Thees UhlmannKarls­ruhe — Thees Uhl­mann mimt nicht mehr den trau­ri­gen Jun­gen, das Ende der Suche ist’s wovon er singt; und doch (be-)rührt er uns ein ums andere mal. Seine dafür mit­ver­ant­wort­li­che Stamm­for­ma­tion Tomte ist nicht dabei, als sich das „Fest van Cleef“ zum Abschluss der drei­tä­gi­gen Label­feie­rei auf dem Schlachthof-​​Gelände ein­quar­tiert. Heute pro­fi­tie­ren die GHvC–All-​​Stars der Han­sen Band von sei­nem Sai­ten­spiel, zuvor unter­hält sich der Nobel­ho­te­lier aus der Elb­stadt mit Patrick Wurs­ter. Eine heiter-​​ernste Backstage-​​Plauderei über Uhlmann’sche Befind­lich­kei­ten, sin­gende Vögel und sei­nen Kühlschrank.

???: Zum zwei­ten Mal „Fest van Cleef“, dies­mal in Ber­lin, Bre­men…
Thees Uhl­mann: …und aus­ge­rech­net Karls­ruhe! Uns gefällt das Gelände hier wirk­lich sehr gut und dann ist Karls­ruhe eine Stadt, die uns immer sehr gewo­gen war. Das hono­rie­ren wir.

???: Auf dem aktu­el­len Tomte-​​Album „Buch­sta­ben über der Stadt“ ent­führt ihr uns wie­der in die Welt der wun­der­ba­ren Indie-​​Pop-​​Befindlichkeiten. Und doch hat sich etwas ver­än­dert: Vor­bei mit „End­lich ein­mal“ und „Die Bas­tarde, die dich jetzt nach Hause brin­gen“. Du bist fün­dig gewor­den?
Uhl­mann: Ganz genau. Beim Vor­gän­ger „Hin­ter all die­sen Fens­tern“ war ich 27 und als ich die „Buch­sta­ben“ geschrie­ben habe 31. In die­ser Zeit hat sich pri­vat und beruf­lich viel ver­än­dert. Das ist bei ande­ren Leu­ten auch so, nur sin­gen die eben nicht dar­über. Ich bin echt froh, mich nicht mehr mit den Pro­ble­men her­um­zu­schla­gen, die ich damals hatte. Aber die muss­ten ganz ein­fach besun­gen werden.

Thees Uhlmann???: Die ganze Platte ist total lebens­be­ja­hend, von „Ich sang die ganze Zeit von dir“ bis „Gei­gen bei Won­der­ful World“. Also geht’s dir jetzt rich­tig gut?
Uhl­mann: Auf jeden Fall! Das Lebens­be­ja­hende hat sich schon bei „Hin­ter all die­sen Fens­tern“ ange­kün­digt, war aber mehr aus der Not her­aus gebo­ren, weil es mir psy­chisch, phy­sisch und finan­zi­ell schlecht ging. Da musste ich mich an etwas klam­mern und das ist dann geen­det in einem Song, der „Schön­heit der Chance“.

???: Kom­po­nie­ren als Selbst­the­ra­pie?
Uhl­mann: Ich bin Nord­deut­scher, ich brauch keine The­ra­pie. Dazu bin ich viel zu ver­knö­chert. Nein, als Künst­ler gehört es zu mei­ner Auf­gabe, für die Leute mit­zu­sin­gen. Das traut sich hier fast kei­ner zu sagen, aber in Eng­land und Ame­rika ist das ganz nor­mal; dass der Typ, der Gitarre spie­len kann, die Sor­gen der Working Class vertont.

???: „Es ist halt die Abbil­dung mei­nes Lebens, weil ich aus einem unglaub­li­chen Maß an Arro­ganz her­aus Plat­ten für mich sel­ber schreibe.“ Ein Satz, der für alle Tomte-​​Texte gilt?
Uhl­mann: Der ist gar nicht schlecht!

