2. Oktober 2007

Planet Terror

„All You Need Is A Girl And A Gun.“ Robert Rod­ri­guez kennt wie so viele sei­ner Exege­ten die­ser Tage ganz offen­bar Jean-​​Luc Godards ers­tes Gebot. So hat es der Kino­gott jedoch gewiss nicht im Sinn gehabt und bis sich Rose McGo­wan alias Cherry Dar­ling die blei­spu­ckende Wumme ans ampu­tierte Bein ste­cken darf, ist schon jede Menge Blut, Schleim, Gehirn wie Gedärm über die Retro-​​Leinwand gespritzt. Auch des­halb hat Rod­ri­guez in „Pla­net Ter­ror“, sei­nem Bei­trag zum zwei­ge­teil­ten „Grind­house“-Pro­jekt, bis dahin schon so vie­les tod­si­cher so viel bes­ser gemacht als Buddy Tarantino.

Das Kon­zept war bil­lig, aber viel­ver­spre­chend: Zwei der hipps­ten Regis­seure die­ser Tage dre­hen zwei ein­stün­dige Trash­filme, die dann als Double-​​Feature im Stil ame­ri­ka­ni­scher B-​​Movie-​​Kinos von einst — Grind­hou­ses genannt — zum Preis eines Ein­zel­films gezeigt wer­den. Da nach Mei­nung des Pro­du­zen­ten Har­vey Wein­stein mit dem Phä­no­men der Dop­pel– und Drei­fach­vor­füh­run­gen kru­der Genre-​​Filme in schä­bi­gen Sei­ten­stra­ßen­ki­nos außer­halb Ame­ri­kas kein Staat zu machen ist, tin­geln wir nun zwei­fach an die Kasse.

Auch bei Rod­ri­guez‘ futu­ris­ti­scher Zom­bie­hatz bleibt man­ches Stück­werk und doch ist sein „Grind­house“ sty­li­scher, in sich stim­mi­ger, aber vor allem kurz­wei­li­ger und damit unter­halt­sa­mer als „Death Proof“; Taran­ti­nos Zwei­ein­halb­stün­der über den nar­ben­ge­sich­ti­gen Stunt­man Mike (Kurt Rus­sell), der sich einen Spaß dar­aus macht, jun­gen, zuge­dröhn­ten Mädels unter Auf­wand sämt­li­cher Char­me­re­gis­ter und mit Hilfe sei­nes auf­ge­motz­ten, pfer­de­stär­ken­strot­zen­den Muscle-​​Cars genüss­lich den Gar­aus zu machen. Bis er an drei taffe Ladys gerät, die ihm augen­schein­lich über sind und ihrer­seits Jagd auf ihren Jäger machen.

Zwar gab’s neben rohem Plot und tra­shi­gen Sze­na­rien auch tolle Kame­ra­fahr­ten zu bestau­nen; etwa als Taran­tino seine Damen geschla­gene zehn Minu­ten über Nichts und andere Nich­tig­kei­ten sin­nie­ren lässt, um dann doch noch ein­zwei tief­grün­dige Aus­sa­gen darin zu ver­ste­cken und wäh­rend­des­sen ohne einen Cut um Tisch und Spre­chende gleich­zei­tig kreist. Neben fledd­ri­gen Dia­lo­gen, gut gemein­ten Selbst­zi­ta­ten und ein biss­chen Splat­ter ver­kün­det er aber selbst nur eine ziem­lich lange, läp­pi­sche Bot­schaft: Nur kucken, nicht anfassen!

Bei Rod­ri­guez indes, der mit „From Dusk Till Dawn“ und „Sin City“ gleich­falls auf junge Klas­si­ker ver­wei­sen kann, geht in punkto Aus­sage nicht unbe­dingt mehr, auch hier sehnt man sich nach dem inhalt­li­chen Schick und der Ästhe­tik sei­ner übri­gen Arbei­ten. Aber es geht was. Der langt immer­hin rich­tig zu, scheut dabei kein Tabu und ebenso unfer­tig, wie das Ganze bei „Death Proof“ geen­det hat, so stim­mig geht’s weiter.

