Karls­ruhe — Zwei Musikbühnen-​​Top-​​Acts aus zwei Jahr­zehn­ten und einer Dekade dazwi­schen eröff­nen ges­tern den „Fest“-Frei­tag. Zuerst haben Pink Cream 69 ihr Heim­spiel. Und das sitzt. Immer noch. Warum sonst kön­nen sich die fünf selbst von der jun­gen Sun­rise Ave­nue–Anhän­ger­schaft abfei­ern las­sen, die längst sehn­süch­tig har­rend um halb acht die ers­ten Rei­hen in Beschlag genom­men hat. Und es gibt zumin­dest einen guten Grund dafür, dass der Einheitsgrößen-​​Rock der Pin­kies so gut ankommt: Denn es schwirrt völ­lig uner­war­tet ein Hauch „Ver­klärte Nacht“ durch den frü­hen Abend.

Beim ers­ten PC 69-​​Auftritt in der Günther-​​Klotz-​​Anlage, das war 1988, hat­ten sie noch den Sta­tus ihrer gest­ri­gen Anhei­zer. Die Local Heroes von The Ven­ge­ance Clan machen mit ihrem knal­li­gen Punk ‚n‘ Roll um kurz nach fünf die Bühne auf; und die ihnen nach­fol­gen­den Kil­ler­tu­nes gehen sowieso ins Ohr. Wenn dann Pink Cream 69 auf der Bühne ste­hen, ist das zwie­späl­tig; irgendwo zwi­schen ehr­fürch­ti­ger Bewun­de­rung an die Heroen von einst und einer laten­ten Lächer­lich­keit, der sich eine sol­che Band zwangs­läu­fig aussetzt.

Denn das Hoch der ein­zi­gen Karls­ru­her Band, die es (mit dem Album „One Size Fits All“) jemals zu inter­na­tio­na­lem Ruhm gebracht hat, liegt lang zurück: Anfang der 90er prescht man mit kraftvoll-​​melodischem Gesang und sat­ten, schnit­ti­gen Gitar­ren in der Szene bis ganz nach vorne, doch seit dem Weg­gang von Sän­ger Andi Deris zu den Kür­bis­köp­fen von Hel­lo­ween konn­ten Alfred Koffler (Gitarre), Kosta Zafiriou (Schlag­zeug), Den­nis Ward (Bass) und Ersatz David Read­man nicht mehr groß­flä­chig landen.

Und doch, da ist sie, die Gän­se­haut, wenn „Do You Like It Like That“, „Livin‘ My Life For You“, „Hell’s Gone Crazy“, „Talk To The Moon“, „Signs Of Dan­ger“ oder „Keep Your Eye On The Twis­ted“ von der Bühne schal­len. Ein­zig fehlt die Stimme eines Andi Deris.

Aber daran ver­sucht man sich nun schon seit 13 Jah­ren ver­geb­lich zu gewöh­nen. Dank Live-​​Gitarrist Uwe Rei­ten­auer, der den an Foka­ler Dys­to­nie — der so genann­ten Musi­ker­krank­heit — lei­den­den und damit beim Sai­ten­spiel ein­ge­schränk­ten Koffler unter­stützt, drückt wuch­ti­ger, tech­nisch makel­los und mit Spaß an der Sache vor­ge­tra­ge­ner Hard ‚n‘ Heavy-​​Sound in eine sich lang­sam fül­lende Klotze.

Zur Mitte des Sets macht Kosta dann plötz­lich Platz und mit Ausnahme-​​Rhythmusmacher Tommy Baldu kommt nicht nur der „Spi­rit Of The Greedy Bunch“, son­dern mit einem Mal auch üppig Pop-​​Appeal und Som­mer­flair auf die Bühne: Pink Cream klin­gen leicht wie Joghurt-​​Schnee.

Als Zugabe las­sen die Pin­kies denn lei­der nicht die „Bal­le­rina“ tan­zen, statt Bal­lade und Ohr­wür­mern wie „Till You’re Mine“ gibt’s ein saf­ti­ges „So Lonely“-Cover. Ob’s nur die Erin­ne­rung an die gute alte Zeit ist, dass die übri­gen Num­mern seit dem „Change“-(Album) doch irgend­wie zu soft und vor allem see­len­los daher­kom­men oder ist es wirk­lich Read­mans limi­tierte Stimme? Beim Sin­nie­ren will „Das Bier“ nicht leer werden.

Denn ziem­lich pünkt­lich entern Sun­rise Ave­nue um 21.30 Uhr die Musik­bühne und haben die mitt­ler­weile 60.000 sofort im Griff, wäh­rend nebenan auf der Zelt­bühne Nico Suave, DJ Sparc und Denyo die Abso­lu­ten Begin­ner hoch­le­ben las­sen. Die Fin­nen der­weil, die durch gewal­ti­ges Radio-​​Airplay schon kleine Berühmt­hei­ten sind, zei­gen im Laufe der nächs­ten knapp zwei Stun­den, dass sie zurecht Head­li­ner des „Fest“-Freitags sind.

Sou­ve­rän spie­len sich die Nord­man­nen um Frau­en­schwarm und Mär­chen­er­zäh­ler Janne Kärk­käi­nen durch ein Set melo­diö­ser Songs des Albums „On The Way To Won­der­land“, die alle Anwär­ter auf einen Single-​​Thron sein könn­ten. Hier in der Klotze bestei­gen sie aller­dings erst­mal einen ande­ren Thron, die Karls­ru­her (Teens) sind wirk­lich begeis­tert vom ein­gän­gi­gen Gemisch aus (mehr) Rock und (weni­ger) Pop. Die­ses stammt zwar von „Middle Of The Road“, tut der Eupho­rie aber kei­nen Abbruch.

Ein Glück, es reg­net nicht, so brin­gen die Fin­nen alle klei­nen Mit­mach– und Mitsing-​​Aktionen an den Mann und die Frau, und als der Single-​​Hit „Fai­ry­tale Gone Bad“ ansteht, platzt der Hügel. Wirk­lich jeder kennt das hüb­sche Lied­chen mit dem gül­de­nen Refrain, und so schnell kriegt kei­ner mehr aus dem Kopf, wie der ener­ge­ti­sche Fün­fer die­sen Song in die Menge zele­briert. Von wegen „Out Of My Mind“. Tol­ler Moment. Gute Band.

Wie man über­haupt sagen muss, dass der „Fest“-Freitag schon seine Momente hatte, und wenn das so wei­ter geht, dann kann man sich bei­spiels­weise nur dar­auf freuen, was die Beatsteaks am Sams­tag­abend ab halb zehn anrich­ten wer­den. Die kom­men zwar musi­ka­lisch im abge­tra­ge­nen Maß­an­zug daher, doch mit dem kön­nen sich erstaun­li­cher­weise immer mehr und mehr anfreun­den. 80.000 Men­schen erwar­tet „Fest“-Organisator Rolf Fluh­rer vor der „Kon­sens­bühne“. Und wir eine wei­tere Band auf dem Weg zur Einheitsgröße.