27. Juni 2007

Stirb langsam 4.0

Einem Jahr­zehnt, das von unzer­stör­ba­ren Blaupausen-​​Muskelmaschinen wie Schwar­ze­negger, Stal­lone oder Nor­ris beherrscht wird, setzt er 1988 erst­mals den Anti­hel­den mit Herz und Schmerz ent­ge­gen. Bruce Wil­lis begrün­det als Feinripp-​​Cop John McClane nicht nur seine Kar­riere, son­dern eine völ­lig neue Ära des Action-​​Kinos. Bei­nahe zwei Deka­den spä­ter kommt das Upgrade „4.0″ in die Pro­jek­to­ren und aus­ge­rech­net jetzt, da die Ter­ror­ge­fahr rea­lis­ti­scher ist denn je, lie­fert die „Stirb langsam“-Reihe mit ordent­lich Retro-​​Attitüde ihre unglaub­wür­digste Epi­sode ab.

Eine Wie­der­kehr in der größ­ten Rolle der Kar­riere birgt immer die Gefahr, eine Insti­tu­tion nach­hal­tig zu beschä­di­gen. An Sharon Sto­nes „Basic Instinct 2″ lie­ßen viele Kri­ti­ker trotz anspre­chen­dem Äuße­ren kein gutes Haar, Syl­ves­ter Stal­lone hat mit über 60 Len­zen sei­nen „Rocky Bal­boa“ dage­gen mit An– in den Ruhe­stand geknokt, „John Rambo“ folgt ihm nach und dann dür­fen wir ja auch noch schauen, wie Har­ri­son Ford 65-​​jährig als „Indiana Jones“ die Peit­sche schwingt. Dage­gen ist Wil­lis mit sei­nen 52 ein ech­ter Jungspund.

McClane mit Glatze, das ist aller­dings neu, das „Wrong Time, Wrong Place“-Prinzip der Reihe hat indes Bestand: Der Rou­ti­nier soll den flaum­bär­ti­gen Hacker Matthew Far­rell (Jus­tin Long) für ein Ver­hör zum FBI brin­gen und steckt mit einem Male mit­ten drin im wil­den Feu­er­ge­fecht. Cop und ange­hen­der Buddy ent­kom­men dem Kil­ler­kom­mando, doch das Chaos am Unab­hän­gig­keits­tag wei­tet sich aus.

Der Ver­kehr kol­la­biert ebenso wie die Tele­kom­mu­ni­ka­tion, dazu Anthrax-​​Alarm in Regie­rungs­ge­bäu­den, der Finanz­markt ver­fällt dank gefak­ter Mel­dun­gen in Panik, auf sämt­li­chen Fern­seh­ka­nä­len läuft die­selbe Droh­bot­schaft und schon bald steht die halbe West­küste ohne Strom da. Cyber­ter­ro­rist Tho­mas Gabriel (Timo­thy Oly­phant), einst Pro­gram­mie­rer in Regie­rungs­diens­ten, atta­ckiert die gesamte Infra­struk­tur der Ver­ei­nig­ten Staa­ten und ist auf sei­nem Rache­feld­zug drauf und dran, eine kom­plette Nation lahmzulegen.

McClane ist ebenso Ikone wie Relikt

Damit ver­lässt das „Die Hard“-Szenario end­gül­tig sein in den ers­ten bei­den Tei­len durch­ge­hal­te­nes und von da an viel­fach kopier­tes Kon­zept des Ein­zel­kämp­fers auf begrenz­tem Raum. Doch kei­ner der Nach­ah­mer konnte die Fas­zi­na­tion des Action-​​Kammerspiels im Nakatomi-​​Tower über­tref­fen; nicht „Alarm­stufe: Rot“, nicht „Speed“, nicht „The Rock“. Wei­tete der ’95 gestar­tete Teil drei „Jetzt erst recht“ das Gesche­hen auf den Meso­kos­mos New York aus, tin­geln McClane und Anhang nun gleich vom einen Ende des Bun­des­staa­ten zum anderen.

Aber wir sind ja mobil die­ser Tage und wenn man „Stirb lang­sam 4.0″ und Dreh­buch­au­tor Mark Bom­back vorn­weg ein gro­ßes Kom­pli­ment machen muss, dann ist es das nicht ganz ein­fa­che Unter­fan­gen, eine zwar unschwer zu erken­nende, dann aber kon­se­quent beschos­sene Achilles-​​Ferse unse­rer Gesell­schaft ins Visier zu neh­men: Man zollt dem Zeit­al­ter der Ver­net­zung Tri­but, wie schon an der Titel­zif­fer zu erken­nen ist. Doch McClane ist ebenso Ikone wie Relikt, ein Aus­lauf­mo­dell, ein wan­deln­des Kli­schee, inkom­pa­ti­bel mit jed­we­dem Update.