Mit durch­weg ein­ge­setz­ten Retro-​​Verfremdungen in Form von Flim­mer­ef­fek­ten, Farb­fa­ding und sprat­zeln­den Bil­dern ver­ratz­ter Kopien wird ganz schmud­del­ki­no­ge­treu erst mal ein blut­trie­fen­der Trai­ler ser­viert und das Metzel-​​Revenge-​​Movie „Machete“ mit den bei­den Rodriguez-​​Lieblingen Danny Trejo in der Titel­rolle und Richard „Cheech“ Marin angekündigt.

Die Kohä­renz geht im Haupt­film schon nach weni­gen Minu­ten flö­ten. Auf einer US-​​Militär-​​Base ste­hen sich zwei Män­ner (Bruce Wil­lis und „Lost“-Sahid Naveen And­rews) gegen­über, der taffe Lieu­ten­ant leimt den geschäfts­tüch­ti­gen Wis­sen­schaft­ler, ein Schuss­ge­menge und Gas tritt aus, an dem sich die Sol­da­ten fröh­lich laben. Den aber­wit­zi­gen Grund erfah­ren wir viel spä­ter: Die auf der Jagd nach Bin Laden mit toxi­schem Gas kon­ta­mi­nier­ten Kämp­fer brau­chen eben jenes Gas, um zu über­le­ben, weil es in gerin­ger Dosis die eigene Wir­kung neu­tra­li­siert. Eine lust­lose, in die­sem Fall bewusst abstruse und auch gesell­schafts­kri­ti­sche Erklä­rung, wie sie bil­lige B– und klas­si­sche Horror-​​Movies nun ein­mal haben müssen.

Nun führt Regis­seur und Dreh­buch­au­tor Rod­ri­guez nach und nach meh­rere Schau­plätze und jede Menge schrä­ger Cha­rak­tere ein; da ist etwa Wray (Freddy Rod­ri­guez), der unver­hofft sei­nen Augen­s­tern von einst (McGo­wan), die gerade ihren Job als Go-​​Go-​​Tänzerin geschmis­sen hat, um Stand-​​Up-​​Comedian zu wer­den, in der siffi­gen Barbecue-​​Bude von J.T. (Jeff Fahey) wie­der­trifft, der wie­derum das Rezept für die per­fekte Soße sucht; und dann ist da noch das Arzt­ehe­paar Block (Mar­ley Shel­ton und Josh Bro­lin), denen die gegen­sei­tige Abnei­gung förm­lich ins Gesicht geschrie­ben steht. Töd­li­che Schei­dung absehbar.

Wäh­rend ihres Nacht­diens­tes tritt die Seu­che auf und die Pati­en­ten mutie­ren einer nach dem ande­ren zu schlei­mi­gen, ein­ge­wei­de­gei­len Zom­bie­we­sen, denen die eit­ri­gen Bla­sen nur so von der Haut plat­zen. Von nun an nimmt ein über­zo­gen tra­shi­ges Gore-​​Vergnügen voll abge­fah­re­ner Ein­fälle einen ver­que­ren Lauf, das seine Vor­bil­der, allen voran Rome­ros „Zombie“-Tetralogie, bis zum Geht­nicht­mehr über­spitzt und gleich­falls die Fun-​​Splatter-​​Filme der End-​​80er und Anfang-​​90er zu wür­di­gen versteht.

Man bekommt wie­der Appe­tit auf Peter Jack­sons „Bad Taste“ oder „Bra­in­dead“ — bei Rod­ri­guez wird noch (oder bes­ser wie­der) rich­tig Blut­suppe gekocht! Köpfe fet­zen in Ein­zel­tei­len über die Lein­wand, mal bleibt ein­zig das Gebiss über, der nächste steht in der Land­schaft wie ein mensch­li­cher Spring­brun­nen, dem die rote Fon­täne nur so aus dem ver­blie­be­nen Rumpf schießt, Zom­bies wüh­len wil­len­los in Ein­ge­wei­den, Blut stäubt durch die Luft und ange­fah­rene Kör­per zer­bers­ten rand­vol­len Was­ser­ton­nen gleich.

