26. Juli 2007
Die Simpsons – Der Film
„Yellow Harvest“ prangt auf der angelieferten Filmrolle, die der berichterstattenden Zunft zur Begutachtung vorgesetzt wird. Drinnen das lang ersehnte „Simpsons-Movie“ mit dem Verleiher 20th Century Fox ohne Zweifel kräftig Reibach ernten wird. Doch um welchen Preis? Lässt sich Matt Groenings Seriendauerbrenner von 23 auf 87 Minuten strecken, ohne dass die lebende Popkulturlegende, der letzte der gemeinsame Nenner von Fans und Kritikern, Schaden nimmt?
Zum Zaudern bleibt dank einer famosen Spiegel-im-Spiegel-Start-Sequenz keine Zeit: Es läuft „Itchy und Scratchy – Der Film“ auf der großen Leinwand und dahinter. Familie Simpson hat im Zeichentrick-Cinema Platz genommen. Eisbrecher-Kommentar Homer: „Wer wäre so bescheuert, im Kino für etwas Geld auszugeben, das er zuhause umsonst haben kann?“
Der erste Brüller und ab dafür. Die Vorfreude auf die im Vorfeld streng geheim gehaltene Handlung beseitigt jetzt alle Skepsis. Homer hat wie immer Schwein, diesmal jedoch nicht am Ende, sondern schon zu Beginn der Geschichte. Sein neues Haustier mit dem geringelten Schwanz, das als Spider-Pig mit Homers Hilfe sogar die Decke mit Haxentapsern versauen kann, assimiliert sich nicht nur mehr und mehr mit seinem Herrchen, es füllt innerhalb kürzester Zeit ein – und wiederum mit Homers Hilfe – ganzes Silo. Das gilt es nun zu entsorgen; und zwar im heimischen Lake Springfield.
Der kippt, evolutioniert mehräugige Monstertierchen und die Regierung unter Präsident Arnold Schwarzenegger beschließt, die kontaminierte Kleinstadt – von der wir nun endlich erfahren, wo sie wirklich liegt – unter einer Mega-Käseglocke zu verschließen. Chaos und andere Katastrophen, vertraute Begebenheiten für Fans wie Produzenten. Man verzichtet darauf, den gewohnten Serienkosmos zu verlassen. Alle Hauptcharaktere kommen zum Zuge, Monty Burns und sein williger Sklave Waylon Smithers angesichts der plotgebenden Thematik vielleicht etwas kurz, die zahlreichen Nebenfiguren rücken fast ausnahmslos ins Bild und Tom Hanks hat einen Gastauftritt. Gut so. Keine Experimente, dafür die etablierten Standards halten, übertreffen und in einen Handlungsstrang packen, der zwei klassische Spielfilmmotive vereint: drohende Apokalypse und zu bewältigende Odyssee.
Eigentlich alles ganz einfach; wie die Serie überhaupt. Und da ist er, der „Simpsons“-Effekt. Obwohl seit mehr als 400 Episoden so zahlreich referenziert wird, es ganze kulturphilosophische Abhandlungen über die Bedeutung der vierfingerigen Gelben gibt, sie bleiben simpel und damit erfolgreich. Wer die Metaebne (noch) nicht erreicht, erfreut sich abseits von Anspruch und Kulturpessimismus an der verbleibenden Anarcho-Komik, deren letztendliche Moral, deren vermittelte Werte alters- und iq-übergreifend verstanden werden kann.
Auch der Film von Regisseur David Silverman hat neben allerlei selbstironischen Anspielungen und Reminiszensen auf die Episoden der zugrundeliegenden Serie viel Satire zu bieten; angefangen beim Gig der Konsenspunkrocker Green Day, die in Spingfield ein Konzert zugunsten der Umwelt geben und im verschmutzten See den Tod finden, dem tumben Präsident Schwarzenegger („I Was Elected To Lead, Not To Read“), das Einblenden von ProSieben-Werbung (respektive im Original der in der Serie so oft geschmähte „Simpsons“-Haussender Fox) oder die zweimalige Anspielung – oder sollte man besser sagen Attacke – auf den Disney-Konzern: Neben einem Aufgalopp der Bambi-Belegschaft stichelt Bart einen BH auf dem Kopf tragend mit den Worten „Ich bin das Maskottchen eines skrupellosen Großkonzerns“.
„Die Simpsons“, das sind nicht nur fortwährende Seitenhiebe auf die Gesellschaft im Allgemeinen und die amerikanische im Besonderen, es ist die erquickende Mischung aus kindlichem Humor und dem Bruch mit der Erwartungshaltung der Zuschauer. Da ist es mehr als nur eine Anekdote, dass die Sittenprüfer in Übersee dem Film eine Altersfreigabe unter 13 Jahren (in Deutschland gab’s eine FSK 6) verweigern, weil sie ganz offenbar nicht nur humorlos, sondern auch satireresistent sind: Als Bart, angetrieben von einer Wette mit Daddy und seinem Skateboard, splitternackt durch Springfield saust, bedecket stets der „Zufall“ seine Leibesmitte. Bis er eine Hecke hinterfährt, in welche der Gärtner an der prekärsten Stelle eine Schneise gesäbelt hat. Sieben Sekunden lang flattert ein gelber Zeichentrickpimmel über die Leinwand. Kleiner Schwanz und großes Kino!
Und noch etwas erfreut: Die „Simpsons“ glänzen nicht nur mit inhaltlicher Tiefe, sie sind optisch flach geblieben; mit der amerikanischen Durchschnittsfamilie kehrt das Genre des Trickfilms zu seinen Wurzeln zurück. Während überall dreidimensionale CGI-Monster die Lichtspielhäuser unsicher machen, kokettierten die Macher um Groening und Spezi James L. Brooks schon im Trailer frohgemut mit der traditionellen 2D-Optik; und die wirkt – auch im Vergleich mit der Serie – alles andere als antiquiert. Silverman weiß um die Dimensionen der Kinoleinwand, kreiert tolle Trickfilmpanoramen und nutzt die zur Verfügung stehende Länge: Hin und wieder gönnt man sich eine etwas aufwändigere Kamerafahrt, für die in der Serie kein Platz ist.
Den machen seit Mitte der 17. Staffel viele Fanatiker der guten Anke Engelke streitig. Die seither im Sprecheinsatz befindliche und Vielkritisierte interpretiert ihre Marge im Film weit weniger krächzig und schafft es damit, nicht nur ihr Vorhaben umzusetzen, keine Elisabeth-Volkmann-Imitation zu sein, sie emanzipiert sich auch von Julie Kavner, der amerikanischen Snychronstimme.
Dadadadadadadada-da-da-da-da! Ein Loblied möchte man singen, auf den Einfallsreichtum der Autoren, deren Trefferquote in Sachen Amusement mehr als beachtlich ist und die scheinbar ohne Mühe das Niveau der Fernsehserie zu ihren besten Zeiten hält. Nach einem heiteren Abspann samt Marseillaise als Springfield-Hymne und der vielfachen Würdigung der koreanischen Zeichner spricht Nesthäkchen Maggie ihr erstes Wort.
Und die berufene Frage aus Kindermund klingt denn auch mehr wie ein Versprechen: „Sequel?“ Barts obligatorischer Tafelanschrieb mit den gekreideten Worte „Ich darf diesen Film nicht herunterladen“ wird bis dahin für viele schwer einzuhalten sein. Aber erstmal spielen wir noch gern und fleißig Erntehelfer. Kein Ding, bei einer gefühlten Länge von 23 Minuten.
