30. August 2007

28 Weeks Later

"Und du glaubst, du hast schon alles gesehen?", fragt rhetorisch aufreizend das Filmplakat. Mag sein. Denn im Horror-Genre formuliert sich Kritik gern drastisch, aber gradlinig. George A. Romero ließ 1968 seine "Lebenden Toten" des Nachts die ersten Schritte machen. Nachahmer Danny Boyle entmystifiziert 34 Jahre später das Warum des Zombietums, welches man bis dahin ganz einfach hinzunehmen hatte. "28 Days Later" liefert mit dem von Affen übertragenen Rage-Virus erstmals eine Erklärung, was dem apokalyptischen Schocker auch angesichts tödlicher Epidemien eine beunruhigend gegenwärtige Note verleiht. Seine Zombies sind keine behäbigen Nachtwandler mit ausgestreckten Armen. Sie sind nicht einmal Zombies. Boyle kreierte Infizierte, aggressive Leichenflitzer, die Bestie in Menschengestalt.

Im Sog des Psychoterrors zieht das noch pessimistischer angelegte Sequel "28 Weeks Later", von Boyle nur noch als ausführender Produzent beäugt, den Zuschauer ins Geschehen: Eine furios geführte Kamera flüchtet getrieben vom Muse-Sound mit Don Harris (Robert Carlyle) vor den einfallenden Horden, die nun auch am Tage aktiv sind. Seine Frau Alice (Catherine McCormack) lässt er zurück. Ein halbes Jahr nachdem das tödliche Virus die Insel entvölkert hat, gelten die Seuchenträger als ausgehungert.

Kleinbritannien beginnt mit einigen Tausend Überlebenden von vorn und Harris trifft in der Londoner Sicherheitszone nicht nur seine beiden Kinder Tammy (Imogen Poots) und Andy (Mackintosh Muggleton). Auch die totgeglaubte Gattin taucht wieder auf. Voll Wut, aber ohne Symptome und daher in Quarantäne. Don dringt unbefugt zu ihr durch und sein verbotener Begrüßungskuss lässt erneut die Hölle auf- und die bis dahin perfekt aufgebaute Atmosphäre des erweiterten Prologs in sich zusammenbrechen.

Der Rest des vom spanischen Regietalent Juan Carlos Fresnadillo inszenierten Films zeigt die Flucht der Kinder und ihrer beiden Beschützer, einer Militärärztin (Rose Byrne) und einem Scharfschützen (Jeremy Renner); ist praktisch eine einzige Actionsequenz mit Mut zur politischen Metapher.

Das Militär muss beim Blick durchs Fadenkreuz erkennen, dass sich Freund und Feind, Zivilist und Zombie zu einem heillosen Mob vermengen, in der Opfer und Täter untrennbar verschmolzen sind. Handkamera, hohe Schnittfrequenz, Reißschwenks, grobkörnige Aufnahmen, grelle Beleuchtung und Splitscreens sind dabei nicht nur wirkungsvolle Effekte, sondern Dokumentare des Ausnahmezustands.

Und wenn die Illusion von (NATO-)Kontrolle im Kugelhagel zerplatzt, liegt der profunde Horror frei. Ohne in dumpfe Amerika-Schelte zu verfallen, dafür mit düster-durchgestylter Atmosphäre und hellwacher Bildersprache zeigt auch diese Anti-Utopie: Wir sind bei allem spritzigen Splatterspaß nicht nur ganz nahe dran an einem weitaus realistischeren Gemetzel, die wahre Bestie schlummert - ob mit oder ohne Virus - wieder einmal in uns selbst.

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