Karls­ruhe — Dass es eben nicht „die­sen Jah­res“ heißt, hat sich her­um­ge­spro­chen; und warum die „Mund-​​zu-​​Mund-​​Propaganda“ im Deut­schen „kei­nen Sinn macht“. Wegen ihm? Sicher nicht. Sei­net­we­gen schon eher und des­halb ist die Gram­ma­tik auch wie­der in aller Munde.

Denn Bas­tian Sicks Ermitt­lun­gen dre­hen sich um viel mehr als den Todes­fall Geni­tiv: Es ist die hohe Stil­schule des gestren­gen Wolf Schnei­der. Nicht min­der wer­tig, nur amü­san­ter auf­be­rei­tet; und der Erfolgs­au­tor Sick längst gefei­er­ter Enter­tai­ner. Am Mitt­woch doziert des Deut­schen liebs­ter Leh­rer im voll­be­setz­ten Brahms­saal und beugt dort nicht nur aller­lei Wort­stämme, son­dern auch die Erwartungen.

Seine mitt­ler­weile auf drei Fol­gen ange­wach­se­nen Sprachpflege-​​Bände „Der Dativ ist dem Geni­tiv sein Tod“ (Kie­pen­heuer & Witsch) — die neben Schnei­ders „Deutsch für Ken­ner“ und „Deutsch für Pro­fis“ zumin­dest all jene min­des­tens ein­mal gele­sen haben soll­ten, die das Schrei­ben zu ihrer Pro­fes­sion zäh­len — sind rich­tig und wich­tig und nicht ohne Grund so erfolg­reich: Der „Spie­gel Online“-Redakteur Sick ver­mei­det es in sei­nen ein­fach nur groß­ar­tig und poin­tiert geschrie­be­nen Kolum­nen allzu geballt aus den Gram­ma­tik– und Orthographie-​​Regelwerken zu zitie­ren, lässt schwe­ren Kapi­teln, in denen das dann doch ein­fach mal sein muss, immer wie­der auch gefäl­lige folgen.

Es geht in Anek­do­ten ein­ge­bet­tet um span­nende All­tags­bana­li­tä­ten; um Deppen-​​Apostrophe, gefühlte Kom­mas, unsin­nige Angli­zis­men und andere fal­sche Freunde, das Nutella-​​Geschlecht, den (nun beti­tel­ten) ver­ma­le­dei­ten Waren­tren­ner im Super­markt (einst Kas­sen­dings­bums, Sepa­ra­tor oder Pen­sio­nis­ten­be­ru­hi­ger) oder darum, wie die offi­zi­ell ver­bürg­ten fünf Wör­ter auf –nf lau­ten. The­ma­ti­siert wer­den aber auch sti­lis­ti­sche Ver­feh­lun­gen, etwa „Puro­ma­nie“ in Rein­form und bun­des­sprach­li­che Berei­che­rung, bru­talst­mög­lichst gestei­gerte Super­la­tive oder die „Sucht nach Syn­ony­men“, Jour­na­lis­mus und PR — Sick krei­det auf bei­den Sei­ten des Schreib­tischs ohne den inter­es­sier­ten Nor­mal­bür­ger zu ver­ges­sen, an den sich beide Berufs­grup­pen letz­ten Endes richten.

Büh­nen­häme statt lite­ra­ri­schem Charme

Diese gesunde Mischung aus Lachen und Ler­nen, sie geht dem Mitt­woch­abend ab. Es ist nie die beste Aus­gangs­lage, mit über­bor­den­den Erwar­tun­gen in eine sol­che Ver­an­stal­tung zu gehen; und viel­leicht auch nicht ganz fair dem Künst­ler und Kol­le­gen gegen­über — aber diese Rah­men­be­din­gun­gen hat Bas­tian Sick mit sei­ner her­vor­ra­gen­den Arbeit in den ver­gan­ge­nen Jah­ren selbst geschaffen.

