„Yel­low Har­vest“ prangt auf der ange­lie­fer­ten Film­rolle, die der bericht­er­stat­ten­den Zunft zur Begut­ach­tung vor­ge­setzt wird. Drin­nen das lang ersehnte „Simpsons-​​Movie“ mit dem Ver­lei­her 20th Cen­tury Fox ohne Zwei­fel kräf­tig Rei­bach ern­ten wird. Doch um wel­chen Preis? Lässt sich Matt Gro­enings Seri­en­dau­er­bren­ner von 23 auf 87 Minu­ten stre­cken, ohne dass die lebende Pop­kul­tur­le­gende, der letzte der gemein­same Nen­ner von Fans und Kri­ti­kern, Scha­den nimmt?

Zum Zau­dern bleibt dank einer famo­sen Spiegel-​​im-​​Spiegel-​​Start-​​Sequenz keine Zeit: Es läuft „Itchy und Scratchy — Der Film“ auf der gro­ßen Lein­wand und dahin­ter. Fami­lie Sim­pson hat im Zeichentrick-​​Cinema Platz genom­men. Eisbrecher-​​Kommentar Homer: „Wer wäre so bescheu­ert, im Kino für etwas Geld aus­zu­ge­ben, das er zuhause umsonst haben kann?“

Der erste Brül­ler und ab dafür. Die Vor­freude auf die im Vor­feld streng geheim gehal­tene Hand­lung besei­tigt jetzt alle Skep­sis. Homer hat wie immer Schwein, dies­mal jedoch nicht am Ende, son­dern schon zu Beginn der Geschichte. Sein neues Haus­tier mit dem gerin­gel­ten Schwanz, das als Spider-​​Pig mit Homers Hilfe sogar die Decke mit Haxen­tap­sern ver­sauen kann, assi­mi­liert sich nicht nur mehr und mehr mit sei­nem Herr­chen, es füllt inner­halb kür­zes­ter Zeit ein — und wie­derum mit Homers Hilfe — gan­zes Silo. Das gilt es nun zu ent­sor­gen; und zwar im hei­mi­schen Lake Springfield.

Der kippt, evo­lu­tio­niert meh­r­äu­gige Mons­ter­tier­chen und die Regie­rung unter Prä­si­dent Arnold Schwar­ze­negger beschließt, die kon­ta­mi­nierte Klein­stadt — von der wir nun end­lich erfah­ren, wo sie wirk­lich liegt — unter einer Mega-​​Käseglocke zu ver­schlie­ßen. Chaos und andere Kata­stro­phen, ver­traute Bege­ben­hei­ten für Fans wie Pro­du­zen­ten. Man ver­zich­tet dar­auf, den gewohn­ten Seri­en­kos­mos zu ver­las­sen. Alle Haupt­cha­rak­tere kom­men zum Zuge, Monty Burns und sein wil­li­ger Sklave Way­lon Smit­hers ange­sichts der plot­ge­ben­den The­ma­tik viel­leicht etwas kurz, die zahl­rei­chen Neben­fi­gu­ren rücken fast aus­nahms­los ins Bild und Tom Hanks hat einen Gast­auf­tritt. Gut so. Keine Expe­ri­mente, dafür die eta­blier­ten Stan­dards hal­ten, über­tref­fen und in einen Hand­lungs­strang packen, der zwei klas­si­sche Spiel­film­mo­tive ver­eint: dro­hende Apo­ka­lypse und zu bewäl­ti­gende Odyssee.

Eigent­lich alles ganz ein­fach; wie die Serie über­haupt. Und da ist er, der „Simpsons“-Effekt. Obwohl seit mehr als 400 Epi­so­den so zahl­reich refe­ren­ziert wird, es ganze kul­tur­phi­lo­so­phi­sche Abhand­lun­gen über die Bedeu­tung der vier­fin­ge­ri­gen Gel­ben gibt, sie blei­ben sim­pel und damit erfolg­reich. Wer die Meta­ebne (noch) nicht erreicht, erfreut sich abseits von Anspruch und Kul­tur­pes­si­mis­mus an der ver­blei­ben­den Anarcho-​​Komik, deren letzt­end­li­che Moral, deren ver­mit­telte Werte alters– und iq-​​übergreifend ver­stan­den wer­den kann.

