Thees Uhl­mannBerlin/​Karlsruhe — Er ist der Typ, der ein Tour­ta­ge­buch schreibt, über die Band von dem Typen, der das Tour­ta­ge­buch von Toco­tro­nic schrieb. So sagt’s Ste­fan Ern­s­ting, der Sozi­al­wis­sen­schaft­ler würde wohl eher den Ter­mi­nus der teil­neh­men­den Beob­ach­tung stra­pa­zie­ren. Zwei­ein­halb Jahre ver­bringt Autor Hil­mar Ben­der „Tage mit Tomte auf Tour“, bloggt und schließ­lich fin­den seine Zei­len ganz zeit­geist­ge­mäß den Weg in Buch­han­del und Sub­s­tage: Am Sams­tag, 1. Dezem­ber, liest er dort gemein­sam mit Muff Pot­ters Sän­ger und Tummetott-​​Vorsteher Thees Uhl­mann. Der tele­fo­niert vor Anfahrt mit Patrick Wurs­ter und erzählt von Nagels Köp­fen, sei­nem Kunst­ver­ständ­nis und beti­telt spon­tan die nächste Tomte-​​Platte.

???: Erst aus­er­wähl­ter Spiel­ort fürs „Fest van Cleef“, nun ist Karls­ruhe einer von sie­ben streng limi­tier­ten Ter­mi­nen mit Nagel und sei­nem „Wo die wil­den Maden gra­ben“. Wie kam’s zur gemein­sa­men Lesung?
Thees Uhl­mann: Der Nagel ist in Ber­lin mein „Part­ner In Crime“, weil er zur sel­ben Zeit hier­her gezo­gen, aber ebenso unber­li­ne­risch ist wie ich. Und Hil­mar kenne ich nun auch schon seit zwölf Jah­ren. Die Wahr­heit ist: Ich wollte die­ses Jahr unbe­dingt noch­mal auf Tour. Aber lass das bloß nicht meine Freun­din hören…

???: Erzähl mal, wie dür­fen wir uns den Abend vor­stel­len?
Uhl­mann: Unge­fähr so, wie ich mir gutes Fern­se­hen vor­stelle: Anek­do­ten lesen, Lie­der sin­gen, Scho­ten erzäh­len und neben­bei an Bier und Rot­wein nip­pen. Wir machen das, was wir kön­nen: Musik und Blöd­sinn. Nur der Rah­men ist ein ande­rer als bei den übli­chen Kon­zer­ten, viel vager. Da ste­hen zwei Gitar­ren rum, ein Lap­top und ein Lese­mi­kro. Das ist dann eher die Geste eines inti­men Abends unter Freunden.

???: Die Rei­se­pro­to­kolle gab’s erst als Blog — und dann war so viel gutes Mate­rial da, dass ihr beschlos­sen habt, das in Buch­form unter dem Tomte-​​Titel „Die Schön­heit der Chance“ her­aus­zu­brin­gen?
Uhl­mann: Eigent­lich hat­ten wir als Band mit der gan­zen Sache rela­tiv wenig zu tun. Hil­mar ist der erste Blog­ger, den ich ken­nen­ler­nen durfte. Ich wusste nur, dass er über uns im Web schreibt, nicht, dass man das nun blog­gen nennt. Aber es ist schon eine kleine Ehre, nicht nur in der Musik­ab­tei­lung, son­dern auch beim Buch­händ­ler zu stehen.

???: Warum hast du’s als wort­ge­wal­ti­ger Autor nicht gleich selbst geschrie­ben? Hat doch auch bei den Tocotronic-​​Tourtagebüchern „Wir könn­ten Freunde wer­den“ prima geklappt!
Uhl­mann: Über sich sel­ber und die eigene Band zu schrei­ben, erfor­dert ein sol­ches Maß an Ehr­lich­keit — das wäre unan­ge­bracht. Wich­tig ist doch: Es gibt zwei Arten von Rock­bands. Über die einen ist schon ein Buch geschrie­ben wor­den und über die ande­ren eben nicht. Und ich spiele lie­ber in einer Band aus der ers­ten Kate­go­rie, weil’s ganz ein­fach eine gewisse Rele­vanz demons­triert. Und sonst funk­tio­niert das Buch genauso wie Tomte: Du brauchst keine hohe Schul­bil­dung, keine beson­de­ren Kla­mot­ten, da herrscht ein­fach ein gewis­ser Grad an Herz­lich­keit und Ehr­lich­keit, an Nor­ma­li­tät vor. Und das ist eine Sache, die mir wich­tig ist, die es lohnt, nach außen zu reprä­sen­tie­ren; auch, weil uns das wie ich finde von ande­ren Grup­pen abgrenzt.