Sein zwei­tes Büh­nen­pro­gramm eröff­net der erklärte Schutz­pa­tron sel­bi­gen Fal­les mit einem GeniTV-​​Einspieler auf der Video­lein­wand, bevor er sich gelackt geklei­det an sei­nen (auf dem wei­ten Podium etwas ver­lo­ren wir­ken­den) Schreib­tisch setzt und erst ein­mal ein paar Wem-​​oder-​​Wessen-​​Verwechslungen zum Bes­ten gibt. Dann ver­liert er sich in End­lo­skon­ju­ga­tio­nen; und sehr früh bei­nahe schon sein Publi­kum: Nach einem Dut­zend Anhö­rungs­ob­jek­ten zur kor­rek­ten Hand­habe von regel­mä­ßi­gen und unre­gel­mä­ßi­gen Ver­ben mit­hilfe fal­scher Bei­spiele wird es bei „fur­zen — farz — gefor­zen“ weder ele­gan­ter noch komi­scher. Viel­mehr geht die zweite Lek­tion — immer­hin pas­send — in die Hose.

Beim sich anschlie­ßen­den Deutsch-​​Test, ver­nied­li­chend als Quiz ver­kauft, kann dafür das Karls­ru­her Publi­kum punk­ten: Es weiß mehr­heit­lich, dass das­selbe nicht das­selbe wie das Glei­che ist (sogar worin der Unter­schied besteht) und bekommt von Sick oben­drein eine Esels­brü­cke an die Hand, „gewohnt“ und „gewöhnt“ aus­ein­an­der­zu­hal­ten. Her­hal­ten darf mal wie­der des Lin­gu­is­ten Busen­freun­din Sibylle, die sich mit dem Satz „Ich bin es gewohnt, von den Män­nern ver­setzt zu wer­den, daran gewöh­nen werde ich mich aller­dings nie“ einführt.

Die eben nicht ver­bes­se­rungs­fä­hige, dafür aber unver­bes­ser­li­che Stich­wort­ge­be­rin wird in sei­nen Büchern schon kräf­tig genug geschun­den und man kann nur hof­fen, dass sie ein Pro­dukt von Sicks Phan­ta­sie ist. Wäre sie es nicht und würde sich trotz sei­ner Bos­hei­ten wei­ter mit ihm abge­ben — Sibylle wäre offen­sicht­lich noch blö­der, „als bis­her ange­nom­men“. Noch so ein Sick. Und mit die­ser von „Spie­gel Online“-Redakteuren gern genom­me­nen Journaillen-​​Phrase lei­tet er zur eige­nen Vor­ge­schichte über; wie der eins­tige Schluss­re­dak­teur zum „Zwie­bel­fisch“ weg­be­för­dert wurde, weil er die Kol­le­gen mit neun­mal­klu­gen E-​​Mails bom­bar­dierte. Noch schmun­zeln wir.

Nach der Pause aber, wenn Sick pro­gramm­ge­mäß sei­nen Schreib­tisch nicht mehr so vor­fin­det, wie er ihn ver­las­sen hat, wenn er sich künst­lich dar­über echauf­fiert, dass man ihn für einen Pedan­ten hält, wäh­rend er den Pritt-​​Stift zurück an den glei­chen — nein den­sel­ben… an sei­nen ange­stamm­ten Platz stellt und den Kugel­schrei­ber par­al­lel zur Unter­lage aus­rich­tet. Doch wird man trotz aller ange­streb­ten Selbst­iro­nie das Gefühl nicht los, dass er genau so einer sein könnte: ein ner­vi­ger Ober­leh­rer, ein ewi­ger Bes­ser­wis­ser, einer, dem sie des Mor­gens ein Lächeln ent­ge­gen­zwin­gen, der in der Kan­tine alleine sit­zen muss, weil er den übri­gen Tag bis zum letz­ten Klug­schiss drückt. Ein Part, den er sonst eher sei­nem Lei­dens­ge­nos­sen Henry zuschreibt.

Und man erin­nert sich. Nicht zurück, aber an die ers­ten „Happy Aua“-Minuten und Sicks Bericht von der Ankunft in Karls­ruhe, als ihm im Hotel ein „Geschenk des Hau­ses“ kre­denzt wurde. Jede Wette, dass er eines „vom Haus“ mit auf dem Fuße fol­gen­der Beleh­rung ver­wei­gert hätte. Denn die­ser Mann weiß Steil­vor­la­gen zu nut­zen. Ein biss­chen Lokal­ko­lo­rit kann auch bei einer sol­chen Mischung aus Grammatik-​​Schau, Come­dy­le­sung und Deutsch­stunde nicht scha­den: Freude hat­ten wir an der zwei­fel­haf­ten Ehre im „Zwie­bel­fisch“ zu erschei­nen nun nicht, aber bei Bas­tian Sicks per­sön­li­chem „Hohl­spie­gel“ fühlt man sich als Medium per­fi­der­weise eini­ger­ma­ßen gut auf­ge­ho­ben, ja bei­nahe schon ein biss­chen geadelt.

