22. Februar 2007

Pans Labyrinth

Diese Geschichte beginnt nicht mit „Es war ein­mal“. Und doch bedient sich der mexi­ka­ni­sche Fil­me­ma­cher Guil­lermo Del Toro zahl­rei­cher Ele­mente des Mär­chens und der Fabel, wenn er uns vor dem Hin­ter­grund des spa­ni­schen Faschis­mus mit ebenso gewal­ti­gen wie gewalt­tä­ti­gen Bil­dern in „Pans Laby­rinth“ hin­ab­führt. Ein zwei­glei­si­ges Meis­ter­werk, das als einer der erstaun­lichs­ten Filme in die Anna­len ein­ge­hen wird.

Es ist die Geschichte der klei­nen Ofé­lia (Ivana Baquero), die den stei­ner­nen Irr­gar­ten des gehörn­ten Wesens mit Bei­nen eines Zie­gen­bocks ent­deckt, als sie im Jahr 1944 kurz nach Fran­cos Sieg mit ihrer hoch­schwan­ge­ren Mut­ter (Ari­adna Gil) zum künf­ti­gen Stief­va­ter (Sergi López) in die bewal­de­ten Berge Nord­spa­ni­ens zieht. Dort hat der Capi­tan im Dienste des faschis­ti­schen Regimes den Auf­trag, mit den repu­bli­ka­ni­schen Par­ti­sa­nen kur­zen Pro­zess zu machen.

Seine unbe­re­chen­bare Bru­ta­li­tät ist es, die Ofé­lia mehr und mehr in eine geheim­nis­volle Welt der Fan­ta­sie flüch­ten lässt, wel­che von aller­lei wun­der­sa­men und schau­ri­gen Fabel­we­sen bevöl­kert ist. Das Mäd­chen erträumt sich als Wie­der­ge­burt einer Prin­zes­sin, die einst die ihren hin­ter sich ließ und damit dem Ver­fall preis­gab. Drei Prü­fun­gen stellt der optisch und cha­rak­ter­lich jener undurch­sich­ti­gen, zwie­späl­ti­gen Gott­heit aus der alt­grie­chi­schen Mytho­lo­gie nach­emp­fun­dene Pan (Doug Jones) zwi­schen Ofé­lia und der ret­ten­den Rück­kehr ins König­reich ihrer Eltern.

Del Toro wid­met sich nach „The Devil’s Back­bone“ als Autor und Anwei­ser die­ser ver­stö­ren­den Gothic-​​Fabel ein wei­te­res Mal dem spa­ni­schen Bür­ger­krieg; zitiert mit in jeder Hin­sicht fan­tas­tisch auf­be­rei­te­tem und groß gespiel­tem Erzähl­kino das Mär­chen unter Zuhil­fe­nahme zahl­rei­cher Pop­kul­tur­an­lei­hen hin­über in die Welt der Erwach­se­nen. Sub­til ist die bekannt­lich sel­ten: Sein Fai­ble fürs Splatter-​​Genre bleibt nicht außen vor, wenn uns Del Toro mit teils und für eine FSK 16-​​Freigabe sehr har­ten, gewalt­tä­ti­gen, blu­ti­gen Bil­dern kon­fron­tiert; da wer­den scho­nungs­los Glied­ma­ßen abge­sägt, gespal­ten und bis zur Unkennt­lich­keit verstümmelt.

Plä­do­yer für die Macht der Fan­ta­sie wie Frei­heit des Individuums

Doch das Fai­ble dient zu jeder Zeit der Fabel. Wobei nicht nur in den mit ein­deu­ti­ger Bot­schaft ver­se­he­nen Real­sze­nen die Gewalt ste­tig zunimmt, auch Ofé­lias Traum­welt wird zuse­hends furchte­re­gen­der, gleich­falls mit poli­ti­scher Aus­sage belegt und somit zum Spie­gel­bild der Wirk­lich­keit. Nir­gendwo ist dies deut­li­cher als in Pans zwei­ter Prü­fung: Die Fran­cisco Goyas Bild­nis des Got­tes Saturn ent­nom­mene Figur des bleich-​​blinden Mons­ters, das der Über­lie­fe­rung nach sei­nen eige­nen Sohn ver­speist haben soll, reflek­tiert zugleich die Ver­hei­ßun­gen faschis­ti­scher Regime; wäh­rend die kind­li­che Unbe­darft­heit Ofé­lias als Sinn­bild für die Ver­führ­bar­keit der Mas­sen steht, die dem Trü­ge­ri­schen, den fal­schen Ver­spre­chun­gen und Ver­lo­ckun­gen wider bes­se­ren Wis­sens nicht stand­hal­ten können.

Doch lässt Del Toro auch die Hoff­nung durch­schim­mern. Ange­rei­chert mit der unver­meid­ba­ren Por­tion Pathos und ohne der Ver­su­chung des Kitschs zu erlie­gen. Denn Revo­lu­tion ist mach­bar. Des Fies­lings Haus­magd Mer­ce­des (Mari­bel Verdú), zugleich Schwes­ter des Rebel­len­füh­rers Pedro, (Roger Casa­ma­jor) ver­kör­pert mit dem Lager­arzt (Alex Angulo) und den übri­gen Wider­ständ­lern die ver­meint­li­che Uto­pie; Chance auf ein bes­se­res, aber eben nicht ohne Ver­luste zu erkämp­fen­des Leben jen­seits des Faschis­mus. Und wenn es 40 Jahre dau­ern muss.

Um die­sen vir­tuos neben­ein­an­der her erzähl­ten Parallel-​​Plot von gräss­li­cher Rea­li­tät und mys­ti­scher Traum­welt, der stets an den rech­ten Stel­len die Sei­ten zu wech­seln ver­steht, ent­wi­ckelt sich über 119 Minu­ten ein völ­lig zu Recht sechs­fach „Oscar“-nominiertes (unter ande­rem für den „Bes­ten aus­län­di­schen Film“), nun also nur drei­fach aus­ge­zeich­ne­tes („Bes­tes Make-​​Up“, „Beste Aus­stat­tung“, „Beste Kamera“) und doch gerade damit sämt­li­che Sinne über­wäl­ti­gen­des Kino­plä­do­yer. Für die Macht der Fan­ta­sie wie Frei­heit des Indi­vi­du­ums. Und wenn sie nicht gestor­ben sind? So endet’s denn wohl wirk­lich nur im Märchen.