7. Februar 2008
Der Krieg des Charlie Wilson
Ein Politikum zu inszenieren, kann für den Zuschauer ein ganz schöner Kampf gegen die Ermüdung werden. Nicht so für das Publikum von Mike Nichols. Der versieht seinen „Krieg des Charlie Wilson“, der in den 80ern die russischen Besatzer aus Afghanistan sozusagen im Alleingang vertrieben hat, mit dem Charme einer wahren Gauner-Komödie. Der Rest ist historisch verbürgte Hinterhofdiplomatie aus der Zeit des Kalten Krieges — zwischen Koks, Kongress und Kabul.
„Charlie Did It!“ prangt auf dem Banner im Hintergrund vor den wenigen auserwählten Applaudierern. Davor ein geehrter, Monate zuvor noch unbedeutender texanischer Abgeordneter namens Charles Wilson (Tom Hanks). Der schart in seinem Büro allerlei adrette Handlangerhäschen, kümmert sich um Pfadfinderbelange oder Weihnachtskrippenstellplätze und bringt die Freizeit auch mal mit Koks und Nutten zu.
Eine Afghanistan-Reportage und etwas guten Zuredens von Seiten der republikanischen Kommunistenhasserin Joanne Herring (Julia Roberts als Salonlöwin mit platinblonder Perücke) — sechsreichste Frau im Bundestaate und auch sonst an Reizen nicht arm — genügen, dass er sich entschließt, vom bequemen Beamtenschimmel abzusteigen und doch noch groß mitzumischen. Was er Tolles getan hat, bleibt derweil die Frage. Denn trotz des gerade dieser Terrortage brisanten Bezugs kennt diesen Wilson heute kaum jemand; weil der Lebemann seine größte Leistung im Verborgenen erbracht hat.
Hanks umgibt den irrlichternden Helden, der als texanischer Tölpel auch mal ein Gläschen Whiskey beim pakistanischen Präsident ordert, mit einer Aura von Aufrichtigkeit, dass man den Burschen aller bedienter Politker-Klischees zum Trotz einfach gern haben muss; auch, weil er sich selbst völlig realistisch als Leichtgewicht einschätzt. Die Rolle Julia Roberts’, die ihren Geist und Körper ganz in den Dienst der Sache stellt, ist ohnehin nur schmückendes Beiwerk — also Bühne frei für den großartigen, bis zur Unkenntlichkeit zurechtgemachten „Oscar“-Nominee Philip Seymour Hoffman als griechischstämmiger CIA-Prolet Gust Avrakotos. Der spleenige Spion wird Wilson als Referatsmitarbeiter des Auslandsnachrichtendienstes zur Seite gestellt, auch weil ihm im Büro des Vorgesetzten zum wiederholten Mal die Gäule durchgegangen sind.
Politisches Ränkespiel, das beinahe schon ironisch verharmlost
Eine der schönsten Szenen im Laufe der 102 Minuten haben wir denn auch ihm zu verdanken, der immer wieder den Grußonkel geben muss, während Wilson im Minutentakt Briefings an seinen Sekretärinnenstab verteilt, um eine leidige Kokain-Affäre zu vertuschen. Schließlich kann ihm der Mann mit dem Walross-Schnauzer doch noch die Augen öffnen über die Alibipolitik der Vereinigten Staaten, denen mit dem Nötigsten versorgte Afghanen nur recht sind, um die Russen möglichst lange zu beschäftigen; und die nichts mehr scheuen, als den Kalten Krieg in einen offenen Konflikt ausarten zu lassen. Dann tritt Charles Wilson auf den Plan, will die Mudschahidin für den Aufstand gegen die sowjetischen Besatzer bewaffnen. Als sich die Chance bietet den Feind aus gesicherter Deckung zu schlagen, jagt man das Geheimdienstbudget zur Unterstützung in gewaltige Höhen — und zieht sich siegreich zurück, ohne sich um jene zu scheren, die heute so erbittert gegen die „Helfer“ von einst kämpfen.
Den bereits im Erdloch lauernden Osama bin Laden spart man aus, und doch hätte er den Filmemachern noch die eine Zeile im Epilog wert sein sollen. Denn die Weltmacht erschafft sich ihre Monster selbst; auch wenn die Ereignisse des 11. Septembers so nicht vorauszusehen waren. Es wäre das letzte, passende Quäntchen Realsatire gewesen. Ungeachtet eines ziemlich ernsten Themas sind die zündenden Dialoge nämlich ebenso treffsicher wie die Geschütze, mit welchen die Afghanen in Folge einen russischen Kampfhubschrauber nach dem anderen vom Himmel holen.
In diesem Humor, der das Geschehen im enttarnten politischen Ränkespiel beinahe schon ironisch verharmlost, liegt die Stärke von Mike Nichols’ Film, der sich dabei auf die Wilson-Biografie des Journalisten George Crile stützt und jüngere Langweiler-Lektionen der Branche, wie etwa „Syriana“, „Der gute Hirte“ oder „Von Löwen und Lämmern“, ein höchst amüsantes Spiel auf dem Schachbrett der Weltpolitik entgegensetzt. Damit gewinnt man sicher keine Kriege. Aber hoffentlich die Aufmerksamkeit des Publikums.