???: Über zwei Jahre lang hat euch Hil­mar Ben­der auf Tour beglei­tet. Nervt die­ses „Big Brother“-Feeling nicht irgend­wann?
Uhl­mann: Nein, das bin ich, über den Leute da lesen; wenn man mal das schöne Wört­chen Authen­ti­zi­tät bemü­hen möchte. Und ich finde es gut, wenn so etwas auch für die Fans doku­men­tiert wird. „Ich bin Künst­ler und finde nur auf der Bühne statt“ — das kann es für mich nicht sein.

Nagel mit Köpfen???: Kei­nen Bam­mel gehabt, dass deine Eltern, die auch zu Wort kom­men, etwas Pein­li­ches aus­plau­dern?
Uhl­mann: Das war ja der Sinn der Sache! Erst die Füh­rung durch einen lang­wei­li­gen Ort und dann lässt der auch noch seine ver­rückte Mut­ter erzäh­len — geil! Das hat noch kei­ner gemacht, also dachte ich mir: Dann mach ich das mit Freu­den als ers­ter. Man­che Leute kön­nen mit die­sem Grad an Inti­mi­tät nicht umge­hen, aber ich emp­finde das als unge­mein erheiternd.

???: Gab’s im Nach­hin­ein auch Stel­len, mit denen du nicht ganz glück­lich gewe­sen bist?
Uhl­mann: Wir soll­ten das ursprüng­lich noch­mals gegen­le­sen und sagen, ob etwas raus soll. Ham wir aber nicht gemacht. Ich glaube an Auto­ren und lehne es grund­sätz­lich ab, im Text eines ande­ren herumzustreichen.

???: Trotz aller leben­di­gen Dar­stel­lung des Tou­rall­tags, Pathos, Komik zwi­schen Scham­haa­ren in der Dusche, David Bowies Backstage-​​Ausweis und fie­sem Essen — muss man den Mythos von „Sex, Drugs & Rock ‚n‘ Roll“ auf „Bier & Bur­nout“ redu­zie­ren?
Uhl­mann: „Bier & Bur­nout“? Das wäre ein guter Titel für die neue Tomte-​​Platte! Natür­lich ist das Tou­ren manch­mal harte Arbeit. Drugs sind dabei, aber Sex fin­det für mich nicht auf Tour statt. Man muss sich da von ame­ri­ka­ni­schen Ideo­lo­gie­be­grif­fen frei­ma­chen, die hem­mungs­lo­sen, unge­schütz­ten Geschlechts­ver­kehr als eine Sache dar­stel­len, die man im Leben unbe­dingt errei­chen muss. Ich nehme den Kunst­be­griff ehr­lich gesagt ziem­lich ernst. Bauen wir’s also bes­ser um in „Heiße Gedan­ken, Bier und Kunst“.

???: Und in wel­cher bier­se­li­gen Nacht habt ihr Heike Elden­reich aus­ge­gra­ben, die auf dem Tour-​​Plakat eure „Nagel mit Köpfen“-Lesung emp­fiehlt?
Uhl­mann: Sie meint wie ihr gro­ßes Vor­bild: Lesen! Wir sagen: Lesen las­sen. Das ist Hilmar-​​Bender-​​Humor.

???: Deine Lieb­lingsa­n­ek­dote?
Uhl­mann: Die Epi­sode über Hotel­fern­se­her, die fast nie über einen pas­sen­den Anschluss zur Play­sta­tion ver­fü­gen. Aber eigent­lich mag ich alle Pas­sa­gen, wo Alko­hol im Spiel ist…