Kante - Peter Thies­sen und Felix Mül­lerKarls­ruhe — Kante aus Ham­burg, das steht ganz schlicht für Avant­garde. Aus­ba­lan­cierte, jaz­zig ange­hauchte, viel­schich­tige Rock-​​Sound-​​Collagen zwi­schen Post und Pop, aber stets mit laten­tem Hang zur Voll­en­dung. Vor dem Gast­spiel der Indie-​​Perfektionisten beim „Fest van Cleef auf dem Karls­ru­her Schlacht­hof­ge­lände unter­hielt sich Patrick Wurs­ter mit Sän­ger Peter Thies­sen und Gitar­rist Felix Mül­ler. Ein Sechs-​​Augen-​​Gespräch über Millionen-​​Metropolen, Band-​​Obsessionen und das neue Kante-​​Laissez-​​faire.

???: Als selbst­er­klär­ter „Hamburger-​​Schule-​​Typ“ hast du Texte sowie etwas Musik für eine Revue über Ber­lin geschrie­ben und es als „eine auf den ers­ten Blick absurde Kom­bi­na­tion“ beschrie­ben. Wo lag der Reiz an die­sem Pro­jekt?
Peter Thies­sen: Abge­se­hen von der Tra­di­tion des Auf­füh­rungs­or­tes, dem Ber­li­ner Fried­rich­stadt­pa­last, mit sei­nem ver­senk­ba­ren Spring­brun­nen, der brei­tes­ten Bühne Euro­pas und der längs­ten Girl-​​Reihe der Welt fand ich das For­mat Revue an sich äußerst reiz­voll. Es ver­eint Altes und Moder­nes und lässt dem Tex­ter sehr viele Frei­hei­ten. Das ist ja weni­ger ein Musi­cal als viel­mehr eine Anein­an­der­rei­hung von ein­zel­nen Num­mern. Außer­dem fand ich es inter­es­sant, mit „Rhyth­mus Ber­lin“ eine Auf­trags­ar­beit zu über­neh­men, bei der das Kon­zept vor­ge­ge­ben ist. Du arbei­tet mit einem Rie­sen­ap­pa­rat zusam­men, da sind Kom­po­nis­ten, die teil­weise vom Broad­way rüberkommen.

Kante - Felix Mül­ler???: Wie kam es dann zu eurer neuen Platte „Kante Plays Rhyth­mus Ber­lin“?
Thies­sen: Nach­dem das Pro­jekt been­det war, haben wir mit der Band zu eini­gen Tex­ten noch­mal eigene Musik gemacht. Die basiert groß­teils auf den glei­chen Num­mern, klingt aber wie­der ganz anders als die Revue im Fried­rich­stadt­pa­last. Die Texte sind leicht vari­iert, damit sie auch außer­halb des Büh­nen­kon­tex­tes funktionieren.

???: Ber­lin, der Inbe­griff von Groß­stadt — gren­zen­los, aber anonym. Das Thema „Metro­pole“ kommt auch in frü­he­ren Kante-​​Texten zur Spra­che. „Wer hier­her kommt will vor die Tür“ oder „Im Inne­ren der Stadt“ — wie siehst du es? Frei­heit oder Ver­lo­ren­heit?
Thies­sen: Es ist natür­lich immer bei­des zugleich. Wenn es in Deutsch­land über­haupt eine Groß­stadt gibt, dann ist das Ber­lin. Und Ber­lin ist nicht so sehr eine Stadt aus der man kommt, son­dern eine, in die man geht. Eine Stadt, deren Iden­ti­tät darin besteht, keine zu haben; die vor allem Leute vom Land oder aus klei­ne­ren Städ­ten anzieht. Man kommt aus der Pro­vinz und ver­sucht hier seine Vor­stel­lun­gen von Groß­stadt zu fin­den, zu insze­nie­ren, aus­zu­le­ben. Für diese Men­schen schwingt da so ein Ver­spre­chen mit, sich frei­zu­ma­chen von den Zwän­gen der dörf­li­chen Gemeinschaft.

???: Wie schnell haben sich die übri­gen Band­mit­glie­der von der Idee „Kante Plays Rhyth­mus Ber­lin“ anste­cken las­sen?
Felix Mül­ler: Am Anfang dachte ich schon: „Das hat doch mit Kante eigent­lich gar nicht so viel zu tun.“ Aber dann war klar, dass das gar nicht in einem so engen Zusam­men­hang zur Revue steht, was wir draus machen. Wir sind dann ganz spon­tan ins Stu­dio gegan­gen, ohne uns groß­ar­tig vor­zu­be­rei­ten, und haben inner­halb von zehn Tagen pro­biert, arran­giert und eingespielt.