Ana­chro­nis­mus zwi­schen ver­dien­tem Held und frem­der Welt

Ob man ihm des­halb einen in den 80ern hän­gen geblie­be­nen Voll­trot­tel abkau­fen muss? Selbst Poli­zei­be­amte im zwei­ten Lebens­ab­schnitt dürf­ten mitt­ler­weile im Berufs­all­tag nicht um die Kon­fron­ta­tion mit einem Per­so­nal Com­pu­ter her­um­kom­men. Doch McClane scheint bis heute seine Berichte mit Schreib­ma­schine und Tipp-​​Ex zu Pro­to­koll zu brin­gen. Aber der sah sich ja schon in „Stirb lang­sam 2″ ganz offen­sicht­lich außer Stande, ein sim­ples Fax­ge­rät zu bedienen.

Wenn auch über­stra­pa­ziert, ist es doch genau die­ser Ana­chro­nis­mus zwi­schen einem ver­dien­ten Hel­den und sei­ner ihm fremd gewor­de­nen Welt, von dem die Fort­set­zung lebt. Die Gesell­schaft ist digi­tal, und doch braucht es einen ana­lo­gen Bul­len, um ihren Arsch zu ret­ten. Und weil er es ganz alleine nicht (mehr) schaf­fen würde, bekommt McClane — ohne Unter­hemd und ohne auch nur einen Glimm­stän­gel anzu­rüh­ren — kon­se­quen­ter­weise einen Abge­sand­ten des Internet-​​Zeitalters zur Seite gestellt. Es ist hin und wie­der ein­fach nur noch zutiefst amü­sant, wie diese bei­den Cha­rak­tere sich die Bälle zuspielen!

Ein Ein­zel­kämp­fer ist er sowieso nicht mehr und genau wie Bruce Wil­lis und Samuel L. Jack­son vor zwölf Jah­ren humor­voll schwarz-​​weiße Kli­schees zur Schau getra­gen haben, sor­gen auch die ver­ba­len Wort­ge­fechte zwi­schen McClane und sei­nem „Kid“ für reich­lich mar­kige Sprü­che und andere lau­nige Momente, wie sie so noch in kei­nem ande­ren Film der Reihe zu sehen waren. Der Kult macht’s mög­lich und Kevin Smith‘ Gast­auf­tritt als Hacker-​​Nerd wohn­haft bei Mutti tut der all­ge­mei­nen Hei­ter­keit ein Übriges.

Iro­nie ist der Kitt

Ohne­hin gehen die Macher sehr sou­ve­rän mit dem fort­ge­schrit­te­nen Alter ihres Heroe um; sinn­bild­lich ein­ge­führt durch die gemein­same Auto­fahrt, in der Matt bei­nahe Ohren­krebs bekommt, als McClane andäch­tig dem „Altherren-​​Rock“ von Cree­dence Cle­ar­wa­ter Revi­val lauscht. Iro­nie ist der Kitt, der diese Lücken aus­zu­fül­len hat. Das gilt auch für die obli­ga­to­ri­schen Rau­fe­reien: Das Action-​​Genre hat sich nicht zuletzt durch die Kampf­spor­t­ein­flüsse aus Fern­ost in den ver­gan­ge­nen Jah­ren von Grund auf geän­dert. Fol­ge­rich­tig bekommt McClane von Asia­schnitte Mai Lihn (Mag­gie Q) erst mal kräf­tig auf die Fresse, bevor er den „Kung Fu Shit“ mit geziel­ten Faust­hie­ben kon­tern darf.

Wo des Man­nes Kraft nicht aus­reicht, war keim­freie Digi­ta­la­kro­ba­tik tabu. Die Zei­ten, da Minia­tur­mo­delle in die Luft gejagt wur­den, sind natür­lich vor­bei; und doch ist hier noch vie­les echte Hand­ar­beit. Das gilt auch für die drei Action-​​Ladungen, die peni­bel ver­teilt über 128 Minu­ten gezün­det wer­den: Kann man den Abschluss der rasan­ten Tun­nel­szene, in wel­cher die Ter­ro­ris­ten die Fahr­spu­ren von bei­den Sei­ten her öff­nen und McClane mit sei­nem füh­rer­lo­sen Strei­fen­wa­gen einen Heli­ko­pter vom Him­mel holt, gerade noch als unglaub­wür­dige Ent­glei­sung durch­ge­hen las­sen, ist die Fahrstuhl-​​Hommage eine zuge­ge­ben nette, aber übel kon­stru­ierte und völ­lig überzogen.

