26. November 2007

„Still“-Stand

Andreas KölschRem­chin­gen — „Ein Schiff ist nicht nur für den Hafen da, es muss hin­aus, hin­aus auf hohe See!“ Jah­re­lang haben sie diese Zeile begeigt, dann stran­det das deut­sche Folk-​​Punk-​​Flaggschiff Across The Bor­der. Nach zwei Kurz­trips durch Süd­deutsch­land 2005 und 2006 hat sich das Sex­tett im Som­mer offi­zi­ell auf­ge­rafft, eine neue Platte mit Titel „Still Angry, Still Happy“ ist in Sicht. Vor dem anste­hen­den Weih­nachts­kon­zert im Sub­s­tage mit den Pforz­hei­mer Kol­le­gen Rats­bane ließ sich Patrick Wurs­ter von Rock­or­deo­nist Andreas Kölsch in die hei­mi­sche Kel­ler­bar laden. Ein nost­al­gi­scher Plausch über ver­meint­lich letzte Tänze, Bands „Unter fal­scher Flagge“ und den aktu­el­len „Still“-Stand.

???: Aus „beru­fe­nen“ Grün­den habt ihr euch nach elf­jäh­ri­gem Beste­hen 2002 auf­ge­löst; auch weil es Sän­ger Jochen alias Jake nach Frei­burg gezo­gen hat. Oder waren’s doch die Que­re­len, wie’s damals die Runde gemacht hat?
Kölsch: Klei­nere Rei­be­reien gibt’s im Lauf der Zeit in jeder Band, aber wir sind nicht im Streit aus­ein­an­der gegan­gen. Jochen ist mein Jugend­freund, und auch mit unse­rem Gitar­ris­ten Roger und Bas­sist Bie­ber haben wir uns danach noch pri­vat getrof­fen. Wir kom­men bes­tens mit­ein­an­der aus. Der große Durch­bruch ist ganz ein­fach aus­ge­blie­ben. Zwei­mal die Woche pro­ben, am Wochen­ende auf Kon­zert­reise und dann am Mon­tag­mor­gen ab in die Firma — das geht über elf Jahre ganz schön an die Sub­stanz. Unse­ren Sound kannst du anschei­nend nicht im Radio spie­len, wie der Ver­such mit „This Guar­dian Angel“ gezeigt hat. Das ist schade, aber diese Fäden zie­hen andere, das hast du als Musi­ker nicht in der Hand. Haupt­auf­lö­sungs­grund war, dass wir Across The Bor­der nicht haupt­be­ruf­lich machen konn­ten. Sonst hätte es uns bis heute durch­gän­gig gegeben.

Across The Border???: Nun bleibt der „Last Dance Around The Fire“ doch nicht so final: Reunion. Was hat sich geän­dert?
Kölsch: Jochen wohnt zwar wie­der hier, aber das war nicht aus­schlag­ge­bend. Wir hät­ten das auch so gepackt. Nein, die tol­len Kon­zerte im Okto­ber 2005 und Dezem­ber 2006 haben die alte Lust geweckt! Wir kön­nen unser Talent schließ­lich nicht ver­kom­men lassen…

???: Aber die Orga­ni­sa­tion von Band und Beruf und Band wird ja nun nicht leich­ter — oder muss Ahead To The Sea, Jochens Frei­bur­ger Nachfolge-​​Projekt, so lange vor Anker lie­gen, wenn das Folk-​​Punk-​​Flagschiff wie­der aus­läuft?
Kölsch: Das wird bei ihm zwei­glei­sig lau­fen; genau wie bei unse­rem Bas­sis­ten Bie­ber, der noch bei der Punkrock-​​Band Pas­cow in Trier spielt. Aber wir geben uns auch nicht mehr den Stress wie frü­her. Statt 30 Kon­zer­ten wer­den es künf­tig viel­leicht noch zehn pro Jahr sein.

Andreas Kölsch???: Folk-​​Punk Since 1991″ ist ja ein ech­tes Güte­sie­gel gewor­den. Mit den „Hag Songs“ habt ihr in der Region einen ech­ten Hype los­ge­tre­ten, der sich bis zum Kult stei­gern konnte. Erzähl doch mal einen Schwank aus den Anfän­gen der Band­ge­schichte.
Kölsch: Für mich gab’s zwei Schlüs­sel­er­leb­nisse fürs Musik­ma­chen: Das eine war 1985, Tote-​​Hosen-​​Konzert in der Karls­ru­her Ost­stadt­halle. Im Vor­pro­gramm: Der wahre Heino. Das war mit 15 die Initi­al­zün­dung in Rich­tung alter­na­tive Kul­tur. Dann kamen die Pogues, 1988, Gar­ten­halle. Besof­fene Musi­ker, die ihr Publi­kum so der­ma­ßen im Griff und dabei noch selbst Spaß auf der Bühne haben — das hat uns fasziniert.

