19. April 2007
Full Metal Village
Einmal im Jahr werden in der Idylle Schleswig-Holsteins die Ortsschilder abmontiert und die Regale des Mini-Supermarkts mit Sixpacks und Dosenravioli bestückt. Einmal im Jahr, am ersten Wochenende im August, steigt drei Tage lang das „Wacken Open Air und 40.000 Heavy-Metal-Fans fallen aus aller Welt in die Beschaulichkeit ein. Die Koreanerin Sung Hyung Cho ist vor Ort; dokumentiert in „Full Metal Village — So macht Landwirtschaft Spaßdie Identität einer Gemeinde und ihrer Bewohner zwischen Melken und Moshpit.
Es ist ein selbsterklärter „Heimatfilm“, einer über Bauernschläue, Religiosität und Provinzschönheit vor der Kulisse des immer wiederkehrenden Festivalwahnsinns; eine ebenso kuriose wie liebenswürdige Begegnung zweier Kulturen, die überschneidungsfrei nebeneinander existieren müssten und auf den ersten Blick nur Abscheu für das Leben der Anderen aufbringen können. Doch vorerst ist von den vernieteten, lederumhüllten, mattenschwingenden Horden noch nichts zu sehen; einzig der Tierschädel des „Wacken Office“ zeugt von Metal-Mekka. Es entfaltet sich vielmehr ein liebevoller Essay über die ganz normale deutsche Provinz.
Mit ethnologischem und geschärften Blick von außerhalb sieht Sung-Hyung Cho auch und vor allem in die kleinen Abgründe der 1.800-Seelen-Gemeinde. Es sind die skurrilen Seiten der Normalität, die sie zeigt. Da ist etwa Multibauer Uwe Trede, der des Morgens, die Börsennews im Auge, mit norddeutscher Gewieftheit über alte und der neue Agrarwirtschaft doziert („Man muss dem Geld entgegenlaufen!“), sinnbildliche Vergleiche zwischen Eutern und der weiblichen Brust bemüht, selbst seine heimlichen Liebschaften preisgibt, sich alleine oder in Anwesenheit seiner Frau um Kopf und Kragen redet, bevor er auf dem Quadbike davonknattert, um seine Länderein zu inspizieren und schließlich auf eine Runde Skat samt Korn in der Dorfschänke vorbeischaut.
Dann ein Schwenk zu Milchbauer Klaus Plähn, der mit stoischer Ruhe sein Tagwerk verrichtet — dazu gehören auch zwei Kippen-Schachteln minimum — und dem koreanischen Gast mit eben solcher Gelassenheit und in urgemütlicher Selbstverständlichkeit die Welt zwischen Ehe– und Arbeitsalltag erklärt („So macht Landwirtschaft Spaß!“). Wir lernen die gebürtige Ostpreußin Irma Schaack und ihre Schwester kennen, die sich bei Kaffee und Kuchen über Flüchtlingsgeschichten, Banalitäten und andere Belanglosigkeiten oder natürlich die ihnen nicht so ganz suspekten, ja blasphemischen Festivalbesucher austauschen, die sich hier bald wieder versammeln, um Ochsenblut zu trinken und Gräber zu schänden. Aus Unwissenheit wird Furcht. Für ihre Enkelin Ann-Kathrin dagegen, eine von der Modelkarriere träumende Landpomeranze, ist der Ausnahmezustand im August das einzige, was das Leben auf dem Kaff noch einigermaßen erträglich macht.
Langsam nähern wir uns dem Festival in Person von Norbert Venohr; einst Mitbegründer des „Wacken Open Airs“, ausgestiegen aus Angst vor einem finanziellen Desaster beim ersten Onkelz-Booking anno ’96, heute arbeitslos und über Polen wie Russen lamentierend, die ihm seinen Arbeitsplatz auf dem Bau streitig machen würden. Trotz steifem norddeutschen Akzent und so mancher eigentümlichen bis fragwürdigen Aussage — es menschelt auf der Leinwand.