Und der Herr Sick staunte vor andert­halb Jah­ren wie so man­cher Leser zu Recht „mit aufem Mund“ über die Mel­dung von Karls­ru­hes Online-​​Tageszeitung ka​-news​.de zum Thema „Klei­dung im Büro­all­tag“: „Für Frauen sind zuene Schuhe und län­gere Röcke das ideale Büro-​​Outfit“, stand damals noch in der Bild­un­ter­zeile. Ein total dane­be­ner Satz, ein Schmunz­ler im Saal und die Erkennt­nis: Adver­bien tau­gen (bis auf ganz wenige Aus­nah­men) nicht als Attri­but vor einem Haupt­wort — und zum Leben nicht, wer es ver­lernt hat, über sich selbst zu lachen.

Beam­ten­bö­cke aus Schilda und andere Sprachfratzen

Anders als in sei­nen char­man­ten Kolum­nen jedoch ver­sprüht der Büh­nen­mensch Sick eine gewisse Häme, ist ein Wolf im Schafs­pelz und jetzt also im zwei­fa­chen, auch nega­ti­ven Sinne. Diese dre­ckige Freude beim Spot­ten über die ach so min­der­be­mit­tel­ten Mit­men­schen (die oft weni­ger auf­grund ihrer man­geln­den Intel­li­genz, son­dern schlicht von Her­kunft wegen der deut­schen Spra­che nicht in vol­lem Umfang mäch­tig sind) über­trägt sich aufs Publi­kum. Man fühlt sich mit zuneh­men­der Zeit unwohl inmit­ten einer sich für Bes­se­res hal­ten­den höh­ni­schen Bildungselite.

Das gilt beson­ders, wenn ihr Vor­den­ker Schnapp­schüsse und Aus­risse aus dem Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett der deut­schen Spra­che vor­führt, das in der Summe mehr einer Powerpoint-​​Gag-​​Sammlung gleich­kommt, wie wir sie alle irgendwo im E-​​Mail-​​Postfach lie­gen haben. Im tour­ti­tel­ge­ben­den Bil­der­buch „Happy Aua“ (Kie­pen­heuer & Witsch) posie­ren näm­lich nicht nur aller­lei Beam­ten­bö­cke aus Schilda, son­dern häß­lichste Sprachfratzen.

Da sehen wir etwa die Fahr­schule, die einen „Crash­kurs“ anbie­tet, wäh­rend der Rest lie­ber zum „Farad Valai“ um die Ecke geht, vor­bei an „ver­mies­ten Kat­zen“ und „fett­ar­mi­ger Mar­me­lade“, Senk­recht­par­kern, Gürüst­bau­ern, Ver­bots­schil­dern für „Montenbyke“-Fahrer, „Schä­del­gärt­nern“, die sich für ihre Fri­seur­lä­den solch ori­gi­nelle Wort­krea­tio­nen wie Haa­rem, Haara­kiri oder Crehaar­tiv haben ein­fal­len las­sen und ande­ren frag­wür­di­gen Offer­ten wie das „Bett mit Nach­tisch (Birke)“, den „Lederchef-​​Sessel“ aus dem Edeka-​​Prospekt, „Was­ser ohne H2O“ zur „Kalbs­brust von der Schwein­e­lende“, den ange­hen­den Best­sel­ler „Jetzt koch ich Mama“ oder die DVD-​​Kollektion „James Bonn“.

Unser Mann für alle (Zweifels-)Fälle ver­ab­schie­det sich nach mäßig erhei­tern­den Hand­pup­pen­spie­le­reien zum bes­se­ren Aus­druck der Jugend­spra­che und einer völ­lig über­flüs­si­gen Revue-​​Einlage thea­tra­lisch — wie ein ech­ter Show­man eben. Der Applaus ist wohl­wol­lend, aner­ken­nend. Ange­mes­sen für einen befrie­di­gen­den, ja für manch ande­ren sogar für gut befun­de­nen Abend. Den­noch: Die Kolum­nen machen in Abwe­sen­heit ihres Autors weit­aus mehr Freude. Set­zen, Sick.