Wenn die Heroen der Film­ge­schichte wie­der und wie­der auf­ge­wärmt wer­den, packt nicht wenige das blanke Ent­set­zen. Erst recht im Fall von klas­si­schen Cha­rak­te­ren des Hor­ror– und Thriller-​​Sujets; und weni­ger ob ihrer grau­si­gen Taten. Im Fall von Han­ni­bal Lec­ter schwin­gen Schöp­fer und Hol­ly­wood immer­hin gemein­sam den Koch­löf­fel: Tho­mas Har­ris und Dino De Lau­ren­tiis ser­vie­ren Leser und Zuschauer das Pre­quel zum Psy­cho. Auf dem Spei­se­plan: Der phi­lo­so­phie­rende Gour­met mit der fata­len Vor­liebe für Men­schen­fleisch — wie er wurde, was er isst.

Welch unap­pe­tit­li­che Aus­maße so etwas anneh­men kann, hat das „Begin­ning“ des „Texas Chain­saw Mas­sa­cres“ jüngst nach­hal­tig zur Schau gestellt; nur als Erin­ne­rung für jene, die’s ange­sichts sei­ner Geschmack­lo­sig­keit schon wie­der ver­daut haben. Doch genug der Skru­pel, wir haben die Ein­la­dung ins Hause Lec­ter auch dies­mal nicht aus­schla­gen kön­nen — also auf zur Vorspeise!

Es hebt sich der Deckel für „Han­ni­bal Rising“ im Litauen des zwei­ten Welt­kriegs: Der zehn­jäh­rige Han­ni­bal Lec­ter (Aaron Tho­mas) muss nicht nur mit anse­hen, wie seine Eltern (Inge­borga Dap­ku­naite und Richard Leaf) bei einem Bom­ben­an­griff der Nazis ums Leben kom­men, er fällt her­nach samt Schwes­ter Mischa (Helena-​​Lia Tachovska) in die Hände einer auf der Flucht vor den Rus­sen befind­li­chen Söldner-​​Truppe (Rhys Ifans, Kevin McK­idd, Richard Brake, Ste­phen Wal­ters und Ivan Mare­vich). Deren Hun­ger und Appe­tit wer­den immer grö­ßer, und Han­ni­bal muss hilf­los mit anse­hen, wie die Män­ner seine kleine Mischa töten und ihre Lei­che verspeisen.

Es mun­det bei den ers­ten Bis­sen so schlecht nicht…

Haupt­gang: Han­ni­bal (Gas­pard Ulliel) gelingt die Flucht nach Frank­reich. Hier fin­det er Zuflucht bei der ele­gan­ten Lady Mura­saki (Gong Li), die ihrer­seits kriegs­be­dingt Fami­lie zu bekla­gen hat. Es knis­tert, da schla­gen die Fun­ken, aber ohne dass das Feuer zwi­schen Tante und Neffe voll­ends ent­flammt. Han­ni­bal stu­diert Medi­zin und wächst zu einem hoch­in­tel­li­gen­ten jun­gen Mann mit exzel­len­ten Manie­ren heran, der getrie­ben von den Alp­träu­men der Ver­gan­gen­heit nur ein Ziel kennt: die Mör­der sei­ner Schwes­ter auf­zu­spü­ren und sich auf ebenso grau­same Weise an ihnen zu rächen.

Was für ein Kind­heits­trauma, da muss man doch durch­dre­hen, geht ja fast gar nicht anders. Und die Nazi-​​Schergen und ihre Hel­fers­hel­fer — wie in so vie­len ande­ren nicht vor­han­de­nen Zusam­men­hän­gen — ein wei­te­res Mal als Böse­wichte her­an­zu­zie­hen, erscheint da nur recht und bil­lig. Völ­le­ge­fühl. Erst mal set­zen las­sen. Schließ­lich hat ein Anthony Hop­kins mit sei­nem nur 20-​​minütigen Auf­tritt in „Schwei­gen der Läm­mer“ Maß­stäbe gesetzt.

Und im Ver­gleich zu so manch ande­ren Extra-​​Portionen waren „Han­ni­bal“ und das Remake von „Roter Dra­che“ — letz­te­rer auch wegen den bei­den Bei­la­gen Edward Nor­ton und Ralph Fien­nes — durch­aus zu genie­ßen. Doch nun geht Hop­kins und damit viel an Würze zwangs­läu­fig ver­lo­ren; hätte ein Gas­pard Ulliel die reelle Chance gehabt, sich von ihm zu lösen, so müsste man sagen: Tant bien que mal mon­sieur. Tou­tes nos félicitations!

