3. Mai 2007
Shoppen
Es ist ein Wühltisch der Einsamkeiten mit jeder Menge vermeintlicher Schnäppchen. Des allabendlichen Ausschauhaltens leid, auf der Ü30-Party wieder keine(n) abbekommen, der Kollegenkreis eine Offenbarung und bei den einschlägigen Dating-Börsen im Internet geht’s eh immerzu nur um eines. Doch das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit treibt neue skurrile Blüten.
Um trotzdem endlich den Einen zu finden, setzt der Single heuer auf Speed-Dating: Exakt fünf Minuten bleiben, den potenziellen Partner fürs Leben kennen zu lernen und sich im Rennen gegen den Sekundenzeiger zugleich auch noch optimal zu verkaufen. Dann wird rochiert.
Dabei zu kaschieren, dass man aus irgendeinem Grunde doch nur ein Ladenhüter ist und nun eigens Geld dafür hinblättert, Menschen vorgestellt zu bekommen, weil man es im richtigen Leben nicht gebacken bekommt — das ist die Crux für unsere 18 Singles, die immerhin schon mal diese eine Sache eint: Alle miteinander sind sie menschliche Beziehungsware.
Mit „Shoppen“ gibt Autor, Regisseur und Produzent Ralf Westhoff sein Langfilmdebüt; eine durchweg unterhaltsame, temporeiche Komödie, die fein austariert zwischen frech und lebensecht die Generation Single porträtiert. Neben ordentlich Wortwitz mit vielerlei Wahrheiten (auch über das „Verhütungsmittel“ bayerische Landeshauptstadt) punktet er vor allem mit Gespür fürs Timing sowie einem starken Darsteller-Ensemble, das sich vorwiegend aus der Münchner Theaterszene zusammensetzt.
Und die Stereotype zwischen Aufreißern und Verklemmten, Yuppies und Mittellosen, die er in einer sterilen Turnhalle zusammenführt — dem künstlichen Anlass der Veranstaltung Rechnung tragend — zwingen selbst Liierte, ein kleines bisschen Ich in den versammelten Frauen und Männern wieder zu finden. Der ungemein hohe Identifikationsgrad lässt den Zuschauer einfühlen und das macht diesen Film so ungemein sympathisch!
Denn jeder kennt einen selbstverliebten Mister Ladylove wie Patrick (Felix Hellmann) oder eine Susanna (Julia Koschitz), die Süße von nebenan; hat Laberbacken wie Mediha (Mediha Cetin), Idealisten wie Markus (Martin Butzke) oder Mannsweiber wie Susanne (Anna Böger) im Bekanntenkreis; ist schon mal einem verkuschelten Softie wie Jens (Oliver Bürgin) begegnet; einer Jule (Anja Klawun), die sich unter Wert verkauft oder erduldet Mitarbeiter, die Business-Man Thorsten (Matthias Bundschuh) nicht unähnlich sind.
Man muss die „Resterampe“ schon ob ihrer Schwächen mögen, die Miriams (Kathrin von Steinburg), Isabellas (Katharina Schubert), Katharinas (Tanja Schleiff) und Jasmins (Julia Heinze), Irinas (Lisa Wagner), Jürgens (Stefan Zinner), Egons (Thomas Limpinsel), Falks (Christian Pfeil), Franks (David Baalcke) und Jörgs (Sebastian Weber), die Westhoff einander gegenübersetzt. Eben weil man es am Ende ein Stück weit selbst ist, der dort (unter fremdem Namen) plaudert.
Vor diesem dialoglastigen Kammerspiel reiht er seine Charaktere Stück für Stück und Schlag auf Schlag ins Geschehen ein, folgt ihnen danach bis in den Münchner Alltag, wenn man sich erstmals wiedersieht und vielleicht sogar lieben lernt. Und da ist sie plötzlich und endlich doch noch, die Schönheit der Chance. Dabei könnte alles so einfach sein — hätten wir es nicht verlernt, auf freier Wildbahn ins Gespräch zu kommen.
Mit seinem beinahe schon dokumentarischen Ansatz zeigt „Shoppen“ allerdings eines: Dass sich hinter dem mitunter merkwürdigen Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit immer noch so etwas wie Hoffnung auf die große Liebe versteckt; und auf dem mitunter lieblosen Wühltisch der Kinostarts endlich mal wieder ein echtes Designerstückchen.
