La Vela Puerca - "El Impulso"In Süd­ame­rika haben die acht Ker­zen­schweine zurecht längst Super­star­sta­tus erlangt, man füllt dort ganze Sta­dien. In Karls­ruhe ist es vor­erst noch ein Zelt, doch das brennt im „Fest“-Sommer 2006 bin­nen Minu­ten. Selige Erin­ne­rung. Und Stich­wort: Zwei Jahre Zeit haben sich die sym­pa­thi­schen Bart­trä­ger aus Mon­te­vi­deo gelas­sen für ihren „A Contraluz“-Nachfolger. Und La Vela Puerca sind vom Populär-​​Rock gepackt.

Der Antrieb auf dem Neu­ling „El Impulso“ (Uni­ver­sal) hält bis auf zweid­rei Aus­rei­ßer ziem­lich kon­stant ent­spann­tes Mid­tempo, ist nicht mehr ganz so roh und hib­be­lig wie einst; eine Ent­wick­lung, die schon bei „A Con­traluz“ ein­ge­setzt hat. Der Ska, sofern er über­haupt jemals im Vor­der­grund stand, wird in immer grö­ße­rem Maß von Latin-​​Rock-​​Klängen ver­drängt, nur noch dezent durch­setzt mit Reg­gae, Cum­bia oder Ragga.

Ihre sti­lis­ti­sche Viel­sei­tig­keit hat sie bis­lang immer aus­ge­zeich­net, einer­seits so typisch gerade für latein­ame­ri­ka­ni­sche For­ma­tio­nen des Gen­res, und doch so eigen. Geblie­ben sind „El Impulso“ die Melo­die­läufe, mit denen sich La Vela Puerca von im wei­tes­ten Sinne ver­wand­ten Grup­pen wie No Te Va Gustar oder Pan­teón Rococó abgren­zen, ja iso­lie­ren. Was man nun an Geschwin­dig­keit, Blä­se­rin­fer­nos und Stakkato-​​Riffs ein­büßt, wird mit Grad­li­ni­gem und Gefüh­li­gem aufgestockt.

Dabei ist in ihrer Musik Melan­cho­lie seit jeher all­ge­gen­wär­tig, unter­stri­chen von den kritisch-​​pessimistischen Lied­zei­len: Mit Wut und Sar­kas­mus packen die bei­den Sebas­tiáns Tey­sera und Ceb­reiro den Ärger über Unge­rech­tig­keit und Miss­stände in pop­pige Ohr­wurm­num­mern; teils fröh­lich, teils schwer­mü­tig, teils schwel­gend, aber immer wun-​​der-​​schön! Und die „El Vie­jos“, „Sin Pala­bras‘“, „De Atars“ und „El Huracáns“ bekom­men Zuwachs.

„Neu­tro“, „Su Ración“ oder das von Co-​​Sänger Ceb­reiro vor­ge­tra­gene „Clo­nes“ — da sitzt wie­der jede Har­mo­nie. Zwi­schen ruhi­gen, teil­weise fast roman­ti­schen Parts („Para No Verme Más“, „Hoy Tran­quilo“), und heiter-​​wildem Brass-​​Punk („Cola­bore“, „La Sin­ra­zón“) ent­fal­tet sich auch auf „El Impulso“ jene Span­nung, die ihre Musik so gran­dios macht; vor­ge­tra­gen mit zwei Gitar­ren, Bass, Saxo­phon, Trom­pete und einer schier unglaub­li­chen Spiel­freude — schlicht beseelt von süd­ame­ri­ka­ni­schem Tem­pe­ra­ment. Der Sound mag nicht mehr ganz der­selbe sein, an (Latino-)Lebensgefühl und Lei­den­schaft man­gelt es „El Impulso“ aber kei­nes­wegs. Sie zie­len eben nur mehr auf Herz denn Hüfte.