Auch der Film von Regis­seur David Sil­ver­man hat neben aller­lei selbst­iro­ni­schen Anspie­lun­gen und Remi­nis­zen­sen auf die Epi­so­den der zugrun­de­lie­gen­den Serie viel Satire zu bie­ten; ange­fan­gen beim Gig der Kon­sens­punk­ro­cker Green Day, die in Sping­field ein Kon­zert zuguns­ten der Umwelt geben und im ver­schmutz­ten See den Tod fin­den, dem tum­ben Prä­si­dent Schwar­ze­negger („I Was Elec­ted To Lead, Not To Read“), das Ein­blen­den von Pro­Sie­ben–Wer­bung (respek­tive im Ori­gi­nal der in der Serie so oft geschmähte „Simpsons“-Haussender Fox) oder die zwei­ma­lige Anspie­lung — oder sollte man bes­ser sagen Atta­cke — auf den Dis­ney–Kon­zern: Neben einem Auf­ga­lopp der Bambi-​​Belegschaft sti­chelt Bart einen BH auf dem Kopf tra­gend mit den Wor­ten „Ich bin das Mas­kott­chen eines skru­pel­lo­sen Großkonzerns“.

„Die Sim­psons“, das sind nicht nur fort­wäh­rende Sei­ten­hiebe auf die Gesell­schaft im All­ge­mei­nen und die ame­ri­ka­ni­sche im Beson­de­ren, es ist die erqui­ckende Mischung aus kind­li­chem Humor und dem Bruch mit der Erwar­tungs­hal­tung der Zuschauer. Da ist es mehr als nur eine Anek­dote, dass die Sit­ten­prü­fer in Über­see dem Film eine Alters­frei­gabe unter 13 Jah­ren (in Deutsch­land gab’s eine FSK 6) ver­wei­gern, weil sie ganz offen­bar nicht nur humor­los, son­dern auch sati­re­re­sis­tent sind: Als Bart, ange­trie­ben von einer Wette mit Daddy und sei­nem Skate­board, split­ter­nackt durch Spring­field saust, bede­cket stets der „Zufall“ seine Lei­bes­mitte. Bis er eine Hecke hin­ter­fährt, in wel­che der Gärt­ner an der pre­kärs­ten Stelle eine Schneise gesä­belt hat. Sie­ben Sekun­den lang flat­tert ein gel­ber Zei­chen­trick­pim­mel über die Lein­wand. Klei­ner Schwanz und gro­ßes Kino!

Und noch etwas erfreut: Die „Sim­psons“ glän­zen nicht nur mit inhalt­li­cher Tiefe, sie sind optisch flach geblie­ben; mit der ame­ri­ka­ni­schen Durch­schnitts­fa­mi­lie kehrt das Genre des Trick­films zu sei­nen Wur­zeln zurück. Wäh­rend über­all drei­di­men­sio­nale CGI-​​Monster die Licht­spiel­häu­ser unsi­cher machen, koket­tier­ten die Macher um Gro­ening und Spezi James L. Brooks schon im Trai­ler froh­ge­mut mit der tra­di­tio­nel­len 2D-​​Optik; und die wirkt — auch im Ver­gleich mit der Serie — alles andere als anti­quiert. Sil­ver­man weiß um die Dimen­sio­nen der Kino­lein­wand, kre­iert tolle Trick­film­pan­ora­men und nutzt die zur Ver­fü­gung ste­hende Länge: Hin und wie­der gönnt man sich eine etwas auf­wän­di­gere Kame­ra­fahrt, für die in der Serie kein Platz ist.

Den machen seit Mitte der 17. Staf­fel viele Fana­ti­ker der guten Anke Engelke strei­tig. Die seit­her im Sprech­ein­satz befind­li­che und Viel­kri­ti­sierte inter­pre­tiert ihre Marge im Film weit weni­ger kräch­zig und schafft es damit, nicht nur ihr Vor­ha­ben umzu­set­zen, keine Elisabeth-​​Volkmann-​​Imitation zu sein, sie eman­zi­piert sich auch von Julie Kav­ner, der ame­ri­ka­ni­schen Snychronstimme.

Dadadadadadadada-​​da-​​da-​​da-​​da! Ein Lob­lied möchte man sin­gen, auf den Ein­falls­reich­tum der Auto­ren, deren Tref­fer­quote in Sachen Amu­se­ment mehr als beacht­lich ist und die schein­bar ohne Mühe das Niveau der Fern­seh­se­rie zu ihren bes­ten Zei­ten hält. Nach einem hei­te­ren Abspann samt Mar­seil­laise als Springfield-​​Hymne und der viel­fa­chen Wür­di­gung der korea­ni­schen Zeich­ner spricht Nest­häk­chen Mag­gie ihr ers­tes Wort.

Und die beru­fene Frage aus Kin­der­mund klingt denn auch mehr wie ein Ver­spre­chen: „Sequel?“ Barts obli­ga­to­ri­scher Tafel­an­schrieb mit den gekrei­de­ten Worte „Ich darf die­sen Film nicht her­un­ter­la­den“ wird bis dahin für viele schwer ein­zu­hal­ten sein. Aber erst­mal spie­len wir noch gern und flei­ßig Ern­te­hel­fer. Kein Ding, bei einer gefühl­ten Länge von 23 Minuten.