Anderthalb Stunden tauchen wir ein in diese schräge Welt der Widersprüche und Wunderlichkeiten; zwischen lauter Originalen, herrlich kauzig und irgendwie auch provinziell naiv bis zum Anschlag. Sung Hyung Cho bricht ihren Film mit ironischer Distanz; schafft es deshalb nicht immer, die besondere Tugend des Dokumentarischen zu wahren, nämlich nur zu beobachten und die Wertung dem Betrachter zu überlassen — sofern sich dieses Dogma überhaupt praktisch umzusetzen lässt. Schließlich ist allein die Auswahl der Monologe schon eine subjektive Selektion, mit der beim Zuschauer Zuneigung oder Ablehnung hervorgerufen werden kann. Doch stellenweise gibt sie ihre Akteure (zur großen Erheiterung des Publikums) ganz bewusst der Lächerlichkeit Preis.
Erst im letzten Filmdrittel fallen endlich die Fremden ein. Doch der erwartete Culture-Clash bleibt aus; die Dorfbewohner weiterhin die agierenden Protagonisten, denen wir gleichfalls beim Festival folgen, wenn Bauer Trede plötzlich zum Einsatzleiter der Ordner wird. Es vermengt sich, was man zu Anfang noch für inkompatibel hielt: Da spielt die Freiwillige Feuerwehr Wacken Blasmusik und die Metalheads bangen munter mit. Sie sind jedoch bloße Objekte der Wahrnehmung, die zu keinem Zeitpunkt des Films persönlich zu Wort kommen. Ein bewusst gesetztes Ungleichgewicht.
Elegant und allmählich steigert sich das Tempo, der Film verändert seinen Rhythmus und einer beschaulich-behutsamen Porträtierung der Dorfbewohner folgt das sich langsam zusammenbrauende Heavy-Metal-Gewitter und ein jeder wird vereinnahmt, ob mit oder ohne eigenes Zutun. Der eine nimmt Reißaus und macht erst mal drei Tage Ferien; der nächste steht am Getränkeausschank oder verkleidet sich als Festival-Steward während die Masse den Trash-Metalern Kreator frönt.
Das Verstörende kommt auch durch die von Peyman Yazdanian komponierte Titelmusik zum Ausdruck. Sie klärt schon in den ersten Szenen ein Stück weit, wie der folgende Film zu lesen ist. Kein Metal-Sound und auch nichts, das vom Dorf kommen könnte. Es sind tappsende Tonfolgen, Katzenschritten gleich, ganz leicht, aber erhaben, bestimmt und präzise. Eine Bild-Ton-Schere geht auf. So muss sich wohl das Seelenleben eines Fremden in Wacken anhören.
Ganz groß ist neben Strukturierung und Komposition der Stimmungswechsel die Bildgestaltung, insbesondere die Kadrierung, also die Wahl des Bildausschnitts und die Positionierung von Gegenständen und Personen innerhalb des von Leinwand vorgegebenen Rahmens. Das Studium in Kunstgeschichte war also nicht umsonst.
Dann noch einmal ein Stilwechsel im Schluss-Epilog. Wir sehen Bilder der Ermüdung, Bilder des Katzenjammers nach der großen Feierei; aber auch Bilder der Erleichterung, verbunden mit der allmählichen Rückkehr zur Normalität. Die von Marcus Winterbauer geführte Kamera fängt das verwüstete Schlachtfeld ein, die letzten Bierleichen sind bereits vondannen getorkelt.
Und am liebsten hätte man sich zum längst geleerten Flaschbier noch im Kinosessel ein Kippchen angezündet. Nicht nur, ob der ketterauchenden Charaktere, sondern weil’s wohl das einzige ist, das den Spaß noch hätte steigern können. Und was dem Bauern lieb ist, sollte dem Cineasten nur teuer sein: So macht Heimatfilm Laune!