  ???: Der Satz ist von dir… Oder etwa nicht?
Uhl­mann: Das hört sich jeden­falls sehr nach mir an. Wir haben ja nie eine Plat­ten­firma gefragt, ob es in okay ist, dass wir exis­tie­ren. Wir haben ein­fach gemacht und das meine ich mit arro­gant. Zwar leben die ande­ren bei Tomte nicht das glei­che Leben, aber sie tra­gen die Texte mit. Das ist nun­mal der Deal, wenn du in einer Band spielst.

???: Nun spielst du gleich in zweien und was der puren Fik­tion ent­sprun­gen ist, gibt es zwei Jahre danach immer noch. Hät­test du dir träu­men las­sen, dass die Han­sen Band den Film „Keine Lie­der über Liebe“ über­lebt?
Uhl­mann: Das war damals alles so auf­re­gend und neu für uns, dass man zu der Zeit gar nicht dar­über nach­ge­dacht hat. Aber es macht ein­fach Spaß! Ich bin bei der Han­sen Band nicht der Tomte-​​Sänger, der vorne ste­hen und durch den Abend füh­ren muss, son­dern ein­fa­cher Gitar­rist. Sehr ent­span­nend. Außer­dem ist es für mich immer noch ein gro­ßes Ding, mit Mar­cus in einer Band zu spie­len. Und weil ich ein gro­ßer Wie­busch–Fan bin, will ich ihm natür­lich auch gefallen.

???: Wel­chen Ein­fluss hatte der Kino­film auf Tomte und euer Label Grand Hotel van Cleef in punkto Außen­wir­kung?
Uhl­mann: Ehr­lich gesagt glaube ich gar nicht, dass die Außen­wir­kung so doll war. Die Medien hat­ten zwar den Fokus drauf, als der Film in den Kinos anlief, aber im Nach­hin­ein kam da nicht mehr viel. Unterm Strich war das nicht nach­hal­tig, es hat aber auch nichts kaputt gemacht. Da ist schließ­lich immer die Gefahr, dass du mit einem der­ar­ti­gen Pro­jekt auch eine Menge kaputt machen kannst, wenn der Film oder die Musik scheiße ist.

Thees Uhlmann???: Nun ist Hansen-​​Frontmann Jür­gen Vogel ohne Zwei­fel ein klasse Schau­spie­ler — aber sin­gen?
Uhl­mann: Er hat am Anfang furcht­bar gesun­gen. Und dann wurde das immer bes­ser. Als er sich ges­tern mit Mar­cus warm­ge­macht hat, dachte ich: „Alter Schwede, ganz schön gute Stimme ist das gewor­den!“ Und dann merkst du ein­fach, dass der Mann seit 15 Jah­ren mit Text arbei­tet. Außer­dem passt die­ses Unfer­tige in den Plot des Films. Das ist schließ­lich keine geile Durchstarter-​​Band, son­dern mehr eine, die sagt: „Pro­bie­ren wir’s halt mal.“ Und dann gibt es ja zig Bands, bei denen der Sän­ger keine Kory­phäe ist. Zum Bei­spiel Kett­car. Oder Tomte.

???: Wird es je ein neues Album der Han­sen Band geben?
Uhl­mann: Das Pro­jekt ist erst ein­mal been­det. Karls­ruhe wird auf län­gere Zeit den letz­ten Auf­tritt erle­ben, es könnte auch der Abschluss sein. Irgend­wann wird das dann so Sta­tus Quo-​​mäßig, wenn man dann noch­mal und noch­mal „Strand“ spielt. Nach dem Motto: „Ihr kennt es, ihr liebt es!“ Wenn es jemals wie­der ein Kon­zert der Han­sen Band geben sollte, dann müss­ten wir neue Songs schrei­ben und das kann ich mir im Moment ein­fach nicht vor­stel­len. Aber wer weiß — wenn Tomte nicht mehr läuft…

???: Wie war das doch gleich mit dem „Auf­stand der alten Män­ner“?
Uhl­mann: Wenn du dir Tomte auf dem Papier ankuckst, dann steht da nicht gleich gro­ßer Erfolg dahin­ter. Man könnte auch den­ken: „Mann, irgend­wie ist das ganz schön point­less, hier­für sein Stu­dium zu opfern.“ Und dann funk­tio­niert es doch und ich glaube, es funk­tio­niert, weil die Leute wis­sen, dass ich ein gro­ßes Herz hab. Das habe ich natür­lich nicht der Leute wegen, so bin ich halt. Aber das macht es umso schö­ner, wenn die dann mitziehen.

