens aus der anfangs unpo­li­ti­schen Punk– und Skinhead-​​Bewegung die „Sün­den von einst“ zu kapi­ta­li­sie­ren — was sie aber nicht daran hin­dert, spä­ter doch noch mit­zu­kas­sie­ren. Dop­pel­mo­ral hoch zehn. Die Onkelz waren immer ein Poli­ti­kum und wer­den es immer sein. „Ver­än­de­rung wird nicht aner­kannt, Ent­wick­lung wird nicht zuge­stan­den“, moniert der­weil die Band. Mit Recht.

Selbst­re­fe­ren­zi­elle Beweih­räu­che­rung satt

Und trotz­dem las­sen sie sich kein Political-​​Correctness-​​Gehabe auf­drü­cken, spie­len auf dem zwei­ten Set (DVD 2: „Let­zer Tag“), wel­chem die Schaf­fens­pe­riode von 1995 bis 2004 zugrunde liegt, ganze 110 Minu­ten Mate­rial, dar­un­ter „Keine Amnes­tie für MTV“, ihre Abrech­nung mit dem Musik­sen­der für die mani­pu­la­tive „MTV-Masters“-Sendung 2001, der Bohlen-​​Schlag „Super­star“ und dazu ein­sei­tig selbst­re­fe­ren­zi­elle Beweih­räu­che­rung satt: „Hier sind die Onkelz“, „Feuer“, „Ter­pen­tin“, „Fahrt zur Hölle“, „Onkelz vs. Jesus“, „Die Firma“, „Onkelz 2000″ — „Leere Worte“. Und wie­der mal ‚ne Chance verschenkt.

Die Frank­fur­ter ver­pas­sen es damit, zum Schluss noch­mals ein Zei­chen zu
set­zen: Zu mehr als „Ent­fa­che die­ses Feuer“ kann man sich nicht auf­raf­fen. „Ohne mich“ oder „Deutsch­land im Herbst“ vom erst­klas­si­gen „Wei­ßen“ Kon­zept­al­bum, in dem man sich text­lich aus­nahms­weise mal klar dis­tan­ziert hat — sie feh­len; andere Gos­sen­hauer, weil bei wei­tem nicht alle Lie­der, die an bei­den Aben­den gespielt wur­den, auf „Vaya con tioz“ ent­hal­ten sind. Aber sie set­zen es viel­leicht gerade des­halb nicht, weil sie eben mal wie­der nur ihren eige­nen Erwar­tun­gen ent­spre­chen wollen.

Ein Kar­rie­re­ende mehr Sack­gasse denn Höhepunkt

Wir hät­ten es wis­sen müs­sen. Am Ende gehen trotz­dem 120.000 Men­schen vor einer der größ­ten, musi­ka­lisch ein­gän­gigs­ten — vor einer der bes­ten Rock­for­ma­tio­nen des Lan­des auf die Knie, die schluss­end­lich aus dem inhalt­li­chem Still­stand die logi­sche Kon­se­quenz gezo­gen hat. Die Auf­lö­sung mag auf den ers­ten Blick unsin­nig erschei­nen, doch sie ist wie­derum — wie in jedem der 25 Jahre zuvor — zutiefst ehr­lich und authen­tisch. Ein Kar­rie­re­ende mehr Sack­gasse denn Höhe­punkt. Die Onkelz zemen­tier­ten mit ihren Tex­ten der letz­ten Dekade nur noch das eigene Mär­ty­rer­da­sein, mehr hatte man ganz offen­sicht­lich nicht mehr zu sagen. Vaya con dios, los tioz. Danke für alles. Danke für nichts.