Oliver Langewitz - "Die Filmgesellschaft"Das Impe­rium schlägt zurück: „Raub­ko­pie­rer sind Ver­bre­cher“, stellt die Gesell­schaft Zukunft Kino Mar­ke­ting arg­lose Gele­gen­heits­sau­ger an den Pran­ger. „Hart aber gerecht“? Die Staats­an­walt­schaf­ten jeden­falls ver­wei­gern sich mehr und mehr dem Abmahn­wahn, wäh­rend Video-​​On-​​Demand-​​Plattformen lang­sam an Fahrt gewin­nen. Wie wird sich die Film­wirt­schaft bis zum Jahr 2015 ent­wi­ckeln? Auf wel­chen Medien wer­den die Bewegt­bil­der dann kon­su­miert? Und wel­che Aus­wir­kun­gen haben diese Trends auf Pro­duk­tion und Ver­trieb von Filmin­hal­ten? Die­sen und ande­ren „Movie­sio­nen“ geht der Karls­ru­her Sozio­loge und Vor­stand des hie­si­gen Film­boards, Oli­ver Lan­ge­witz, in sei­ner Pro­mo­ti­ons­schrift „Die Film­ge­sell­schaft“ (Cuvil­lier Ver­lag) nach.

Die „Ent­wick­lung einer kom­mu­ni­ka­ti­ons­so­zio­lo­gi­schen Aus­tausch­theo­rie am Bei­spiel inter­de­pen­den­ter Kom­mu­ni­ka­tio­nen zwi­schen Akteu­ren im Film­sys­tem“ gibt der Unter­ti­tel als wis­sen­schaft­li­ches Ziel vor. Die­ses ver­langt im ers­ten Teil des Buches nach einem theo­re­ti­schen Gerüst über die Struk­tu­ren des deut­schen Wirt­schafts­sys­tems; dann skiz­ziert Lan­ge­witz mit­hilfe der Sozio­lo­gen Tal­cott Par­son, Max Weber, Niklas Luh­mann, Jür­gen Haber­mas und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­lern wie Paul Watz­la­wick, George Her­bert Mead, Michael Schenk, Elihu Katz oder Paul Lazars­feld die soziale Inter­ak­tion zwi­schen Menschen.

Für diese Kapi­tel ist denn auch ein wenig Vor­bil­dung in Sachen sozio­lo­gi­scher und kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­cher Theo­rie­kon­zepte zwi­schen Beha­vio­ris­mus, sym­bo­li­schem Inter­ak­tio­nis­mus, Netz­wer­kana­ly­sen und den Metho­den der Medi­en­wir­kungs­for­schung gefragt. 358 Sei­ten las­sen aber auch dem unge­üb­ten Leser Ein­ar­bei­tungs­zeit, um sich mit dem Sozio­lo­gen­deutsch ver­traut zu machen; wobei Lan­ge­witz das Bemü­hen um ein — so weit es die Wis­sen­schaft zulässt — all­ge­mein­ver­ständ­li­ches Voka­bu­lar anzu­rech­nen ist.

Wie ist es um die Zukunft des Kinos bestellt?

Dann beginnt es, span­nend zu wer­den: Aus den Vor­ar­bei­ten ent­wi­ckelt der Dok­to­rand eine kom­mu­ni­ka­ti­ons­so­zio­lo­gi­sche Aus­tausch­theo­rie. Mit die­ser las­sen sich gerade auch mas­sen­me­dial gestützte Pro­zesse im Film­sys­tem erklä­ren, in dem eine Viel­zahl unter­schied­lichs­ter Akteure (von Autor über Pro­du­zent, Regis­seur, Schau­spie­ler bis hin zum Ver­lei­her und schließ­lich dem Rezi­pi­en­ten) in Kon­takt tre­ten, wobei sowohl kul­tu­relle als auch öko­no­mi­sche und soziale Werte die Seite wechseln.

