9. Januar 2008
Oliver Langewitz — „Die Filmgesellschaft“
Das Imperium schlägt zurück: „Raubkopierer sind Verbrecher“, stellt die Gesellschaft Zukunft Kino Marketing arglose Gelegenheitssauger an den Pranger. „Hart aber gerecht“? Die Staatsanwaltschaften jedenfalls verweigern sich mehr und mehr dem Abmahnwahn, während Video-On-Demand-Plattformen langsam an Fahrt gewinnen. Wie wird sich die Filmwirtschaft bis zum Jahr 2015 entwickeln? Auf welchen Medien werden die Bewegtbilder dann konsumiert? Und welche Auswirkungen haben diese Trends auf Produktion und Vertrieb von Filminhalten? Diesen und anderen „Moviesionen“ geht der Karlsruher Soziologe und Vorstand des hiesigen Filmboards, Oliver Langewitz, in seiner Promotionsschrift „Die Filmgesellschaft“ (Cuvillier Verlag) nach.
Die „Entwicklung einer kommunikationssoziologischen Austauschtheorie am Beispiel interdependenter Kommunikationen zwischen Akteuren im Filmsystem“ gibt der Untertitel als wissenschaftliches Ziel vor. Dieses verlangt im ersten Teil des Buches nach einem theoretischen Gerüst über die Strukturen des deutschen Wirtschaftssystems; dann skizziert Langewitz mithilfe der Soziologen Talcott Parson, Max Weber, Niklas Luhmann, Jürgen Habermas und Kommunikationswissenschaftlern wie Paul Watzlawick, George Herbert Mead, Michael Schenk, Elihu Katz oder Paul Lazarsfeld die soziale Interaktion zwischen Menschen.
Für diese Kapitel ist denn auch ein wenig Vorbildung in Sachen soziologischer und kommunikationswissenschaftlicher Theoriekonzepte zwischen Behaviorismus, symbolischem Interaktionismus, Netzwerkanalysen und den Methoden der Medienwirkungsforschung gefragt. 358 Seiten lassen aber auch dem ungeübten Leser Einarbeitungszeit, um sich mit dem Soziologendeutsch vertraut zu machen; wobei Langewitz das Bemühen um ein — so weit es die Wissenschaft zulässt — allgemeinverständliches Vokabular anzurechnen ist.
Wie ist es um die Zukunft des Kinos bestellt?
Dann beginnt es, spannend zu werden: Aus den Vorarbeiten entwickelt der Doktorand eine kommunikationssoziologische Austauschtheorie. Mit dieser lassen sich gerade auch massenmedial gestützte Prozesse im Filmsystem erklären, in dem eine Vielzahl unterschiedlichster Akteure (von Autor über Produzent, Regisseur, Schauspieler bis hin zum Verleiher und schließlich dem Rezipienten) in Kontakt treten, wobei sowohl kulturelle als auch ökonomische und soziale Werte die Seite wechseln.
Seine Erkenntnisse wendet der Autor im zweiten Teil empirisch auf die deutsche Filmwirtschaft an: Der Konsumenten– folgt eine Produzenten– und schließlich eine in zwei Wellen erhobene Delphi-Befragung zur „Entwicklung der deutschen Filmbranche“. Zu Beginn seiner Studie hat Langewitz in ganz Deutschland Internetnutzer zu ihrem Rezeptionsverhalten von Filmen befragt und daran anknüpfend ein Produktionsnetzwerk untersucht, an welchem jetzt abzulesen ist, wie sich die Strukturen im Filmbusiness gliedern.
Um die Ergebnisse zu festigen und die Arbeit um Prognosen zu erweitern, wurden Kenner des deutschen Filmsystems — Geschäftsführer von Filmförderinstitutionen, Produktionsfirmen und Filmwissenschaftler — per Fragebogen interviewt. Diese sollten zu einzelnen Themenkomplexen Stellung nehmen und auch möglichen Entwicklungstendenzen bewerten, um eine Prognose über die deutsche Filmwirtschaft im Jahr 2015 zu geben. Die Antworten werden dann verglichen und in Beziehung gesetzt.
Die Gretchenfrage des Filesharings
Gerade der empirische Teil dürfte damit auch für die Nicht-Soziologen unter den Cineasten spannende und aufschlussreiche Lektüre sein: Was sind die Kriterien für die Wahl eines Kinofilms? Welche Rollen spielen dabei Genre oder Movie-Star? Welcher Akteur zieht Publikum? Wie steht es um die Chancen für Berufseinsteiger? Wie ist es um die Zukunft des Kinos bestellt? Und beim leidigen Thema Filmpiraterie angekommen, stellt Langewitz die Gretchenfrage, ob ein über illegale Kanäle besorgter Streifen überhaupt auf legalem Wege erstanden worden wäre, um ihn zu sehen.
Die Experten — so viel sei vorweggenommen — stellen nur eine „geringe Destabilisierung“ des Filmsystems fest; andererseits werden nach ihrer Einschätzung künftig Kinobesuche ab– und die Nutzung von Video-On-Demand, Download-To-Own und Video-On-Sale-Angeboten zunehmen. Das umstrittene Rieplsche Gesetz von der Komplementarität der Medien (wonach alte, einfache Medien durch moderne und höher entwickelte „niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt werden können, sondern sich neben diesen erhalten“) wird wieder greifen.
Dafür sorgt seit 1913 der schöne Zusatz „dass sie genötigt werden können, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen“. Wie die aussehen sollen, wollte Langewitz’ Untersuchung leider nicht in Erfahrung bringen. Eine Unterhaltungsfilmindustrie, die die Zeichen der Zeit viel zu spät erkannt und entsprechende digitale Offerten gemacht hat, würde in mangels Publikumsinteresse unbespielbaren Multiplex-Sälen zwischen Hungertuch und roten Samtbezügen jedenfalls mehr recht als schlecht Unterschlupf finden…