…und dann doch der Biss aufs Pfefferkorn!

Denn führt man sich Hop­kins‘ Ant­litz im Zeit­raf­fer vor Augen, so blitzt hier und da tat­säch­lich diese fiese, stets über­le­gene Gri­masse auf und die zahl­rei­chen Bezüge auf Hand­lungs­wei­sen jenes Dr. Lec­ter, den wir ken­nen, tun ihr Übri­ges. Und dann — doch der Biss aufs Pfef­fer­korn! Pfui! Was sich das Küchen­per­so­nal dabei gedacht hat, ihr Gericht mit Asso­zia­tio­nen zwi­schen (dies­mal frei­wil­lig auf­ge­setz­ter) Samurai-​​Maske und (damals unfrei­wil­lig ver­pass­tem) Beiss­schutz zu verzieren?

Ein Bild mit hohem Wie­der­er­ken­nungs­wert, aber lei­der auch voll­kom­men sinn­frei. Nicht mehr als ein bil­li­ger Pro­mo­ti­ontrick, der so pene­trant nach Publi­kums­ver­dum­mung schmeckt, dass wir das Vor­ge­setzte ganz unauf­fäl­lig ins Taschen­tuch spu­cken und dezent unter den Tisch plump­sen las­sen. Da rümpft selbst der vor­schnell her­an­ei­lende Hund die Schnauze; und der ist sich bekannt­lich sonst nicht zu schade, die eige­nen Exkre­mente zu zer­kauen. Nach­tisch? Danke. Aber: nein danke.

Immer­hin haben wir von gro­ßen Tel­lern gespeist. Mit 122 Minu­ten Lauf­zeit gönnt Hannibal-​​Vordenker Har­ris — der par­al­lel zur Buch­vor­lage auch gleich das Dreh­buch ver­fasst hat; Ener­gie spa­ren, wo doch der Herd schon mal heiß ist — sei­ner Haupt­fi­gur wenigs­tens theo­re­tisch die nötige und für den Zuschauer nach­voll­zieh­bare Zeit, um sich der­art zu ver­än­dern. Regis­seur Peter Web­ber setzt dies über weite Stre­cken unspek­ta­ku­lär in Szene, und trotz aller blu­ti­gen Stel­len nicht auf schnöde Effekte. Trotz­dem: Es stinkt im Speisesaal.

Bitte kei­nen Nach­schlag mehr!

Es ist nicht nur die grund­sätz­li­che Glaub­wür­dig­keit der Gescheh­nisse und ihrer Kon­se­quen­zen, es sind die Köche selbst: Ver­meint­li­che Geld­ver­meh­rungs­ge­rü­che wit­tert die Nase aus der Küche von Har­ris und Pro­du­zent De Lau­ren­tiis. Der­weil liegt uns das Menü doch ein biss­chen schwer im Magen. Schnell ‚nen Bit­ter drü­ber, denn min­des­tens ebenso unsin­nig wie man­che Dreh­buch­seite ist die Frage, ob man dem kran­ken Cha­rak­ter Han­ni­bal Lec­ter mit der Vor­ge­schichte am Ende all das genom­men hat, was ihn so mys­te­riös macht: näm­lich die bis dato uner­klär­li­che Schi­zo­phre­nie einer ebenso kul­ti­vier­ten wie per­ver­sen Persönlichkeit.

Der Wer­de­gang des berühm­tes­ten Kan­ni­ba­len der Film­ge­schichte lässt mehr oder min­der geglückt den Men­schen hin­ter dem Mons­ter sicht­bar wer­den. Das ist schließ­lich sein Sinn und Zweck — und ein Preis, den der Zuschauer zusätz­lich zum Ein­tritts­geld zu zah­len bereit sein muss. Dafür gibt’s denn ein fein gar­nier­tes Stück Film; nicht gerade Filet, aber immer­hin gut durch und ange­mes­sen blu­tig. Wer schnell genug kaut und schluckt, schmeckt die gam­me­li­gen Stel­len ja viel­leicht gar nicht. Und das biss­chen Blä­hun­gen und Mund­ge­ruch? Geht auch vor­bei. Und bloß kei­nen Nach­schlag mehr! Schö­nen dank für die Ladung, aber nächs­tes Mal essen wir wie­der auswärts.