5. April 2007

300

Jetzt ver­wi­schen die Grenz­li­nien end­gül­tig. Bis zum Anschlag gesät­tigte Braun– und Rot­töne, die Kon­traste sur­real — bei der Deluxe-​​Verfilmung von Frank Mil­lers Gra­phic Novel „300″ ist voll­ends und in Voll­en­dung nicht mehr zu erken­nen, wo die Wirk­lich­keit auf­hört und das Vir­tual Stu­dio beginnt. Mit viel Blut und noch mehr Ehr pin­selt Zack Sny­der ein expres­sio­nis­ti­sches Zeit­ge­mälde auf die Lein­wand, dass man einen jeden Moment gerahmt an die Wand hän­gen möchte! Sei­nen Spar­tia­ten steht eine blu­tige Nacht bevor, uns eine denkwürdige.

Mit his­to­ri­schen Fak­ten hält sich der Regis­seur nicht lange auf. Er bläst genau wie in sei­nem gro­ßen Pre­mie­ren­werk, dem Remake des Zombie-​​Klassikers „Dawn Of The Dead“, viel lie­ber zur Atta­cke; schickt seine Zuschauer dies­mal in die uner­bitt­li­che Schlacht an den Ther­mo­py­len und beruft sich dabei weni­ger auf die Geschichts­bü­cher als viel­mehr den gleich­na­mi­gen Comic-​​Roman von „Sin City“-Autor Frank Miller.

Der skiz­zierte in sei­ner auf das Jahr 1998 zurück­ge­hen­den Vor­lage eine Geschichte um den anti­ken Hel­den­be­griff und den Anfän­gen der Demo­kra­tie aus dem Mythos Sparta: den his­to­risch ver­bürg­ten Angriff des per­si­schen Groß­rei­ches auf Grie­chen­lands Stadt­staa­ten, von denen auch Sparta einer gewe­sen ist.

Ohne die im Genre vie­ler­orts anzu­tref­fende Iro­nie greift Sny­der die Vor­lage auf und beschränkt sich ein­zig und allein dar­auf, sie zu in Bewe­gung zu set­zen. Wenig Dia­log, dafür um so mehr Bild­spra­che. Auch wenn sie über weite Stre­cken nicht eben viel zu sagen hat; soll sie wohl auch nicht und das genügt voll­kom­men. Kaum Sub­text, schon gar keine Meta-​​Ebene. Die Kern­aus­sage sim­pel, die Hel­den ler­nen im Rah­men ihrer beschränk­ten Mög­lich­kei­ten. Der Fokus bei „300“ liegt anderswo: Es geht um Mut, Ehr­ge­fühl, Loya­li­tät, Frei­heits­drang, Opfer­be­reit­schaft, Kriegs­kul­tur; sau­ber ver­packt in reich­lich und noch mehr ange­brach­tem Pathos.

Über 116 Minu­ten Krieg­sporno boh­ren sich Schwert und Speer gera­dezu ästhe­tisch durch tes­to­ste­ron­ge­stählte Sixpack-​​Bodys, wenn die drei Hun­dert­schaf­ten Spar­tia­ten um Leo­ni­das (Ger­ard But­ler) 480 vor Chris­tus ohne Zustim­mung des Rates, aber mit dem Segen sei­ner Köni­gin, Frau und Liebe Gorgo (Lena Hea­dey) in den Kampf gegen ein über­mäch­ti­ges, von der selbst­er­nann­ten Gott­heit Xer­xes (Rod­rigo San­toro) ange­führ­tes per­si­sches Heer zie­hen. Im nur wenige Meter brei­ten Eng­pass des Kallidromos-​​Gebirges am Mit­tel­meer las­sen sie den Geg­ner kom­men und (zu Boden) gehen. Bis Ver­rat und Neid den Plan torpedieren.

Das tun auch die immer­wäh­rend krit­teln­den Feuille­tons mit Sny­ders Meis­ter­leis­tung. Von angeb­li­chem Fascho-​​Flair und Rie­fen­stahls Herrenmenschen-​​Ästhetik wird da geschrie­ben; in Tehe­ran spricht man sogar von einem „Pro­pa­gan­da­werk zur Ver­un­glimp­fung des ira­ni­schen Vol­kes“. Leo­ni­das ein Sinn­bild für George Bush? Die Spar­tia­ten in Wahr­heit Ame­ri­ka­ner, das per­si­sche Heer ein isla­mi­sches und „300“ bloße Durchhaltepropaganda?

Da schüt­telt nicht nur Zack Sny­der völ­lig zurecht ver­ständ­nis­los den Kopf. Wenn dann auch noch Schwu­len­ver­ei­ni­gun­gen wegen der — nicht zu leug­nen­den — Homo-​​Erotik mit ihren Wat­te­bäll­chen wer­fen, ist der Gip­fel der Lächer­lich­keit erreicht. Dümm­li­chere Dis­kus­sio­nen wur­den seit „Borat“ nicht mehr geführt. Aber was soll man auch sagen gegen einen Film, an dem ansons­ten alles stim­mig, ja per­fekt ist?

Sny­der ver­frem­det durch das wage­mu­tige visu­elle Kon­zept selbst seine Dar­stel­ler, dass sie einem zum Leben erweck­ten Wachsfiguren-​​Kabinett gleich­kom­men und trifft mit den mäch­ti­gen Bil­der­fol­gen in düs­te­ren Rot-​​, Gelb– und Braun­tö­nen den radi­ka­len Look der blut­rüns­ti­gen Comic-​​Tableaus.

Da leuch­ten Wolfsau­gen in der Dun­kel­heit; thront der König in den stil­len Momen­ten vor einem gigan­ti­schen Voll­mond; spritzt und for­miert sich das Pixel­blut fast schon andäch­tig, wenn er in einer sei­ner zahl­rei­chen, jeweils nur wenige Sekun­den andau­ern­den Sequen­zen die digi­tale Schlacht­platte in Slow­mo­tion zur Schau trägt — und damit die Dyna­mik noch stär­ker macht, als sie es ohne­hin schon ist. Dass der Regis­seur aus der Werbefilmer-​​Branche kommt, ist dabei nicht zu übersehen.

Die immer wie­der anzu­tref­fende Videoclip-​​Ästhetik und für die Antike nicht eben übli­che Synti-​​Sound-​​Collagen wäh­rend des Kampf­ge­sche­hens machen „300“ voll­ends und in Voll­en­dung zu einem durch­weg unge­wöhn­li­chen Stück Kino­er­leb­nis, wie es in die­ser digi­ta­len Aus­ge­reift­heit noch nicht zu sehen war. „Ver­gesst uns nicht.“ Das ist die ein­zige Bot­schaft, die Leo­ni­das im Ange­sicht des siche­ren Todes nach Hause über­brin­gen lässt. Wir ver­ges­sen nicht. Ganz bestimmt. Und wie denn auch.