10. Januar 2008

I Am Legend

Schau­spie­ler, Regis­seure, Pro­du­zen­ten, alle woll­ten an den Stoff, Arnold Schwar­ze­negger ebenso wie Rid­ley Scott und Michael Bay. Nun bleibt also nur Will Smith übrig in der drit­ten und nun auch unter Ori­gi­nal­ti­tel ver­film­ten Adap­tion des Science-​​Fiction-​​Klassikers „I Am Legend“, Hol­ly­woods neue Vision vom Unter­gang. Die Mensch­heit besiegt den Krebs — doch die Muta­tio­nen sind weit schlim­mer; die Dege­ne­ra­tion zu toll­wü­ti­gen Bes­tien die Spät­fol­gen. Nur Mili­tär­wis­sen­schaft­ler Robert Neville (Smith) hält Stand, ganz offen­sicht­lich immun. Ergo: In sei­nem Blut liegt der Schlüs­sel für ein Serum gegen die Seuche.

Seit drei Jah­ren fris­tet er in den Rui­nen New York Citys mit Schä­fer­hün­din Saman­tha ein ein­sa­mes Dasein. Solange es hell ist, durch­strei­fen sie die ver­wais­ten Stra­ßen, in denen die Natur schon ihr Ter­ri­to­rium zurück­er­obert hat. Er ern­tet Mais, jagt Wild, sam­melt Vor­räte, blickt in die Häu­ser und die Leben der Ande­ren, spielt auf den ankern­den Flug­zeug­trä­gern Golf, leiht sich DVDs in alpha­be­ti­scher Rei­hen­folge aus einer mit Schau­fens­ter­pup­pen beleb­ten Video­thek und sieht sich zum Abend­es­sen die auf­ge­zeich­ne­ten Nach­rich­ten von vor­ges­tern an.

Es ist die ver­zwei­felte wie sinn­lose Suche nach einem Stück Illu­sion in der Iso­la­tion, die unge­bro­chene Hoff­nung, mit Funk­sprü­chen andere Nicht­in­fi­zierte und im Labor Ant­wor­ten zu fin­den. Und diese düs­tere Vision macht mal wie­der klar, wie unbe­deu­tend mate­ri­elle Dinge sind: Neville kann alles haben und hat doch nichts und nie­man­den. Von die­ser gespens­ti­schen Schön­heit getra­gen, baut Regis­seur Fran­cis Law­rence in der ers­ten Film­hälfte fes­selnde Atmo­sphäre abso­lu­ter Ver­lo­ren­heit auf. End­zeit­stim­mung. Sur­reale Bil­der bei­nahe epi­schen Aus­ma­ßes, wie man sie ansatz­weise aus „28 Days“ und „Weeks Later“ oder dem Klas­si­ker „Quiet Earth“ kennt.

Mit der unter­ge­hen­den Sonne jedoch zieht die Bedro­hung auf. Neville ver­bar­ri­ka­diert sich, kau­ert mit Sam in der Bade­wanne, wäh­rend die furcht­ein­flö­ßen­den Laute von drau­ßen nur eine leise Ahnung davon geben, welch grau­sige Gestal­ten im Vor­gar­ten umher­ir­ren müs­sen. Und als sich seine treue Beglei­te­rin bei Jagd tags drauf in einer stock­dunk­len Lager­halle ver­rennt, wird das Bedroh­li­che leib­haf­tig: licht­scheue Mutan­ten, denen mono­tone, gleich­ar­tige, com­pu­ter­ge­ne­rierte Videospiel-​​Fratzen lei­der viel von ihrer Ein­zig­ar­tig­keit und damit ihrer Wir­kung neh­men. Schließ­lich soll das mal ein Mensch gewe­sen sein.

Wie sie wur­den, was sie sind — aggres­sive, see­len­lose Krea­tu­ren — ver­rät die Erin­ne­rung. Rück­blen­den zei­gen Mas­sen­sze­nen, die Metro­pole im Aus­nah­me­zu­stand, das Chaos und die Ver­zweif­lung wäh­rend der Eva­ku­ie­rung. Ansons­ten ist auch der Dar­stel­ler Will Smith auf sich gestellt. In sei­nem Falle von einem Schau­spie­ler zu spre­chen, ver­bie­tet sich. Er ist zwar kein ein­di­men­sio­na­ler „Omega-​​Mann“ wie Charl­ton Hes­ton ihn in der 71er Fas­sung gab. Hier wird man betrof­fe­ner Zeuge einer psy­chi­schen Ausnahmesituation.

Was hin­ge­gen fast gänz­lich fehlt, sind die bana­len Pro­bleme des All­tags wie sie Tom Hanks in „Cast Away“ zu bewäl­ti­gen hatte: Was tut ein Last Sur­vi­vor, wenn er Zahn­weh hat, aber kei­nen Zahn­arzt? Und doch absol­viert Smith die One-​​Man-​​Show als blo­ßer Sta­tist. Der eigent­lich Star ist die Requi­site. Smith tut, was er kann: rou­ti­niert sei­nen Mann ste­hen und die Mas­sen ins Kino locken. Das heißt auch, völ­lig über­flüs­sige Sze­nen zu ertra­gen, in denen er des Mor­gens sei­nen gestähl­ten Kör­per beim Klimm­zug­trai­ning zur Schau stellt.

Doch selbst das kann die Fas­zi­na­tion der ers­ten Film­hälfte nicht trü­ben. Dann geht Anwei­ser Law­rence zur Atta­cke über und ver­fällt kurz nach der Stun­den­marke in lei­dig kon­ven­tio­nelle Genre-​​Strickmuster mit müsi­gen Standard-​​Schockmomenten, denen zuse­hends Sus­pense und Stim­mung abge­hen, um sich nach 100 Minu­ten in ein gehetzt-​​schnödes Opferhelden-​​Ende zu flüch­ten. Schade, dass der Mut gefehlt hat, mit Richard Mathe­sons zynisch-​​bitterer Roman­fas­sung abzu­schlie­ßen. Legen­där wird „I Am Legend“ damit kei­nes­falls; aber trös­ten wir uns damit, ganz bestimmt nicht alleine im Kino­saal zu sitzen.