Olli SchulzKarls­ruhe — Die­ser Bume­rang hat nicht son­der­lich lange auf sich war­ten las­sen. Erst im Novem­ber hat der humorig-​​melancholische Singer/​Songwriter samt Band das Sub­s­tage beschallt, da kam er auch schon wie­der ange­schlen­dert: Ohne Hund Marie in den Club Stadt­mitte zum Auf­takt der neuen Ver­an­stal­tungs­reihe „Laut­stark“. Patrick Wurs­ter traf Olli Schulz vor sei­nem Auf­tritt — ein ent­spann­ter Plausch über sym­pa­thi­sche Labels, noto­ri­sche Erfolgs­men­schen und die inspi­rie­rende Ham­bur­ger Luft.

???: Du hast aus dem Grand Hotel aus­ge­checkt, Freund und Ent­de­cker Mar­cus Wie­busch ver­las­sen und haust fortan neben den art­ver­wand­ten Indie-​​Kollegen von Kante beim Major-​​Ableger Labels. Was waren die aus­schlag­ge­ben­den Gründe?
Olli Schulz: Ich hatte einen Ver­trag über zwei Plat­ten und für ein drit­tes Album wie ich es mir vor­ge­stellt habe — also mit einer gan­zen Band ins Stu­dio zu gehen — war bei Grand Hotel van Cleef ein­fach kein Geld vor­han­den; die konn­ten das Pro­jekt „War­ten auf den Bume­rang“ nicht finan­zie­ren. Und so haben wir uns in bei­der­sei­ti­gem Ein­ver­ständ­nis getrennt.

???: Also funk­tio­niert Inde­pen­dent doch nur im klei­nen Rah­men und anschlie­ßend heißt es Geld gegen künst­le­ri­sche Frei­heit?
Schulz: Künst­le­ri­sche Frei­heit genieße ich auch bei Labels. Bis­lang konnte ich dort jeden­falls alles machen, was ich wollte. Mir ist das End­pro­dukt immer wich­ti­ger als die Plat­ten­firma. Nun ist das Grand Hotel ein sym­pa­thi­sches Label und der Indie-​​Gedanke ein schö­ner. Aber die Jungs haben lei­der auch daran zu knap­sen, dass man heute weni­ger Plat­ten kauft…

???: Wer war­ten kann, hat viel getan. Sagt der Volks­mund. Viele ken­nen diese Weis­heit scheint’s gar nicht mehr und haben sich vor lau­ter Vor­freude dein neues Album aus dem Netz gezo­gen. Den Bume­rang und reich­lich „Hass Hass Hass“ gab’s dann aber von dei­nem Alter Ego Bibi McBen­son
Schulz: Das mit der gefak­ten Platte sollte eigent­lich mehr eine Belus­ti­gung sein; dass da schon mal etwas von mir in den Tausch­bör­sen her­um­schwirrt. Ich wollte die Leute nicht angrei­fen. Eigent­lich war’s ja mehr ein Geschenk als alles andere. Ich reg mich nicht dar­über auf, dass Plat­ten aus dem Netz gezo­gen wer­den — weil du ohne­hin nichts dran ändern kannst. Also spiele ich doch lie­ber ein biss­chen damit!

Olli Schulz???: Das heißt, du siehst du die Emule–Pro­ble­ma­tik gar nicht so eng?
Schulz: Doch, schon. Vor zehn Jah­ren hätte ich bestimmt das dop­pelte an Plat­ten ver­kauft. Aber das ist ein Han­di­cap, mit dem du als Künst­ler heut­zu­tage leben musst und ich emp­finde nichts unan­ge­neh­mer als Musi­ker, die sich dar­über beschwe­ren, dass ihre Alben gebrannt wer­den. Gerade bei Leu­ten wie Jan Delay oder Lars Ulrich — die schon so viel Geld mit ihrer Musik ver­dient haben — da kommt das beson­ders unan­ge­nehm. So ist nun­mal die Zeit, das kann man nicht mehr ändern und muss viel­mehr ver­su­chen, seine Vor­teile draus zu ziehen.

???: Obwohl du diese Promo gar nicht mehr bräuch­test — die Kri­ti­ker über­schla­gen sich vom Debüt an. Erst dul­det Iro­nie unver­se­hens Melan­cho­lie als Neben­buh­ler, nun ist der Un– ist fast ganz dem Tief­sinn gewi­chen. Woher rührt deine neue oder sagen wir voll­mun­di­gere Ernst­haf­tig­keit?
Schulz: Ich bin auf der Bühne so lus­tig wie eh und je und hab auch kei­nen beson­de­ren Schick­sals­schlag hin­neh­men müs­sen. Alle drei Plat­ten haben ihre erns­ten Momente; gleich­zei­tig unter­halte ich die Leute gerne. Letz­ten Endes mache ich ein­fach das, wor­auf ich Lust habe. Und mir stand der Sinn nach einer etwas rocki­ge­ren und etwas for­dern­de­ren Platte. Das heißt nicht, dass ich künf­tig nicht wie­der mehr spa­ßige Ele­mente rein­bringe, aber ich möchte nie als rei­ner Komi­ker oder Enter­tai­ner gese­hen wer­den. Wir sind doch alle tag­täg­lich schon von so viel Humor umge­ben: im Radio, im Fern­se­hen, über­all wirst du momen­tan gera­dezu damit bombardiert.

