29. Mai 2007
Mel Gibson’s Apocalypto
„Eine große Zivilisation kann erst von außen erobert werden, wenn sie sich von innen bereits selbst zerstört hat.“ Der Ausspruch des amerikanischen Philosophen Will Durant trifft auch den Niedergang einer der ältesten Hochkulturen, das Volk der Maya. Für seinen dreifach „Oscar“-nominierten „Apocalypto“ (Constantin Film) reist Mel Gibson 600 Jahre in der Zeit zurück, zeigt deren letzte Tage vor Einfallen der spanischen Konquistadoren; und stellte damit die Academy bei der diesjährigen Verleihung vor eine zwiespältige Entscheidung.
Sexistische wie antisemitische Sprüche unter Alkohol — Gibsons Popularität hat 2006 ihren Tiefpunkt erreicht. Und ausgerechnet jetzt produziert der Regie-Monomane seinen außergewöhnlichsten Film. Die historische Fleißarbeit besticht durch wunderbare Kostüme und ausgefallenen Körperschmuck, imposante Sets mit nachgebauten Tempeln sowie einem vom Macher bekräftigten (aber von der Wissenschaft als Zerrbild kritisierten) Willen zur Authentizität, während Hunderte Laienschauspieler den letzten gängigen Maya-Dialekt Mayathan sprechen. Der Zuschauer ist durchweg auf Untertitel angewiesen, wenn Jaguar Paw (Rudy Youngblood) und seine Stammesbrüder von einer feindlichen Gruppe überfallen und verschleppt werden. Es gelingt ihm noch, Frau und Kind in einer Felsgrube zu verstecken, dann gerät auch er in die Fänge des sadistischen Kriegers Middle Eye (Gerardo Taracena).
Satte 133 nicht jugendfreie Minuten gönnt sich Gibson, die im Grunde sehr simple Geschichte von Jaguar Paws Rückkehr zu erzählen. Dabei verzichtet er wie schon im Bibel-Martyrium „Die Passion Christi“ nicht auf drastische Bilder, die wendige Digitalkamera ist jederzeit dicht dran am grausigen Geschehen und nimmt sogar die Perspektive eines abgeschlagenen Kopfes ein. Welche Obsessionen auch der Antrieb sein mögen — Mel Gibson ist ein zwar unvergoldetes, aber eindringliches Historienepos schmerzhafter Schönheit geglückt. Oder wie man es zu Kinostart bei der „Süddeutschen“ in angemessen denkwürdige Worte gepackt hat: „Das Kunstwerk kann nichts für seinen Schöpfer.“
