12. April 2007
Vollidiot
Erst sind es Männerfüße mit einem Paar de facto nicht zusammengehöriger Socken, nun Badelatschen im Großformat, welche die Bestsellerregale deutscher Buchhandlungen schmücken. Sie illustrieren „Vollidiot“ und „Resturlaub“ aus popkultureller Feder des Kölner Comedy-Autors Tommy Jaud. Mit scharfsinnigen Beobachtungen und hart am Zeitgeist kreisen seine Romane ganz gern um die existenziellen, aber irgendwie auch nichtigen Nöte notorischer Single-Existenzen unserer Tage.
Genau wie Sven Regeners „Herr Lehmann“ endet auch der „Vollidiot“ mit dem 30. Geburtstag des Protagonisten und seiner Chance auf einen neuen Anfang. Einzig fällt am Schluss nicht die Berliner Mauer; da geht vielmehr voller Sinnbild der Schwedische Ikea-Single-Sessel Jennylund in Flammen auf.
In der Verfilmung von Jauds „Erstbuch“ gibt TV-Clown Oliver Pocher in der Rolle des glücklosen, dafür aber telefonverkaufenden Endzwanzigers Simon Peters den Ton an. Die Freundin hat ihn verlassen, derweil darf selbst sein bester und bestens beleibter Freund Flick (Oliver Fleischer) an der Damenwelt Hand anlegen, und der völlig untervögelte Simon legt sich fest: Marcia P. Garcia (Ellenie Salvo González), eine vermeintlich südamerikanische Milchschaumfachkraft, soll die Mutter seiner zweisprachigen Kinder werden! Nur ansprechen muss er sie noch. Manche Männer…
Drehbuchschreiber Jaud — der sich als „Der Andere“ beim Finale einen Auftritt verschafft hat — kam an der teilweisen Umgestaltung seiner Roman-Story nicht vorbei. Er spinnt den einen roten Faden — namentlich die in Buchform jederzeit so erheiternden, weil ehrlichen und männlichen Zeitgenossen kurz vor der 30 nur zu vertrauten Beobachtungen Simon Peters’ — im Grunde sehr gelungen zu einer Filmdramaturgie um; bereichert sie um eine Plot-Klammer, spart dafür den Schwulenfitnessclub aus, entschärft das „Separee der horizontalen Verkeilungen“, lässt das ein oder andere (Urlaubs-)Kapitel im Schnellflug vorüberziehen und bringt Bedeutendes dennoch geschickt anderweitig unter. Aus dem Starbucks wird die All American Coffee Company und der T-Punkt heißt jetzt Dingelingeling. Sonst ändert sich nix.
Fast nix. Denn nahezu chancenlos hechelt das von Tobi Baumann verantwortete Bewegtbild dem Witz des geschriebenen Wortes hinterher. Darin hat Jaud gezeigt, warum er mit seiner Arbeit für die „Wochenshow“ oder auch „Ladykracher“ so erfolgreich war: Er weiß eben, wie und wo man die Pointen zu setzen hat, neckisch mit Klischees spielt und damit den Leser bei Laune hält.
Die schildert sein Roman-Simon durchweg aus der Ich-Form, was in einem Film natürlich nicht durchzuhalten ist. Dennoch darf auch Olli gelegentlich aus dem Off erzählen, ja sogar unvermittelt aus der Szene heraus direkt zum Zuschauer sprechen. Ein Stilmittel, das man sich im Laufe der 102 Minuten durchaus häufiger wünschen würde, um der überaus unterhaltsamen Vorlage doch noch ein wenig näher zu kommen.
Stattdessen dürfen wir uns — abgesehen vom stimmigen Soundtrack und mit Anke Engelke, Herbert Feuerstein, Hilmi Sözer oder Wolfgang Völz bis in die Gastrollen gut besetzten wie gespielten Adaption — vornehmlich an einem weiteren Kapitel Pocherscher Selbstinszenierung zwischen Zeugen Jehovas und Media Markt erfreuen. Wer das nicht abkann, muss aufs „Drittwerk“ warten. Oder nimmt zwischendurch einfach mal Resturlaub.