???: Wie kamt ihr dann dazu, diese bei­den Musik­stile, denen außer den Grund­the­men Wand­lung und Pro­test nichts gemein ist, zu kom­bi­nie­ren?
Kölsch: Wir woll­ten das Beste von bei­dem, also musi­ka­lisch schon in Rich­tung Pogues, aber eben ein biss­chen zeit­ge­mä­ßer, mit mehr Kick. Die Pogues Of Punk­rock sozu­sa­gen. Also haben wir — Jochen und Inst (Ex-​​Gitarrist) — als Auto­di­dak­ten losgelegt.

Andreas Kölsch???: Und dann das klas­si­sche „Wer hat Lust auf was“?
Kölsch: So ähn­lich. Ich hab Kla­vier gelernt, und die rechte Hand macht am Akkor­deon genau das­selbe — nur eben senk­recht. Und die linke Hand, die für die Bässe zustän­dig ist, brauchst du in der Band ohne­hin nur zum Pum­pen. Dafür gibt’s schließ­lich den Bas­sis­ten. Mitt­ler­weile habe ich ein Rock­or­deon ohne Knöpfe. Klasse Erfin­dung von Hoh­ner, wird lei­der nicht mehr her­ge­stellt. Aber wie für mich gemacht.

???: Woher hast du eigent­lich dein Mar­ken­zei­chen schlecht­hin, den Hut?
Kölsch: Den hab ich 1993 von der Freun­din unse­res ehe­ma­li­gen Schlag­zeu­gers Fezzo zum Geburts­tag bekom­men. Und seit­her hat er aus­nahms­los jedes Border-​​Konzert mitgemacht.

Andreas Kölsch???: Statt Fezzo ist nun Ex–Schein23er Mas­simo Ran­disi an Bord, der schon 2006 bei den weni­gen Gigs in Süd­deutsch­land getrom­melt hat. Wie seid ihr zusam­men­ge­kom­men?
Kölsch: Bie­ber oder Roger kann­ten ihn und haben gemeint: Der kommt aus der Region, hat viel Erfah­rung, kann sich unsere Stü­cke in kür­zes­ter Zeit drauf­hauen. So war’s. Und dann hat das auch auf Anhieb vom Mensch­li­chen her gepasst. Fertig.

???: Und wie fer­tig ist die neue CD „Still Angry, Still Happy“?
Kölsch: Die soll im Spät­som­mer 2008 erschei­nen, fünf Lie­der sind schon wei­test­ge­hend fer­tig, eines steht bereits: „No Way“. Das haben wir auch schon im Juli beim „777-​​Open-​​Air-​​Festival“ in Rastatt, dem Wiedervereinigungs-​​Konzert, gespielt. Aber zehn bis elf Num­mern soll­ten es am Ende schon wer­den. Beim Substage-​​Auftritt im Dezem­ber gibt’s also auf alle Fälle wei­te­res neues Mate­rial zu hören.

Andreas Kölsch???: Wird sich irgend­was ver­än­dern oder bleibt alles „still“?
Kölsch: Musik, poli­ti­scher Anspruch — bleibt alles beim Alten. Happy und Angry. Der Begriff Folk-​​Punk rührt ja nicht nur vom Sound her, das musst du auch inhalt­lich fül­len kön­nen. Also ganz platt gespro­chen: sozi­al­kri­tisch sein und nicht nur über Guin­ness und grüne Wie­sen sin­gen, wie das zum Bei­spiel Fiddler’s Green tun.

???: Keine Über­ra­schun­gen, alles Eigen­kom­po­si­tio­nen?
Kölsch: Eine Cover­fas­sung wird drauf sein, aber die kann ich noch nicht ver­ra­ten. Etwas mit Kla­vier — das wird bahnbrechend!

Andreas Kölsch???: Denkst du, dass ihr auch neue Anhän­ger gewin­nen wer­det oder ver­ir­ren sich mehr die Nost­al­gi­ker von einst auf euren Kon­zer­ten?
Kölsch: Da ist wie eh und je so ziem­lich alles ver­tre­ten. Und noch mehr: Zu Tokio Hotel brin­gen die Kin­der ihre Eltern mit. Bei uns ist’s umgekehrt.

???: 2002 habt ihr zur Auf­lö­sung zum zwei­ten Mal auf dem „Fest“ gespielt. Wäre mal wie­der an der Zeit, oder?
Kölsch: Das würde natür­lich gut pas­sen und wir haben auch schon mal ange­fragt: Zelt­bühne, Sams­tag­abend, Top-​​Act? Ant­wort: Nein, dafür seid ihr zu groß. Und im Rück­blick auf 2002 ist das auch rich­tig. Aber Haupt­bühne am Sonn­tag­nach­mit­tag? Das kann es auch nicht sein. Wir müs­sen uns mit den Ver­ant­wort­li­chen noch­mals unter­hal­ten. Ich könnte mir Ende Juli freihalten.