Unan­ge­mes­se­ner Jerry-​​Bruckheimer-​​Krawall

John McClane war noch nie beson­nen, aber immer ein umsich­ti­ger Drauf­gän­ger. In die­ser Szene agiert er jedoch total idio­tisch und bringt sich selbst samt Gelän­de­wa­gen und Gegen­spie­le­rin um des Effek­tes Wil­len in eine haa­rige Situa­tion. Der sprich­wört­li­che Abschuss ist dann die Kampf-​​Jet-​​Truck-​​Jagd. Hier macht sich ein schlicht­weg unan­ge­mes­se­ner Jerry-​​Bruckheimer-​​Krawall breit, der nur noch pein­lich ist. Etwas weni­ger wäre so viel mehr gewesen.

Ob man damit schnöde Anzie­hungs­punkte fürs U30-​​Publikum schaf­fen wollte, das die 80er allen­falls im Stram­pel­an­zug ver­bracht hat? Jeden­falls ist das nicht der Stil von Regis­seur Len Wise­man. Ansons­ten hat der unter den wach­sa­men Augen von Pro­du­zent und zwei­fa­chem „Die Hard“-Regisseur John McTiernan einen ver­dammt guten Job gemacht. Der „Under­world“-Look mit sei­ner bläulich-​​monochromen Farb­pa­lette passt zum küh­len Gesche­hen, in dem der Böse­wicht neu­er­dings seine Schur­ke­reien nur­mehr per Maus­klick erle­di­gen kann. Viel­leicht liegt es auch daran, dass der dritte Teil im Beliebtheits-​​Ranking gele­gent­lich vor dem Sequel landet.

Sie alle hat­ten etwas; Wil­liam Sad­ler, Jeremy Irons, doch kei­ner über­traf das fros­tige Schau­spiel eines Alan Rick­man als Jack „Hans“ Gru­ber. Man wächst mit sei­nen Auf­ga­ben, der Action-​​Held an sei­nem Ober­motz. Timo­thy Oly­phant mimt nun glaub­haft den gefal­le­nen, über­heb­li­chen Chef­coder, bleibt aber eine gute Spur zu glatt, um den Cyber­mör­der als Zuschauer wirk­lich ver­ach­ten zu können.

Yippie-​​ya-​​yeah, jetzt wird’s end­lich wie­der persönlich

Kurz blitz dann der Gedanke auf, ob das Film­team viel­leicht zu feige war, einen reli­giös inspi­rier­ten Ter­ro­ris­ten mit Voll­bart und Koran ins Skript zu neh­men. Doch das würde der Reihe nicht gerecht. Wie seine Vor­gän­ger hat näm­lich auch Gabriel jeg­li­che Ideale abge­legt, ist ein­zig am schnö­den Mam­mon inter­es­siert. Dafür menschelt’s ange­n­e­hem ver­traut bei Bruce Wil­lis. Schon in der Anfangs­se­quenz, wenn Film­toch­ter Mary Eliza­beth Win­stead zum ers­ten Mal in Erschei­nung tritt, haben wir ihn wie­der, unse­ren Jeder­mann, die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur, den Daddy Uncool, der nur sei­nen längst flüg­gen Nach­wuchs behü­ten möchte.

Als Lucy in die Fänge Gabri­els gerät, wird’s denn auch end­lich per­sön­lich. Ein Antrieb, den man im drit­ten Teil lei­der völ­lig ver­ges­sen hatte. „Yippie-​​ya-​​yeah, Schwei­ne­ba­cke!“ Nach­dem uns die Syn­chro vor zwölf Jah­ren den Spruch und McTiernan ein poin­tier­tes, ver­söhn­li­ches Ende ver­wei­gert hat, recht­fer­tigt sich Wise­mans „4.0″ als (massen-)kompatibles Upgrade schließ­lich und oben­drein durch einen über­aus run­den Schluss, der immer­hin nicht weni­ger als das letzte Aus­ru­fe­zei­chen unter die „Die Hard“-Serie setzt. Und wäh­rend der Abspann die Lein­wand hin­auf­kriecht, erklingt aber­mals die 60er-​​Hymne von Cree­dence Cle­ar­wa­ter: „It Aint Me, It Aint Me…“ No, No, No! Heute sind wir aus­nahms­weise mal alle For­t­u­nate Ones. Yippie-​​ka-​​yeah.