???: Aber je nach Gemüts­lage soll ein Olli Schulz beim sei­nen Auf­trit­ten ja auch schon mal mehr gere­det als musi­ziert haben…
Schulz: (lacht) Das kann schon sein. Ich rede eben ein­fach gerne, erzähle Geschich­ten und mag diese Mischung auf den Kon­zer­ten — sofern es die Atmo­sphäre her­gibt. Ande­rer­seits kann ich mich dann auch mal wie­der fünfsechs Lie­der lang hin­ter mei­nen Songs ver­ste­cken — ohne den Druck, wit­zig sein zu müssen.

Olli Schulz???: Deine Stär­ken sind die Schwä­chen — wel­che denn?
Schulz: Dass ich gerne lange im Bett lie­gen bleibe; gerne auch mal ver­sage, wenn ich merke: „Heute klappt’s nicht“ und mich trotz­dem nicht schlecht fühle; und dass ich mir nicht mehr alles so sehr zu Her­zen nehme. Das könnte man jetzt auch als Gleich­gül­tig­keit bezeich­nen, aber es ist bei mir eher so, dass ich mitt­ler­weile eine Ruhe in mir gefun­den habe, nicht sofort außer Kon­trolle gerate, wenn irgend­et­was nicht auf Anhieb funk­tio­niert. Ich kann heute ohne Pro­bleme einen hal­ben Tag im Bett blei­ben und eine Staf­fel „24“ kucken oder eine andere gute Serie. Ein­fach an nichts den­ken und mich beschal­len las­sen. Das ist eine große Stärke, wenn man auch mal abschal­ten kann.

???: Einen wachen Geist kann man dir jeden­falls beschei­ni­gen — wobei sich deine Kri­tik an den Zustän­den vor­ran­gig auf die klei­nen All­tags­brü­che bezieht. Wie gesell­schafts­kri­tisch siehst du dich eigent­lich?
Schulz: Natür­lich kommt in mei­nem Mikro­kos­mos auch Kri­tik vor. Man muss sich dar­über im kla­ren sein, was einen selbst beschäf­tigt. Nur dann kannst du das ehr­lich und damit glaub­haft rüber­brin­gen. Kli­ma­schutz ist eine wich­tig Sache, aber ich würde nie­mals ein Lied dar­über schrei­ben. Das bin nicht ich. Ich singe über das, was ich für inter­es­sant halte, was ich erlebe.

Olli Schulz???: Siehst du dich als Befindlichkeits-​​Lyriker?
Schulz: Ne, nicht unbe­dingt, weil ich viele Dinge auch aus einer Beobachter-​​Perspektive erzähle. Es ist natür­lich in jedem mei­ner Texte etwas Fik­ti­ves, in man­chen mehr Per­sön­li­ches und in ande­ren, weni­gen über­haupt nichts. Es kommt auf die Story an, die mit einem Song­text trans­por­tiert wird. Ich würde mich des­halb eher als Geschich­ten­er­zäh­ler bezeichnen.

???: Auch und vor allem in „Der Moment“ geht’s um die amou­röse Kurz­le­big­keit. Bist du ein hoff­nungs­lo­ser Roman­ti­ker?
Schulz: Roman­tisch auf alle Fälle, hoff­nungs­los würde ich nicht sagen. Dafür bin ich manch­mal fast schon zu nihi­lis­tisch ange­haucht. Es gibt Tage, da wacht man auf und denkt: „Diese Welt ist nicht mehr zu ret­ten“ — und am nächs­ten wie­der wie wun­der­schön es ist, zu leben und den Moment zu genie­ßen; keine Schmer­zen zu haben, mir etwas zu essen kau­fen zu kön­nen, eine Woh­nung zu haben — die klei­nen Dinge, denen man sich dann wie­der bewusst wird und nicht immer nur danach lechzt, Erfolg und noch mehr Erfolg zu haben. Das ist ja kein natür­li­ches mensch­li­ches Bestre­ben, son­dern ein gesell­schaft­li­ches Phä­no­men. Alle Leute het­zen ihr gan­zes Leben nach irgend­et­was, nach Geld, nach Sta­tus — ohne auch nur ein­mal in sich geruht zu haben. Dabei ver­ges­sen sie, was wirk­lich wich­tig ist. Und dazu gehört ganz bestimmt nicht, der erfolg­reichste Mensch auf Erden zu werden.