Thees Uhlmann???: GHvC, die Firma von Freun­den für Freunde. Du schreibst viele der Pro­mo­texte selbst, preist eure Künst­ler an, wie man sich unter guten Freun­den vor­stel­len würde. Authen­ti­zi­tät oder Masche?
Uhl­mann: Wenn dir kei­ner zuhört, dann ist es der neue Style. Und wenn dir mehr zuhö­ren, dann schreien plötz­lich alle auf, das sei bloße Masche. Wir haben uns wirk­lich die­ses Fami­liäre bewahrt, wol­len — wie an die­sem Wochen­ende — nicht mit kar­rie­ris­ti­schen Arsch­lö­chern abhän­gen. Das passt auch schlecht zusam­men, Kunst und Kar­riere. Stich­wort Bio­che­mie: Ich würde sagen, es ist ein biss­chen das Gespür, das man für Men­schen ent­wi­ckelt und wel­che Art Musi­ker man im Umkehr­schluss anzieht.

???: Hat der Chef eine Lieb­lings­band auf sei­nem Label?
Uhl­mann: Ich hoffe, wenn die Jahre ins Land zie­hen, wird Felix Geb­hard alias Home Of The Lame end­lich so wahr­ge­nom­men, wie er wirk­lich ist: näm­lich genau so gut wie Jack John­son. Ansons­ten höre ich alles zu sei­ner Zeit.

???: Ihr habt dem Trend ent­spre­chend inzwi­schen einen eige­nen mp3-​​Shop auf der Web­site. Las­sen sich damit schon nen­nens­werte Erlöse ein­fah­ren?
Uhl­mann: Es lohnt sich ein biss­chen, aber das steckt noch ziem­lich in den Kin­der­schu­hen. Man muss es ganz ein­fach machen, um dabei zu sein; damit die Struk­tu­ren ste­hen, wenn die große Welle kommt. Aber bis jetzt ist das nicht mehr als ein Zubrot.

???: Ist und bleibt Deutsch­land eine Aldi-​​Nation?
Uhl­mann: Du musst es so sehen: Die Leute klauen des­halb nicht bei Kar­stadt, weil sie zu viel Angst haben, erwischt zu wer­den. Man­che klauen natür­lich trotz­dem, aber man kann nur hof­fen, dass das für die Musik­in­dus­trie dem­nächst auch gilt; dass die Leute zu viel Angst haben, sich bei Kaa­zaa etwas run­ter­zu­zie­hen. Obwohl das die Mehr­zahl bei uns im Tour­bus sicher­lich nicht anders macht. Die Kil­li­ans, die drau­ßen grade spie­len, die haben sich noch nie in ihrem Leben eine CD gekauft. Es gibt nun­mal keine Ori­gi­nale mehr, sie sind nutz­los gewor­den. Zu Zei­ten, als ich noch das neue Slime-​​Album auf BASF Chrom Maxima II gezo­gen habe, war das noch anders.

Thees Uhlmann???: Doch so schlimm?
Uhl­mann: Ich jam­mer jetzt nicht rum, Mil­lio­när sein ist auch kein Wert an sich. Aber um noch­mal das Bei­spiel Home Of The Lame zu nen­nen: Für den Felix ist es dra­ma­tisch — die Kon­zerte sind voll, aber die Plat­ten blei­ben lie­gen. Und die­ses Geld fehlt ihm. Nicht um ein wür­di­ge­res Leben zu füh­ren, aber er hätte dann den guten Käse im Kühl­schrank und nicht nur den mittelguten.

???: Wie sieht’s bei dir im Kühl­schrank aus?
Uhl­mann: Wir pla­nen im kom­men­den Früh­jahr die neue Tomte-​​Platte am Start zu haben.

???: Und wohin geht die Befind­lich­keit?
Uhl­mann: Die pen­delt sich ein zwi­schen bud­dhis­ti­scher Zen-​​Ruhe und hass­er­füll­ter Slayer-​​Lyrik.