Dann schlän­gelt Rose McGo­wan ihren woll­lüs­ti­gen Leib zum Lie­bes­spiel und Rod­ri­guez lan­det einen ech­ten Coup. Was ihm die einen als Faul­heit aus­le­gen wer­den, eine ordent­li­che Geschichte zu erzäh­len, soll und darf man als pas­sen­den Genie­streich betrach­ten, wel­cher der unfer­ti­gen Schmud­de­läs­the­tik des Pro­jekts kon­se­quent Rech­nung trägt: Im hei­ßes­ten Moment schmort die Film­rolle durch. Nach einer Ein­blen­dung, in der sich die Kino­be­trei­ber für den Aus­fall ent­schul­di­gen, fin­den sich alle Haupt­ak­teure völ­lig zusam­men­hang­los in J.T.s siffi­ger, jetzt in Flam­men ste­hen­der Barbecue-​​Bude und umzin­gelt von Unto­ten wieder.

Da feh­len gut und gerne 20 Minu­ten Plot, aber es geht hier auch zu kei­ner Zeit um etwas, das einer logi­schen Hand­lung gleich­käme. Gleich­falls pas­send, besetzt Rod­ri­guez ziem­lich durch­gän­gig mit ech­ten B-​​Film-​​Schauspielern wie Michael Biehn in der Rolle von J.T.s Bru­der She­riff Hague, besag­tem Jeff Fahey oder Josh Bro­lin. Im Falle Mar­ley Shel­tons zwin­kert er denn fröh­lich Busen­freund Taran­tino zu und zitiert des­sen in „Death Proof“ ver­bli­chene Figur Dakota McGraw zurück ins Leben; ihr Vater ist oben­drein Texas Ran­ger Earl McGraw (Michael Parks), der aus „Kill Bill“ nur zu gut bekannt ist.

Der Auf­tritt von Tom Savini als trot­te­li­gem Deputy Tolo, der arg­lo­sen Pas­san­ten und unvor­sich­ti­gen Vor­ge­set­zen schon mal eine Kugel ver­passt, ist ebenso ange­nehme Hom­mage, wie das Schluss­bild oder der Name El Wray und des­sen Gleich­klang mit der (und auch dort hin­ein­zi­tier­ten) mexi­ka­ni­schen Gangster-​​Enklave El Rey aus Rod­ri­guez‘ mitt­ler­weile vom Pri­vat­fern­se­hen zu Untode gezeigt und geschnit­te­nen Vampirgroteske.

Und Rose McGo­wan steht dank einer nicht nur mit sinn­lo­sen Talen­ten geseg­ne­ten Cherry Dar­ling und ihrem fina­len MG-​​Protesen-​​Shoot-​​Dance sowieso schon mit einem Bein im Kult. Wenn dann gen Ende Quen­tin Taran­tino sei­nen Kurz­auf­tritt hin­ter sich gebracht hat und der Abspann noch­mal den tol­len, stamp­fen­den „Grindhouse-​​Main-​​Title“ spielt, blitzt trotz allem gelau­fe­nen Splatter-​​Spaß noch­mal und unver­hofft ganz kurz das Grauen auf.

Hat sich die Pinionier-​​Generation um die bei­den Selfmade-​​Regisseure, die so präch­tig durch die Film­ge­schichte zitie­ren kön­nen und doch eigen blei­ben, sich nun ledig­lich eine in seli­gen Erin­ne­run­gen schwel­gende Aus­zeit genom­men? Oder mutie­ren die bei­den zu sich nur­mehr selbst und andere Regie-​​Größen zer­flei­schen­den Popkultur-​​Zombies, denen außer Zitat vom Zitat und ande­ren Selbst­re­fe­ren­zen nichts mehr ein­fal­len mag? Und ist nicht der Film die Wahr­heit, 24 Mal in der Sekunde? Gro­ßer Gott! Schon wie­der Godard…