Seine Erkennt­nisse wen­det der Autor im zwei­ten Teil empi­risch auf die deut­sche Film­wirt­schaft an: Der Kon­su­men­ten– folgt eine Pro­du­zen­ten– und schließ­lich eine in zwei Wel­len erho­bene Delphi-​​Befragung zur „Ent­wick­lung der deut­schen Film­bran­che“. Zu Beginn sei­ner Stu­die hat Lan­ge­witz in ganz Deutsch­land Inter­net­nut­zer zu ihrem Rezep­ti­ons­ver­hal­ten von Fil­men befragt und daran anknüp­fend ein Pro­duk­ti­ons­netz­werk unter­sucht, an wel­chem jetzt abzu­le­sen ist, wie sich die Struk­tu­ren im Film­busi­ness gliedern.

Um die Ergeb­nisse zu fes­ti­gen und die Arbeit um Pro­gno­sen zu erwei­tern, wur­den Ken­ner des deut­schen Film­sys­tems — Geschäfts­füh­rer von Film­för­der­in­sti­tu­tio­nen, Pro­duk­ti­ons­fir­men und Film­wis­sen­schaft­ler — per Fra­ge­bo­gen inter­viewt. Diese soll­ten zu ein­zel­nen The­men­kom­ple­xen Stel­lung neh­men und auch mög­li­chen Ent­wick­lungs­ten­den­zen bewer­ten, um eine Pro­gnose über die deut­sche Film­wirt­schaft im Jahr 2015 zu geben. Die Ant­wor­ten wer­den dann ver­gli­chen und in Bezie­hung gesetzt.

Die Gret­chen­frage des Filesharings

Gerade der empi­ri­sche Teil dürfte damit auch für die Nicht-​​Soziologen unter den Cine­as­ten span­nende und auf­schluss­rei­che Lek­türe sein: Was sind die Kri­te­rien für die Wahl eines Kino­films? Wel­che Rol­len spie­len dabei Genre oder Movie-​​Star? Wel­cher Akteur zieht Publi­kum? Wie steht es um die Chan­cen für Berufs­ein­stei­ger? Wie ist es um die Zukunft des Kinos bestellt? Und beim lei­di­gen Thema Film­pi­ra­te­rie ange­kom­men, stellt Lan­ge­witz die Gret­chen­frage, ob ein über ille­gale Kanäle besorg­ter Strei­fen über­haupt auf lega­lem Wege erstan­den wor­den wäre, um ihn zu sehen.

Die Exper­ten — so viel sei vor­weg­ge­nom­men — stel­len nur eine „geringe Desta­bi­li­sie­rung“ des Film­sys­tems fest; ande­rer­seits wer­den nach ihrer Ein­schät­zung künf­tig Kino­be­su­che ab– und die Nut­zung von Video-​​On-​​Demand, Download-​​To-​​Own und Video-​​On-​​Sale-​​Angeboten zuneh­men. Das umstrit­tene Rie­plsche Gesetz von der Kom­ple­men­ta­ri­tät der Medien (wonach alte, ein­fa­che Medien durch moderne und höher ent­wi­ckelte „nie­mals wie­der gänz­lich und dau­ernd ver­drängt wer­den kön­nen, son­dern sich neben die­sen erhal­ten“) wird wie­der greifen.

Dafür sorgt seit 1913 der schöne Zusatz „dass sie genö­tigt wer­den kön­nen, andere Auf­ga­ben und Ver­wer­tungs­ge­biete auf­zu­su­chen“. Wie die aus­se­hen sol­len, wollte Lan­ge­witz‘ Unter­su­chung lei­der nicht in Erfah­rung brin­gen. Eine Unter­hal­tungs­film­in­dus­trie, die die Zei­chen der Zeit viel zu spät erkannt und ent­spre­chende digi­tale Offer­ten gemacht hat, würde in man­gels Publi­kums­in­ter­esse unbe­spiel­ba­ren Multiplex-​​Sälen zwi­schen Hun­ger­tuch und roten Samt­be­zü­gen jeden­falls mehr recht als schlecht Unter­schlupf finden…