13. März 2008

Die Welle

Und noch ein ame­ri­ka­ni­sches „Expe­ri­ment“ unter deut­scher Auf­sicht. Mit weit­aus weni­ger Thrill als Oli­ver Hirsch­bie­gels Film über den eska­lie­ren­den Wärter-​​und-​​Gefangenen-​​Versuch an der Stan­ford Uni­ver­sity über­setzt Den­nis Gan­sel den Jugend­buch­klas­si­ker „Die Welle“ ver­ständ­lich ins Deutsch­land von heute. Faschis­mus lau­tet das Explan­an­dum, das zu erklä­rende Phä­no­men. Die Varia­blen: Macht durch Gemein­schaft, Dis­zi­plin und Handeln.

Mit der Ramones-​​Komposition „Rock ‚n‘ Roll High­school“ und dem Sponti-​​Spruch „1. Mai — immer dabei!“ schult Gan­sel sei­nen Alt-​​Anarcho Rai­ner Wen­ger (Jür­gen Vogel) ein; jene auf den Geschichts­leh­rer Ron Jones zurück­ge­hende Figur, der sich in der zwei­ten Ver­fil­mung des Stof­fes über­haupt mit einem Kurz­auf­tritt ver­ewi­gen darf. Der dem Kol­le­gium suspekte Gym­na­si­al­pau­ker muss sich und seine Schü­ler wäh­rend einer Pro­jekt­wo­che zum Thema „Staats­for­men“ mit der unlieb­sa­men „Auto­kra­tie“ anfreun­den. Die Dik­ta­tur lang­weilt längst: „Nazi-​​Deutschland war scheiße. Lang­sam hab ich es auch kapiert.“ Ein Satz der Aus­lö­ser, die Reak­tion der Angel­punkt: „Ihr seid also der Mei­nung, dass eine Dik­ta­tur heute in Deutsch­land nicht mehr mög­lich wäre?“

Sind sie und Leh­rer Wen­ger belehrt (selbst sich) eines Bes­se­ren. Seine Schü­ler müs­sen ihn, den sie bis­lang immer dut­zen durf­ten, wäh­rend des Unter­richts nun mit „Herr Wen­ger“ anspre­chen; auf­ste­hen, wenn sie etwas sagen möch­ten. Am Tag zwei herrscht plötz­lich Kon­zen­tra­tion im Klas­sen­raum und die frisch getaufte Bewe­gung kommt in Fahrt: Weiße Hem­den als Uni­form, sty­li­sches Welle-​​Logo nebst Handgruß.

Vor­der­grün­dig eine gute Sache: Jetzt sind alle gleich (geschal­tet). Tee­nie Marco (Max Rie­melt), Homie Bom­ber (Maxi­mi­lian Voll­mar), Aus­län­der Sinan (Elyas M’Barek), Auf­schnei­der Kevin (Maxi­mi­lian Mauff) und Außen­sei­ter Tim (Fre­de­rick Lau) — ein jeder fin­det sei­nen Platz und Aner­ken­nung in der neuen Gemein­schaft, was war, spielt keine Rolle mehr. Doch die Lek­tion ent­wi­ckelt Eigen­dy­na­mik: Bereits am drit­ten Tag begin­nen die Schü­ler, Anders­den­kende aus­zu­schlie­ßen und zu drangsalieren.

Dem Sog kann sich auch der Zuschauer kaum mehr ent­zie­hen, lässt sich mit­rei­ßen. Und das ist die größte Leis­tung der Macher: Obgleich das Wis­sen ein Bes­se­res ist, sym­pa­thi­siert man mit der Gruppe und ver­schwört sich ins­ge­heim und ohne es zu wol­len gegen Abweich­ler wie Karo (Jen­ni­fer Ulrich), die von Anfang an skep­tisch blei­ben und schon bald Auf­rüt­tel­ak­tio­nen gegen die immer mäch­ti­gere Mehr­heit starten.

Bis das „Beru­hen“ wich­ti­ger wird als „wahre Begebenheiten“

Wenn „Stoppt die Welle!“-Flugblätter in der Schul­aula aus­ge­legt wer­den oder beim Was­ser­ball­tur­nier durch die Luft wir­beln, den­ken wir natür­lich an die letz­ten Tage von Sophie Scholl, wer­den die ansons­ten dezent(er als im Roman) zur Schau gestell­ten Par­al­le­len zum Drit­ten Reich fast zu auf­dring­lich — sind sie doch so offen­sicht­lich, dass der­ar­ti­gen Fin­ger­zei­gen weni­ger intel­li­gente Sub­ti­li­tät, son­dern platte Schlicht­heit anhaf­tet. Sie blei­ben die Aus­nahme und der Regis­seur beim Untersuchungsgegenstand.

Schon in „Napola — Elite für den Füh­rer“ beschäf­tigte sich Gan­sel über­zeu­gend mit der Ver­füh­rung der Jugend; wenn er seine Cha­rak­tere dies­mal in enge Kli­schee­ro­ben steckt, passt das aller­dings ins Bild. Allen voran mar­schiert hier der von Fre­de­rick Lau ängs­ti­gend gut gespielte klas­si­sche Mit­läu­fer, der sich von der Welle woh­lig umar­men lässt. Dass Jür­gen Vogel die Rolle des lin­ken Leh­rers mit Cha­risma und Glaub­wür­dig­keit zu bele­ben ver­steht, ent­behrt dage­gen der Über­ra­schung schon eher als die leich­ten Unstim­mig­kei­ten des sich über 107 Minu­ten zuspit­zen­den Kon­flikts mit sich selbst und sei­ner Ehe­frau Anke (Chris­tiane Paul).

Am Ende wird das „Beru­hen“ dann doch noch gewich­ti­ger als die zu Anfang des Films ver­spro­che­nen „wah­ren Bege­ben­hei­ten“. Zu unspek­ta­ku­lär war wohl das Ergeb­nis des im Herbst 1967 an der kali­for­ni­schen Cub­ber­ley High School durch­ge­führ­ten und von Mor­ton Rhue nie­der­ge­schrie­be­nen Expe­ri­ments. An der Vali­di­tät des Explan­ans, der Gesetz­mä­ßig­keit, ändert sich gleich­wohl nichts: Faschis­mus ist und bleibt virulent.