1. Dezember 2007

Zwischen Bier und Burnout

Berlin/Karlsruhe - Er ist der Typ, der ein Tourtagebuch schreibt, über die Band von dem Typen, der das Tourtagebuch von Tocotronic schrieb. So sagt's Stefan Ernsting, der Sozialwissenschaftler würde wohl eher den Terminus der teilnehmenden Beobachtung strapazieren. Zweieinhalb Jahre verbringt Autor Hilmar Bender "Tage mit Tomte auf Tour", bloggt und schließlich finden seine Zeilen ganz zeitgeistgemäß den Weg in Buchhandel und Substage: Am Samstag, 1. Dezember, liest er dort gemeinsam mit Muff Potters Sänger und Tummetott-Vorsteher Thees Uhlmann. Der telefoniert vor Anfahrt mit Patrick Wurster und erzählt von Nagels Köpfen, seinem Kunstverständnis und betitelt spontan die nächste Tomte-Platte.

???: Erst auserwählter Spielort fürs "Fest van Cleef", nun ist Karlsruhe einer von sieben streng limitierten Terminen mit Nagel und seinem "Wo die wilden Maden graben". Wie kam's zur gemeinsamen Lesung?
Thees Uhlmann: Der Nagel ist in Berlin mein "Partner In Crime", weil er zur selben Zeit hierher gezogen, aber ebenso unberlinerisch ist wie ich. Und Hilmar kenne ich nun auch schon seit zwölf Jahren. Die Wahrheit ist: Ich wollte dieses Jahr unbedingt nochmal auf Tour. Aber lass das bloß nicht meine Freundin hören...

???: Erzähl mal, wie dürfen wir uns den Abend vorstellen?
Uhlmann: Ungefähr so, wie ich mir gutes Fernsehen vorstelle: Anekdoten lesen, Lieder singen, Schoten erzählen und nebenbei an Bier und Rotwein nippen. Wir machen das, was wir können: Musik und Blödsinn. Nur der Rahmen ist ein anderer als bei den üblichen Konzerten, viel vager. Da stehen zwei Gitarren rum, ein Laptop und ein Lesemikro. Das ist dann eher die Geste eines intimen Abends unter Freunden.

???: Die Reiseprotokolle gab's erst als Blog - und dann war so viel gutes Material da, dass ihr beschlossen habt, das in Buchform unter dem Tomte-Titel "Die Schönheit der Chance" herauszubringen?
Uhlmann: Eigentlich hatten wir als Band mit der ganzen Sache relativ wenig zu tun. Hilmar ist der erste Blogger, den ich kennenlernen durfte. Ich wusste nur, dass er über uns im Web schreibt, nicht, dass man das nun bloggen nennt. Aber es ist schon eine kleine Ehre, nicht nur in der Musikabteilung, sondern auch beim Buchhändler zu stehen.

???: Warum hast du's als wortgewaltiger Autor nicht gleich selbst geschrieben? Hat doch auch bei den Tocotronic-Tourtagebüchern "Wir könnten Freunde werden" prima geklappt!
Uhlmann: Über sich selber und die eigene Band zu schreiben, erfordert ein solches Maß an Ehrlichkeit - das wäre unangebracht. Wichtig ist doch: Es gibt zwei Arten von Rockbands. Über die einen ist schon ein Buch geschrieben worden und über die anderen eben nicht. Und ich spiele lieber in einer Band aus der ersten Kategorie, weil's ganz einfach eine gewisse Relevanz demonstriert. Und sonst funktioniert das Buch genauso wie Tomte: Du brauchst keine hohe Schulbildung, keine besonderen Klamotten, da herrscht einfach ein gewisser Grad an Herzlichkeit und Ehrlichkeit, an Normalität vor. Und das ist eine Sache, die mir wichtig ist, die es lohnt, nach außen zu repräsentieren; auch, weil uns das wie ich finde von anderen Gruppen abgrenzt.

???: Über zwei Jahre lang hat euch Hilmar Bender auf Tour begleitet. Nervt dieses "Big Brother"-Feeling nicht irgendwann?
Uhlmann: Nein, das bin ich, über den Leute da lesen; wenn man mal das schöne Wörtchen Authentizität bemühen möchte. Und ich finde es gut, wenn so etwas auch für die Fans dokumentiert wird. "Ich bin Künstler und finde nur auf der Bühne statt" - das kann es für mich nicht sein.

???: Keinen Bammel gehabt, dass deine Eltern, die auch zu Wort kommen, etwas Peinliches ausplaudern?
Uhlmann: Das war ja der Sinn der Sache! Erst die Führung durch einen langweiligen Ort und dann lässt der auch noch seine verrückte Mutter erzählen - geil! Das hat noch keiner gemacht, also dachte ich mir: Dann mach ich das mit Freuden als erster. Manche Leute können mit diesem Grad an Intimität nicht umgehen, aber ich empfinde das als ungemein erheiternd.

???: Gab's im Nachhinein auch Stellen, mit denen du nicht ganz glücklich gewesen bist?
Uhlmann: Wir sollten das ursprünglich nochmals gegenlesen und sagen, ob etwas raus soll. Ham wir aber nicht gemacht. Ich glaube an Autoren und lehne es grundsätzlich ab, im Text eines anderen herumzustreichen.

???: Trotz aller lebendigen Darstellung des Touralltags, Pathos, Komik zwischen Schamhaaren in der Dusche, David Bowies Backstage-Ausweis und fiesem Essen - muss man den Mythos von "Sex, Drugs & Rock 'n' Roll" auf "Bier & Burnout" reduzieren?
Uhlmann: "Bier & Burnout"? Das wäre ein guter Titel für die neue Tomte-Platte! Natürlich ist das Touren manchmal harte Arbeit. Drugs sind dabei, aber Sex findet für mich nicht auf Tour statt. Man muss sich da von amerikanischen Ideologiebegriffen freimachen, die hemmungslosen, ungeschützten Geschlechtsverkehr als eine Sache darstellen, die man im Leben unbedingt erreichen muss. Ich nehme den Kunstbegriff ehrlich gesagt ziemlich ernst. Bauen wir's also besser um in "Heiße Gedanken, Bier und Kunst".

???: Und in welcher bierseligen Nacht habt ihr Heike Eldenreich ausgegraben, die auf dem Tour-Plakat eure "Nagel mit Köpfen"-Lesung empfiehlt?
Uhlmann: Sie meint wie ihr großes Vorbild: Lesen! Wir sagen: Lesen lassen. Das ist Hilmar-Bender-Humor.

???: Deine Lieblingsanekdote?

Uhlmann: Die Episode über Hotelfernseher, die fast nie über einen passenden Anschluss zur Playstation verfügen. Aber eigentlich mag ich alle Passagen, wo Alkohol im Spiel ist...

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