???: Dei­ner Rockat­ti­tüde frönst du ohne­hin bei der Gruppe Sport. Wie lässt sich ein musi­ka­li­sches Dop­pel­le­ben bei zwei mitt­ler­weile eini­ger­ma­ßen gut und noch eini­ges bes­ser bekann­ten Bands ver­ein­ba­ren?
Mül­ler: Immer eines nach dem ande­ren. Aber im Anschluss an die Tour mit Sport habe ich schon gedacht: „So ein biss­chen Pause wäre jetzt durch­aus ganz nett gewesen…“

???: Wie nahe seid ihr mit dem „Fall“ an den Auf­stieg in die erste Rock­liga her­an­ge­kom­men? Immer­hin lau­tete die eupho­ri­sche For­de­rung aus dem Hause „Spex“ nach dem Sport-​​Debüt „Bitte berühmt wer­den!„
Mül­ler: Ja, das berühmte „Spex“-Zitat. Ist auch schon wie­der eine ganze Weile her, „These Rooms Are Made For Waiting“…

Kante - Peter Thies­sen und Felix Mül­ler???: Mit Kante muss­tet ihr nicht so lange war­ten: „Die Summe der ein­zel­nen Teile“ vom zwei­ten Album „Zwei­licht“ lief gleich auf Rota­tion heiß. Wenn man sich aller­dings eure Song­struk­tu­ren anschaut, habt ihr es gar nicht erst for­ciert, nach 2001 noch­mals einen sol­chen Indie-​​Disco-​​Hit zu lan­den. Denn sie leben doch ein Stück weit von einem Glau­ben, der unse­rer Gegen­wart vor­aus­eilt? Oder ums mit der Gruppe Sport zu sagen: Es sind nicht die Mil­lio­nen, es geht hier um Obses­sion?
Thies­sen: „Die Summe“ war ein Über­ra­schungs­hit. Sol­che Gedan­ken machen wir uns im Vor­feld grund­sätz­lich nicht, also funk­tio­niert die­ser oder jener Song jetzt auf dem Dance­floor oder nicht.

???: Wor­auf kommt es dann für dich beim Musik­ma­chen an?
Thies­sen: Ganz banal aufs Gefühl. Mich inter­es­siert nicht ob mit Key­boards, Strei­chern oder Gitar­ren gear­bei­tet wird, das ist für den Kern der Sache nicht so wich­tig. Wenn du einen guten Song hast, kann man den sowohl solo an der Gitarre spie­len als auch mit einem gan­zen Orches­ter. Das ändert nichts an sei­nem Grundgehalt.

???: Dabei wär’s fast vor­bei gewe­sen. Vor „Die Tiere sind unru­hig“ hatte ihr euch ent­frem­det, einige Band­mit­glie­der woll­ten auf unbe­stimmte Zeit pau­sie­ren. Wie habt ihr die Kurve bekom­men?
Thies­sen: Das „Zombi“-Album war eine extrem lange, kräf­te­zeh­rende Pro­duk­tion. Uns war klar, wenn wir jede Platte so auf­neh­men, dann lan­den wir irgend­wann alle in der Klapse; und wenn es wei­ter­ge­hen soll, dann muss es anders wei­ter­ge­hen. Wir haben viel mit­ein­an­der gespro­chen und eine andere Methode ver­folgt: Ich hatte mich bis dahin immer dage­gen gewehrt, der klas­si­sche Band­lea­der zu sein, wollte diese Ver­ant­wor­tung nicht über­neh­men. Das war nach der Pause anders. Und damit hat sich eini­ges gelöst.

Kante - Peter Thies­sen???: Das Ende der Band­de­mo­kra­tie als Keim des neuen Kante-​​Schwungs?
Thies­sen: Ich habe damals gesagt: „Macht ihr Pause, küm­mert euch um eure ande­ren Pro­jekte, ich schreibe der­weil an neuen Stü­cken. Und als wir einige Zeit spä­ter im Pro­be­raum zusam­men­ka­men, wuss­ten alle so unge­fähr in wel­che Rich­tung es gehen soll.
Mül­ler: Dadurch hat sich die Stim­mung in der Band wäh­rend der ver­gan­ge­nen zwei Jahre ein­fach total ver­än­dert. Nach der „Zombi“ war alles irgend­wie fest­ge­fres­sen…
Thies­sen:
Wobei nicht zur Debatte stand, ob man sich noch mag, aber wir hat­ten ein­fach das Gefühl, nicht mehr zu wis­sen, wie man musi­ka­lisch und orga­ni­sa­to­risch wie­der zuein­an­der fin­den kann. Wenn du jeden im Grunde fer­ti­gen Song noch fünf­mal anders und bes­ser zu spie­len ver­suchst, ver­lierst du irgend­wann das Gefühl dafür. Uns war wich­tig, dass man den Spaß am Musik­ma­chen wie­der auf der Platte hören kann. Wir woll­ten Zügel­lo­sig­keit und Ener­gie wal­ten las­sen anstatt alles bis ins letzte zu durch­den­ken. Und wenn irgendwo die Gitarre ein­mal ein biss­chen schief klingt, dann ist uns das mitt­ler­weile echt egal.

???: Rührt von die­sem Umbruch die gene­relle Unruhe der „Tiere“-Platte, deren Sound ihr teils auch auf „Rhyth­mus Ber­lin“ bei­be­hal­ten habt?
Thies­sen: Mit Sicher­heit. Ich habe damals viel Gedan­ken­bal­last über Bord gewor­fen, mich von dem unbe­ding­ten Wil­len ver­ab­schie­det, ein von vorn bis hin­ten durch­kon­zi­pier­tes Meis­ter­werk abzu­lie­fern. Wir haben so viele erfah­rene musi­ka­li­sche Per­sön­lich­kei­ten bei Kante, dass ich dar­auf ver­trauen kann: Ganz gleich was wir machen — es kommt etwas rich­tig Gutes dabei heraus.