???: „Ich schau so gern dahin, wo meine Nar­ben sind“?
Schulz: Sozu­sa­gen. In „Medi­zin“ geht es um genau die­sen Neid in der Gesell­schaft. Ob du jetzt Musi­ker bist oder etwas ande­res tust, die Leute gön­nen dir nichts. Wir haben hier in Deutsch­land ein unglaub­lich gro­ßes Kon­kur­renz­den­ken und ich emp­finde es als ziem­lich arm­se­lig, wenn jemand sein gan­zes Glück ein­zig und allein dar­aus bezieht, dass ein ande­rer geschei­tert ist. Jeder von uns fällt oft genug aufs Maul in sei­nem Leben und sollte des­halb bes­ser auf das schauen, was er sel­ber nicht geschafft hat. Und die besun­ge­nen Nar­ben sind eben all die Miss­ge­schi­cke, die mir so im Laufe der Jahre pas­siert sind.

???: Dass du in dei­nen Jun­gen­jah­ren gerne mal zur Luft­gi­tarre gegrif­fen hast, ist kein Geheim­nis. Auf dei­ner „Mys­pace“-Seite sind an zwei­ter Freun­des­stelle Slayer gelis­tet…
Schulz: Okay, die Seite mach ich nicht selbst. Ich hab vom Inter­net näm­lich über­haupt keine Ahnung. Aber ich hab unse­rem Bas­sis­ten gesagt, er soll doch bitte mal bei Slayer anfragen.

???: Wer gehört neben Tom Araya, Dave Lom­bardo und Kerry King oder auch Brian Wil­son und Run DMC noch zu dei­nen musi­ka­li­schen Heroen?
Schulz: Metal hör ich ehr­lich gesagt gar nicht mehr so viel. Ich kenn mich da sehr gut aus, weil das jah­re­lang meine Lieb­lings­mu­sik war. Ich kauf mir noch die neue Slayer, die neue Metal­lica — obwohl die im Gegen­satz zu Slayer mitt­ler­weile immer scheiße sind — und viel­leicht auch mal Child­ren Of Bodom. Aber ich bin nicht mehr in der Szene. Momen­tan gefal­len mir die Neuen von Wilco, Kings Of Leon oder auch Bon­nie Prince Billy. Ich war noch nie son­der­lich limi­tiert in mei­nem Musik­ge­schmack. Wenn jemand etwas mit Lei­den­schaft macht, dann ist es mir fast egal in wel­che Rich­tung das geht.

Olli Schulz???: Du bist vor ein­ein­halb Jah­ren in die Haupt­stadt über­ge­sie­delt. Trotz­dem: Ham­burg ist viel schö­ner als Ber­lin…?
Schulz: Das ist defi­ni­tiv so. Ich bin mei­ner Freun­din zuliebe umge­zo­gen und auch wenn Ber­lin eine schöne und inter­es­sante Stadt ist, bist du erst mal erschla­gen von der Größe. Und die ver­mit­telt dir nicht unbe­dingt ein hei­mi­sches Gefühl. Das dau­ert. Aber jetzt hab ich 30 Jahre in Ham­burg gelebt, da kann man auch mal woan­ders woh­nen. Zumal ich viel unter­wegs bin…

???: Warum kom­men eigent­lich die bes­ten oder zumin­dest erfolg­reichs­ten Indie-​​Formationen aus der luf­ti­gen Han­se­stadt?
Schulz: Tja, gute Frage. Es ist auf alle Fälle so, dass es einen Ham­bur­ger Stil gibt, den du sehr oft auch sofort erkennst. Viel­leicht liegt’s tat­säch­lich an der fri­schen See­luft, wenn man abends am Hafen ent­lang­spa­ziert und sich inspi­rie­ren lässt…

???: Jeden­falls klingt dein neues Album sehr gereift, stel­len­weise auch ambi­tio­niert. Wo wird’s künf­tig hin­ge­hen?
Schulz: Wir haben drei Plat­ten in drei Jah­ren gemacht; und jetzt wird’s erst mal eine Weile dau­ern bis wie­der etwas kommt. Ich werde sicher kein Free Jaz­zer, aber mit dem Song­wri­t­ing wei­ter expe­ri­men­tie­ren. Wenn’s sta­gniert, müsste ich auf­hö­ren Musik zu machen. Noch­mal ‚ne Platte mit den glei­chen Akkor­den, das wird lang­wei­lig — auch für mich. Ich bewun­dere Künst­ler, die sich wei­ter­ent­wi­ckeln ohne dass es ver­kopft oder über­am­bi­tio­niert wird — und hoffe, das gelingt mir auch.